Tag 1
Es ist der heißeste Tag des Jahres und wir befinden uns inmitten einer Hitzewelle. Um 17 Uhr zeigt das Thermometer noch 36 Grad. In der prallen Sonne ist es kaum auszuhalten. Da erscheint es fast wie eine fragwürdige Idee, die nächsten zwei Tage auf einem asphaltierten Festivalgelände mit kaum Schatten zu verbringen und sich von Hardcore-, Punk- und Metalbands anschreien zu lassen. Mit dieser Idee bin ich allerdings nicht allein: Rund 20.000 weitere Menschen machen sich ebenfalls auf den Weg zum Vainstream Rockfest in Münster.
Die hohen Temperaturen sind schon auf den ersten Blick überall sichtbar. Der sonst fast durchgehend schwarze Merch-Look der Metal- und Hardcore-Community wird dieses Jahr an vielen Stellen gegen luftige und hellere Kleidung getauscht. Sonnenhüte, Caps und vor allem faltbare Wasserflaschen gehören in diesem Jahr zur Grundausstattung. Ohne sie wäre das Wochenende wohl kaum zu überstehen.
Das Vainstream ist ohnehin jedes Jahr ein heißes Festival. Der Großteil des Geländes besteht aus einem Parkplatz und entsprechend gleicht das Infield einer Asphaltwüste ohne natürliche Schattenplätze. Abkühlung gibt es höchstens im Inneren der Halle Münsterland, wo NGOs und verschiedene Aussteller ihre Stände aufgebaut haben. Dort scheint zwar keine Sonne, wirklich kühl wird es aber auch nicht.
Weniger gut läuft dagegen die Wasserversorgung. Die angekündigten zusätzlichen Trinkwasserstellen lassen sich nur schwer finden. Gefühlt gab es im vergangenen Jahr sogar mehr Möglichkeiten. Die bekannte Wasserstelle am Eingang wurde in diesem Jahr durch Duschen ersetzt, an denen sich Trinkflaschen allerdings nur umständlich auffüllen lassen. Auch an den Wasserstationen im Infield wartet man gerne einmal fünfzehn Minuten. Das dürfte im kommenden Jahr gerne besser gelöst werden. Richtig gut funktioniert dagegen die Wasserversorgung direkt vor den Bühnen. Die Securities verteilen ununterbrochen Getränkepackungen und Flaschen in die ersten Reihen und geben Wasser an alle aus, die es brauchen. Wer das weiß, kommt deutlich besser durch den Tag.
Überhaupt verdienen die Securities an diesem Wochenende ein großes Lob. Den gesamten Tag stehen sie in der prallen Sonne, behalten dabei trotzdem jederzeit den Überblick, versorgen Besucherinnen und Besucher mit Wasser und haben trotz der Bedingungen noch ein Lächeln auf den Lippen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Dankeschön!

Musikalisch startet mein Festival mit Hi! Spencer auf der kleineren Rock Night Stage. Vermutlich gehören Hi! Spencer zu den Bands, die stilistisch am wenigsten auf das Vainstream passen – funktionieren tun sie trotzdem hervorragend. Sänger Sven bekommt allerdings selbst die Auswirkungen der Temperaturen zu spüren. Die letzten Songs spielt er sitzend, mit einem Handtuch über dem Kopf. Später gibt die Band auf Instagram Entwarnung: Ihm geht es wieder besser. Es zeigt aber auch, wie sehr die Hitze an diesem Wochenende allen zusetzt. Umso wichtiger ist es, auf sich aufzupassen, genug zu trinken und immer wieder Schatten aufzusuchen.
Neu ist in diesem Jahr außerdem, dass parallel die Münster Monster Mastership stattfindet. Während der Umbaupause an der Rock Night Stage drehen auf der Halfpipe direkt daneben Skateboarder ihre Runden. Eine schöne Ergänzung, die während der Umbaupausen für zusätzliche Unterhaltung sorgt.
Danach folgt für mich ein persönliches Highlight: All Time Low gehörten zum Soundtrack meiner Teenagerzeit. Entsprechend macht das Set einfach Spaß. Mit „Backseat Serenade“ gibt es genau den Throwback-Moment, den viele im Publikum feiern. Gleichzeitig merkt man auch der Band an, dass bei diesen Temperaturen niemand unnötige Risiken eingehen möchte – ein bisschen „Dad-Modus“ schadet an diesem Wochenende definitiv nicht.

Bury Tomorrow liefern anschließend wie gewohnt ab. Die vielen Feuereffekte werden bei dieser Hitze zwar nicht so sehr gefeiert wie sonst, aber cool sieht es halt trotzdem aus. Ein weiteres Highlight sind La Dispute, die ich endlich einmal live erleben kann. Ebenso überzeugen LANDMVRKS, die bereits im vergangenen Jahr einen starken Eindruck hinterlassen haben und auch diesmal wieder abliefern. Dabei stehen an diesem Tag noch viele weitere starke Bands auf dem Programm. Wegen der Temperaturen ist es allerdings schlicht nicht möglich, alles mitzunehmen. Da müssen Pausen im Schatten und eine Abkühlung immer wieder Vorrang haben.
Den Abschluss des ersten Tages übernehmen dann Rise Against. Erstaunlich, wie viele Songs man doch kennt, wenn sie nacheinander gespielt werden. Auf einem Festival funktioniert ihre Musik wirklich gut. Ein gelungener Headliner zum Ende eines langen und vor allem extrem heißen Festivaltages.
Tag 2
Es ist immer noch heiß. Vielleicht sogar noch heißer als am Vortag. Inzwischen haben wir alle dazugelernt. Das nasse Handtuch unter der Mütze wird zum Standard. Es spielt längst keine Rolle mehr, wie das aussieht, hauptsache es bringt ein bisschen Abkühlung.
Auch direkt vor der Bühne entwickelt sich der Bühnengraben inzwischen zur regelrechten Wasserschlacht. Jede Möglichkeit zur Erfrischung wird genutzt. Die Vainstream-gebrandeten Getränkepackungen vom Vortag sind mittlerweile aufgebraucht, stattdessen werden immer wieder neue Wasserflaschen von verschiedensten Marken verteilt. Man merkt, dass die Organisation im Hintergrund auf den enorm gestiegenen Wasserbedarf reagiert hat und es sicherlich nicht leicht ist, so viele Wasserflaschen zu besorgen. Dafür ein großes Dankeschön.
Den musikalischen Auftakt macht für mich an diesem Tag Raum27 auf der MURDER REDRUM Stage. Die Indie-Band passt ihr Set dem Metal-Publikum an und spielt unter anderem eine rockigere Version von „Sommerregen“. Das funktioniert überraschend gut. Das eigentliche Highlight bleibt hier aber der Ohrwurm „Oft gesagt“.

Grandson geht das Konzert aufgrund der Hitze ebenfalls mit Bedacht an. Statt Moshpits anzufeuern, sagt er: „Wir geben heute alles – und ihr schaut einfach zu.“ Eine vernünftige Entscheidung, die bei diesen Temperaturen genau richtig wirkt. Und auch der Satz „Nichts ist mehr Punk, als Wasser zu trinken“ ist bei diesem Festival bestens aufgehoben. Für mich gehören Bloodywood aus Indien zu den positiven Überraschungen des Tages. Die Mischung aus Metal und indischen Einflüssen funktioniert live hervorragend und sorgt trotz der Hitze noch einmal für ordentlich Stimmung.
Doch dann nimmt das Festival leider ein abruptes Ende. Nachdem zunächst nur Regen angekündigt wird, folgt wenig später die Entscheidung: Wegen einer amtlichen Gewitterwarnung wird das Vainstream vorzeitig beendet. Natürlich ist die Enttäuschung groß. Vor allem auf Headliner Architects hatten viele Besuchende hingefiebert. Gleichzeitig steht die Sicherheit aller Beteiligten an erster Stelle und diese Entscheidung ist angesichts der Wetterlage absolut nachvollziehbar. Die Räumung des Geländes verläuft ruhig und geordnet. Während die ersten Besucher „Wonderwall“ anstimmen, wird auf dem Weg nach draußen fleißig mitgesungen. Ein passender Schlusspunkt für ein Festival, das wettertechnisch kaum extremer hätte verlaufen können.
Immerhin gibt es schon einen Ausblick auf 2027: Mit Lorna Shore wurde direkt der erste Headliner angekündigt. Bleibt zu hoffen, dass es im kommenden Jahr etwas kühler bleibt und das Festival dann bis zum letzten Ton stattfinden kann.
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Bildergalerie:
Fotos von Marie H. / @marie_.fotografie
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