On The Town, Theater Duisburg, 25.04.2026

on the town duisburg

Na, wie viele Musicals aus der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts kennt ihr? Ja, man muss schon vom Fach sein, um überhaupt welche nennen zu können. Das heißt nicht, dass es da noch keine gab, sondern eben, dass nur die wenigsten dermaßen alten Schätzchen das Rad der Zeit überstanden haben. Ab den 1920s werden Musicals im heutigen Sinne populär, die erste Hochphase ist dann in den 40s. Doch in den fast 100 Jahren hat sich die Art zu komponieren, aber auch Storys zu schreiben derartig verändert, dass sich viele Häuser nicht so häufig an die Oldies herantrauen, weil man einfach nicht weiß, ob genügend Besucher*innen kommen. Im Theater Duisburg, das gemeinsam mit Düsseldorf die Deutsche Oper am Rhein bildet, läuft nun On The Town – und das hatte seine Uraufführung tatsächlich 1944.

Funfact: Wenn man ChatGPT sagt, es soll Musicals von vor 1950 nennen, spuckt es in der ersten Rutsche nicht On The Town aus. Und auch die Spielpläne diverser deutscher Häuser zeigen meistens wenn „Kiss Me, Kate“, „Annie Get Your Gun“ oder mit etwas Glück „Oklahoma!“. Letztes ist sogar das älteste Musical, das es in die Bestenliste am Broadway schafft. Mit über 3300 Aufführungen belegt es gegenwärtig Platz 24 der meisten Vorstellungen aller Zeiten. „West Side Story“, das zumindest hierzulande sehr viel bekannter ist und erst kürzlich eine erfolgreiche Neuverfilmung durch Spielberg bekam, schafft mit etwas mehr als 2100 Aufführungen in New York nur Platz 47. Doch Leonard Bernsteins Meilenstein der Musiktheatergeschichte ist zwar sein bekanntestes, aber nicht sein einziges und auch nicht sein erstes Musical.

Schon 1944 im Alter von 26 Jahren komponiert er On The Town, das zumindest im Laufe der Jahrzehnte in Vergessenheit geriet. Dabei ist besonders der fünf Jahre später veröffentlichte Film „Heut‘ gehn wir bummeln“ – so würde er niemals heute übersetzt heißen – mit Gene Kelly und Frank Sinatra (!) in den Hauptrollen ein großer Erfolg und gilt als Hollywood-Classic. Irgendwie hat’s für das Bühnenstück dann doch nicht nachhaltig funktioniert. Umso schöner, dass ein renommiertes Theater mal ein bisschen im Œuvre des umfangreichen Genres herumsucht und sagt: Jo, das machen wir jetzt mal!

Am 25.4., einem Samstag, ist es ziemlich voll. Zwar meldet die Vorstellung nicht komplett ausverkauft, aber freie Plätze muss man schon etwas genauer suchen. Dass On The Town jetzt nicht das ist, wonach die Fan-Bubble regelmäßig sucht, merkt man auch im Publikum, das doch überwiegend eher klassisches Theater-, bestimmt sogar Opernpublikum ist. Doch das Bernstein Musicaldebüt – andere Stücke aus der Kammer- und Klaviermusik schrieb er schon früher – darf ruhig mehr Aufmerksamkeit bekommen. In der Kombi mit Betty Comden und Adolph Green, die Liedtexte und Libretto schrieben und später auch fürs Drehbuch von „Singin‘ in the Rain“ verantwortlich waren, gelingt ein charmant-witziges und gut gealtertes Musical, das insbesondere durch seine anspruchsvollen Songs und Choreos auffällt.

Ein wenig Story gefällig? Los geht’s: New York, 1944, 6 Uhr morgens. Die Matrosen Gabey, Chip und Ozzie haben 24 Stunden Landgang und sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie sie sie verbringen wollen. Sightseeing? Bars? Frauen? Am besten alles gleichzeitig. Schon in der U-Bahn, die sie vom Hafen ins Zentrum transportiert, stolpert Gabey über das Plakat der „Miss U-Bahn des Monats Juni“ (bitte lasst uns wissen, ob’s die Auszeichnung wirklich gab!) und ist head over heels in love. Ivy heißt die Frau der Begierde – doch wo ist sie wohl nur? Mit Chip und Ozzie im Schlepptau geht es also querbeet durch die Stadt, die niemals schläft. Alle Drei machen teils gemeinsam, teils allein absurde Begegnungen und erleben einen Tag, den sie ganz sicher nicht mehr vergessen.

Das klingt nicht nur old-fashioned, das ist es auch. Bis auf ganz wenige Gags probiert das Theater Duisburg nicht, die Story in ein unpassendes Gegenwartskostüm zu zwängen. Stattdessen versprüht die Geschichte das Feeling, was man auch 2026 noch von New York hat: Eine Stadt, in der alles möglich ist. In der man nicht weiß, was sie für einen bereithält. Die drei Matrosen glauben an Glück und Liebe, sind dabei glücklicherweise nur selten offensiv sexistisch – das meinten wir vorhin mit „gut gealtert“ – und erleben episodenhaft außergewöhnlich viel. Sowieso hat man bei On The Town viel eher das Gefühl, einen alten Film auf der Bühne live zu sehen, weil die Erzählart doch schon ungewöhnlich ist. Es gibt klar erkennbare Anfänge und Enden von Szenen, bei denen ganze Kulissen gewechselt werden. Einen richtigen Flow darf man weniger erwarten. Stattdessen sind aber viele Momente ganz schön schräg, sodass viel Situationskomik entsteht.

Mit ordentlichen 95 Minuten im ersten Akt braucht man doch etwas Sitzfleisch. Hier wird es manchmal, eben weil vor über 80 Jahren anders erzählt wurde, etwas zäh und man wünscht sich Straffung. Der zweite Akt huscht hingegen mit 50 Minuten super schnell an einem vorbei. Doch das Gute: Selbst wenn es inhaltlich mal etwas flach wird, rettet die echt schicke und äußerst aufwändige Inszenierung, noch mehr aber die hervorragende Cast jeden kleinen Hänger.

Gerade Fans von großen Choreographien, bei denen auch die Hauptdarsteller*innen richtig ranmüssen, kommen heutzutage sehr selten auf ihre Kosten. Hier gibt es aber eine richtige Batterie an äußerst anspruchsvollen Tänzen, die alle fantastisch dargeboten werden. Teilweise ist die rund 25-köpfige Cast gleichzeitig dran und muss unisono ordentlich powern. Viele federleichte Sprünge darf man beobachten, sowieso tragen sehr viele der Mitspielenden Ballettschuhe, sodass es mehrere Figuren gibt, die man so eben nur am Ballettabend sieht. Ein schicker Mittelweg aus Jazz-Dance und Ballett macht On The Town zu einem Fine-Arts-Spektakel im Bereich Tanz.

Unter der musikalischen Leitung von Stefan Klingele muss auch das Orchester stets auf Zack sein. Viele Tempi- und Tonartwechsel machen es den Spielenden nicht einfach, werden aber perfekt gemeistert. Dank tollem Sound fliegen die im englischen Original vorgetragenen Jazzsongs im breiten Broadway-Format durchs Theater und machen richtig Spaß. Auf der Bühne passieren einige Male ein paar Patzer in der Tontechnik und auch die Lichtspots sind nicht immer sofort an richtiger Position, aber das ist Premierenfieber und voll ok. Wichtiger ist die gesangliche Leistung, die genauso volle Punktzahl verdient. Etwas ungewöhnlich für heute: Bei der rund fünfminütigen Ouvertüre bleibt der Vorhang noch zu. Und auch später gibt es einige Augenblicke, in denen nur das Orchester spielt und auf der Bühne nichts geschieht. Doch davon nicht irritieren lassen und stattdessen entspannen und lauschen!

Schön ist, dass On The Town nicht das Musical ist, bei dem es nur eine Person im Fokus gibt. Stattdessen haben locker zehn Darsteller*innen richtig viel zu tun und können in vielen Szenen glänzen. Dass niemand dominant heraussticht, ist äußerst positiv. Der Gesamteindruck ist sehr rund. Ob Leon de Graaf (Gabey), Julius Störmer (Chip) oder Peter Lewys Preston (Ozzie), ob Maria Joachimstaller (Ivy), Laura Magdalena Goblirsch (Hildy) oder Valerie Luksch (Claire) – alle Paarkonstellationen sind super gewählt. Obendrein trumpfen aber auch Joel Zupan als Dolores Dolores und Morenike Fadayomi als Madame Dilly auf.

Nicht zuletzt gebührt dem starken Bühnenbild alle Ehre. Die Tiefe der Bühne wird hervorragend genutzt, um in vielen Szenen nur Ausschnitte des Ganzen zu zeigen. Gleichzeitig geschehen riesige Umbauten in den nicht erkennbaren Parts, sodass locker alle zehn Minuten ein neues starkes Bild entsteht, das die Atmo stimmig transportiert. Ob die Szene im Museum, das klug gelöste U-Bahn-Fahren, schlüpfriges Bettgeflüster vor der Manhattan-Skyline, mitreißendes Taxi-Cruising oder verruchtes Barfeeling – Requisite, Kostüm und Bühnenbild sorgen für viel Retro-Magie.

Ganz sicherlich ist On The Town nicht der Klassiker, den man unbedingt gesehen haben muss. Man sollte sich vorab auf ein Bühnenspiel der sehr alten Schule gefasst machen. Kann man sich darauf aber einlassen, gibt es dank eines brillanten Orchesters, einer rundum top besetzten Cast und vielen Eye-Candys zweieinhalb hübsche Stunden, die sich wie eine kleine Zeitreise anfühlen und Big-Apple-Fernweh ins Ruhrgebiet bringen.

Weitere Termine:
7., 16. & 25.5.
6. & 18.6.
7., 16., 22. & 31.10.
8. & 14.11.
Vorstellung jeweils um 19:30 Uhr,
außer 25.5. 15:00 Uhr und 8.11. 18:30 Uhr

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Foto von Christopher Filipecki

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