Madonna – Confessions II

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Wenn früher ein Madonna-Album rauskam, war das ein musikalisches Großereignis. Monatelang fieberten Fans auf die Veröffentlichung hin und selbst Radiohörer*innen bekamen durch die Vorabsingle mit, dass die Queen of Pop, wie sie schon Mitte der 80s vor rund 40 Jahren genannt wurde, neues Material am Start hat und der Welt vorgibt, was sie in der nächsten Zeit feiern wird. Allerdings liegt die Betonung hier auf „früher“. Die Art, neue Musik zu konsumieren, hat sich in den letzten sieben bis acht Jahren extrem verändert. Doch wesentlich ausschlaggebender: Madonna ist schon sehr lange kein Ding mehr.

Der letzte wirkliche Hit, den man wahrnahm, war „4 Minutes“ im Jahr 2008. Heißt somit, dass für die gesamte Gen Z kein einziger Titel von ihr Relevanz besitzt. Klar, Classics wie „Like a Prayer“, „Like a Virgin“ oder auch „Vogue“ sterben wohl nie, jedoch sind sie halt Retro und nicht Gegenwart. Dabei erschienen nach dem Album „Hard Candy“ zum „4 Minutes“-Nummer-1-Hit sogar noch drei weitere LPs. „MDNA“ (2012) erlebte wegen seines billigen Großraumdisco-DavidGuetta-Sounds einen Verriss sondergleichen, „Rebel Heart“ (2015) probierte mit rund 20 Songs jedes Genre abzudecken, das auf der Welt existiert und ließ ein für Madonna zuvor immer wichtiges Konzept nicht erkennen. Doch erst im dritten Anlauf geschah ein Bauchklatscher mit Folgen: „Madame X“ (2019) sollte edgy und artsy wirken, entwickelte sich jedoch zu einem nicht auszuhaltenden Trip in der Geisterbahn. Misslungene Lyrics, groteske Songstrukturen und eingesprochene, bananige Dialoge brachten selbst die Hardcore-Fans am Rande des Wahnsinns.

Mit nicht einmal 100.000 verkauften Einheiten ist das nicht nur ein Flop, sondern eine Vollblamage. Ja, Madonna ist ein großes Stück Pop-Geschichte und hat besonders hinsichtlich Feminismus und sexueller Selbstbestimmung unzähligen Acts von heute den Weg gepflastert. Dafür verdient sie riesigen Respekt! Aber wenn man neue Musik liefert, sollte die zumindest ansatzweise konsumierbar bleiben und nicht wie der Hurz-Act im Berliner Kunstmuseum klingen. Und irgendwie scheinen alle wohl auch einzusehen, dass man sich in eine Sackgasse manövriert hat. Somit alles auf Null: Madonna kündigte ihre Kooperation mit Universal, schließlich ist mit denen drei Mal nur Grütze rausgekommen. Stattdessen schaut sie zurück und sucht den letzten Anhaltspunkt, an dem alles doch irgendwie cool und groovy war. Das Ergebnis der Suche: Das Jahr 2005.

Als im Spätherbst 2005 „Time goes by so slowly…“ wie ein Mantra durch die Boxen dringt, dazu ein Weckerticken ertönt und es schließlich mit einem „Gimme Gimme Gimme“-ABBA-Sample kein Halten mehr gibt, ist wieder klar: Madonna ist der Zahn der Zeit. Damals ist sie 47 und liefert mit „Hung Up“ einen so treibenden Dancefloor-Filler, dass ein Entkommen zwecklos ist. Doch damit nicht genug funktioniert ihr „Confessions On a Dance Floor“, wie das Album damals heißt, auf voller Länge und bringt House, Pop und Disco im Einklang, lässt aber auch genug Raum für Messages. Es ist ihr letzter Longplayer, über den wirklich positiv geredet wird, der Fans wie Kritiker*innen begeistert und später stets zu ihren fünf besten Werken zählt.

Ja, Jubiläen kann man doch durchaus etwas flexibler betrachten. Natürlich wäre es konsequent gewesen, schon im vergangenen November das 20-jährige zu feiern. Tatsächlich droppt sogar zum Geburtstag ein kleines Re-Release auf diversen Streamingportalen mit mehreren Remixen und ein paar Bonus Tracks aus der Ära, die zuvor nur auf Singles verfügbar waren oder als Bootlegs durchs Netz schwirrten. Doch das richtige Geschenk folgt mit fast einem Jahr Verspätung. Schon länger kursieren immer wieder Gerüchte, Madonna würde an neuen Songs arbeiten. Das wurde auch Zeit! Schließlich sind mittlerweile seit „Madame X“ sieben Jahre vergangen, so lange musste man bei ihr noch nie warten. Doch noch spannender: Schnell sprach man von einer neuen Zusammenarbeit mit Stuart Price, dem Produzenten, mit dem „Confessions On a Dance Floor“ entstand, der aber auch Erfolge von Kylie Minogue, The Killers, den Pet Shop Boys und Seal verbuchen kann. Perfekt wird der Gossip, wenn es sich bei dem Co-Working um einen echten Nachfolger handeln soll. Und hier sind wir endlich! Confessions II ist da. Juli 2026, am Wochenende des Cologne Pride. Wie perfekt ist es!?

Sie war schon immer eine LGBTQIA*-Pionierin. Genau auf diese Zielgruppe setzte die fast 68-jährige Künstlerin in der Promo-Phase und arbeitet eng mit dem Dating-Portal Grindr zusammen. Immerhin wurde sich also bei der Bewerbung im Vorfeld mehr überlegt als bei den vorigen Outputs. Es ist sogar ein kleiner Hype rund um Confessions II entstanden. Man hat das Gefühl, als ob Madonna wirklich nochmal richtig angreift. Doch kreative Kampagnenideen sind das eine, am Ende müssen immer noch Songs überzeugen – und hier ist die Nachfrage vorab erneut äußerst mau. Keine der drei Singles kommt in die deutschen Top 100. Der Comeback-Song „I Feel So Free“ schafft eine Woche Platz 90 in UK, selbst die Kollabo „Bring Your Love“ mit Sabrina Carpenter, die also nun als Gen-Z-Brücke herhalten soll, kommt trotz gemeinsamem Coachella-Auftritt nur bis auf Platz 74 in den USA und immerhin in die Top 30 in Großbritannien. Das letzte Vorab-Häppchen „Love Sensation“ verfehlt jegliche Charts weltweit.

Es scheint so, als sei Madonna einfach auserzählt. Als sei sie zwar für viele immer noch diese besondere Persönlichkeit, die so viel Tolles geleistet hat, aber eben nur noch im Rückblick funktioniert, nicht mehr im Heute. Die einfach den Zeitgeist nicht mehr trifft und mit ihrer Anbiederung an aktuellen Trends eher cringe als authentisch wirkt. Doch ist Confessions II wirklich die vierte Pleite in Folge? Nein, glücklicherweise nicht. Thanks to the gay goddess at the end of the rainbow! Allerdings ist das nur wenige Stunden nach Veröffentlichung auftauchende Fazit „Beste Madonna-Platte seit 20 Jahren“, also seit dem ersten „Confessions“, auch nicht zutreffend.

Auf „MDNA“ gab es auch zwei, drei Songs, die man ganz ok finden konnte. Auf „Rebel Heart“ gab es zwar sehr viel Müll, aber sogar drei, vier richtig gute Titel, besonders unter den Bonus Tracks. „Madame X“ streichen wir einfach aus unseren Köpfen, da scheint wirklich alles schiefgegangen zu sein, aber Confessions II pendelt sich qualitativ wohl auf einem Level von „Rebel Heart“ ein. Zu behaupten, es sei besser als „Hard Candy“ ist lächerlich, dafür sind gerade Songs wie „4 Minutes“, „Miles Away“, „Voices“, „Dance 2nite“ oder das überragende „Devil Wouldn’t Recognize You“ viel zu stark. Confessions II leidet vor allen Dingen unter dem Fakt, dass es keinen einzigen sehr starken Hit bereithält. Keinen Track, der in den nächsten Wochen die Radios, TikToks, Prides, Spotify-Playlists und Clubs gleichmäßig erobern und sich so zu einem Bop entwickeln wird, den alle auf dem Schirm haben. Aber Confessions II hat dafür Atmosphäre. Und die ist gut.

Mit einer Länge von 63 Minuten, die sich auf ganze 16 Tracks aufteilt, gibt es viel zu entdecken. Endlich gibt es mal wieder die Chance, in ein Madonna-Universum abzutauchen und dort zu verweilen. Confessions II kann man gut durchhören. Nichts stößt einen unangenehm an wie gefühlt jede zweite Nummer auf „Madame X“, dafür ist manches aber einfach ein bisschen langweilig. Easy könnte man drei bis vier Titel streichen und würde so mehr Substanz erhalten. Soundtechnisch bewegt sich die Platte – und Achtung, jetzt kommen große Referenzen – zwischen „Confessions on A Dance Floor“ von 2005, ein wenig „Bedtime Stories“ aus 1994 und dem Meilenstein „Ray Of Light“ aus 1998. Madonna ist endlich wieder Ambient, was sie immer schon wahnsinnig gut verkaufte. Confessions II ist steril, klinisch, sehr kühl, etwas schwer greifbar, was zum erneuten Anhören motiviert. Nur kickt es einfach nicht so richtig derbe.

Mit einem sphärischen „I Feel So Free“ gibt es einen sofortigen, Deep-Housigen Dive in ihre neuen Klangwelten. Das ist nicht richtig hookig, aber dennoch wunderbar fließend und sexy. Wie auf dem Vorbild vermischen sich die Songs ineinander und gehen direkt zum nächsten über. „Good For The Soul“ ist ähnlich wie damals „Get Together“ und setzt den Einstieg konsequent fort. „One Step Away“ ist das, was am meisten an das Gefühl ihrer Ausflüchte in der ersten Hälfte der 90s erinnert. Mystisch. Piano trifft auf fast schon orientalische Beats, die ordentlich 4-to-the-Floor geatmet haben. Zwar hat das Carpenter-Feature „Bring Your Love“ Vibes von „Vogue“, aber ist mit seinem dünnen Refrain schon arg underwhelming. Dafür folgt jedoch im Anschluss mit „Danceteria“ das, worauf man als Fan wirklich ewig warten musste. Mit viel Autotune, einem sich aufbauenden Techno-Beat und der In-Your-Face-Ansage „Everybody get up and dance!“ fliegt einem für fast vier Minuten lang die pure Campiness um die Ohren. Yeees, gurl!

Schade, dass es auf dem Level keine weiteren Stomper mehr gibt. Confessions II geht leider nie wirklich hymnisch auf, sondern bleibt stets cool und gechilled. Die spanische Gitarre in „Read My Lips“ bockt, rettet aber trotzdem nicht den ansonsten nur mittelmäßigen Rest. Erinnert aber irgendwie an „Isaac“ von „Confessions 1“, oder? Womöglich ein Grower. Auch die darauf folgenden „Everything“ und „Love Without Words“ bleiben farblos, selbst wenn der Beat von „Everything“ vielleicht den stärksten Sog des gesamten Dings entwickelt, man hat halt nur nix groß draus gemacht.

Dafür macht es Laune, Inspirationen zu entdecken. In dem gemeinsamen Track „My Sins Are My Savior“ mit Stromae – geile Idee, hands down – erkennen 90s-Queer-Disco-Liebhaber*innen deutlich Army of Lovers wieder, in dem sehr gelungenen, eingängigen „Bizarre“, das mit Martin Garrix entstanden ist, hat man das Gefühl „Sweet Dreams“ von Eurythmics zu hören, zum Ende wird es fast schon „Poker Face“ von Lady Gaga. Wäre das nicht das eindeutigste Zeichen, dass die zwei Queens sich doch lieben? Es wäre so wholesome. Gen Ende gibt es mit dem Trip-Hop-artigen „Betrayal“, dem Goodbye an ihren verstorbenen Bruder namens „Fragile“ sowie dem interessanten Rauswurf „L.E.S. Girl“ – „Lower East Side Girl“ ausgeschrieben – balladenartige Mosaike, die dieses „Ray of Light“-Feeling haben, von dem wir schon sprachen. Und um den Kreis zu schließen: In „The Test“ taucht ihre Tochter Lourdes unter ihrem Künstlerinnennamen Lola Leon auf, für den Madge damals „Little Star“ schrieb – und in dem Song von heute Madonna sie sogar versöhnlich „Little Star“ nennt. Hach, schön.

Confessions II ist ambitioniert. Das ist schon sehr viel wert. Es ist nicht super gelungen, es ist auf gar keinen Fall der nächste Anwärter für die Liste von Madonnas absoluten Top-Alben, die nie sterben. Aber es ist eine Versöhnung mit vielem, was zuletzt gnadenlos enttäuschte und gegen die Wand fuhr. Und jetzt get up and dance! Keine Kapazitäten mehr zu warten!

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