Jessie J, E-Werk Köln, 23.04.2026

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Wenn du irgendwann auf alle Erwartungen von Plattenlabels und Manager*innen scheißen kannst, weil du dir über Jahre genug Credibility erarbeitet hast und ganz genau weißt, was du drauf hast, dann lebst du wohl dein bestes Leben. Manche Künstler*innen entscheiden sich stets dafür, möglichst viel Kohle zu machen, aber verzichten damit auf das, was ihr Herz sagt. Lieber vielen gefallen als sich selbst. Vielleicht, weil man auch gar nicht so richtig weiß, was man selbst mag. Jessie J hatte das Glück und erlangte 2011 mit ihrem Debütalbum „Who You Are“ Weltruhm. Das war zwar musikalisch nur bedingt das, was sie machen wollte, aber es brachte Geld und Bekanntheit. 15 Jahre später ist ihr beides völlig egal – sie aber in Köln authentischer, nahbarer, verletzlicher und sympathischer denn je.

Shows von ihr wurden seit Corona eine Seltenheit. Überall, aber insbesondere in Deutschland. Erst stoppte die Pandemie einige ihrer Pläne, parallel hielt sie so manchen Heartbreak aus, dann verlor sie ein Baby, bekam Brustkrebs und wurde schließlich doch noch Mutter. Ein absolut herausfordernder Cocktail an Gefühlen und Erlebnissen, die verdaut werden müssen. Dafür hat sich die 38-jährige Londonerin Auszeiten genommen. Siebeneinhalb Jahre mussten Fans auf ein neues Album warten, dabei chartete 2018 das letzte Werk „R.O.S.E.“ schon nirgendwo und das Karriereende winkte mit bösem Grinsen entgegen. Immer wieder hieß es, sie müsse zu ihren Anfängen zurückkehren. Immer wieder hieß es, sie brauche den nächsten „Price Tag“. Doch Jessie J ignoriert alles davon. Ihr im November 2025 erschienenes „Don’t Tease Me With A Good Time“ ist ihr fünfter Longplayer. Aufgrund von Reibungen mit so vielen Menschen in ihrem direkten beruflichen Umfeld blieb jegliche Promo dafür aus. Von den neuen Songs bekommt niemand was mit. Zwar schafft es das Album für eine Woche Platz 19 in den UK-Charts zu sehen, das ist aber für eine Künstlerin mit 55 Millionen verkauften Einheiten eine absolute Klatsche. Es zeigt nun mal, dass niemand auf sie gewartet oder sie vermisst hat.

Oder etwa doch? Musik ist 2026 einfach ein anderes Business als 2011. Verkaufte Platten sagen nahezu nichts mehr über den Marktwert. Klar, sie sind eine Maßeinheit, aber wirklich nur eine. Da darüber sowieso kaum finanziellen Einnahmen für die Künstler*innen generiert werden, zählt in erster Linie live. Ganz zaghaft bucht man für die No Secrets-Tour – die erste richtige Europa-Tour seit Ewigkeiten – gerade einmal eine einzige Location in der DACH-Region. Mit dem E-Werk in Köln gibt es maximal 2000 Tickets. Das ist quasi nichts. Die sind auch nur wenige Stunden nach dem VVK-Start vergriffen. Und obwohl die Tour krankheitsbedingt vom November 2025 in den April 2026 verlegt werden muss, wird nicht aufgestockt. Auch hier bleibt Jessie J ganz bei sich. Lieber kommt sie nochmal zurück, sagt sie, als jetzt alles umzuwerfen.

Am 23.4., einem Donnerstag, ist es zum Einlass sehr voll und die Schlange elendig lang. Der Ansturm war eben doch größer als erwartet, somit wollen Fans auch auf gar keinen Fall hinten stehen. Trotzdem ist schon die Zeit vor dem Showstart super angenehm. Alle sind sehr rücksichtsvoll, singen zur groovy Soul-Pop-Playlist mit und wissen, dass es heute darum geht, gut zu sich und zu anderen zu sein. Bereits um 19:30 Uhr, da sind noch gar nicht alle fix auf ihren Plätzen, betritt der aus Manchester stammende Daley die Bühne. Er und Jessie J nahmen 2012 ein Duett zusammen auf, das in der gemeinsamen Heimat auch solide performte. Im Vorprogramm von Jessie J spielen zu müssen, ist eigentlich ein undankbarer Job. Doch Daley macht musikalisch etwas sehr ähnliches wie Jessie J auf ihrer aktuellen LP. Von einem Gitarristen begleitet, spielt er knapp eine halbe Stunde lang sehr erzählenden Soul, bei dem er so wie die Headlinerin problemlos durch sämtliche Gesangsregister gleitet. Starke Performance, super Gefühl und genau die richtige Interaktion mit dem Publikum, die ein Support braucht. Mit einem Cover zu „Ain’t Nobody“ von Chaka Khan hat er viele auf seiner Seite.

Doch um 20:30 Uhr beginnt dann etwas Magisches. Exakt zwei Stunden lang gibt Jessie J ihre erste Show in NRW seit 2018 – da war sie im Palladium gegenüber – und erst ihre vierte in der gesamten DACH-Region seit Corona. Es hat sich spürbar etwas getan, und das auf gleich mehreren Ebenen. Erstmalig gibt es auf der kompletten Tour ein Akustikset. Gitarrist, Bassist und Pianist. Ende. Etwas, worauf viele Fans schon lange gehofft haben, gibt es doch unzählige beeindruckende Liveperformances auf YouTube in genau dieser Besetzung. Allerdings wollten so viele Mitarbeitende in ihrem Team, wie bereits eingangs erwähnt, dass sie eben abreißt und nicht zu stark auf Musikalität setzt, weil das womöglich das Zielpublikum nicht richtig catcht. Jedoch ist heute Jessie J in ihrer pursten Form anwesend. Kein durchgeplantes Programm, stattdessen viel Raum für etwas, was im Moment entsteht.

Wer gekommen ist, um zu „Domino“ oder „Price Tag“ Teenie-like zu eskalieren, wird bitter enttäuscht. Zwar warten alle bekannten Hits auf der Setlist, gespielt zu werden, sie klingen nur eben überwiegend anders. Das liegt einerseits an der Instrumentierung, bei der es nie elektronisch und laut wird, andererseits aber auch an Jessies Interpretationen. Vieles macht sie groovy und jazzy, dann so manches eher rau, direkt, ein bisschen aggressiv. Ihr ist absolut klar, dass ihre Fans irgendwann mal ihre Fans wegen genau solcher Songs wurden, aber sie wählt einen fairen Mittelweg, der ihren heutigen Ansprüchen und dem Nostalgie-Faktor gerecht wird. Nur „Bang Bang“ ist für sie gestorben, was natürlich an dem völlig miserablen Verhalten von Nicki Minaj liegt, mit der sie den Song zusammen aufgenommen hat. Sie könnte zwar auch den Song komplett ohne den Rapteil spielen, aber offensichtlich sind ihr die Assoziationen zu ihrer Ex-Kollegin trotzdem zu unangenehm.

Schon das Opening ist anders. Man hört sie, aber man sieht sie nicht. A-cappella startet sie mit dem Albumopener „Feel It On Me“. Die gesamte Crowd wartet, dass sie die Treppen hochkommt – doch stattdessen wird plötzlich ein Scheinwerfer eine Etage höher auf sie geworfen. Sie steht über dem Publikum auf einer Art Balkon und überrascht schon in den ersten Minuten mit Intimität und Nähe. Kein Tamtam, keine Effekte. Nur Stimme und Ausdruck. Das hier wird heftig und schießt unmittelbar ins Mark.

120 Minuten lang führt die Sängerin durch einen Abend, der so abwegig von dem ist, was Pop-Konzerte heute sind. Es ist nicht groß, sondern klein. Es ist nicht durchgetaktet, sondern spontan. Die Menschen vor der Bühne sind nicht passiv, sondern aktiv ein Teil davon. Jessie J probiert nicht zu gefallen. Stattdessen könnte man denken, man wäre in ihrer ersten eigenen Stand-up-Show. In nahezu jedem ihrer Sätze fallen so schlaue und schnell pointierte Gags, dass man zigfach laut auflacht. Ja, wirklich. Der gesamte Gig ist unglaublich lustig. Ihre Mimik ist so on point, dass sie in Sekundenschnelle Grimassen zieht, bei denen man sie sehr genau beobachten muss, um überhaupt alles mitzukriegen. Diese Absurditäten sind aber auch notwendig, weil dazwischen so viel schmerzende Trauer und Enttäuschung in den Lyrics mitschwingt, dass man ansonsten wohl gar nicht mehr mit seinen Gefühlen klarkommt. Mehrfach fangen zig Fans lauthals an zu weinen. Also so richtig. Nicht ein paar Tränchen, sondern mit richtigen Bächen, die etwas Kathartisches haben. Jessie J sagt selbst, wie sehr sie es genießt, intensiv zu weinen. Und sie motiviert dazu, jede Emotion, die heute aufkommt, zuzulassen. Ungefiltert.

Keine Leinwand mit Videos, kein Konfettiregen, kein Kostümwechsel, keine Requisite, keine Backgroundsänger*innen oder -tänzer*innen. Jessie J schmeißt alles aus dem Fenster, was „Konzert im Jahr 2026“ schreit. Das ist ungewöhnlich und wahnsinnig mutig, schließlich ist die Aufmerksamkeitsspanne mittlerweile so kurz, dass permanent neue Arousels hermüssen, um überhaupt am Ball bleiben zu wollen. Doch dieser Auftritt braucht sonst nichts anderes. Trotz minimalem Aufgebot auf der Bühne wird es keinen einzigen Augenblick langweilig. Dass die Instrumentierung nicht so viel Variation hergibt, völlig egal. Stattdessen fliegt die Zeit an einem vorbei. Man fühlt sich so involviert, als ob man gerade gemeinsam eine Atmosphäre erschafft. Manchmal lässt Jessie ihre Fans mit ihr singen, dann sucht sie sich vereinzelt Personen aus der Crowd aus, um mit ihnen kurz zu quatschen, ein selbstgeschriebenes Gedicht vorlesen zu lassen oder ihnen Taschentücher anzureichen. Und mehrfach nervt sie sogar, dass ständig Leute ihr „Ich will mit dir singen“-Schild hochhalten, schließlich wollen das doch so viele im Raum und jede*r soll hier ein Stück vom Ganzen bekommen. Mehr gemeinsames Gefühl, weniger Egozentrismus.

Mit hervorragend ausgesteuertem Sound und wirklich brillanten Musikern – die so gar keinen leichten Job haben, schließlich müssen sie zwei Stunden lang am Stück fast pausenlos spielen sowie komplett konzentriert darauf sein, wann Jessie wie einsetzt und wann sie für Monologe unterbricht – entsteht solch ein starkes Klanggefühl, dass in weiten Teilen der Show das ausverkaufte E-Werk während der ruhigen Songs sämtliche Geräusche unterdrückt und komplett fokussiert zuhört. Einige Male singt Jessie sogar ohne ihr Mikrofon einfach in den Raum, was durch den unverfälschten Klang viele noch härter hittet.

Acht Songs singt sie von „Don’t Tease Me With A Good Time“, zehn weitere aus ihrem Repertoire von davor. Bei ihrem neusten Output kann man in vielen Nuancen raushören, was zuletzt in ihr los war. Da gibt es einen Song für eine verstorbene Person, an die sie eine Grußbotschaft schickt („I’ll Never Know Why“), dann einen Song für die Leute, für die sie sich komplett aufopfert, um sie zu retten, sie es aber am Ende nur selbst können („If I Save You“), einen Song darüber, dass sie nichts für sich behalten möchte und jeder Gedanke sowie jede Erfahrung irgendwie raus muss („No Secrets“), einen weiteren über ihre Zufriedenheit mit ihrer jetzigen Lebenssituation („Living My Best Life“) und zum großen Finale einen Song, in dem sie sich selbst lobt. Dafür, dass sie auf sich hört, schon den sechsten Manager gekündigt hat, weil sie sich nicht verstanden fühlt, gleichzeitig aber auch weiß, dass sie schwer zu managen ist, aber das Wichtigste in ihrer Karriere nur sie selbst ist („The Award Goes To“). Ihr persönliches „Who You Are – Part II“, wie sie sagt.

Lustig – bisher haben wir noch gar nicht erwähnt, wie sie singt. Aber muss man das überhaupt noch? Wer immer noch nicht mitbekommen hat, dass Jessie J womöglich die technisch beste Pop-Sängerin dieser Welt ist – no joke – wird sich wahrscheinlich auch nie mehr damit beschäftigen. Es ist eine schiere Unglaublichkeit, wie jemand zwei Stunden lang so viel Risiko beim Singen eingeht und kein einziges Mal patzt. Kein. Einziges. Mal. Kein. Ein. Zi. Ges. Mal. An einer Stelle fordert sie ihren Pianisten auf, die letzten vier Takte zu wiederholen, weil sie mit den zwei zuletzt gesungenen Zeilen nicht zufrieden ist. Was sie genau gestört hat, ist fürs Publikum nicht hörbar. Aber das ist der Anspruch an sich selbst, von dem hier geredet wird. Ob „Do It Like A Dude“ im Scat-Style, ob „The Award Goes To“ als Abschluss nach zwei Stunden ausschweifenden Dialogen und Titeln mit Schwierigkeitsgrad 10 von 10, bei dem sie Höhen raushaut, die kaum jemand in dem Genre bei nur einem Track hinbekommt, oder auch „Domino“, das mit seiner fluffigen Leichtigkeit so easy klingt, aber eigentlich brechend schwer umzusetzen ist, weil es so viele feine Zwischentöne besitzt. Jessie J klingt wie eine perfekte Studioversion in Live. Das Highlight des Konzerts ist das Konzert an sich und nichts anderes. Was ein Talent.

Am nächsten Morgen soll jede*r Besucher*in der Show zu sich selbst sagen, dass es ok ist, wie es gerade ist. Egal, ob man noch nicht richtig weiß, welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt oder sich in seinem Körper unwohl fühlt und noch nicht dort angekommen ist, wo man hinmöchte. Sich einfach mal die Worte sagen, dass man in Ordnung ist, so wie man jetzt gerade ist. Und irgendwie hat man nun die Motivation, genau das zu probieren und glaubt, dass es etwas bewirken könnte. Jessie J ersetzt zwar keine Psychotherapie, aber dieser Köln-Auftritt ist eine äußerst wertvolle, fast schon in Geld nicht aufzuwiegende Ergänzung.

Weitere Termine:
16.7. Autostadt, Wolfsburg -> als Special Guest von OneRepublic
18.7. Arena im Open Air Park, Düsseldorf -> als Special Guest von OneRepublic
19.7. Freilichtbühne Peißnitz, Halle/Saale -> als Special Guest von OneRepublic

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Foto von Christopher Filipecki

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