So war das c/o Pop 2026: Ü70-DJ Set, Ballroom & Hype-Acts

Showcase Festivals machen einiges anders als die klassischen Sommer-Events: In der Club- und Kultur-Szene einer Stadt werden die unterschiedlichsten Bühnen mit den großen Acts von morgen (so zumindest die Hoffnung auf allen Seiten) bespielt. Man entdeckt also Musik und Venues in einem! Nach völlig begeisterten Ausflügen zum Reeperbahn Festival und dem Eurosonic Norderslaag in den Niederlanden, stand der regionale Vertreter schon lange auf meinem Wunschzettel: Das c/o pop macht es wie die großen Geschwister und bringt das Konzept seit 22 (!) Jahren nach Köln. Meine Premiere zeigte: Hier ist einiges anders, aber vieles auch genau so gut.

Donnerstag, 16.04.: Punk, Rock & Spoken Word

Ellis-D im Artheater beim c/o pop 2026.
Indie-Rock-Tipp ELLiS-D im Bumann & Sohn

Erstmal Tickets in Bändchen am Info-Büdchen eintauschen und direkt rein ins Bumann & Sohn. Hier spielt gerade ELLiS-D mit Band ein energetisches Set zwischen Biffy Clyro und Glam Punk. Das ist immer noch schrammelig genug für die Club-Größe, deutet aber auch schon Großes an. Kommt gut an, viele Leute mit ELLiS-D-Shirts laufen übers Festival.

Der polnische TikTok-Hype Panicbaby beim c/o pop 2026
Der polnische TikTok-Hype Panicbaby spielt Dream Pop im Club Bahnhof Ehrenfeld.

Kurz reingeschaut, dann geht’s weiter in den Club Bahnhof Ehrenfeld, wo mit Panicbaby ein kleiner TikTok-Hype auftritt. Die polnische Künstlerin spielt dreamy Synth-Pop, der gleichzeitig an Sylvie Kreusch und Lana del Rey erinnert, und hat damit diverse Songs mit mehreren Millionen Streams geliefert. Live ist das sehr atmosphärisch und lieb, stimmlich aber noch etwas sehr zaghaft. Bleibt spannend!

UK Garage Punk Quartett Grandmas House beim c/o pop 2026
UK Garage Punk mit Wiedererkennungswert: Grandmas House im Bumann & Sohn

Apropos spanennd: Das sind Grandmas House aus Bristol natürlich auch! 2024 noch als Support von ARXX gefeiert, macht das Quartett das Bumann & Sohn sehr schnell sehr voll. Zum brummenden Grunge-Punk, der vor allem durch Yasmin Berndts Bass-Timbre getragen wird, gibt es die meisten Pits des Festivals (sage ich!). Hier sollte bitte nochmal ordentlich Hype drauf kommen. Sie hätten es verdient!

Max Baby spielt schnitten Indie-Rock im Artheater Basement beim c/o pop 2026
Max Baby spielt im Artheater Basement energetischen Indie-Rock mit 2000er Einschlag.

Max Baby im artheater könnte sich sicher auch nicht über etwas mehr Enthusiasmus im Publikum freuen. Während der Musiker sich zwischen Emo-, Skate- und Alternative-Rock verausgabt und inklusive toller Liveband alles gibt, bleibt das Publikum zurückhaltend. Schade! Da war schon viel Gutes dabei.

Antony Szmierek beim c/o pop 2026
So geht Spoken Word in unterhaltsam: Antony Szmierek im Artheater Saal.

Zum großen Finale gibt’s mein Highlight des Tages eine Etage weiter oben: Antony Szmierek spielt quirligen, pulsierenden Spoken Word-Synth-Pop, der Storytelling atmet. Für Fans von Bonaparte oder den Sleaford Mods, die sich bei den Acts noch mehr Queerness gewünscht haben: Das ist euer Mann! Das hatte schon Popstar-Appeal für ganz andere Breitengrade & lässt mich seelig in den RE1 nach Hause plumpsen.

Freitag, 17.04.: Newcomer:innen, DJ-Kollektiv & Main Stage Vibes

Ditter beim c/o pop 2026
Das französische Quartett Ditter mit herrlich widerspenstigem Synth Pop.

Draußen freut sich das Wetter übers Wochenende, das c/o pop-Publikum tummelt sich da längst wieder in den Ehrenfelder Clubs. Mich verzeiht es wieder ins artheater, wo Ditter aus Paris ungestümen Wave spielen. Schön hittig und tanzbar war das, bis zum Finale alles in einem großen Noise-Geschrammel aufging. Geheimtipp für Fans von CLT DRP und/oder scheppernden Synths!

Chloe Slater im Artheater beim c/o pop 2026.
Indie-Rock-Mäuse aufgepasst: Chloe Slater ist jeden Hype wert

Für uns wurde es dann Zeit, den Food Court zu entdecken, der in der Nähe vom Bumann diverse Food Stände zusammenbrachte. Top Auswahl mit etwas längeren Wartezeiten. Bei dem Wetter aber natürlich kein Thema & direkt beste Stimmung mit anderen Festival-Besucher*innen. Viel Zeit blieb nicht, denn der Rückzug ins artheater stand auf dem Plan: Indie-Rock-Darling Chloe Slater kam, um das Publikum mit breitwandigem Sound ins Herz zu spielen. Die Fanbase konnte bereits mitsingen, das Storytelling-getriebene Songwriting stimmt boygenius-Fans selig. Sympathisch war’s dazu auch!

Fresh Forever DJ Kollektiv beim c/o pop 2026
Was fürs Herz und die Tanzbeine: Das Ü70 DJ Kollektiv Fresh Forever

Einmal straight durch Ehrenfeld wechselten wir den Schauplatz zum Bürgerzentrum Ehrenfeld. In dieser Ecke des Festivals gab es einen ganzen Straßenzug voller toller Buden zu entdecken, Festival-Besucher*innen und Kölner*innen machten es sich auf der Wiese und beim Cornern bequem. Ist schon Sommer? Fühlt sich so an! Nichts könnte da draußen aber so warm ums Herz werden lassen, wie die Bühne vom BüZe in diesem Moment: 1,5 Stunden spielt hier das Forever Fresh – Ü70 DJ Kollektiv, das sich 2025 bei einem c/o pop Workshop gefunden hat. 10 Frauen 70+ legten hier 90 Minuten auf und brachten das Publikum mit Songs von Peter Fox, ABBA, Darule und noch viel mehr in Ekstase. Der Main Act waren aber die Künstlerinnen selbst, die mit so viel Hingabe, Spielfreude und Energie über die Bühne tanzten, dass man nicht stillstehen konnte. (Club-)Kultur sollte keine Altersgrenzen kennen, auch wenn das ansonsten wirklich blutjunge Line-up anderes behaupten könnte. Absolutes Highlight & ab jetzt am besten auf jedem Festival gebucht!

Ebow beim c/o pop 2026

Völlig beseelt ziehen wir dann weiter in die Live Music Hall, wo Queer-Rap-Icon Ebow ein wirklich herausragendes Set spielt. Zu politischen Ansagen zu der Situation von Frauen im Iran und Palästina fließen nicht nur auf der Bühne Tränen. Zusätzlich gibt es einen besonderen Leckerbissen: Der Song „Arbayt“ feiert seine Premiere und ist der erste Geschmack aufs gleichnamige Album und die zugehörige Tour, die erst an diesem Tag angekündigt wurde. Grund zum Feiern & das macht die LMH dann mit Ebow zu Queer Joy Anthems wie „Lesbisch“. Wholesome & richtig guter Y2K-Rap.

Samstag, 18.04.: Mehr als Musik

Zum letzten kostenpflichtigen Festival-Tag verabschiedete sich das sommerliche Wetter, aber als c/o pop-Besucher*in geht’s sowieso direkt zur Live Music Hall, wo der Hype-Podcast „Too Many Tabs“ auf die Bühne kam. Heute gibt’s hier brandheiße Updates zur Wise Guys Trennung und einer kulinarisch … interessanten Folge von „Das Perfekte Dinner“. Tea was spilled & es war extrem unterhaltsam!

Maurice Conrad beim c/o pop 2026
Queerer Techno-Rap meets Sparkasse mit Maurice Conrad

Wenn Ehrenfeld feiert, dann wird sogar die Sparkasse zum Rave. Wie gut das zusammenpasst, musste ich mir natürlich anschauen. Dafür gab’s den absoluten Abriss mit Maurice Conrad, dessen queerer Techno-Rap ungefähr so gut zum Sparkassen-Image passt wie Mutter Ikki ins Corporate Design. Aber: Gegensätze feiern wir & das war echt ein gutes Set.

Trustfundbabes beim c/o pop 2026
Kühler NDW-Sound mit den Trustfundbabes

Nach einem kurzen Abstecher bei den Trustfundbabes, die mit ihrem herrlich unangepassten NNDW Dance-Punk das artheater Basement in kühles Licht tauchten (und positiv an Erregung Öffentlicher Erregung erinnerten), geht’s zum letzten Musik-Act meines Festival-Ausflugs in den Club Bahnhof Ehrenfeld.

Philine Sonny beim c/o pop 2026
Spielt ihr herrliches Indie-Folk-Debüt: Philine Sonny „Virgin Lake“ mit voller Bandbesetzung

Da präsentiert Philine Sonny ihr Debütalbum „Virgin Lake“ in siebenköpfiger Bandbesetzung inklusive Klavier, Geige und Background-Sänger*innen! Da schaut sogar Freundin Brockhoff vorbei, die für ein Feature auf dem Album dabei ist. Wer auch nur ein 10% von dem feiert, mit dem Phoebe Bridgers und Angie McMahon die Indie-Welt seit Jahren beehren, MUSS dieses Album hören. Die Band-Umsetzung von Philine Sonny kann sich easy mit internationalen Größen messen und ist in ihrer virtuosen Breite und Tiefe was für warme Herzen und melancholische Momente. Ganz, ganz groß & mein liebster musikalischer Act des Festivals!

Whoriental Kiki Ball beim c/o pop 2026
Ballroom-Vibes in Ehrenfeld: Der Whoriental Kiki Ball ist ein absolutes Highlight

Aber das soll es noch nicht gewesen sein. Zum fulminanten Abschluss geht’s in die Ballroom Szene im BüZe, wo der Whoriental Kiki Ball erneut Voguing nach Ehrenfeld bringt. Der Whoriental Ball feiert die Schönheit von Körpern aus der Diaspora und reclaimt das, was exotisierende und kolonialisierende Denkmuster in der westlichen Welt angerichtet haben. Diese Ausgabe feierte in Zusammenarbeit mit Black Ballroom Lounge und Aaro Laveaux vor allem Schwarze Kultur und vergab in bester Balloom-Manier Preise in diversen Kategorien wie „Couple Realness“, „Best Dressed“ und „Face with an OVAH Entrance“. Das war schlicht bahnbrechend, voll mit queer Joy und politischer Widerstand auf dem schönsten Runway der Stadt. Mehr geht nicht. Und mehr muss nach so einem Schlusswort auch nicht mehr kommen.

Long Story Short: Fazit zum c/o pop 2026

Drei von fünf Tagen vom c/o pop konnte ich miterleben: Mittwoch startete das Event mit zwei Shows der großartigen Fuffifuffzich, Sonntag gab es noch kostenloses Programm – unter anderem mit einem Workshop zu höfischen Tänzen (echt wahr!) und einem Auftritt von ex-Mr.-President-Mitglied LayZee (ja, der mit „Coco Jambo“!). Und was soll ich sagen: Ich hatte eine hell of a time!

Im Vergleich zu den anderen Showcase-Festivals, die natürlich auch beide um ein paar Nummern größer sind, fiel mir die geringere Diversität in den Genres und auch in den Menschen auf der Bühne beim Line-up im Vorfeld jedoch auf. Während Reeperbahn und Eurosonic einen großen Fokus auf ganz Europa und seine Sounds setzen, waren große Anteile des c/o pop sehr dem aktuellen Musik-Kosmos Deutschlands verschrieben. Zwar mit kleineren Namen, aber doch sehr treu dem, was gerade eh läuft: Deutsch-Rap, Techno-Rap, Indie-Pop, ein bisschen Indie. Musikalische Experimente waren eher die Ausnahme als die Regel, genau so wie etablierte Acts.

Dafür konnte das c/o pop in sehr vielen anderen Belangen überzeugen:

  • Das Show-Programm außerhalb der Musik-Acts war an Abwechslung kaum zu übertreffen. Von Female Voguing Workshops über VR Yoga bis zu Auftritten von Cheerleadern, Tattoo und Toothgem-Sessions bis zu einem queeren Gottesdienst war die Bandbreite wirklich enorm. Toll!
  • Awareness wurde wirklich groß geschrieben! Mit vielen Angeboten für Menschen mit Behinderung, die auch in der c/o pop-App immer wieder betont wurden, Gratis-Angeboten und Rückszugsorten um das Gelände herum sowie dem Awareness-Team selbst war der Fokus auch immer auf marginalisierte Personengruppen gerichtet. Sollte Standard sein, ist es aber nicht!
  • Überhaupt die App: Immer wieder wurde regelmäßig über die Zustände der Kapazitäten informiert, alle Infos gab’s ganz easy auf Abruf und die Planung fiel sehr einfach. Organisation 10/10!
  • Die Convention lieferte parallel super wichtigen Input zu diversen Diskursen rund um die Musik- und Kultur-Branche. Von Dauer-Themen wie KI und Algorithmen bis zum Elternsein als Musiker*in, dem Platz von NRW als Standort und dem politischen Klima gibt es hier Donnerstag und Freitag jede Menge zu entdecken.
  • Auch abseits klassischer Musik-Acts haben sich die Booking-Menschen was einfallen lassen: Mit Pilz-Influencer Pilzaddicted, DJ-Tiktoker Hänsel oder dem jüngsten Menschen der Bühne DJ Ludringer (12 Jahre alt) und vielen anderen haben sich die Leute etwas getraut & wurden dafür belohnt.

Wer eine gute Zeit haben. Köln-Ehrenfeld in seiner ganzen Bandbreite erleben und neue LIeblinge entdecken möchte, ist hier also genau richtig. Ich bin Fan & finde schön, wie gut Köln Showcase kann. Bis nächstes Jahr!

Übrigens: Die c/o pop 2027 ist bereits angekündigt! Vom 21. bis zum 25. April 2027 könnt ihr wieder Kultur, Musik & besondere Acts in Ehrenfeld erleben. Der Vorverkauf ist schon gestartet: https://www.c-o-pop.de/ 

Beitragsbild von c/o pop, alle Fotos von Julia.

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