Spanische Musik hat weltweit aktuell einen unglaublichen Hype. Bad Bunny verkauft mit seinem Reggaeton sämtliche Stadien aus, völlig egal, ob Menschen in den jeweiligen Städten die Sprache verstehen. Rosalía hat mit ihrer Tour zu „Lux“ überragende Kritiken eingeheimst, dabei traut die sich sogar an ein unkonventionelles Klassik-Pop-Crossover. Die typischen Latin-Pop-Beats, wie sie auch Shakira in die Charts brachte, sind zwar momentan nicht so wirklich im Trend, aber dennoch hat spanische Musik ein High wie schon ewig nicht mehr. Als Ende der 90s englische und spanische Lyrics gemixt und für Sommerhits benutzt werden, ist Ricky Martin einer der Pioniere. In den drei Dekaden hat er sich mehrfach gewandelt und ist nun nach Ewigkeiten zurück für eine Show in Deutschland.
Am 27.6., einem Samstag, erleben wir alle gemeinsam einen neuen Höchsttemperatur-Rekord. Mal wieder. Mit rund 38 Grad in NRW wird sich so totgeschwitzt, dass trotz Wochenende die Straßen wie leergefegt aussehen. Es ist einfach vielen zu heiß. Mehrere Festival werden abgesagt, weil kein sicherer Ablauf gewährleistet werden kann. Eigentlich sind Indoor-Gigs in den Sommermonaten unbeliebt, aber jetzt gerade könnten sie nicht gelegener kommen. Funktioniert nämlich die Klimaanlage in den Hallen, werden diese zum Ort der Offenbarung – wenn es schon zuhause nicht mehr auszuhalten ist, dann eben hier. Dazu noch Musik, die aus Lateinamerika kommt? Match made in Heaven.
Als Ricky Martin 1996 auf den Musiksendern auftaucht, ist er 25 Jahre jung. Sein temperamentvolles, charmantes, leicht machoartiges Auftreten kommt hervorragend an. Neben Boybands wie *NSYNC und den Backstreet Boys ist er der leicht exotische Südländer-Gentleman, dem sofort viele Frauen – und ganz bestimmt damals auch schon Männer – verfallen. Ihm folgen Künstler wie Marc Anthony und Enrique Iglesias mit ähnlichen Zielgruppen. Das Image ist klar erkennbar und die Nachfrage riesig. Mehrere Jahre schlagen sämtliche Hits der Acts äußerst erfolgreich ein, jedoch ist bei Ricky Martin nach 2005 Schluss. In den neun Jahren hat er mehrere deutsche Top-10-Hits, wovon drei mit Gold veredelt werden, dazu zwei vergoldete LPs.
Zwei Jahrzehnte später ist das Interesse an ihm aber nicht nur abgeflacht, sondern zumindest bei uns nahezu komplett verschwunden. 20 Jahre ohne einen erfolgreichen Song sind ordentlich. Zwar gibt es zig Nostalgie-Acts, die von ihren Classics auch heute noch zehren, aber sie sind dann meist durchgehend präsent. Ricky hingegen ist zuletzt 2014 hierzulande aufgetreten. In anderen Regionen ist er aber weiterhin ein großer Star – in den amerikanischen Latin-Charts war er schon fünf Jahre vor dem deutschen Durchbruch in den obersten Rängen zu finden, seine letzte Gold-Auszeichnung ist dort gerade einmal fünf Jahre her und als Feature bei Carlos Vives – ja, den kennt hier wahrscheinlich niemand – erreichte man im Duett 2021 gar siebenfaches Platin. Wie gesagt, die Verständlichkeit der Lyrics kann auf Dauer durchaus helfen.
Wie aus dem Nichts taucht aber plötzlich sein Name auf den NRW-Konzertplänen des Sommers 2026 auf. Die Rudolf Weber-Arena in Oberhausen soll sein deutsches Bühnencomeback zeigen, kurz vorher gibt’s schon einen Auftritt in der Schweiz. In seiner gefühlten Abwesenheit outete sich der Puerto-Ricaner 2010 als schwul – zuvor wurde ihm über lange Zeit empfohlen, dies nicht zu tun, um keine weiblichen Fans zu verlieren. Kein Einzelfall in den wirklich knallharten 90s. Doch seitdem ist er auch in der queeren Bubble äußerst beliebt, setzt er sich nämlich regelmäßig für LGBTQIA*-Rechte ein. Eigentlich also eine Zielgruppen-Erweiterung, oder? Dem sollte man somit doch die Tickets förmlich aus der Hand reißen, wenn man so lange auf ihn warten muss.
Jedoch zeigt der Saalplan der Arena kurz vor dem Termin ein etwas erschreckendes Ergebnis: In jeder Kategorie sind noch Karten verfügbar, sogar für den beliebten Front-of-Stage-Bereich vor der Bühne. Einerseits bekommt man von dem Auftritt vorab relativ wenig mit, andererseits ist er aber auch bei vielen kein Name mehr. Die Abstinenz ist eindeutig zu lang, die großen Banger ewig her und die Hörgewohnheit eine andere. Doch in Oberhausen versammeln sich weitaus mehr als nur deutsche Fans. Viele haben ihre Länderfahnen mitgebracht, um zu zeigen, aus welchen Ecken sie kommen – und die sind wirklich impressive. Weit über die Grenzen von Europa hinaus kommen Menschen aus zum Beispiel Mexiko oder Argentinien ins Ruhrgebiet, um den mittlerweile 54-jährigen Latin-Pop-Star zu feiern. Ok, viele von ihnen leben womöglich im Umfeld und haben nur ihre Wurzeln dort, aber das zählt trotzdem. Selten bekommt man in Hallen in der Nähe so viele Dialoge mit, die man als im Ruhrpott geborene Kartoffel nicht versteht. Erfrischend anders.
Der Einlass ist ein wenig merkwürdig. Bei einem offiziellen Beginn von 20 Uhr um 19 Uhr zu starten, ist für die Rudolf Weber-Arena vergleichsweise ziemlich spät. Dann tummeln sich die Gäste*innen sogar lange im Vorraum, weil die Türen zum Saal erst gegen 19:30 Uhr aufgehen. Das liegt aber wohl darin, dass der Oberrang komplett geschlossen ist, eben nicht ganz so viele Leute da sind und es keinen Support-Act gibt, Ricky Martin stattdessen erst um 20:30 Uhr beginnt. Zum Showstart fällt dann jedoch auf, dass es doch gar nicht so wenige in der Crowd sind. Insgesamt sind 5000 gekommen, um zu den kultigen Hits zu feiern. Vorteil: Es ist draußen eh schon so warm, sodass man sich hier wenigstens nicht zu nahe kommt und entspannt die Hüften shaken kann. Trotzdem hätte ein Palladium in Köln oder eine Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf wohl auch gereicht.
Und was sagt eine nur halb volle Arena über die Stimmung? Nur bedingt etwas! Denn auch ohne Warm-up-Programm wird es beim Kick-off ordentlich laut. In den richtigen Kreisen ist Ricky Martin eben immer noch der Schwarm aller Geschlechter, auf den man, wenn man hier in der Gegend wohnt, extrem lange warten musste. Fast 100 Minuten und insgesamt 20 Songs lang gibt es Retrofeeling, aber auch viele moderne Beats, denn so mancher Track stammt auch aus den aktuellen 2020s. Den kennen die deutschen Besucher*innen dann zwar wahrscheinlich nicht, aber die ganzen anderen schon – bei fast jedem Lied gibt es so manchen, der mitsingt.
Ganz besonders aber natürlich mitfilmt. Das ist zwar noch nicht so lange möglich, in Kombination aber mit dem völlig ausufernden Kreischen, als wäre doch wieder 1996, wohl eine neue Eskalationsstufe. So kann man sich nämlich wieder fühlen wie eine Person in der Pubertät, gleichzeitig aber den Moment für später auf dem Smartphone mithalten. Ricky Martin gibt auch wirklich viele Anlässe dazu, denn das Allerbeste an dem Konzert ist seine Laune. Es ist unübersehbar, dass das hier nicht nur für die Menschen vor der Bühne etwas Besonderes ist, sondern genauso für ihn. Er strahlt, lacht unglaublich viel und freut sich so expressiv, wie man es bei Acts, die oft nicht mal wissen, wo sie gerade eigentlich auftreten, weil es so schnell rotiert, nicht zu sehen bekommt. Sweet.
Ok. Er vertut sich gen Ende auch und glaubt, er spiele gerade für Düsseldorf. Ja gut. Dass er aber eigentlich in Oberhausen ist, weiß er, wie seine erste große Ansprache beweist. Er zählt nur völlig enthusiastisch auch noch weitere deutsche Städte im Umfeld auf – eben unter anderem auch Düsseldorf – und ist nachher in seinem Endorphin-Rausch um ein paar Kilometer verrutscht. Passiert. Dazwischen gibt es dafür einen bunten Strauß an Songs aus insgesamt vier Jahrzehnten, darunter mehrere Titel, die irgendwo Nr. 1 waren.
Für fast jeden Track hat er ein eigenes Oberteil an. Das ist mal ein Schal, mal ein Muskelshirt, mal ein Tanktop, dann ein Jackett. Immer, wenn seine Bauch- oder Brustmuskeln durchblitzen, ertönt ein lautes Geschrei. In erster Linie immer noch von Frauen. Ist eben völlig egal, ob er nun Frauen oder Männer datet, anhimmeln kann man ihn ja weiterhin. Dass er genau mit diesem Spiel ein wenig kokettiert, fällt dadurch auf, dass Ricky zwischendrin mit allen seiner insgesamt sieben Tänzer*innen ein paar intime Moves aufs Parkett legt – Geschlecht völlig egal. Neben ihm und den Dancers gibt es zusätzlich noch acht Instrumentalist*innen – darunter gleich drei Blasinstrumente – plus einen Backgroundsänger. Für eine Show heutzutage eine wirklich ordentliche Besetzung, die man auch hört. Zwar sind die Drums manchmal ganz schön laut, aber insgesamt ist der Sound super. Besonders das Bläser-Trio bringt das Latin-Feeling authentisch in den Pott.
Gesanglich ist Ricky Martin nicht immer ganz hervorragend, aber auch nie voll daneben. Der größte Sänger war er aber noch nie, hier geht es viel mehr ums Package, und das stimmt. Auch mit Mitte 50 sitzen alle Choreografien super, körperlich gibt er wirklich das Maximum, sieht agil und fresh aus und ist voller Energie. Dabei wird das schönste Smile aufgelegt und ständig mit Fans interagiert. Nicht selten ruft er „Do you want more?“, bedankt sich für die Anwesenheit, verspricht sogar schon bald wiederzukommen. Na gut, zwölf Jahre zu unterbieten, ist jetzt auch nicht ganz so schwierig – möge es stimmen!
Die Höhepunkte in dem gut anderthalbstündigen Set sind natürlich „María“, das überraschend früh schon als zweites dran ist, die Bombast-Zugabe mit „Livin‘ La Vida Loca“ und „The Cup of Life“ im Doppel, aber auch der Balladen-Block, bei dem er „Private Emotion“ solo singt und zu „Nobody Wants To Be Lonely“ Christina Aguilera auf Leinwand einspielen lässt. Schön wäre gewesen, wenn man das mit Meja – der Gesangspartnerin bei „Private Emotion“ – auch getan hätte, da dem Lied ohne zweite Stimme doch einiges fehlt. Auf „She’s All I Ever Had“ muss man leider verzichten, weil Ricky stattdessen an der Stelle, an der er auf vorangegangenen Konzerten genau den Song sang, einen Spendenaufruf für die Erdbeben-Opfer von Venezuela startet und ihnen einen speziellen Titel widmet. Spanische Lieder, die positiv auffallen und in Deutschland unbekannt sind, sind das schöne „Vuelve“, aber auch „Vente pa‘ ca“, sowie „Por arriba, por abajo“, zu dem Ricky mit dem Publikum ein kleines Battle zwischen der linken und rechten Raumhälfte startet, das an die Choreo zum Karnevals-Hit „Gute Laune“ erinnert. ¡wo, pa!
Ricky Martin in Oberhausen ist vor allen Dingen äußerst spaßig und kurzweilig. Der Entertainer wirkt nahbar und in bester Laune, das Publikum geht mit, sodass die halbvolle Arena irgendwann gar nicht mehr auffällt. Fans seiner Musik haben ganz klar einen guten Abend – und hoffentlich den nächsten dieser Art nicht erst wieder 2038.
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Foto von Christopher Filipecki
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