Interview mit Lirr über „God’s On Our Side; Welcome To The Jungle“!

Lirr Interview 2017

Seit dem Release ihrer EP „Ritual“ im Jahr 2016 sind die Jungs der Flensburger Rock-Band Lirr in der Untergrund-Szene in aller Munde. Kein Wunder, die Mischung aus Post-Rock und Emo, die man in  vier Tracks und knapp 20 Minuten darbot, klang für eine derart junge Band – und jung sind auch die Mitglieder – ungewöhnlich neu und reif. Anfang August dieses Jahres veröffentlichte das Quintett dann bereits sein Debütalbum „God’s On Our Side; Welcome To The Jungle“, das sich vom Sound sehr von der Debüt-EP distanziert und sich in rockigere und experimentellere Gefilde vorwagt. Im Backstage des Kölner Tsunami Clubs trafen wir uns während die Band das Album betourte mit Leif Marcussen (Gitarre, Gesang – Mitte auf dem Bild) und Mats Groth (Gitarre, Gesang – hinten links), um über das Konzept hinter diesem, ihre größten Einflüsse und den Labelwechsel von Through Love Records zum größeren Grand Hotel Van Cleef zu sprechen.

minutenmusik: Momentan tourt ihr im Rahmen eures Debütalbums „God’s On Our Side; Welcome To The Jungle“ ein wenig durch Deutschland. Wie waren die Shows bis jetzt so?

Leif: Alle sehr schön. Wir haben drei Jahre lang die EP gespielt. Auf jedem Konzert das gleiche – vier Songs und wir hatten noch einen Jam in der Mitte. Da war Matz noch nicht dabei. Alleine jetzt auf Tour zu gehen und eine Stunde und den ganzen neuen Kram zu spielen, ist super gut, weil die Konzerte an sich sehr viel Spaß machen. Auch das Feedback von den Leuten ist super. Bis jetzt ist das perfekt.

Am Sonntag in Münster hatten wir einen kleinen Durchhänger. Da waren wir einfach ziemlich fertig. Es war trotzdem ein wunderschönes Konzert. Wir haben glaube ich teilweise einfach zu viel getrunken.

minutenmusik: Ist ja auch eure erste richtige Headliner-Tour, oder?

Leif: Wenn man das so nennen kann, dann eigentlich schon. Zur EP [„Ritual“] waren wir genauso auf Tour, nur das wir jetzt schon jeden Abend als letztes spielen. Bei der letzten Tour war das auch oft so, aber nicht jeden Tag. Auch die Läden sind ein bisschen kommerzieller als vorher, aber nicht nur.

minutenmusik: Davor habt ihr vermutlich so DIY-Sachen gespielt, wie Alternative Zentren oder so.

Leif: Genau. Das ist auch immer noch bestimmt 50 Prozent so. Aber genauso haben auch andere Veranstalter Lust uns aufzunehmen, was uns natürlich auch freut. Die Läden sind dann auch voll schick. Wir waren zum Beispiel im Kleiner Donner in Hamburg. Der Laden wird bald zugemacht, ist aber super schön.

Mats: Der größte Unterschied ist eigentlich echt, dass wir immer zuletzt spielen. Das ist eigentlich der einzige Unterschied, den man richtig merkt.

minutenmusik: Auch, dass man merkt, der Großteil ist wirklich für euch da?

Mats: Ja… oder, dass man sich das zumindest einbildet. (lacht)

minutenmusik: Euer Album ist ja ein Konzeptalbum. Könnt ihr vielleicht mal kurz die Geschichte dahinter anreißen?

Leif: Von Anfang an war schon klar, dass die Platte „Welcome To The Jungle“ heißen soll. Der Einfall kam uns sogar schon bei der EP. Dann haben wir angefangen irgendwie diesen Dschungel in der Musik wiederzugeben. Als dann der Großteil der musikalischen Geschichte, also der Strukturen, fertig war – das richtige Konzept hinter dem Album – haben wir angefangen uns Gedanken über die Story zu machen. Wir haben uns da mit Absicht ab und an sehr offen gehalten, wie die Story verläuft.

Der Protagonist wacht im Dschungel auf und alles ist scheiße. Das ist aber trotzdem noch sein zuhause. Dann sieht er diesen goldenen Puma, beziehungsweise etwas sehr helles, was ihn fasziniert, weil alles um ihn herum kacke und trist ist. Er läuft darauf die ganze Zeit hinter diesem Puma her, wartet auf ihn, verliert ihn, sieht ihn irgendwann wieder. Das ist eine Story zwischen diesem Wunderschönen in dieser Welt voller Scheiße. Er hat zwischendurch auch keinen Bock mehr hinter ihm her zu laufen, weil der Puma nicht mit ihm spricht. Irgendwann findet das ganze dann ein Ende, das muss sich jeder aber selber finden.

minutenmusik: Wollt ihr damit dann auch eine gewisse Gesellschaftskritik rüberbringen?

Leif: Nö. Natürlich spielen da immer persönliche Sachen mit rein. Man kann keinen Text komplett von sich selbst gelöst schreiben. Das ist aber auf jeden Fall nicht autobiographisch. In der Welt ist natürlich nicht alles toll, wir haben uns jetzt aber nicht gedacht, dass wir jetzt irgendwie eine Flagge hochhalten müssen oder sowas.

Mats: Ich glaube wir sind alle politische Menschen, aber wir sind keine politische Band. Wir machen keine politische Musik.

minutenmusik: Ok. Ihr hattet eben erklärt, dass der zweite Teil des Titels eures Debütalbums schon sehr lange feststand. Das Ding heißt aber ja „God’s On Our Side; Welcome To The Jungle“. Wie ist der erste Teil dazugekommen?

Leif: Genau, „Welcome To The Jungle“ stand fest und war auch beim Schreiben schon das Grundkonzept. Der erste Teil, also „God’s On Our Side“, ist dann irgendwann dazugekommen, weil wir es damit noch aussagekräftiger fanden. Jetzt ist der erste Part des Titels schon verwirrend. Der goldene Puma ist halt eine Art Gottheit in dieser Story. Irgendwie fanden wir das dann gut. Aber was wir uns da jetzt 100 prozentig mit gedacht haben…

Mats: … das klang einfach gut.

Leif: Und es wirkt halt wie das Album an sich. Nur „Welcome To The Jungle“ wäre zu wenig gewesen.

Mats: Wir finden es auch immer sehr spannend, uns selber ein bisschen hinter das Licht zu führen und zu überraschen. Das eben selber mal nicht zu verstehen und damit zu spielen.

Leif: Wir verstehen ja auch nicht alles, was wir spielen.

Mats: Genau, wie die Instrumente, die wir spielen.

minutenmusik: Hört man sich das Album an, fällt einem auf, dass da sehr viele verschiedene Genres aufeinandertreffen. Könnt ihr da vielleicht ein paar Einflüsse nennen?

Leif: Ein wirklich großer Einfluss war für mich der Einstieg in das Produzieren von Musik. Ich habe angefangen vor allem Instrumental-Hip-Hop zu hören. Wenn man das hört, kommt man ziemlich schnell zu der Musik, die man sampelt. Dann ist von Prog-Rock, über Jazz und Soul auch ziemlich viel Musik dabei, die wir gerne hören und einbringen wollten. Wir haben auch die Herangehensweise übernommen, dass man erst probiert und dann guckt, was dabei rauskommt. Man hat eine Idee für einen Song, schmeißt dann nochmal alles zusammen, was man sich vorher gedacht hat und probiert das einfach aus. Einfach zu produzieren. Die meisten Leute, die einen Hip-Hop-Beat bauen, haben am Anfang keine Ahnung, was dabei rauskommt. Die fangen einfach an und arbeiten mit den Mitteln, die man in diesem kleinen Computer hat. Das war auf jeden Fall eine sehr große Veränderung für uns, weil dadurch der ganze elektronische Teil möglich war. Das hatten wir vorher ja noch nie gemacht.

Wir haben vorher auch nie wirklich Demos am Computer aufgenommen. Diesmal liefen die verschiedenen Songversionen immer über den Computer. Da gab es oft ganz viele und die klangen immer unterschiedlich. Diese Zwischenschritte hat man jetzt natürlich immer noch, weil man so viel am Computer gemacht hat. Wir sind dann aber immer in den Proberaum gegangen und haben geguckt, wie das live klingt – ob das authentisch klingt. Einen Song einfach am Computer zu schreiben und dann zu probieren den nachzuspielen, ist genau das, was wir nicht wollen. Wir wollen gucken, ob man das, was man am Computer macht, geiler live machen kann. Sonst können wir auch „play“ drücken und es kommt Playback.

minutenmusik: Das ergibt dann ja auch sonst keinen Sinn.

Leif: Das war auf jeden Fall eine große Veränderung. Natürlich hören wir alle so viel unterschiedliche Musik, dass jeder jede Idee unterschiedlich auffasst. Dadurch kommt dann glaube ich die Mischung von so vielem. Dann schlägt einer etwas vor und auf einmal hat man noch einen weiteres Genre dabei.

minutenmusik: Gab es denn einen Punkt im Entstehungsprozess, in dem ihr bemerkt habt, dass das gerade vielleicht „too much“ ist?

Leif: Bei „Sour Pt. 1“ war die Idee richtig viel mit Autotune zu machen. Das war ein Song, bei dem wir sehr lange rumprobiert haben, am Ende hat das aber einfach nicht den Swag gehabt, den wir wollten. Das war einfach nicht swaggy genug. Dann wollten wir vor allem bei der Stimme erst ein bisschen „Bon Iver“-Kram reinbringen. Im Endeffekt haben wir uns aber gegen Autotune und einen organischeren Song entschieden. Das aber nicht, weil wir das Autotune blöd finden, sondern einfach, weil das nicht der Song war, in den das Autotune passte. Das werden wir bestimmt nochmal haben. Wir haben auf dem Album auch ein bisschen Autotune drauf. Das ist aber ein bisschen versteckt. Ein Chorus ist ein bisschen swaggy angetuned.

Mats: Wenn wir was abgebrochen haben oder zurückgerudert haben, dann lag das nur daran, dass das zur Zeit einfach nicht gepasst hat. Nicht, weil wir damit nichts anfangen konnten.

Leif: Wenn wir uns anschauen und das alle geil finden, dann ist auch egal, was das ist.

minutenmusik: Mir ist aufgefallen, dass man auf dem Album viel mehr Falsett-Gesang findet, als auf der EP. Mats, du bist ja noch nicht so lange in der Band. Machst du das dann?

Leif: Ich kann das nicht. Mats und Joe spielen ja auch bei Wind Und Farben, bei denen die super schöne Falsett-Parts haben. Wir dachten uns natürlich, dass wir das auch gerne hätten. Jeder von uns findet das mega geil.

Mats: Ich glaub das hättest du auch nicht selber gemacht.

Leif: Ne, ich hätte das nicht gemacht. Ich kann das auch ein bisschen, aber die Töne so schön zu treffen, ne… das klingt nicht so luftig locker.

minutenmusik: Der Sound von „God’s On Our Side; Welcome To The Jungle“ unterscheidet sich ja schon sehr von dem der EP. Hattet ihr vor Release Angst, dass das Album nicht mit den positiven Resonanzen der EP mithalten kann?

Leif: Also, als wir „This House Is Clean, Baby (This House Is Clean)“ rausgebracht haben – den Song, der nur eine Minute zwanzig lang ist, strange und so – da haben wir uns vorher nicht Gedanken drüber gemacht, dass das Leuten nicht gefallen kann. Wir haben bewusst den Song als erste Single gewählt, weil der am meisten schockt. Die Leute werden den vielleicht am Anfang nicht verstehen und denken es kämen zehn Songs, die genau so klingen, aber das ist ja eben nicht so. Uns war bewusst, dass der Song am Anfang vielleicht verstört, im Endeffekt hat das aber genau so Sinn ergeben, weil der zwar nicht das totale Gegenteil der EP ist, aber schon verschreckend genug. Da wusste man direkt, dass wir jetzt etwas anderes machen. Aber natürlich macht man sich Gedanken darüber, ob den Leuten das nicht gefallen könnte.

Mats: Die hätten wir uns aber auch gemacht, wenn wir nochmal komplett das gleiche gemacht hätten.

Leif: Nach der Demo ging es bergab… das ist doch immer das gleiche! Die Leute schreiben das doch immer.

minutenmusik: Ihr habt ja nicht nur euren Sound, sondern auch euer Label gewechselt. Früher wart ihr bei Through Love Records und jetzt veröffentlicht ihr über Grand Hotel Van Cleef, dem Label von Marcus Wiebusch, Reimer Bustorff und Thees Uhlmann. Wie kam es zu dem Signing?

Leif: Through Love ist auf jeden Fall eins der schönsten Labels überhaupt. Das ist sogar so schön, dass Grand Hotel [Van Cleef] bei Through Love [Records] anruft und fragt, ob sie mit uns sprechen dürfen. Und Through Love sagt dann, dass sie das gerne tun können. Die sind so fair miteinander, weil bei beiden Labels so ehrliche und leidenschaftliche Leute arbeiten. Wir haben eine Mail von Through Love bekommen, dass wir bald eine Mail von Grand Hotel bekommen würden. Dann haben wir uns mit denen getroffen, geschnackt und bisschen was getrunken. Mehrmals getroffen. Irgendwann hatte man sich dann schon daran gewöhnt – an die Zusammenarbeit. Spektakulär ist das natürlich nicht.

minutenmusik: Aber so ja eine schöne Sache!

Leif: Total. Das ist ein super schönes Label. Die Leute sind alle mega. Natürlich ist es auch cool, etwas größeres hinter sich zu haben, dass man selber auch noch toll finden kann. Mega! Ich hoffe die machen die nächste Platte noch. (lacht)

minutenmusik: Das hoffen wir auch. Ihr habt letztes Jahr unter anderem als Support von Heisskalt und Turbostaat gespielt und durftet da auch schon mal in größere Hallen und Clubs spinksen. Wo wollt ihr hin? Seid ihr momentan schon zufrieden oder wollt ihr auch in diese Hallen?

Leif: Das ist schwierig. Auf der einen Seite wären größere Bühnen für uns auf jeden Fall schön, weil wir hier im Tsunami zum Beispiel nicht auf die Bühne passen. Wir haben einfach so viel Equipment und Synthesizer-Quatsch, dass wir da nicht drauf passen. So eine Band wie The Notwist ist für uns schon das non plus ultra, im Bezug, was man als deutsche Band erreichen kann. Die haben ein unfassbares Standing in der ganzen Szene und machen 800er- und 1000er-Läden voll, ohne jemals in irgendein Genre einkategorisiert gewesen zu sein. Ohne ständig zu hören, dass sie mit irgendeiner Band mal gespielt haben.

Das soll jetzt nicht negativ klingen… Turbostaat sind die liebsten Kerle überhaupt. Wir leihen uns auch immer den Bus von denen. Auch mit Heisskalt das war alles super! Aber natürlich probiert man schon unabhängig zu sein. In welchen Läden wir irgendwann spielen wollen, habe ich aber keine Ahnung. Da, wo wir spielen dürfen! Darum geht es uns nicht.

minutenmusik: Verständlich. Den Bus von Turbostaat habt ihr doch sogar kaputt gefahren, oder? Das hört man auf dem Heisskalt Live-Album.

Leif: (lacht) Ja, wir haben bei einem anderen Auto nur ordentlich die Tür eingebommelt. Der Bus war aber noch fresh. Der war eh schon ein bisschen schäbig.

Wir hatten da einen Freund von uns dabei, der sehr groß und sehr stark ist. Er spricht auch sehr laut. Diese kleine Frau, der das Auto gehört hat, hat dann sehr rumgepöbelt und er hatte gesteuert. Das war eine ganz schreckliche Situation. Im Endeffekt ist das dann so ausgegangen, dass wir einen Teil selber zahlen mussten, was für uns Bandkasse viel zu viel war. Das ist aber nicht so schlimm gewesen. Peter von Turbostaat ist aber sehr korrekt zu uns. Auch in so einer Situation!

minutenmusik: Als abschließende Frage: Es gibt eine Band, die einen ähnlichen Namen wie ihr hat. Auch mit zwei r’s am Ende [gemeint sind Gurr]. Wer hat da bei wem abgeguckt?

Leif: (lacht) Gar nicht. Mittlerweile hat unser Name aber zwei Bedeutungen. Eigentlich ist das aus der ländlichen Geschichte „Ich bin Gott“. Lirr ist der Furor, der den Windgott des Nordens trifft und ihn nach der Richtung fragt. Irgendwie fanden wir den Namen cool. Das kennt ja auch keiner. Mittlerweile steht der Name aber auch für „Long Island Rock Royal“.

minutenmusik: Das habt ihr euch für Interviews ausgedacht? (lacht)

Mats: Das ist dieser K.I.Z.-Move! (lacht)

minutenmusik: Vielen Dank für das Interview!

Leif: Vielen Dank dir!

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