Peaches, Live Music Hall Köln, 28.04.2026

peaches köln live music hall

Dass Frauen im Musikbusiness Sex und Feminismus lyrisch wie showtechnisch thematisieren, ist mittlerweile absoluter Standard. Natürlich gibt es das auch schon immer in subtiler Form, aber wirklich radikal und in your face ist es erst vor wenigen Jahren so wirklich im Mainstream gelandet. Als Peaches 2000 ihr Debütalbum „The Teaches of Peaches“ unter ihrem Künstlerinnennamen droppt, ist die Kritik begeistert – und der Underground. Doch im April 2026 bekommt Peaches endlich die breite Aufmerksamkeit und Anerkennung, die sie verdient.

Ihre Kooperationen mit Daft Punk, Pink oder Iggy Pop sind beachtlich. Die Nutzung ihrer Songs in renommierten Filmen wie „Lost in Translation“, aber auch deutschen Kultstreifen wie „Feuchtgebiete“ zeigt, dass sie für etwas sehr Eigenwilliges steht. Immer wieder definiert sie sich neu, macht zum Beispiel aus „Jesus Christ Superstar“ eine One-Woman-Inszenierung. Passt nicht ins Bild? Doch, denn alles und gar nichts passt ins Bild. Peaches ist PETA-Sympathisantin, Peaches bricht mit Rollenklischees, ist genderfluid und nie eindeutig in ihrer Sexualität. All die Dinge, über die medial mittlerweile sehr viel häufiger geredet wird, nämlich dass vieles sich auf einer Skala bewegt und selten A oder B ist und dass Körper nicht dafür da sind, permanent sexualisiert zu werden, Frauen immer selbstbestimmt handeln dürfen und genauso offensiv horny und kinky sein können wie Männer – ja, das weiß Peaches wirklich alles schon arg lange. Allein dahingehend sei ihr zu danken, dass man aus einem zunächst als klein scheinenden Kosmos mit Ehrgeiz, Haltung und Kohärenz irgendwann ziemlich viel im Großen bewegen kann. Nein, das ist nicht alles ihr Verdienst, aber eben unter anderem auch ihr Verdienst.

Auf ihrer Tour zum im Februar erschienenen sechsten Studioalbum No Lube So Rude – übrigens das erste seit zehneinhalb Jahren – hält die Wahl-Berlinerin acht Mal auch in der DACH-Region. Der Köln-Stopp ist am 28.4., einem Dienstag, der zweite. Vorher gab es aber schon fast 30 Shows in Nordamerika plus fast zwei Hände voll in England, Irland, Belgien und der Niederlande. Der Gig in der Live Music Hall ist nicht ausverkauft, aber geschätzt definitiv zu mindestens drei Viertel voll. Das Publikum ist äußerst divers. Ähnlich wie die fast 60-jährige Künstlerin, die heute auftritt, ist auch ein Teil der punkig-queeren Crowd mit ihr älter geworden, gleichzeitig zieht sie aber weiterhin junge, woke Fans an, wovon manche sich ordentlich Mühe bei der Outfitwahl gegeben haben. Die Stimmung ist super entspannt, ins Plaudern zu kommen fällt hier enorm leicht.

Bevor die in Toronto als Merrill Beth Nisker geborene Künstlerin um 21 Uhr für etwas mehr als 90 Minuten viel Unerwartetes tut, darf Lynks Köln in Stimmung bringen. Kann man viel zu oft nicht nachvollziehen, warum manche Acts einen Support auf den jeweiligen Konzerten spielen, ist Lynks wiederum genau die richtige Wahl und komplett naheliegend. Der Londoner Undergroundkünstler ist stets maskiert. Niemand weiß so wirklich, wer er ist. Nach einigen ungewollt witzigen Technikproblemen direkt zum Start gibt er jedoch richtig Gas und zeigt eine wilde Vorstellung zwischen powervollen Tanzeinlagen, freizügigen Outfits, queerem Acting und knalligen, modernen Techno-Beats. Mehrfach gibt es bekannte Samples wie „Meet Her At The Love Parade“ von Da Hool oder „SexyBack“ von Justin Timberlake und dazwischen Sprechgesang, aber auch sympathische Interaktion mit der Crowd. Das ist genau das Package, was es braucht, um auf das vorzubereiten, was danach kommt.

Der Aufbau für den Mainact auf der Bühne, ist erwähnenswert. Es gibt exakt – nichts. Einfach eine leere Bühne. Ok, nicht ganz. Links und rechts steht je ein bewegliches Gerüst mit zwei, drei montierten Spots, aber mehr gibt es wirklich nicht. Doch in den anderthalb Stunden geschehen Dinge, bei denen es sich lohnt, nicht all zu viel vorher zu wissen. Peaches spielt eben kein klassisches Konzert. Es ist ganz klar eine Performance. Ja, den Begriff benutzen sehr viele sehr oft sehr inflationär, aber hier stimmt es wirklich. Gleich mehrere Nummern wirken wie ein Gathering in einem Museum für moderne Kunst. Überhaupt nicht greifbar, dafür ordentlich verwirrend, vielleicht auch mal kurzzeitig verstörend, aber am Ende dann doch ganz schön geil beeindruckend.

Es gibt eigentlich nur ein einziges Problem: Irgendwie muss man mit der Musik klarkommen. Klingt jetzt seltsam, aber tatsächlich ist die Musik ein fast schon nebensächlicher Part während der No Lube So Rude-Show. Auf gar keinen Fall könnte sie wegfallen. Die Lyrics sind wichtig, die wummernden Beats unglaublich elektrisierend. Aber trotzdem ist die Musik in Gänze nicht das, weswegen man für dieses Konzert ein Ticket gekauft hat. Auch auf der sechsten LP macht es Peaches einem nämlich nicht leicht und verzichtet bis auf wenige Ausnahmen auf Melodien oder dramaturgische Aufbauten. Alles ist irgendwie ein großer Klumpatsch aus expliziten Texten mit manchmal auch sehr direkten Aussagen, kombiniert mit elektronischen Spielereien. Electroclash – das Genre, in dem sie sich bewegt – besitzt eben üppige Teile aus dem Punk, New Wave, Rock und Electro, möchte dabei aber nicht wohltuend ins Ohr gehen und gefallen. Deal with it!

Schafft man es also, die Musik eher als treibendes Element anzunehmen und den Gig ganzheitlich zu betrachten, erlebt man eine intensive Zeit, die einen Sog entwickelt. In einer Art Neandertalerkostüm betritt Peaches die Bühne und startet mit „Hanging Titties“. Ja, hier wird gar nicht lang gefackelt, hier geht man direkt rein. Am Ende spuckt sie einen mit einer stark gesungenen Interpretation von „People“, das man besonders durch Barbra Streisand und dem Musical „Funny Girl“ kennt, broadway-like wieder aus. Einmal die gesamte Klaviatur an Drama, Exzesse und Exaltiertheit, die man in rund 90 Minuten eben so bieten kann.

Mit vier Tänzer*innen, die sie umgeben, entstehen alle paar Minuten neue Bilder, die einfach etwas sehr Ästhetisches, aber auch Skurriles und Anstößiges innehaben. Immer wieder ertappt man sich dabei, kurz das Gefühl zu haben, dass alles irgendwie oll und arg ist, aber gleichzeitig sieht man immer etwas Fesselndes, fast schon etwas Schönes und Verletzliches. Beispielsweise wenn Peaches bei „Light in Places“ fast komplett nackt – sie ist nur von haarigen Nipplepads und einer Strumpfhose bedeckt, auf der im Schambereich und auch hinten am Po ein paar Kunsthaare kleben – auf einem Podest steht, emotional brüllt, Messages raushaut und um sie herum Stroboskoplichter gefahren werden. In anderen Momenten wie „Vaginoplasty“ tragen ihre Tänzer*innen Kopfbedeckungen mit großen Plüsch-Vaginen oder zu „Dick in the Air“ Unterhosen, aus denen Fake-Penisse hängen. Wirkt albern, ist aber natürlich im Kontext immer eine Umkehr von: Leute, wo ist das Problem, dass Menschen einen Penis, eine Vagina oder whatever unter ihren Hosen besitzen?

Nichts funktioniert, wenn man es von zuhause auf der Couch konsumiert oder sich nur ein paar Sekunden auf dem Handy reinzieht. Ist man aber vor Ort, kickt das schon derbe. Da werden einfach mal dicke Metallketten fast eine Minute lang um den Hals geschleudert, sodass man schon Angst haben muss, sie trifft sich gleich selbst im Gesicht und verletzt sich. Bei „AA XXX“ täuscht sie gar vor, ihren Hals nicht mehr bewegen zu können, wird von der Bühne abgeholt – um dann aber nur kurze Zeit später zu „Operate“ zurückzukommen und ihren eigenen Kopf in Puppenform umherzutragen. Ein kleines bisschen Horrorshow ist also auch dabei.

Doch Peaches bleibt weiterhin konstant in Interaktion mit ihren Fans. Sowieso würde dieses Konzert nicht funktionieren, wenn die Crowd nicht mit ihr vibed. Kunstperformances leben eben immer auch von Reaktion und sind nie allein nur Aktion. Während „I Mean Something“ kämpft sie sich über die Schultern des Publikums. Liebevoll wird sie im wahrsten Sinne auf Händen getragen, um am Front of House zu landen und dort weiterzuperformen. Zu „Grip“ läuft sie durch den gesamten Innenraum, um an unterschiedlichen Hotspots zu dancen. Melodischer Gesang und Fragilität – schließlich kann Empowerment auch nur mit Gegenpolen wie Zerbrechlichkeit existieren – folgen dann zu „Take It“, wenn gleichzeitig aus dem riesigen PVC-Monster, das sich hinter ihr auf der Bühne befindet, die Luft entweicht. Ihren größten Hit „Fuck The Pain Away“ hat sie heute im Duett mit Support Lynks dabei. Auf der 24-Tracks umfassenden Setlist wird also nichts vergessen.

Ein völlig wilder Ritt, der schwer in Worte zu fassen ist, weil einfach äußerst viel passiert. Man muss etwas loslassen, sich von Konventionen befreien. Sonst wird das nix. Kriegt man aber das hin, erlebt man einen ganz besonderen Abend zwischen Konzert, Kunsteinlage, Peepshow, Rebellion und Progessivität, die viele probieren nachzumachen, aber zumindest an der Authentizität von Peaches wohl nur schwer heranreichen werden.

Weitere Termine:
30.4. Zoom, Frankfurt
02.5. Donaufestival, Krems an der Donau (AT)
05.5. Astra, Berlin
06.5. Astra, Berlin
12.6. About Pop, Stuttgart
24.6. Kulturzentrum, Bremen

Und so hört sich das an:

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Foto von Christopher Filipecki

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