Berlin Skandalös, Oper Dortmund, 22.10.2021

Berlin hat stets eine faszinierende Wirkung, die auch gern in der Film- und Theaterlandschaft verarbeitet wird. Geschichtlich betrachtet gibt es wohl nur wenige Städte in der gesamten Welt, die dermaßen viel mitmachen und einem derartig permanenten Wandel unterliegen mussten. Auch in der Musicalszene scheint Berlin aktuell ziemlich en vogue zu sein. „Berlin Berlin“ erlebte erst kurz vor dem ersten Lockdown seine Premiere in der berühmtberüchtigten deutschen Hauptstadt, „Ku’damm 56“ folgt ebendort in wenigen Wochen. Doch schon in den 60ern am New Yorker Broadway rückte die Metropole ins Zentrum des Geschehens mit dem Stück „Cabaret“. Das sollte in diesem Jahr zurück auf die Bühnen der Oper Dortmund kehren, wurde aber um ein Jahr verschoben.

Warum, liegt auf der Hand. Es ist gar nicht so lang her, da war noch nicht einmal klar, wann die Pforten diverser Theater und Konzerthallen wieder öffnen werden. Doch mittlerweile scheint sich Stück für Stück im schleichenden, aber immerhin vorangehenden Tempo alles ein wenig zu normalisieren. Auch das Theater Dortmund mit seinem dazugehörigen Opernhaus ist seit knapp zwei Monaten wieder bereit, um das Publikum zu entzücken. Sicher davon ausgehen, konnte man jedoch nicht. So wurde „Cabaret“, das wohl besonders durch die Verfilmung mit Liza Minnelli vielen im Ohr wie im Gedächtnis geblieben sein sollte, zwar weit oben auf die To Do für die neue Spielzeit gepackt, aber kurzerhand doch besser auf 2022/23 verschoben. Zu groß die Gefahr, man könne es nicht so umsetzen, wie man es denn wolle. Doch Gil Mehmert, der bereits mehrfach Musicals in der Oper Dortmund inszenieren konnte und damit gehäuft Kritiker*innen wie Zuschauer*innen zu begeistern wusste, möchte kein ganzes Jahr warten. Stattdessen wagt er sich an eine ganz eigene Show, die eine Art Interlude zu „Cabaret“ darstellt. Berlin Skandalös feiert am 22.10. Premiere und kann bis in den April hinein besucht werden.

…, was im Übrigen auch äußerst empfehlenswert ist. Mehmert hat einige Asse im Ärmel und scheint das Publikum gut zu kennen. Einerseits wird in dem 90minütigen Stück, das ohne Pause auskommt, mehr Theater gezeigt als in typischen Musicalproduktionen, andererseits aber auch ein wenig mit Konventionen gebrochen. Berlin Skandalös setzt eher nebenbei auf eine durchgängige Story, die permanent nachverfolgt werden muss, sondern viel mehr auf Ästhetik. Hat man sich einmal damit angefreundet, ein wenig gedanklich sortiert und die Erwartung von einem klassischen Musical über Bord geworfen, kann man als Zuschauer*in eigentlich nur noch gewinnen.

Denn besonders zwei Stärken machen den Besuch in der Revue aus: sensationell gute Darsteller*innen und ein prägnantes Bühnenbild. Beides kann vom ersten bis zum letzten Szenenbild begeistern, besitzt keinerlei Längen oder gar Aussetzer. Wobei… mit der Tontechnik hapert es leider bei der ersten Aufführung an einigen Ecken, sodass ein paar nicht von der handzuweisende Mikrofonfehler passieren. Aber Technik ist eben etwas, bei dem gerne mal der Wurm drin ist und was man am ehesten verschmerzen kann. Ganz besonders, wenn der Rest einfach stimmt.

Revue statt Musical bedeutet konkret, dass Mehmert mit seinem 13-köpfigen Ensemble gleich 30 Songs in gerade einmal anderthalb Stunden durchpeitscht, dazwischen eher kurze Spielszenen einfügt und dem Publikum oftmals nicht eine Pause für Applaus lässt, geschweige denn geschlossene Vorhänge oder Setwechsel. Genau das macht aber Berlin Skandalös besonders schwungvoll, kurzweilig und mitreißend, dass jede gesungene Zeile direkt mit einem neuen Titel oder gesprochenen Dialog angeschlossen wird. Nach guten 20 Minuten ist man derartig im Soggefühl des Stücks drin, dass man sich nur schwer wieder entziehen kann.

Die Besetzung kann kaum positiv genug hervorgehoben werden. Sowohl Bettina Mönch als laszive Lady Starlet versprüht Sexappeal und ist tonal immer voll auf dem Ton. Viele Szenen kann sie durch ihre bloße Präsenz und Tanzeinlagen für sich beanspruchen. Ähnlich gut ist die Besetzung mit Angelika Milster als Granddame Diva, die mit ihren 70 Jahren immer noch auf die Bühne gehört, viel Ausstrahlung besitzt und diesen Hauch ihrer ewigen Rolle Grizabella aus „Cats“ inneträgt. Absolutes Highlight ist jedoch die wirklich überragende Performance von Jörn-Felix Alt als Gigolo, der tänzerisch, schauspielerisch, gesanglich und optisch das volle Register bedient und so on point ist, dass es sich allein für ihn lohnt, ein Ticket zu kaufen. Auch sein 20s-Dialekt ist einfach fantastisch.

Ein wenig unnötig allerdings ist die tragende Werbeperson Anton Zetterholm. Die kleine Figur Crooner, die von ihm in der Premiere verkörpert wird, hat zwar zweifelsohne eine gewisse Faszination und stellt einen schönen, glatten, schmierigen Gegenentwurf zum Dirty Berlin der restlichen Personen dar, ist aber nicht mehr als ein Gimmick. Zetterholm, der wohl vielen als erster Tarzan im gleichnamigen Musical in Erinnerung sein wird, macht gesanglich alles richtig, ist jedoch final nicht mehr als ein Cameo. Keine 15 Minuten Spielzeit gehören ihm, in denen er zusätzlich sogar nur singt und nicht spricht. In jener Rolle wird es in zukünftigen Aufführungen auch noch Alexander Klaws („Tarzan“, „Tanz der Vampire“, „Jesus Christ Superstar“), David Jakobs („Ku’damm 56“, „Jesus Christ Superstar“) und Mark Seibert („Mozart!“, „Elisabeth“) alternierend zu sehen geben. Fans der jeweiligen Darsteller werden selbstredend die passenden Vorstellungen besuchen, sollten aber ihre Erwartungen etwas herunterschrauben. Stört nicht, macht aber auch nur einen Hauch der Qualität des Stücks aus.

Musikalisch bewegt sich Berlin Skandalös zwischen international bekannten Kompositionen von Gershwin, Bühnenszene-Classics aus „Es liegt in der Luft“ oder „Eine Frau, die weiß, was sie will“ und deutschen Urschlagern von Friedrich Hollaender oder Robert Gilbert. Die Songs halten die Geschichte im Zaum, erzählen Gefühlswelten und ergeben schließlich ein schickes, großes Ganzes. Dabei schreckt Mehmert mit seiner Inszenierung auch nicht vor Diversität und Sexualität zurück, sodass wie wild jede*r mit jede*r rummacht, gern auch mal zu dritt. Da wäre womöglich noch ein Hauch mehr gegangen, aber auch schon so liegt ein betörender Hauch Verruchtheit in der Luft.

Nicht zuletzt ist das Bühnenbild abwechslungsreich, bunt, grell und stilvoll. Hauptaugenmerk ist ein überdimensionales Klavier, das leicht nach vorne gekippt wurde und als eine Art Bühne auf der Bühne dient. Eine Bühne, die für unzählige Stepp- und Showtanzelemente auch benötigt wird. Wie und wann sich fliegende Fahrräder, rotblinkende Hakenkreuze, Schnee und Ratten dazugesellen, sollte aber jede*r selbst herausfinden.

Berlin Skandalös ist wesentlich mehr als ein Ersatz für „Cabaret“ und womöglich schon jetzt das bessere Stück der Beiden. Im Gesang, Tanz und Schauspiel hochkarätig, in der Erzählweise eigenwillig, im Grundton mutig, sexy und politisch. Kein Mainstream, aber für die geneigten Zuschauer*innen mit Interesse an dem besonderen Etwas in den nächsten Monaten ein klares Muss.

Und so sieht das aus:

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Die Rechte fürs Bild liegen bei BJÖRN HICKMANN / OPER DORTMUND.

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