Interview mit Kevin Devine!

Kevin Devine ist mittlerweile ein alter Hase im Musikbusiness. Der aus Brooklyn stammende Singer/Songwriter hat schon in mehreren Bands gespielt, war auf etlichen Touren und hat letzten Herbst mit „Instigator“ sein bereits neuntes Solo-Album veröffentlicht. Momentan ist er damit auf Solo-Akustik-Tour durch Europa und spielt auch einige Shows in Deutschland. Vor seinem Konzert am vergangenen Montag in der Pension Schmidt in Münster haben wir uns mit ihm getroffen und über das Tourleben, seinen Job als Musiker und seinen Musikgeschmack geredet.

Minutenmusik: Hi Kevin! Schön, dass es geklappt hat. Wie war die Tour bisher, hat sie dir gefallen?

Kevin: Ja, die Tour war echt gut bisher. Ich habe erst eine Woche lang Konzerte in Großbritannien gespielt, ein paar Festivalshows, aber auch ein paar Clubshows und danach noch ein Festival in Göttingen. Heute ist also erst mein zweites Konzert dieser Tour in Deutschland. Das geht jetzt noch eine Woche so weiter: Zwischen heute und Sonntag spiele ich jeden Abend eine Show und am Montag fliege ich dann wieder nach Hause. Aber bisher war es wirklich toll und auch das Wetter ist schön, es ist alles sehr entspannt.

Minutenmusik: Du hast gerade gesagt, dass du heute Abend erst deine zweite Show in Deutschland während dieser Tour spielst, aber du warst ja vorher schon ein paar Mal in Deutschland…

Kevin: Ja, ich war sogar schon ziemlich oft hier.

Minutenmusik: Gefällt es dir denn hier und magst du es, hier Konzerte zu spielen?

Kevin: Klar, sehr sogar! Es ist sehr vertraut hier, aber natürlich auch ein bisschen anders als zu Hause. Ich wurde hier immer gut behandelt, sowohl vom Publikum, als auch von den Veranstaltern. Früher hätte ich nie gedacht, dass ich auch nur ein einziges Mal nach Deutschland kommen werde und nun war ich bestimmt schon 15 Mal hier, also ja, ich mag es wirklich sehr hier her zu kommen und auf Tour zu gehen. Und ich bin glücklich, dass ich schon so oft die Möglichkeit dazu hatte.

Minutenmusik: Was ist mit deutscher Musik? Kennst du irgendwelche deutschen Künstler oder Bands oder hörst du vielleicht sogar deutsche Musik in deiner Freizeit?

Kevin: Ich glaube, ich hinke da ein bisschen hinterher. So vor zehn Jahren etwa, da kannte ich mehrere, vor allem in der „Independent“-Szene. Bands wie Kettcar, Tomte oder Tocotronic. Ich kannte also mal mehr deutsche Musik, aber wenn ich jetzt hier bin, dann versuche ich einfach das Radio anzumachen und zuzuhören um wieder auf den neuesten Stand zu kommen. Und ich spiele viele Shows mit deutschen Songwritern, wenn ich hier auf Tour bin. Aber ich kenne die Musik nicht mehr so gut, wie ich sie mal gekannt habe. Ich habe also noch einiges zu lernen. (lacht)

Minutenmusik: Ich stelle es mir aber ziemlich schwer vor, über das Radio deutsche Musik kennen zu lernen, da ja hauptsächlich Lieder von internationalen Künstlern laufen, die oft ziemlich gleich klingen, oder wie siehst du das?

Kevin: Ja, die Popstars, sie sind überall. Manchmal wenn man das Radio anmacht, hört man immer wieder den gleichen Sound und es singt einfach nur jemand auf Deutsch, oder welcher Sprache auch immer, je nach dem in welchem Land man gerade ist. Also ja, ich weiß was du meinst.

Minutenmusik: Während dieser Tour hast du deinen Fans die Möglichkeit gegeben, sich über deine Facebook-Seite Songs zu wünschen, die du dann bei den Shows spielen wirst. Gab es da Wünsche die dich überrascht haben, Songs die du vielleicht nicht erwartet hättest, oder auf die du selbst nicht gekommen wärst?

Kevin: Ich bin immer ein bisschen überrascht, wenn sich jemand Songs meiner alten Band „Miracle of ‘86“ wünscht. Wir sind 2003 und 2004 auf Tour in Deutschland gewesen, da wart ihr wahrscheinlich noch Kinder und ich war 22. Aber das ist einfach so lange her und es ist auch nicht so, als wären wir berühmt gewesen. Deswegen bin ich immer überrascht, wenn Leute schreiben, dass sie diese Songs hören wollen. Aber positiv überrascht. Es ist cool, dass sich die Leute immer noch daran erinnern und dass ihnen die Songs immer noch wichtig sind.

Minutenmusik: Und viele wünschen sich auch Lieder von deinen älteren Solo-Alben, oder?

Kevin: Genau und das zeigt mir, dass die Leute, die meine Musik hören, die Musik oft auch schon für eine längere Zeit hören. Gerade jetzt, wo ich schon so lange Musik mache. Selbst wenn man 2012 angefangen hat, meine Musik zu hören, das ist trotzdem schon fünf Jahre her. Und wenn du 2009 angefangen hast, das war meine fünfte Platte damals, aber das ist schon acht Jahre her. Also da gibt es all diese verschiedenen Zeitpunkte, wo Menschen angefangen haben, sich für meine Musik zu interessieren und das finde ich cool, denn es kam nicht alles mit einem Album oder einem Song, sondern Stück für Stück.

Minutenmusik: Kein „One-Hit-Wonder“. (lacht)

Kevin: Nein, eher ein „No-Hit-Wonder“. (lacht)

Minutenmusik: Gibt es denn einen Song, den du persönlich besonders gerne live spielst, der vielleicht eine besondere Bedeutung für dich hat?

Kevin: Ich liebe diesen einen Song, er heißt „I was alive back then“ und ist der letzte Song auf meiner neuen Platte „Instigator“. Ich mag es sehr, ihn zu performen, vor allem wenn ich so kleine Shows wie diese heute spiele, denn er ist sehr direkt und intim.

Minutenmusik: Du spielst ja gerade eine Solo-Tour und ich denke man braucht viel Mut um sich alleine auf so eine Bühne zu stellen. Hast du auch schon schlechte Erfahrungen gemacht während du Solo-Shows gespielt hast oder sogar auch zusammen mit einer Band?

Kevin: Oh ja, schon ein paar. Ich mache nun schon Musik und stehe auf Bühnen seit ich 14 bin, mal vor fünf und mal vor 10.000 Menschen. Da macht man viele schlechte und viele gute Erfahrungen und auch viele dazwischen. Aber ja, da gibt es eine Band mit dem Namen „Lucero“, eine amerikanische Punkrock Band, und ich habe vor zehn Jahren ein Konzert von ihnen in Leeds in England eröffnet. Und als ich da auf die Bühne gekommen bin und gerade meine Gitarre angeschlossen habe, schrie plötzlich jemand aus dem Publikum, Entschuldigung für das Schimpfwort, „fuckin‘ faggot“, bevor ich überhaupt angefangen hatte zu spielen oder zu singen. Ich erinnere mich daran, dass ich dachte: „Heute Nacht wird es zu einer Prügelei kommen, sei bereit, heute Nacht wird jemand auf die Bühne kommen und einen Kampf mit dir anfangen“, und es kam zwar niemand, aber es war trotzdem kein tolles Gefühl. Und da gab es auch Shows, und das war fast noch schlimmer, wenn man als Support für eine andere Band gespielt hat und ihr Publikum sich aus irgendeinem Grund einfach nicht für dich zu interessieren schien, und das sind dann die wirklich harten Solo-Shows. Denn wenn man dann mit einer Band auf der Bühne steht, kann man dem Ganzen wenigstens mit Lautstärke und Gemeinschaft entgegenwirken, aber wenn du da alleine stehst, dann geht das nicht und du musst eben damit klarkommen. Aber andererseits hatte ich auch das Glück, viele wunderschöne Konzerte zu erleben. Und wenn die harten Shows überwiegen würden, dann würde ich das Ganze wohl nicht machen, aber so ist es nicht. Und selbst diese harten Shows sind nicht das Schlimmste, denn es ist ja nicht so, als würde ich in einer Mine arbeiten oder so etwas, wenn ihr versteht was ich meine.

Minutenmusik: Wo wir gerade über deinen Beruf reden: Ich habe gelesen, dass du erst Journalismus studiert hast. War das eher ein Plan B für dich, oder wolltest du wirklich Journalist werden?

Kevin: Es fing als Plan B an und als ich in meinem dritten Jahr an der Uni war, da gab es vielleicht zwei Monate in denen ich mir überhaupt nicht sicher war, was ich wollte, auch wenn ich es wirklich mochte. Ich habe hauptsächlich über Kultur, Musik, Filme und so etwas wie die Psychologie von kulturellen Bewegungen geschrieben und das sind Dinge, die mich als Person und als Songwriter interessieren, aber eben auch als Journalist. Es fühlte sich nur alles etwas wissenschaftlicher an, es ist eben eher weniger poetisch. Und ich mochte das sehr, ich mag gut geschriebene Artikel und lese sie auch selbst gerne. Aber ich war mir auch bewusst, dass ich damit wahrscheinlich nicht besonders viel Geld verdienen würde, genauso wie mit der Musik, die ich machen wollte. Also dachte ich mir, wenn ich die Wahl habe zu machen, was ich liebe und dabei pleite zu sein oder das zu machen, was ich mag und dabei pleite zu sein…versteht ihr? Und ich hatte eigentlich sogar Glück, die Wahl zwischen diesen beiden Möglichkeiten zu haben, denn viele Menschen müssen einfach irgendetwas anderes machen. Und ich hatte schon viele Jobs, die „irgendetwas anderes“ waren, ob in Küchen, Büros, oder wo auch immer. Aber naja, es war schon ein Plan B, Journalismus zu studieren, denn ich wusste nie wirklich, was ich wollte. Ich liebte Worte und war auch immer ein guter Schüler, aber ich wusste nie, was ich werden wollte, weil ich immer nur an Songs und Musik gedacht habe. Also habe ich nie zu viel darüber nachgedacht, ob ich als Musiker meinen Lebensunterhalt verdienen könnte, ich habe es irgendwie einfach getan und hatte Glück, dass es geklappt hat.

Minutenmusik: Also denkst du, wenn man etwas wirklich liebt und wirklich gut darin ist, dass man einfach seinen Träumen folgen und es versuchen sollte, auch wenn es andere, vielleicht etwas sicherere, Möglichkeiten gibt?

Kevin: Ich denke nicht, dass es immer richtig ist, seinen Traum zu leben nach dem Motto „koste es was es wolle“, denn die Welt wird dich zerstören. Mein Plan war immer: Ich lebe meinen Traum, aber wenn mir bewusst wird, dass ich so nicht meine Miete, meine Rechnungen und mein Essen bezahlen kann, dann muss ich mir etwas anderes überlegen. Das muss ja nicht bedeuten, dass du deinen Traum komplett aufgibst, denn man kann immer noch Kunst und Musik in seinem Leben haben, ohne zu versuchen damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber andererseits würde ich auch jedem raten, die Chance zu nutzen, es einfach zu versuchen, wenn man wirklich daran glaubt. Denn wenn ich das nicht getan hätte, würde ich jetzt nicht hier sitzen. Aber man muss eben eine Balance finden. Wisst ihr, meine Frau hat vor 15 Monaten unsere Tochter zur Welt gebracht. Und was jetzt das Interessante daran ist, ist dass ich mit dem, was ich mache, die Hälfte ihres Essens, ihrer Kleidung, ihrer Bildung bezahle. Es wäre also unverantwortlicher von mir, das einfach aufzugeben und mir etwas anderes zu überlegen, denn wir kommen ja auf diese Weise ganz gut über die Runden. Und was noch dazu kommt, ist, dass mir dieser Job die Möglichkeit gibt, mehr Freiheiten zu haben. Jetzt gerade bin ich zwar für zwei Wochen 4000 Meilen von meiner Tochter entfernt, aber wenn ich dann zu Hause bin, bin ich auch wirklich zu Hause und sie sieht, dass es auch anders geht. Alles hat seine guten und seine schlechten Seiten, selbst die tollsten Dinge. Deshalb würde ich sagen: Lebe deinen Traum, aber sei auch realistisch.

Minutenmusik: Das hast du sehr schön gesagt! Vorhin hast du bereits dein aktuelles Album „Instigator“ angesprochen, das jetzt schon dein neuntes Solo-Album ist. Hast du irgendwelche besonderen Einflüsse oder Inspirationen, wenn du deine Songs schreibst?

Kevin: Ja, natürlich habe ich musikalische Einflüsse, die verändern sich zwar ständig, aber es gibt eine bestimmte Art von Songs, die ich sehr mag und von denen ich mich immer sofort angesprochen fühle. Künstler, die für mich immer gehen sind zum Beispiel Elliot Smith, Nirvana, Pavement, Neil Young, Bob Dylan, Leonard Cohen…

Minutenmusik: Also alles ziemliche Klassiker?

Kevin: Genau, REM zum Beispiel auch noch, solche Künstler werden für mich einfach nie alt. Auf dem neuen Album habe ich auch versucht, etwas anderes auszuprobieren. Etwas direkteres, eine Art „Power-Pop“. Melodien, die zwar catchy sind, aber auch ein bisschen dissonant. Jedes Album hat natürlich seine eigenen Einflüsse und ich versuche auch, nicht immer das Gleiche zu machen, sondern mich weiter zu entwickeln. Das ist auch ein großer Einfluss für mich, ich versuche immer Veränderungen einzubringen.

Minutenmusik: Gibt es denn, abgesehen von deinen Inspirationen, einen bestimmten Künstler oder eine Band, zu denen zu aufschaust und mit denen du gerne mal eine Show spielen oder sie supporten würdest?

Kevin: Oh ja, da gibt es so einige. Aber jemand, den ich sehr mag und von dem ich denke, dass er wirklich sehr besonders, aber auch missverstanden ist, ist die irische Songwriterin Sinead O’Connor. Ich liebe sie. Es gab eine Zeit um 1991, wo sie so etwas wie Rihanna war, sie war sehr berühmt, lief die ganze Zeit auf MTV, hat elf Millionen Platten verkauft und war aber auch wirklich Punkrock. Denn sie hat alles auf eine gewisse Weise abgelehnt, Dinge angesprochen, die sich sonst niemand getraut hat und ich wurde damals sehr stark davon beeinflusst und habe gedacht: „Wow, sie hat wirklich keine Angst“. Und ich glaube, sie hatte schwere psychologische Probleme und war im Krankenhaus deswegen und so weiter, aber sie hat eine der schönsten Stimmen auf der Welt und wenn ich jemals einen Song für sie schreiben könnte oder eine Show mit ihr spielen könnte, wäre ich sehr glücklich. Sie ist wirklich eine der ganz Großen für mich.

Minutenmusik: Dann kommen wir jetzt auch schon zur letzten Frage: Hast du vielleicht einen Tipp für uns, welchen Newcomer wir uns auf jeden Fall anhören sollten, jemanden den du empfehlen kannst?

Kevin: Auf jeden Fall! Ich meine, die Leute werden zwar eher früher als später von ihnen hören, aber die Band Pinegrove und auch die Sängerin Julien Baker sind tolle Künstler, die ihr mögen werdet, wenn ihr auch meine Musik mögt. Wir haben beide mit auf Tour gehabt, letzten Herbst in Amerika, als das neue Album rauskam. Sie werden jetzt wohl keine Shows mehr eröffnen müssen, denn sie sind wirklich tolle Künstler, Sänger, Philosophen und Songwriter. Fangt dort an und hört euch ihre Musik an!

Minutenmusik: Danke für die Empfehlung und das war es auch schon! Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast!

Kevin: Na klar. Danke, dass ihr euch Zeit genommen habt, mit mir zu reden! Wir sehen uns dann später bei der Show!

Den Konzertbericht dieser Show findet ihr übrigens hier.

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