So war das MS Dockville-Festival 2017!

„In ganz Hamburg sind die Gummistiefel ausverkauft“, hieß es hinter einer Ladentheke. Vermutlich war das nur ein Gerücht, schließlich ist Hamburg riesig. Andererseits: Das Dockville-Publikum auch. Letztes Wochenende strömten zahlreiche Besucher auf das Hamburger Festivalgelände – in Gummistiefeln und Regenjacke, das Zelt in der einen, und die Kiste Flensburger in der anderen Hand. Bei Headlinern wie Flume, Moderat und AnnenMayKantereit trotzt man einfach dem Regen. Auch, wenn die Schuhe im Matsch baden gehen. Und das Zelt. Und der Mini-Kocher.

Auf dem Plan stand am Freitagabend erst einmal Yung Hurn. Yung Hurn, der eine Sparte zwischen Cloud Rap, Trap- und Swing-Rap bedient, ist eine Sache für sich: Über sechs Millionen Klicks auf Youtube, um die sieben Millionen auf Spotify, ein ziemliches Desaster auf dem Dockville. „Wir haben uns gar nicht vorbereitet. Und die laden uns trotzdem ein!“ Das Publikum rastete aus. Oder zumindest Teile davon. Yung Hurn hat eine „Ich scheiß auf Alles“-Haltung. Genau dafür feiern ihn seine Fans. Was sich aus dem Tonstudio aber ganz cool anhört, ist live weniger gut. Das lag jedoch nicht an schlechter Akustik – im Gegenteil, die war sogar sehr gut – sondern viel mehr daran, dass Yung Hurn die Worte nicht verständlicher als ein Dreijähriger artikulierte. Schnell war klar: Der Typ ist drauf. Er selbst sagte dazu: „Ich habe ein bisschen zu viele Gummibärchen genascht.“ Genau, Grummibärchen …
Auch wenn man sich fragt, ob so ein Konzert das Geld wert ist– ein Gutes hatte der Auftritt doch: Es konnte nur noch besser werden.

Zum Glück wurde es das auch. Vom unvorbereiteten Yung Hurn ging es zum souveränen Auftritt von Von wegen Lisbeth, von totaler Anarchie zu einem Set mit wenig Überraschungen. Es wurden zwar hauptsächlich die Klassiker ihres ersten Albums „Grande“ durchgespielt, dafür konnte sich dann aber auch jeder im Publikum freuen, auf jeden Fall seinen/ihren Lieblingssong zu hören.

Am Samstag kam mit Gurr eine große Überraschung auf die Bühne. Ab Sekunde eins war klar: Das rockt! Leicht fühlte man sich bei der Garage Rock-Musik in die 60er/70er Jahre zurückversetzt. Old but gold – und das Publikum hat es gefeiert. Die Frontsängerinnen Andreya Casablanca und Laura Lee könnten unterschiedlicher kaum sein: die eine mit schwarzen Haaren, die andere blond; die eine Punk, die andere mit flippigem Schulmädchen-Style. Zusammen lieferten sie eine krasse Bühnenshow ab: dynamisch, mit abwechslungsreichem Set und viel Interaktion mit dem Publikum. Bei Gurr still stehen? Guter Scherz. Als zur Mitte des Auftritts einer der Verstärker nicht mehr ging, wurde nach einem kleinen Witz einfach weiter gespielt. Ganz professionell, die Gurrls! Übrigens: „Das ist unsere erste Festivalsaison“, erklärte Andreya nebenbei. Wirklich, die erste? Bei dem Applaus war es bestimmt nicht die letzte.

Überzeugen konnte am selben Abend auch Headliner Moderat. Die wohl aufwendigste Lichtshow des Festivals machte das Klang-Erlebnis nicht nur hör-, sondern auch sichtbar. Während Moderat seine basslastige Musik spielte, tauchten hinter den Jungs Ausschnitte aktueller Musikvideos auf. Die Show bot dem Publikum ein Zusammenspiel aus Nebel und farblichen Akzenten, ohne überladen zu sein und von der Musik abzulenken.

Sonntag war auf der Hauptbühne bestes Programm. Maxim, Die Höchste Eisenbahn, Mighty Oaks und als großes Finale AnnenMayKantereit.
Maxim schien reichlich Spaß auf der Bühne zu haben und ließ seine Fans nicht lange auf bekannte Lieder wie „Meine Soldaten“ oder „Rückspiegel“ warten. Bei Die Höchste Eisenbahn füllte sich dann der Platz vor der Bühne. Da die Band meistens vor kleinerem Publikum spielte, war die Freude natürlich groß über die Menschenmassen, die sich vor der Bühne versammelten. Dementsprechend wurde auch gespielt. Ein Highlight der Show war sicherlich, als Francesco bei „Was machst du dann“ eine kleine, fast schon Trap-hafte Einlage gab. Auf dem Album gibt es das nicht zu hören. Für so etwas lohnt es sich halt, die Band dann auch live zu erleben.

Übrigens: Während Die Höchste Eisenbahn für ein Lied eine Gruppe Kids zum tanzen auf die Bühne holten, holte AnnenMayKantereit bei ihrem Auftritt einfach Die Höchste Eisenbahn zu sich hoch. Fans wussten, was kommen würde: „Farbfilm“, der gemeinsamer Song der beiden Bands war schon über YouTube viral gegangen. Die plötzlich sehr volle Bühne war eine gelungene Überraschung für die Fans. Besonders gut gelungen ist AnnenMayKantereit auch die Mischung aus ihren eigenen Liedern und vereinzelten Cover-Songs wie „Sunny“. Verbunden mit Henning Mays einzigartiger Stimme, klingen selbst ältere Songs sehr neu und peppig.

Das war es dann auch schon mit dem Dockville-Festival. Außer ein paar Totalausfällen (Oum Shatt schaffte es, bei 50 Minuten Auftrittszeit eine halbe Stunde Soundcheck zu spielen), gab es eine Menge guter Musik und überraschende Neuentdeckungen.

Außerdem ein großer Pluspunkt für das Dockville war die Infrastruktur. Besucher mussten nie lange warten, um mit den Shuttle-Bussen zum Gelände, oder wieder heim zu kommen. Auch an den Essens- und Getränkeständen war die Schlange meistens übersichtlich und oft waren sogar Sitzplätze frei. Nur ein Gummistiefel-Stand, der hätte tatsächlich noch gefehlt…

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