Man muss sich überhaupt keine Mühe geben, um in Sozialen Netzwerken Kommentare zu finden, in denen Menschen diskriminiert und angefeindet werden. In denen der Wunsch geäußert wird, dass Deutschland von einer rechten Partei regiert werden sollte. Was vor guten zehn Jahren noch als Dystopie galt, ist heute so realitätsnah wie zuletzt vor knapp 80 Jahren. Fremdenhass und eine Ablehnung gegenüber allem, was nicht ins eigene Weltbild passt. Zum Glück gibt es mindestens genauso viele Gegenstimmen und Leute, die empört reagieren und zeigen, dass sie damit so gar nicht einverstanden sind. Beide Seiten werden aktuell spürbar lauter. Wer am Ende siegt, wird die Zukunft zeigen. Dass Widerstand Mut benötigt, moralisch betrachtet genau das Richtige ist, aber auch manchmal einen sehr hohen Preis kostet, zeigt das neue Musical Die weiße Rose – und untermalt abermals, wie stark sich so manche zwischenmenschliche Situation vor und während des Zweiten Weltkrieges mit der gegenwärtigen Lage deckt.
Die 1942 gegründete Widerstandgruppe rund um Sophie Scholl und ihren Bruder Hans umfasste sechs Kernmitglieder sowie einige wenige Unterstützer*innen. Mit Flugblättern versuchte man gegen das NS-Regime anzukämpfen und Zivilcourage zu zeigen. Am Ende mussten alle mit ihrem Leben zahlen. Dieser bewegende und enorm berührende Abschnitt des wohl dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte macht betroffen und wütend – aber er zeigt auch, dass nie alle mit dem Strom gehen und lieber versuchen, sich und ihren Wertvorstellungen treu zu bleiben. Schon mehrfach wurde das Leben der Scholls und ihres Kollektivs verfilmt oder in Theaterstücken behandelt. Die Thematik wirkt noch heute greifbar und nicht selten fragt man sich, wie man selbst handeln würde und wo die eigenen Grenzen liegen. Dass das Ganze nun auch in der deutschen Musicallandschaft einen Platz findet, ist demnach eine logische Konsequenz.
Selbst wenn lange Zeit der Vergleich zum Zweiten Weltkrieg hinkte, so ist er doch leider immer angebrachter denn je. Auch Musicaldarsteller Alex Melcher (über den wir in „Hedwig and the Angry Inch“ berichteten) ließ das Thema nicht los. Gemeinsam mit seiner Partnerin Vera Bolten, die ebenfalls Musicaldarstellerin ist und die wir zuletzt in „Tootsie“ in Bonn sehen durften, entwickelte er in den letzten Jahren eine Musicaladaption des Stoffes. Melcher schrieb die Musik, Bolten Liedtexte und Buch. Uraufgeführt wurde Die weiße Rose im Juni 2025 im Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen und erhielt schnell ein nicht erahntes Ausmaß an Aufmerksamkeit. Lob in ausuferndem Maße seitens Kritik und Besucher*innen sowie sieben Gewinne beim Deutschen Musical Theater Preis 2025 sorgten für ein gigantisches Medienecho.
Nach einigen wenigen Vorstellungen in Füssen und München im vergangenen Jahr war schnell klar, dass man mit dem Werk mehr Bühnen bereisen muss. Es trifft den Zeitgeist und arbeitet die bekannte Story neu und aus einem anderen Winkel betrachtet auf. Diesen Sommer gibt es deswegen gleich sechs Städte auf der Touragenda: Berlin, Düsseldorf und Stuttgart sind neu dabei, Füssen und München erneut anvisiert – den Abschluss bildet aber Köln. Als Opener zum Sommerfestival, das jährlich in der Philharmonie stattfindet und rund eine Hand voll sehr unterschiedlicher Bühnenstücke zeigt, die nur kurze Zeit gespielt werden, ist Die weiße Rose abermals eine besondere Auswahl, über die sich vordergründig Fans und Musical-Insider*innen freuen werden. Nun ja, wenn man bei dem Thema von „freuen“ sprechen darf. Die Premiere findet am 28.7., einem Dienstag, statt und ist bis auf wenige Restplätze ausverkauft.
Der Plot in einigen Sätzen: Eigentlich sind Sophie und Hans Scholl begeisterte Mitglieder der Hitler-Jugend. Der Führer verspricht eine bessere Zukunft und sie, die jungen Menschen, schauen positiv nach vorn. Doch mit der Zeit werden sie immer häufiger im Alltag damit konfrontiert, wie Weggefährten unter dem NS-Regime leiden und viele Versprechungen nur mit dem Leid anderer einhergehen. Von Anhänger*innen werden sie zu Hinterfragenden, die irgendwann nicht mehr länger zusehen wollen. Gemeinsam bilden sie eine Bewegung, die – je größer die Macht Hitlers wird – sich auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod bewegt, aber dennoch mit Flugblättern probiert, andere wachzurütteln und für Menschlichkeit einzustehen.
Das 140 Minuten lange Musical, das genau auf der Hälfte von einer Pause unterbrochen wird, stellt einen Gegenentwurf zum Trend dar, alles größer, üppiger, aufwändiger und TikTok-artiger zu inszenieren. Kostüm? Fast ausschließlich schwarz und kaum wechselnd. Bühnenbild? Eine bewegbare Treppe, ein höheres Podest, Videoleinwände, das war’s. Requisiten? In erster Linie hohle Würfel, die zusammengebaut einen Tisch darstellen, manchmal aber auch Sitzmöglichkeiten bieten oder für Choreografien herhalten. Viel mehr ist dort nicht. Gerade für Fans von bombastischen, Eye-poppigen Inszenierungen ist Die weiße Rose überraschend minimalistisch und clean.
Das Stück ist sehr viel mehr klassisches Musiktheater. Also Theater, in dem auch viel Musik stattfindet und gesungen wird. Die Schauspiel-Parts und Dialoge haben weitaus mehr Raum als in fast allem, was die letzten Jahre seine Premiere feierte. Dies sorgt dafür, dass besonders die elfköpfige Cast zeigen kann, was sie drauf hat. Gerade in der Kölner Philharmonie ist der Raum zwischen Bühne und erster Reihe äußerst schmal. Außerdem gehen die Sitzreihen nach oben, sodass man im gesamten Parkett das Gefühl hat, sehr nah am Geschehen zu sein. So etwas tut der emotionalen und aufwühlenden Klimax besonders gut.
Trotz der prominenten Figuren Sophie und Hans gibt es in Die weiße Rose keine klaren Hauptcharaktere. Der Spielanteil ist bei allen elf Darsteller*innen ähnlich groß, manche von ihnen spielen im Laufe der Erzählung wechselnde Rollen. Zwar ist der eigentliche Plot sehr geradlinig, dazwischen jedoch wird mit Sprüngen zum Ende der Geschichte – nämlich zum Verhör der Mitglieder – gewechselt, um durch ein Foreshadowing mehr Spannung zu erzielen. Die Szenen sind manchmal nur wenige Sekunden kurz, dann wieder länger. Generell ist das Erzähltempo recht hoch, um in den fast zweieinhalb Stunden Aufführungsdauer alle wichtigen Stationen einzubinden, die der rund zehn Jahre umfassende Plot bereithält.
Auf Seiten der Cast gibt es keinerlei Negativkritik. Das Stück braucht einiges an Skills und Ausdauer. Lauthalsige Gefühlsausbrüche, erschütternde Ereignisse, die den Figuren übermittelt werden und anschließend im Gesicht erkennbar werden müssen, schnelle Auf- und Abgänge, für die mehrfach über die Bühne oder die Treppen hochgerannt wird. Die weiße Rose hat Tempo. Besonders in den Choreografien gibt es einige starke Momente mit viel Power, die Aufregung und Widerstände symbolisieren. Gesanglich erwartet einen so mancher Belting-Augenblick, der das Leid auch in Tönen spürbar macht. Eigentlich ist es nicht gerecht, manche aus der Cast einzeln zu erwähnen. Sucht man trotzdem nach denjenigen, die besonders hervorstechen, sind das neben Friederike Zeidler (über sie sprachen wir schon in unserer „Hairspray“-Kritik) als Sophie, die immer fokussiert und stolz ihre selbstbewusste Rolle verkörpert, sowie ihrem genauso nach moralischem Wertekompass handelnden Bruder Hans, überzeugend gespielt von Jonathan Guth, ganz besonders Julius Störmer als Willi Graf, der nach „Sweeney Todd“ in Dortmund und „On The Town“ in Duisburg sein Repertoire durch eine weitere beeindruckende Rolle erweitern kann, die er mit Bravur meistert. Nicht zuletzt fährt auch Adam Demetz als Alexander Schmorell richtig auf und bläst so manchen in der Crowd mit viel Druck gegen die Wand.
Und nun folgt der Teil, der vielleicht manchen ein wenig irritiert. Aber: So ganz begeistert wie der Großteil der Kritik sind wir nicht. Nicht falsch verstehen, denn Die weiße Rose ist gut. Nur der Hype ist in unseren Augen etwas drüber. Das liegt vor allen Dingen an der zwar soliden, aber nicht so hervorragenden Musik. Viele Stücke verharren in dem typischen Musical-Pop-Genre, ohne all zu sehr aufzufallen. Nie ist ein Song schlecht, aber auch nie hervorstechend. Gespielt wird die Musik von einer siebenköpfigen Band, die trotz eigentlich starken Klangmöglichkeiten in der Philharmonie manchmal etwas unangenehm laut und zu dominant klingt, besonders in den Drums. Außerdem ist die reduzierte Inszenierung zwar effektiv, weil es wenig Ablenkung von den Dialogen und dem Schauspiel gibt, allerdings auch wenig innovativ. Wäre es ein reines Theaterstück, würde es wahrscheinlich kaum auffallen, gibt es schließlich vieles, was ähnlich funktioniert. Doch auch im Musicalbereich kann man bei Die weiße Rose andere Werke finden, die womöglich als Inspiration genutzt wurden. Da wäre beispielsweise „Hamilton“ , das besonders in den Choreografien Parallelen aufweist, aber auch „Come From Away“, das das reduzierte Bühnenbild und den ständigen Figurenwechsel sowie die sprunghafte Erzählweise perfektionierte. Die weiße Rose sucht im ersten Akt noch nach Eigenständigkeit und Durchschlagskraft, wird jedoch schließlich in den letzten 45 Minuten um einiges besser. Spätestens ab der Szene, in der Frauen in den Universitäten ausgeschlossen werden sollen, bekommt der Spannungsbogen ordentlich Drive. Das Schlussbild, welches wir an dieser Stelle nicht verraten, sitzt perfekt und sorgt dafür, dass es gut zwei Minuten ganz, ganz still im Raum wird und der Schlussapplaus mit Standing Ovations verzögert einsetzt. Starker Einfall.
Am Ende geht es selbstverständlich um die Message. Die hat nie komplett an Relevanz verloren, aktuell sogar an Wichtigkeit unglaublich zugenommen. Alex Melcher und Vera Bolten, die beim Beifall selbst mit auf der Bühne stehen, holen eine Geschichte über Held*innen, die gar keine sein wollten und ihren Status erst nach ihrem Tod anerkannt bekamen, ins Musical-Genre und appellieren an den Verstand eines jeden Mitmenschen. Wenn nur einer oder eine dadurch Motivation findet, selbst politisch aktiv zu werden und aufzustehen, hat es sich mehr als gelohnt.
Weitere Termine:
29.7., 30.7. & 31.7., jeweils 20 Uhr
01.8. 15 & 20 Uhr, 02.8. 14 Uhr
Und so sieht das aus:
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Foto von Christopher Filipecki
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