Kollegah schlägt Fan auf der Bühne nieder – Ein Kommentar

Gangsta-Rap macht aggressiv, Gangsta-Rap ist frauenfeindlich, homophob und oben drauf asozial: Mit diesen heftigen Vorwürfen werden sämtliche Interpreten des deutschsprachigen Gangsta- und Battle-Raps schon seit den frühen 1990er-Jahren überhäuft. Bis heute spaltet die kontrovers-diskutierte Musikrichtung die Gemüter in Zwei. Kein Wunder also, dass die aktuellsten Geschehnisse rund um Gangsta-Rapper Kollegah (eigentlich Felix Antoine Blume) ein gefundenes Fressen für die Medien sind, denn nun lässt sich natürlich – mal wieder – am Einfachsten bestätigen: Gangsta-Rapper sind brutal. Und nicht nur – wie Kollegah und Kollabo-Kollege Farid Bang zu wissen scheinen – „Jung, brutal, gutaussehend“… Ein Kommentar von Redakteurin Anna.

Vorgeschichte.

Wir schreiben den 18. März 2017. Kollegah hat zum Auftakt seiner „Imperator Tour“ ins Leipziger Haus Auensee geladen. Die Stimmung kocht, die Fans freuen sich auf einen unvergesslichen Abend. Dass dieser Abend besonders einem Konzertbesucher noch lange im Gedächtnis bleiben soll, wird sich bald zeigen.

Zur Mitte des Konzerts hin werden aus dem Publikum zwei Freiwillige auserkoren, die auf der Bühne bei einem spontanen Rap-Battle gegeneinander antreten sollen. Während der erste Kandidat – sichtlich angetrunken – sämtliche Crew-Mitglieder Kollegahs per Handschlag begrüßt, erklimmt der zweite Auserwählte die Bühne und stellt sich – etwas schüchtern – neben Rapper Ali As, der Kollegah während seiner „Imperator Tour“ unterstützend zur Seite steht. Während Kollegah seinen DJ fragt, ob er einen Beat für die beiden Freiwilligen „am Start“ hätte, schnappt sich der angetrunkene erste Kandidat die Basecap von Ali As und setzt sich diese auf. Ali As nimmt es mit Humor. Um jedoch auch ein Accessoire vom Star des Abends, „dem Boss“, zu ergattern, schreitet der Fan nun auch auf Kollegah zu und greift nach seiner Sonnenbrille.

Doch das hätte er besser nicht getan: Der von dieser Aktion sichtlich erboste Kollegah erhebt sich und schubst den Fan schwungvoll von sich weg. Obwohl dieser ihm noch entschuldigend die Hand reichen will, tritt Kollegah dem Fan in den Bauch und haut ihm im Anschluss noch eine runter. Nun stürzt sich auch Kollegahs Crew auf den Fan, ehe die Security die Situation zu schlichten versucht und den am Boden liegenden Fan von der Bühne zieht. Autsch! Kollegah erkürt daraufhin den verbliebenen zweiten Kandidaten zum Battlesieger. Das Konzert wird fortgesetzt.

Eins kann an dieser Stelle also lobend festgehalten werden: Die Kritik, Kollegah habe bei seinem Konzert nicht richtig „reingehauen“, kann man dem Rapper wohl diesmal nicht vorhalten. Dank der Handy-Mitschnitte einiger Konzertbesucher, die auf sämtlichen sozialen Plattformen aus unterschiedlichsten Perspektiven gefilmt zu finden sind, habe auch ich mir mittlerweile die Szene mehrfach ansehen können und muss gestehen, dass sich der Rapper durch diese Aktion bei mir so einige Sympathiepunkte verspielt hat. Oh, oh, oh Kollegah, das war keine Glanzleistung von dir…

Im November letzten Jahres erst hatte Kollegah viel mediale Aufmerksamkeit erhalten: Enorme Zusprüche und viel positive Resonanz hagelte es für seine Berichterstattung über das palästinensische Autonomiegebiet, in welcher sich der Rapper durchaus ernst und betroffen über die dortigen Zustände zeigte ohne dabei den Nahost-Konflikt politisch zu kommentieren. Viele Rap-Kollegen – selbst Erzfeind Fler – hatten ihm hierfür, nicht zuletzt wegen Kollegahs großzügiger Spende in Form von Unterrichtsmaterial, großen Respekt gezollt. Auch ich war von dem Report durchaus begeistert.

Doch auch Negativschlagzeilen machten jüngst die Runde: Aufgrund des Vorwurfs des Zentralrats der Juden, Kollegah hege antisemitische Tendenzen, wurde der gebürtige Friedberger vom Hessentag ausgeladen. Dass ich diesen Vorwurf mehr als überspitzt und ungerechtfertigt halte, besonders, weil sich der Zentralrat auf angebliche Zitate Kollegahs warf, die per se einfach nicht von ihm, sondern Feature-Partner stammten, sei dahingestellt und soll an dieser Stelle auch nicht diskutiert werden. Nun schlägt er aber auch noch einen Fan auf der Bühne nieder. War die Ausladung also doch irgendwo gerechtfertigt?

Zumindest hatte Kollegah nur wenige Stunden vor der Show in Leipzig auf Facebook Folgendes gepostet:

Kollegah auf Facebook vor Leipzig-Auftritt.

Auch der Tour-Vlog aus Leipzig zeigt vor Beginn des Konzerts einen durchaus aufgedrehten Kollegah, der eine solide Grundaggressivität ausstrahlt. Natürlich kein Wunder, wenn er seit zwei Wochen nicht mehr, ihr wisst schon, … *Auberginensmiley*. Soweit, so gut, denn dass Rap von Provokation und einem gewissen Grad an Streitlust lebt, ist uns schließlich allen klar. Aber wo kämen wir Musikfans denn hin, wenn wir bei jedem Konzertbesuch unseres Lieblingsrappers Angst haben müssten auf der Bühne verprügelt zu werden?

Was ich sagen möchte: Körperliche Gewalt geht – egal wann, egal in welchem Maße und besonders auf der Bühne vor tausenden Zuschauern – überhaupt nicht. Besonders dann nicht, wenn es um so etwas Lächerliches wie eine Sonnenbrille geht. Ich schätze, in diesem Fall vertrete ich die Meinung der gesamten minutenmusik-Redaktion. Und auch die Tatsache, dass Kollegah sich vom Konzertpublikum für seinen handgreiflichen Ausraster hat feiern lassen und sich – nicht mal im Nachhinein – bei dem niedergestreckten Fan entschuldigt hat, ist schwach. Viel eher tritt er im Nachhinein noch einmal – zumindest sprichwörtlich gesprochen – auf ihn drauf: „Hater sei brav oder du fliegst von der Stage nach ’nem Schlag“, heißt es auf dem spontan aus dem Tourbus veröffentlichten Track „Voulez vous couchez avec MOIS“. Diese „Punchline“ bekommt bei Kollegah wohl ohnehin eine neue Bedeutung.

Obwohl sich Kollegahs Ausraster in keinster Weise beschönigen und entschuldigen lässt, so wäre es dennoch falsch, das aktuelle Ereignis auf dem gesamten (Gangsta)-Rap zu projizieren und erneut eine Diskussion zu eröffnen, wie aggressiv und gewalttätig Rap und seine Interpreten nun wirklich sind. So plump es auch klingen mag: Jeder hat mal einen schlechten Tag, so auch Kollegah. Jedoch sollte sich ein solcher Fehltritt nicht noch einmal wiederholen…

Obwohl sich der selbsternannte „Boss“ bis dato noch nicht öffentlich zu den Geschehnissen – es liegt immerhin bereits eine Anzeige wegen Körperverletzung gegen ihn vor und als ehemaliger Jura-Student sollte er wissen, dass es in solchen Fällen immer klüger ist zu schweigen – geäußert hat, lässt mich der Gedanke jedoch nicht los, dass Kollegah diesen Vorfall für Promotionzwecke inszeniert haben könnte: Schließlich war zum Tourstart (und ist es noch immer) keines seiner Konzerte ausverkauft gewesen, obwohl das letzte Album erfolgreich in die deutschen Charts eingestiegen war.

Nichtsdestotrotz: Die Aktion war bescheuert, lieber Felix und sollte besonders auf einer Konzertbühne nicht wieder vorkommen. Denn Gewalt gegenüber Fans gehört auch im Rap-Business nicht zum Geschäft und trägt nur dazu bei, dass Kritikern mehr Angriffsfläche geboten wird. Zumindest hast du noch immer deinen Lieblingsbanger Farid auf deiner Seite, der auf Facebook schrieb:

Farid auf Facebook über Kollegahs Ausraster.

Es bleibt also zu hoffen, dass es bei diesem einen (Faust-)Ausrutscher bleibt.

Zum Schluss übrigens noch einen kleinen Fun-Fact am Rande: Kollegah hat bei dem zweiten Konzert seiner Tour am Sonntag die Sonnenbrille dem Gewinner des Rap-Battles von München geschenkt. Welch Ironie…

Hier seht ihr ein Video des Vorfalles aus einer Perspektive:

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