Interview mit FJØRT über „Couleur“ – Teil 1!

Interview mit FJØRT über Couleur Teil 1

„Kontakt“ hob die Aachener Post-Hardcore-Band FJØRT Anfang 2016 aus dem Untergrund in den Mainstream. Nicht einmal zwei Jahre später veröffentlichen David Frings (Bass, Gesang), Chris Hell (E-Gitarre, Gesang) und Frank Schophaus (Schlagzeug) mit „Couleur“ nun schon den Nachfolger des Durchbruchswerkes. Erstaunlich schnell ging das alles, erstaunlich roh und ehrlich klingt die Platte letzten Endes auch. Wir haben uns in Köln im Büro ihrer Promo-Agentur Fleet Union mit der Band getroffen, um über die Entstehung des Albums zu sprechen, über das Artwork, sowie den Titel und über die große Tour im Frühjahr 2018.

minutenmusik: Wir haben uns vor einem knappen Jahr, als ihr auf der „Herbstreise“ wart, schonmal gesprochen. Damals hattet ihr nichtmal angefangen an neuen Songs zu arbeiten. Jetzt erscheint bald schon euer drittes Album „Couleur“. Warum ging das auf einmal so schnell?

Chris: Das war die Zeit nach der „Herbstreise“, so Richtung November, wo einer von uns gesagt hat, dass er eine Idee hat und ja nochmal einen Song schreiben und einfach gucken könnten, wie das wird. Das war dann der Startschuss. Gottseidank hatten wir dann auch viele weitere Ideen und da kam dann Höckschen auf Stöckchen. Irgendwann hatten wir dann eine Handvoll Songs, die wir sehr geil fanden und an denen wir dran bleiben wollten. Das ging alles schneller, als man dachte. Man weiß vorher, bevor man anfängt zu schreiben, nie, wie lange man braucht. Das floss dann aber ganz gut.

David: Geplant hatten wir erstmal gar nichts. Wir haben einfach angefangen Songs zu schreiben. Da dachte man vielleicht auch mal, dass 2018 oder so ja mal ein neues Album kommen könnte. Man schaut ja schon langfristig, da man die Songs, die man schreibt, auch irgendwann rausbringen möchte. Das ging dann alles aber echt krass schnell. Wir haben Grand Hotel [Van Cleef, Label] auch Demos geschickt, die sie super fanden. Wir waren zufrieden, Grand Hotel [Van Cleef] fand das mega, also warum sollten wir dann noch warten?

minutenmusik: Soundmäßig schlägt „Couleur“ ja schon einen anderen Weg ein, als der Vorgänger „Kontakt“, der sehr von halligen, hohen Gitarrenmelodien dominiert wurde. Warum jetzt diese Soundentwicklung?

Chris: Das ist glaube ich auch eine Sache, die sich mit dem Songwriting-Prozess entwickelt. Irgendwann hat man vielleicht mal eine Idee, hat paar neue Platten gehört, die einem gefallen. In unserem Fall sollte das alles jetzt eine Ecke rougher klingen, als die „Kontakt“, die ein bisschen polierter war. Diesmal wollten wir mehr mit einem Reibeisen drüber. Das sind dann aber wirklich alles nur Nuancen.

Wie das dann am Ende wirklich klingt, weiß man vorher auch nicht. Das entwickelt sich dann im Aufnahmeprozess, wo du dann nochmal an tausend Reglern drehst. Wir haben uns im Studio sehr lange Zeit genommen, um rumzuspielen und zu experimentieren, ob das ein Synthesizer sei, den man durch einen Verzerrer haut oder so. Da kommt dann hinten irgendwas raus.

David: Auf der „Couleur“ kämpfen die verschiedenen Instrumente viel mehr miteinander im Soundbild. Bei der „Kontakt“ hat alles irgendwie sein Reich. Diesmal kämpft alles mit- und gegeneinander. Alle Instrumente reiben sich gegeneinander und pushen sich weiter hoch. Das ging im Songwriting-Prozess von Anfang an in die Richtung. Ich würde nichtmal sagen, dass die Platte härter ist, was viele ja sagen. Sie ist eher schwerer.

minutenmusik: Das trifft es glaube ich ganz gut! Ähnlich wie das Wort „Kontakt“ ist „Couleur“ ein sehr weiter, starker Begriff. Zum einen ist das das französische Wort für „Farbe“. Zum anderen sagt man ja auch, dass ein Mensch „anderer Couleur sei“, als eine andere Weltanschauung habe. Wie sieht das bei euch im Albumkontext aus? Was heißt der Begriff bei euch?

Chris: Find ich cool, dass du das als offenen Titel bezeichnest. Es ist uns immer wichtig, dass wir einen Begriff haben, den man ausfalten kann und in den man seine eigenen Gedanken stecken kann. „Couleur“ ist, wie du das auch schon sagtest, ein bisschen ein Begriff für deine Meinung, deine Ansichten, was du nach außen vertrittst, wie du dich gibst, was du inne hältst.

Die Platte beleuchtet verschiedene Storys, die davon handeln, was es bedeutet, wenn du deine Meinung sagst oder auch nicht sagst, aus welchen Gründen auch immer. Jeder Mensch trägt irgendwas mit sich herum, wo er vielleicht zwei mal drüber nachdenkt, ob er das wirklich kundtut. Das kann eine ganz persönliche Sache sein, dass du Sachen für dich behalten möchtest und auch nicht weißt, wer für sowas ein offenes Ohr hat. Das können zwischenmenschliche Sachen sein – es beginnt eigentlich immer im zwischenmenschlichen und reicht dann hoch bis zu diesem großen schwarzen Peter, dem leider sehr aktuellen Thema des neuen, aufkeimenden Faschismus hier. In so einem Song, wie „Raison“, wird beispielsweise eine Situation besungen, in der es fatal wäre den Mund zu halten und nichts zu sagen.

minutenmusik: Auf dem Cover eures vorigen Albums waren Davids Eltern zu sehen. Das war die Hochzeitsfotografie der Beiden. Habt ihr zu dem Artwork der neuen Platte wieder einen persönlichen Bezug? Und inwiefern steht das Cover im Bezug zum Inhalt des Albums?

Chris: Das hat wieder eine ähnliche Entstehung. Das haben bei uns die Artworks immer. Und zwar suchen wir die Cover nicht aktiv, sondern wollen immer, dass das auf uns zukommt und wollen etwas sehen, das uns fesselt. Wir müssen einstimmig wissen, dass das dann ein Cover für uns ist.

In diesem Fall ist das ein Foto aus meinem Familienfundus – das ist mein Großvater und sein Bruder, der da drauf ist. Ich hatte dieses Foto irgendwann mal in der Hand und habe mich gefragt in was für einer Situation dieses Foto entstanden ist. Was die Beteiligten dabei gedacht haben und warum sie diese komischen Kostüme anhaben. Ist das eine Feierlichkeit? Ist das ein fröhlicher Anlass oder nicht? Wahrscheinlich, die Beiden sehen aber ja nicht wirklich so aus, als wäre das der schönste Tag.

Ich musste das Bild einfach ziemlich oft nochmal rauskramen und mir anschauen. Das ist genau das Gefühl, was ich haben will, wenn ich mir ein Artwork angucke. Das muss mich beschäftigen. Auf dem Bild ist eine Situation dargestellt, bei der man nicht weiß, ob das der Wunsch der beteiligten Personen war dort so zu stehen. Ist das cool für die? Machen die das vielleicht aus einem Zwang heraus? Das hat für mich in dem Moment gut das Thema des Albums zusammengefasst – „Meine Couleur“ und „deine Couleur“ und „Was mache ich aus freien Stücken und was nicht?“.

minutenmusik: Ihr habt euer Album recht spektakulär mit einer 25-minütigen Live-Session, bei der ihr schon drei neue Songs des Albums gespielt habt, angekündigt. Woher kam die Idee für diese Ankündigung?

Chris: Wir hatten die Songs in der Hand, als die Platte dann fertig war und haben uns überlegt, wie wir damit rausgehen könnten. Man möchte natürlich auch immer irgendetwas besonderes machen, was du nicht schon hundert mal gesehen hast. Letzten Endes spielen wir einfach sehr gerne live und haben beschlossen, dass wir das gerne live präsentieren wollen. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, wo wir das machen möchten, wollten aber eine besondere Location haben. Außerdem wollten wir nicht nur einen Song spielen, sondern schon, dass das mit mehreren Songs und einer durchgehenden Stimmung Hand Und Fuß hat. Das war der Ausgangspunkt.

Dann hatte irgendjemand für die Locationwahl die Idee das an einem Lost-Place zu drehen. Da sieht man ja immer wieder Bilder von. Es gibt zum Beispiel viele Hotels, die noch so aussehen, als wären sie noch belebt, sind sie aber nicht mehr. Dann hat das Telefon bei Malek von Grand Hotel [Van Cleef] geglüht, weil er versucht hat so ein Hotel zu finden. Irgendwie hat er das dann über eine Millionen Ecken auch hingekriegt. Auf jeden Fall hat uns dann ein Denkmalverein, der dieses baufällige Gebäude verwaltet, in Freudenstadt, im Schwarzwald, erlaubt dort ein paar Tage zu drehen. Dann waren wir dort zur Besichtigung und haben uns das angeguckt und waren super happy damit. Dann waren wir dort und haben Live-Sachen gespielt und auch noch Videos gedreht. Das alles in einem Look, in einem Feeling und in einer Umgebung.

minutenmusik: Das ist euch sehr gut gelungen! Ist ja auch sehr gut angenommen worden.

David: Dankeschön! Wir gucken das aber ja selber noch gerne. Das hat sau viel Spaß gemacht. War aber auf jeden Fall viel Arbeit und brauchte viele helfende Hände.

Chris: Die Tage waren echt krass anstrengend. Wir machen drei Kreuze, dass das alles so geklappt hat, wie wir uns das vorgestellt haben.

minutenmusik: Wie viele Takes habt ihr für die Session gebraucht?

David: Ich glaube das waren zweieinhalb.

Chris: Wir haben das einmal durchgespielt, damit wir ungefähr die Zeiten wussten. Das war schon ganz okay. Dann haben wir das einmal versucht. Das mussten wir aber abbrechen. Einmal haben wir direkt noch den ersten Song abgebrochen. Der nächste Take wars dann aber zum Glück schon.

David: Ein Schlagzeug-Set wurde während des Drehs umgebaut. Da ist Frank beim ersten Take nicht drangekommen. (lacht)

Frank: Da ging gar nichts!

David: Wir haben den Setumbau darauf nochmal geprobt. Dann hats aber geklappt. Danach war aber auch erstmal Brüllerei bei allen. Das war irre.

Frank: Als alles fertig war, hab ich erstmal nur geschrien. Das war dann richtig geil.

David: Wir waren natürlich auch super konzentriert.

Alles, was die FJØRT-Jungs so von sich geben klingt so weise und durchdacht. Verwunderlich, dass die Drei neben all diesen Kopfsachen noch Zeit haben Musik zu schreiben. Und dann ist diese auch noch derart gut! Nunja, im zweiten Teil unseres großen FJØRT-Interviews zu „Couleur“ kommen David, Chris und Frank vor allem auf die Aufnahmen der Platte zu sprechen und dürfen sich mal so richtig über den Rechtsruck in Deutschland aufregen.

Zu Teil 2 geht es hier.

Hier geht es zu Teil 3.

„Couleur“ erscheint am 17.11 über Grand Hotel Van Cleef und kann hier & hier* vorbestellt werden.

Und so hört sich das an:

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FJØRT live 2018:

18.01.18 – Münster, Gleis 22 (Zusatzshow!)
19.01.18 – Münster, Gleis 22 (Ausverkauft!)
20.01.18 – Hannover, Musikzentrum
21.01.18 – Berlin, Lido
22.01.18 – Dresden, Beatpol
23.01.18 – Leipzig, Werk 2
24.01.18 – AT – Wien, Chelsea
25.01.18 – München, Strom
26.01.18 – Stuttgart, Universam
27.01.18 – Saabrücken, JUZ Försterstraße
28.01.18 – Wiesbaden, Schlachthof
29.01.18 – Köln, Gebäude 9
30.01.18 – Hamburg, Knust

Foto von Andreas Hornoff.

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