Noise & Needles: Ein neues Festival für Emo und Pop-Punk!

WSTR Noise & Needles

Während es in Deutschland unzählige Rock- und Metal-Festivals gibt, bleibt die Auswahl für Fans von Emo und Pop-Punk überschaubar. Dabei gehören Bands wie A Day To Remember oder Silverstein längst zu den festen Größen der alternativen Musikszene. Aber gerade für viele kleinere oder neuere Bands fehlt hierzulande jedoch oft die passende Plattform. Vor Corona bot das Galaxy Camp in der Kölner Essigfabrik einen Treffpunkt für die Szene, auch das Mild Fest im niederländischen Eindhoven etablierte sich als kleine, aber feine Pop-Punk-Veranstaltung.

Umso größer waren die Hoffnungen, als das Slam Dunk Festival auf das europäische Festland expandierte. In Deutschland lag der Fokus jedoch deutlich stärker auf Hard- und Deathcore als auf Pop-Punk und Emo. Leider gestaltete sich der Informationsfluss schleppend (war nicht vorhanden). Immer häufiger tauchte seit Ende letzten Jahres auf den sozialen Medien aber auch ein neuer Name auf: das Noise & Needles Festival. Die Veranstalter machten dazu gezielt bei Konzerten der Szene auf ihr neues Festival aufmerksam und gaben nach und nach Konzept, Bands und Informationen bekannt. Für den 30. Mai 2026 entstand so Stück für Stück die Vision eines Festivals, das Live-Musik, Tattoo-Convention und Szenekultur an und in der Kantine in Köln vereinen sollte.

Ein neues Zuhause für Emo & Pop-Punk

Trotz seiner überschaubaren Größe holte sich das Noise & Needles Festival für die erste Ausgabe direkt einige namhafte Bands der Szene ins Haus. Spätestens mit der Ankündigung von Hawthorne Heights, die das Emo-Kultalbum „If Only You Were Lonely“ performen sollten, war klar: Das könnte etwas Besonderes werden. Insgesamt standen neun Bands aus den USA, England, Kanada und Deutschland auf dem Programm. Mal härter, mal poppiger, mal deutlich von anderen Genres beeinflusst – trotz gleicher Wurzeln brachte jede Band ihren eigenen Charakter mit. Still Talk standen sogar als aufstrebende Kölner*innen auf dem Line-up. Zu ihrem Auftritt füllte sich die Halle erstmals bis in die hintersten Reihen, wo sich ein regelrechter Wühltisch für Merchandise-Schätze befand. T-Shirts für fünf Euro? Ein absoluter Deal. Zum Emo-Pop der Formation um Sängerin Tanja wurde es laut, es wurde getanzt und mitgesungen. Spätestens hier war klar, dass das Konzept des Festivals aufging.

Mit Spielzeiten von jeweils 25 bis 30 Minuten hielten sich die ersten sieben Auftritte bewusst kompakt. Zugegeben: Wenn gerade eine Lieblingsband auf der Bühne steht, fühlt sich das viel zu kurz an. Für ein Festival wie Noise & Needles erwies sich das Konzept jedoch als ideal. Die kurzen Sets luden dazu ein, Neues zu entdecken und sich auf Bands einzulassen, die man sonst vielleicht übersehen hätte. Das galt auch für die frühen Auftritte von NOSIYAH und Chin Up. Das warme Wetter der Vortage machte sich zwar bemerkbar, sodass die Halle zu Beginn noch vergleichsweise leer blieb, doch beide Bands lieferten starke Sets ab. NOSIYAH bewegten sich eher im Hardcore-Bereich – Defeater-Fans sollten definitiv mal reinhören – während Chin Up die fröhlichere Pop-Punk-Seite des Line-ups vertraten. Zu den größten Entdeckungen des Tages gehörten für uns allerdings Youth Fountain aus Kanada. Mit ihrem deutlich härteren Pop-Punk sorgten sie erstmals für spürbare Bewegung vor der Bühne. Einzelne Fangruppen rissen die Menge mit, erste Moshpits entstanden und verwandelten die kurze Spielzeit in ein ebenso intensives wie überzeugendes Set.

Von Kaffeepause bis Moshpit

Die Umbaupausen von 25 bis 30 Minuten luden dazu ein, das Außengelände zu erkunden. Im Schatten versorgte das Organisationsteam die Gäste mit Gratis-Eis, während zwei Food-Trucks von klassischen Pommes bis hin zu kreativen Curry-Gerichten für Verpflegung sorgten. Selbst Kaffee- und Matcha-Spezialitäten fehlten nicht. Statt hektisch von Set zu Set zu hetzen, entstand so eine angenehm entschleunigte Festivalatmosphäre. Irgendwann nach der ersten Kaffeepause war es dann Zeit, die neu gewonnene Energie bei Chiefland loszuwerden. Mit Einflüssen aus Post-Hardcore sowie einer klaren „Emo kann Spaß machen“-Mentalität traf das Quartett genau ins Schwarze beim Publikum. Die Reaktionen ließen jedenfalls vermuten, dass die Band an diesem Nachmittag einige neue Fans hinzugewann.

Mit Broadside aus Virginia wurde es schließlich richtig poppig. Band und Publikum schwangen gleichermaßen die Hüften und sorgten für einige der eingängigsten Momente des Tages. Für das Quintett endete an diesem Abend zudem die Europa-Tour – entsprechend großzügig fiel der Umgang mit dem verbliebenen Merchandise aus. Fünf Euro für das aktuelle Album „Nowhere At Last“– da fiel die Kaufentscheidung nicht schwer. Für uns zählt die Platte ohnehin schon jetzt zu den stärksten Veröffentlichungen des Jahres. Während auf dem Gelände weiterhin Streetwear-Labels und Künstler*innen ihre Werke präsentierten, blieb auch musikalisch keine Zeit für Langeweile. Für WSTR (ausgesprochen „Waster“ – was uns zugegebenermaßen auch erst erklärt wurde) war die Kantine sofort wieder voll. Die Liverpooler spielten Pop-Punk wie aus dem Lehrbuch. Das Rad erfinden sie nicht neu. Aber genau solche eingängigen Songs, zu denen man einfach Spaß haben darf, gehören auf ein Festival wie dieses. Entsprechend ausgelassen fiel auch die Reaktion des Publikums aus.

Ein Finale zwischen Nostalgie und Gemeinschaft

Mit fortschreitendem Abend tauchten auf dem Gelände immer mehr frisch tätowierte Arme und Beine auf, sorgfältig in Folie eingewickelt. Zehn Tattoo-Artists hatten den ganzen Tag über vor allem im Blackwork- und Oldschool-Stil gearbeitet und damit einen festen Bestandteil der Szene direkt ins Festival integriert. Musikalisch setzte sich der Tag derweil mit Trash Boat fort. Die Briten feiern aktuell zehn Jahre „Nothing I Write You Can Change What You’ve Been Through“ und konzentrierten sich entsprechend auf sehr alte und ein paar ganz neue Songs. Für ein Festivalpublikum, das nicht ausschließlich aus Die-Hard-Fans bestand, keine ganz einfache Setlist-Entscheidung. Erschwerend kam hinzu, dass der Sound an diesem Abend ausgerechnet bei Trash Boat deutlich schwächelte. Dennoch blieb die Atmosphäre bemerkenswert positiv. Über den gesamten Tag hinweg entstand ein Miteinander im Pit, das intensiv war, aber nie in Chaos oder Unachtsamkeit abrutschte. Wir konnten keinen Moment beobachten, in dem sich jemand sichtbar unwohl fühlte – und hoffen, dass dieser Eindruck für alle Besucher*innen galt.

Auch Frontmann JT Woodruff vom Headliner Hawthorne Heights reagierte sichtlich bewegt auf die Energie des gesamten Festivals. Während eines 1A Throwback-To-Your-Emo-Phase-Konzerts fasste er den Tag in seinen liebevoll gewählten Ansagen zusammen. Zu den Klassikern „Saying Sorry“ und „Pens and Needles“ wurde natürlich nostalgisch mitgeschrien. Wie Woodruff richtig beschrieb, brachte uns die Musik hier zusammen, um den Moment zu genießen – etwas Echtes zu erleben, einmal den Kopf auszuschalten und einfach zu sein. Das Noise & Needles Festival endete schließlich mit der Hymne „Ohio Is For Lovers“ und war in seiner ersten Ausgabe bereits ein voller Erfolg. Endlich wieder Emo und Pop-Punk in der Region! Wir haben selbstverständlich auch schon Wünsche, wer nächstes Jahr auftreten könnte – denn wirklich nur eine Phase war es nie, oder?

Und so hört sich das an (hier Broadside):

Infos zum Noise & Needles Festival:

Website / Instagram

Die Bildrechte liegen bei Yvonne Hopfensack für minutenmusik.

* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert