We Three – She Left For America

We Three_She Left For America

Triggerwarnung: In dieser Review werden Themen wie Depressionen, Suizidgedanken und mentale Gesundheit thematisiert.

Es sind Songs, die schmerzhaft daherkommen, die teilweise richtig wehtun, und Themen, die viel zu oft schöngeredet oder übergangen werden. Seit 2018 machen Manny, Bethany und Joshua Humlie als Trio We Three Musik, auf die genau das zutrifft. Angefangen bei der Castingshow America’s Got Talent haben sich die Geschwister schnell einen Namen mit verletzlichen Songs gemacht, die oft Tabuthemen und mentale Gesundheit adressieren und gleichzeitig lebensbejahend sind. Mit „She Left For America“ hat die Band ihr fünftes Studioalbum veröffentlicht, erstmals in Eigenregie.

Living this record was the hardest part, making it was the most healing part”, schrieben We Three kurz vor Veröffentlichung ihres neuen Langspielers und gaben damit direkt den Ton des Albums vor: schonungslose Ehrlichkeit, die sich auf jegliche Lebenserfahrungen bezieht und die drei Geschwister verletzlicher denn je zeigt. Das wird direkt beim ersten Song „New Zealand“ deutlich. Getarnt als Up-Beat-Track geht es um einen Menschen, der an einer Beziehung zerbricht und erst im Nachhinein merkt, wie tief die Liebe wirklich war („I had to hate her to know I loved her I hate that that’s what makes me a man“). Textzeilen wie „And my sister found me bleeding seventh floor, room 22” deuten dabei sogar auf einen Suizidversuch hin und verdeutlichen den Teufelskreis zwischen Liebe und Schmerz. Instrumental wird dieser vor allem im letzten Chorus perfekt eingefangen, wenn die Instrumente reduziert und die eindringlichen Vocals in den Vordergrund gerückt werden.

Ähnliche Bilder werden auch in „Cannibals“ eingefangen. Der Song sticht zunächst vor allem durch sein harmonisches und melodisches Intro hervor. Eigentlich geht es jedoch um eine intensive Liebesbeziehung, die gleichzeitig guttut und furchtbar ungesund ist. Die Liebe scheint hier fast schon identitätsauflösend. Ganz anders kommt hingegen „Boyfriend“ daher, das wie eine Liebeserklärung von jemandem klingt, der eigentlich Probleme mit Nähe und Verbindlichkeit hat. Gerade der darin eingefangene 80s-Vibe und die leicht freche, rotzige Art, mit der Manny den Song singt, lassen ihn besonders hervorstechen.

Stimmlich glänzen Manny und auch Bethany im Backgroundgesang abermals über alle Maße. Insbesondere Manny besitzt ein enormes Talent dafür, Gefühle und Emotionen in die Lyrics zu legen und immer genau die passende Akzentuierung für einen Song zu finden. Man durchlebt mit ihm jede Emotion und, viel wichtiger, man glaubt ihm jede einzelne Textzeile. Die Harmonien zwischen den Geschwistern sind dabei immer wieder etwas ganz Besonderes. Speziell bei „Distance“ wird das noch einmal deutlich. Ein Song, der sich in viele Richtungen interpretieren lässt, den Manny laut eigener Aussage aber vor allem für alle Mamas geschrieben hat, die sich nach einer Geburt erst einmal von all den Veränderungen überwältigt fühlen. Als kleines i-Tüpfelchen wird hier sogar „New Zealand“ noch einmal referiert: „Some people think it’s only love when they’re close. But I’ll love you from New Zealand”.

Wie bereits auf anderen We Three Alben spielt auch das Thema Depressionen eine zentrale Rolle. Im Song „Jacket“ wird dieses grandios aufbereitet. Sowohl lyrisch („Living’s just to feel regret. And screaming at my fucking shower head”) als auch instrumental ist die Verzweiflung jederzeit spürbar. Ein Kreislauf aus Sucht, Selbstzerstörung und dem Versuch, überhaupt noch etwas zu fühlen. Seinen Höhepunkt erreicht das Ganze im Outro, in dem alles bewusst konfus klingt, sinnbildlich für die wirren Gedanken im Kopf. Besonders stark gewählt sind hier die Metaphern: die Regenjacke und Schmerzmittel als Coping-Mechanismen, die helfen sollen („Pain killers never seem to kill the pain. And rain jackets never seem to stop the rain“).

Einen Schritt weiter geht „Drunk Driving“. Neben „Jacket“ der wahrscheinlich stärkste Song des Albums. Und das, obwohl We Three via Instagram bekannt gaben, dass der Track eigentlich nie für die Öffentlichkeit gedacht gewesen sei. Das Lied ist düster und so schonungslos ehrlich, dass es zeitweise beim Zuhören wirklich wehtut. Es erzählt von einem Moment mitten im Absturz, in dem Alkohol als Betäubung dient und die Suizidgedanken alles einnehmen („If there’s a God, could maybe Jesus take the wheel?. ‚Cause I’m looking for a bridge or just another way to feel”). Stimmlich wirkt der Song unfassbar einnehmend und radikal. Es braucht viel Mut, Zeilen wie diese auf Papier zu bringen und sie einzusingen. Chapeau dafür, dass We Three davor keinen Halt machen und der gesamten Thematik damit eine Stimme geben.

Aufgegriffen wird das auch im Song „Dear Diary“, in dem das Tagebuch als Ventil dargestellt wird. Es liefert allerdings keine Antworten auf das Leben und wird dadurch sinnbildlich als verzweifelter Versuch gewertet, sich selbst zu verstehen.

Dass es nicht immer die schmerzhaften, schweren Tracks sein müssen, beweisen We Three mit Songs wie „Jovie Jean“. Den Song schrieb Manny für seine Tochter, die sein gesamtes Verständnis von Liebe verändert hat. Auch „Love who you love“ ist schön inszeniert und trägt die Message bereits im Titel: Liebe ergibt nicht immer Sinn, man soll lieben, wen man lieben möchte („‘Cause there isn’t just one way to love somebody right“).

Gerade weil We Three in ihren Songs unfassbar kreativ sind und sich gefühlt immer wieder neu erfinden, gibt es allerdings auch einige Songs auf dem Album, die komplett untergehen. „I’m Yours“ ist einer davon. Der kürzeste Track des Albums bleibt vielleicht gerade deshalb nicht wirklich hängen. Vielleicht aber auch, weil das Thema einer Liebe, der man sich vollkommen verschreibt, in Songs wie „Cannibals“ deutlich eindringlicher aufgearbeitet wurde. Auch „Poster“ und „Love Is A Thing“ gehen im Gesamtbild unter.

Nichtsdestotrotz haben We Three mit „She Left For America” ein grandioses Werk geschaffen. Das Album strotzt nur so vor Tiefsinnigkeit und emotionalen Momenten. Die Ehrlichkeit, mit der die Geschwister schwierige Themen aufgreifen, ist bewundernswert, die kreativen Ansätze sind fantastisch. We Three haben in der Vergangenheit bereits mehrfach durchblicken lassen, dass frühere Labels ihre Art des Storytellings nicht mögen. Der Schritt in die Selbstständigkeit war dahingehend genau richtig. Wir brauchen Musik, die Themen rund um mentale Gesundheit, Ängste und dunkle Gedanken ernst nimmt und ihnen Raum gibt. We Three gelingt genau das auf bemerkenswerte Weise, ohne dabei jemals die kleinen Lichtblicke zu vergessen. Besonders gelobt werden sollte dabei noch einmal Mannys Stimme, von der diese Musik lebt. Genau so sollte Songwriting funktionieren!

Und so hört sich das an:

Website / Spotify / Instagram / YouTube

Die Rechte des Covers liegen bei We Three.

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