So war das Big Day Out 2017!

Die Festivallandschaft in Deutschland wächst und wächst. Seit immerhin schon 19 Jahren kann sich das Big Day Out in Anröchte trotzdem behaupten und fand am vergangenen Wochenende zum neunten Mal statt. Das ist besonders bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass das Festival alle zwei Jahre fast ausschließlich von freiwilligen Helfern rund um die JZI Anröchte e.V. auf die Beine gestellt wird. Und trotzdem steht es den größeren und kommerzielleren Festivals in keinster Weise nach!

Auch in diesem Jahr fanden gut 10.000 Besucher den Weg zum Bürgerhausvorplatz in Anröchte, wo auf zwei Bühnen ein musikalisch abwechslungsreiches Programm geboten wurde. Die Lage mitten im Ort ist vielleicht für ein Festival eher ungewöhnlich, doch wohl auch einer der Gründe für das sehr bunt gemischte Publikum. Hier war von Jung bis Alt wirklich alles vertreten. Die Atmosphäre war dennoch (oder gerade deswegen?) äußerst entspannt. Für alle, die das volle Festivalprogramm haben wollten, gab es natürlich auch einen Campingplatz am Ortsrand, direkt am Waldfreibad gelegen. Für regelmäßig fahrende Shuttlebusse war bestens gesorgt, die Strecke war allerdings mit einer Bierdosenlänge auch gut zu Fuß zu bewältigen.

Musikalisch startete das Wochenende am frühen Freitagnachmittag mit Tim Vantol. Nachdem wir im Frühjahr noch ein ausgiebiges Interview mit ihm führen durften, freuten wir uns natürlich besonders, ihn als Opener der Hauptbühne zu sehen. Und wir wurden nicht enttäuscht: Der holländische Singer-Songwriter lieferte mit seiner Band eine überzeugende Folk-Rock-Show ab, auch wenn er selbst der Meinung war, dass die Bühne ein bisschen zu groß für sie wäre. Für uns ein äußerst gelungener Auftakt in das Festivalwochenende! Weiter ging es auf der S-Club-Bühne mit Blockrudel, die in der etwas ungewöhnlichen Konstellation aus zwei Rappern, einer Backgroundsängerin und einem Schlagzeuger Hip Hop mit recht poppigen Einschlägen präsentierten. Als nächstes kamen die Alternativ-Metal-Fans bei den Emil Bulls auf ihre Kosten, die ihrer Ansage „Härter wird’s bei diesem Festival nicht mehr!“ absolut gerecht wurden.

Während die kleinere Bühne im weiteren Verlauf des Tages von Marathonmann, der Kyle Gass Band und Liedfett bespielt wurde, gehörte die Hauptbühne für die nächsten Stunden den Singer-Songwritern. Joris legte vor und wurde für mich persönlich zur positiven Überraschung des Wochenendes. Erwartet hatte ich eine 08/15-deutscher-Singer-Songwriter-Show, wie man sie aktuell wohl an fast jeder Ecke und von viel zu vielen ähnlich klingenden Künstlern bekommen kann. Der Auftritt war stattdessen kurzweilig, die Ansagen wirkten authentisch  und selbst das zwischenzeitliche „Alle-nehmen-sich-in-den-Arm-und-schließen-die-Augen-um-den-Moment-zu-genießen“ kam nicht so kitschig rüber wie es vielleicht klingt. Musikalisch war die Performance einwandfrei und Joris wird wohl mit ein paar Songs in meiner Sommer-Playlist landen. Nachgelegt wurde dann von Bosse. Mit seiner lässigen Musik animierte er das Publikum zum Engtanzen, während er selbst in altbekannter Manier über die Bühne fegte und kaum einen Moment still stand. Da kam man schon beim bloßen Zusehen gute Laune auf. Für „Krumme Symphonie“, in der Originalversion mit Casper, holte er sich außerdem tatkräftige Unterstützung in Form von Herrn Spiegelei von Deichkind auf die Bühne.

Der Headliner des Abends bildete zu diesem Vorprogramm dann doch einen recht starken Kontrast. Mit Billy Talent konnte das BDO-Team eine für seine Verhältnisse bemerkenswerte internationale Größe an Land ziehen. Die Kanadier feuerten ein Punkrock-Feuerwerk ab, gespickt mit sämtlichen Hits ihrer mittlerweile 18-jährigen Bandgeschichte, und das BDO-Publikum konnte seine Moshpit-Fähigkeiten unter Beweis stellen. Bei dem einen oder anderen Besucher dürfte sich zudem eine Gänsehaut angeschlichen haben, als Sänger Benjamin Kowalewicz vor „Nothing to lose“ an seine verstorbenen Kollegen Chester Bennington und Chris Cornell erinnerte. Nach insgesamt 1,5 Stunden Vollgas wurden die Fans schließlich glücklich und verschwitzt in die Nacht entlassen, die wohl für die meisten noch bei der Aftershowparty im Bürgerhaus oder auf dem Campingplatz feucht-fröhlich weiterging.

Der Samstagmorgen startete ebenso feucht-fröhlich, nämlich mit jeder Menge Regen und leider wollte sich das im Laufe des Tages auch nur zeitweise bessern. Davon ließen sich die meisten natürlich nicht unterkriegen und so war der Bürgerhausvorplatz spätestens beim Auftritt von Heisskalt gut gefüllt, nachdem Turbobier und Flash Forward die Bühnen eröffnet hatten. Der graue Himmel passte auch eigentlich ganz gut zu den eher melancholischen, vertrackten Tönen der Stuttgarter Post-Hardcore-Band. Trotzdem beschwerte sich natürlich niemand, als sich zwischenzeitlich sogar die Sonne etwas zeigte. Und noch weniger, als Heisskalt nach ihrer Verabschiedung bemerkten, dass sie sich um eine Viertelstunde vertan hatten und kurzerhand zurück auf die Bühne kamen, um weiterzuspielen.

Auf der S-Club-Bühne wusste als nächstes BRKN zu begeistern. Der Berliner Rapper hatte neben seinem DJ und zwei Backgroundsängerinnen auch noch sein Klavier und sein Saxophon im Gepäck. Seine eingängigen Songs kamen beim Publikum gut an und machten neugierig auf sein bald erscheinendes Album „Einzimmervilla“. Neben wirklich guten Entertainerqualitäten punktete er außerdem mit seiner Fannähe, als er sich zum Showfinale mitten in den Moshpit stellte und danach einfach direkt im Publikum blieb, um die Fotowünsche der Fans zu erfüllen.

Nach den Auftritten von The Amity Affliction und The Intersphere, übrigens beide auch sehr sehens- und hörenswert, wurde die Hauptbühne schließlich den Donots überlassen, für einige wohl der heimliche Headliner des Samstags. Als Wiederholungstäter wurden sie vom BDO-Publikum wärmstens empfangen und Ingo Donot griff seine beim letzten Mal angekündigten Bürgermeisterambitionen wieder auf. Der wichtigste Wahlkampfpunkt wurde dabei schnell klar und von allen geteilt: Nazis raus! Auch sonst folgte ihm sein neues Volk gehorsam („Huha!“) und ließ sich vom energiegeladenen Auftritt der Ibbenbürener mitreißen. Jede Menge Moshpits, ein Circle Pit, der gefühlt den kompletten Bürgerhausvorplatz einnahm, eine feierliche Drumstick-Übergabe an einen treuen Fan mitten auf der Bühne. Die Donots zeigten wieder einmal, dass sie eine hervorragende Liveband sind!

Als schließlich der Vorhang für den letzten Act des Festivals fiel, zeigte sich ein wunderschönes, vielleicht leicht verstörendes Bühnenbild. Im Korb eines großen, regenbogenfarbenen Heißluftballons präsentierte sich Alligatoah mit seinem Backup Battleboi Basti, um sie herum seine Liveband als Engel mit Sprengstoffgürteln verkleidet. In einer perfektionierten Mischung aus Schauspiel und Humor bot der Rapper eine gewohnt kurzweilige Show, die zwar vielleicht nicht alle Besucher des Festivals, aber wohl doch die meisten begeistern konnte. Seine satirischen Texte und die durch die Liveband aufgewerteten Beats sind (wie wohl jede Art von Musik) Geschmackssache, doch meinen Geschmack trifft er damit zumindest uneingeschränkt und brachte ein schönes Festivalwochenende so zu einem perfekten Abschluss.

So sah das aus:

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Fotocredit: JZI Anröchte e.V.

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