Stick To Your Guns, Essigfabrik Köln, 10.12.2017

Stick To Your Guns, Essigfabrik Koeln, 10.12.2017

Im Hardcore-Bereich gehören Stick To Your Guns um Allround-Talent Jesse Barnett wohl zu den bekanntesten und einflussreichsten Künstlern des Genres. Kein Wunder – kaum eine Band schafft es auf solch überzeugende Weise krachende Breakdowns mit hymnischen Refrains, die fast schon Stadioncharakter haben, zu vermischen. So sollte es auch keinen überrascht haben, als das aktuelle Album der Amerikaner in die Top-20 der Charts einstieg und dass nun der Großteil der zum Album, das den Titel „True View” trägt, gehörigen Tour ausverkauft war. Da der Vorverkauf für den Tourabschluss in der eher mäßigen Kölner Essigfabrik derart gut lief, beschloss man deshalb gleich zwei Shows hintereinander in der alten Industriehalle am Deutzer Rheinufer zu spielen. Am 10.12. luden nun ein stimmlich angeschlagener Jesse Barnett und Kollegen in ebendiese ausverkaufte Halle ein, um gemeinsam mit 1200 Zuschauern und den Genre-Freunden First Blood, Silent Planet und Being As An Ocean den Erfolg seines neuen Albums zu feiern.

Nachdem First Blood mit ihrem eher stumpfen Draufhau-Hardcore-Punk für erste kleinere Circle-Pits und Two-Stepper gesorgt hatten, blieb es bei den Los Angelern von Silent Planet verhältnismäßig still im Publikum. Kaum einer schien die Band um den barfüßigen Frontman Garrett Russell zu kennen und würdigen. Schade, machte das Quartett seine Sache zwischen Ping-Pong-Ausbrüchen, Spoken-Word-Vocals, vereinzelten sehr melodischen Clean-Passagen und massig Laut-Leise-Kontrasten echt gut. Vor allem Bassist Thomas Freckleton und bereits erwähnter Sänger fielen durch ihre sehr energetische Performance auf. Being As An Ocean packten darauf atmosphärischere und ruhigere Töne aus und tränkten ihren Melodic-Hardcore immer wieder mit elektronischen Drum- und Stimm-Samples. Das kam beim Großteil des Publikums auch gut an, obwohl die Band vor allem Songs ihres im September erschienen Albums „Waiting for the Morning to Come“, das sich deutlich experimenteller als noch die Vorgänger gibt, darbot.

Ein sehr kleiner Teil des Publikums schien das leider nicht akzeptieren zu wollen. Wie konnte es auch anders kommen, als das auch eine Handvoll Idioten ihren Weg in die Location fanden, wenn die wohl größte Hardcore-Band zu einer Show einlud. Wenn euch der Auftritt einer Band nicht gefällt, dann verlasst doch bitte den Raum. Allen anderen Anwesenden mit nervtötendem Gelaber, Stinkefinger-Gezeige und absolut unpassenden Geschlechtsakt-Imitationen den durchaus gelungenen Auftritt einer Band zu versauen, muss doch nicht sein. Vor allem letzteres absolut machohaftes Gehabe hat auf einer Hardcore-Show, bei der immer und immer wieder Toleranz und Akzeptanz gepredigt wird, absolut nichts zu suchen.

Als Stick To Your Guns dann endlich die Bühne der proppenvollen Halle betraten, war dieser Ärger aber schnell wieder verflogen. Das Quintett legte eine derartige Energie an den Tag, dass man im Laufe des gut 50-minütigen Sets kaum wusste, wohin man denn nun schauen sollte und immer wieder Angst hatte etwas verpasst zu haben. Durch den Fakt, dass ab Sekunde Eins an Massen an Stagedivern die Bühne fluteten, wurde dies natürlich ebenfalls erschwert und begünstigte, dass das Konzert eher als kollektives Durcheinander, als ein gewöhnlicher Gig aufgenommen wurde – Hardcore-Show eben!

Im Mittelpunkt dieser stand jedoch vor allem Barnett, der in einigen längeren Ansagen durch den Abend leitete. Eindruck hinterließ vor allem die Aussage, dass das was zähle viel größer sei, als die Party, die an diesem Abend abginge, viel weiter greife als seine Band und ihre Musik – was zähle sei die Message, die mit Hardcore – mit ihrer Kunstform – vermittelt wird. Schade, dass das vor allem in der Beatdown-Szene oft vergessen wird und es bei Konzerten nur darum geht sich möglichst aggressiv die Köpfe einzutreten. Hier sollte viele sich mal ein Stückchen Jesse Bernett abschneiden. Das Publikum fraß dem mittlerweile kahlköpfigen Amerikaner aus der Hand und ließ sich auch nicht die Laune verderben, als dieser nach bereits 45 Minuten ankündigte, dass der Auftritt zwei Songs später schon vorbei sei, weil er an einer Halsentzündung leide. Also hieß es noch einmal kollektiv ausrasten, abfeiern und die eingängigen Refrains des Quintettes mitsingen, bevor sich die gekommenen Besucher in den winterlichen Sturm, der mittlerweile über der Stadt tobte, und auf ihren Heimweg begeben mussten. Wer das noch nicht wollte, konnte sich noch eine gefühlte Ewigkeit an der Garderoben-Schlange der Essigfabrik anstellen und wartet bestimmt noch immer dort, wenn am Tag darauf Barnett und Co erneut die Bühne dieser so, Achtung Ironie, tollen Halle unsicher machen. Das wäre ja auch überhaupt nicht schlimm – dann sieht man eben drei der besten Bands des Genres einfach noch einmal.

„True View” erschien am 13.10.2017 über End Hits Records und kann hier gekauft* werden.

Und so hört sich das an:

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Being As An Ocean: Facebook / Twitter / Instagram

Silent Planet: Website / Facebook / Twitter / Instagram

First Blood: Facebook / Twitter / Instagram

Foto von Jonas Horn.

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