Gracie Abrams – Daughter from Hell

Gracie Abrams - Daughter from Hell

Ehrliche Popsongs, die wie emotionale Tagebucheinträge klingen, vom Erwachsenwerden erzählen und von einer zerbrechlichen, intimen Stimme leben. Genau für diese Art von Musik ist Gracie Abrams spätestens seit ihrem Debütalbum „Good Riddance“ aus dem Jahr 2023 bekannt.  Angefangen als Support-Act von Künstlerinnen wie Taylor Swift und Olivia Rodrigo, hat die Sängerin sich in den vergangenen Jahren einen großen Namen gemacht und verkauft nun selbst die Stadien aus. Ihr Hit „That’s So True“ vom zweiten Studioalbum „The Secret Of Us” wurde 2024 zu ihrem bisher erfolgreichsten Song und krönte Gracie Abrams zu einer wahren Singer-Songwriter-Ikone. Mit „Daughter from Hell“ veröffentlicht die US-Amerikanerin nun ihr drittes Album und entführt in eine Welt voller Dunkelheit und Melodrama.

Sechzehn Songs haben es auf den dritten Langspieler der Sängerin geschafft, produziert hat sie das Album abermals mit Aaron Dessner. Was direkt auffällt: „Daughter from Hell“ ist deutlich düsterer als die Vorgänger. Das zeigt sich bereits beim Opener „Hit the Wall“, in dem die psychischen Probleme einer Person drohen, die Beziehung zu überwältigen. Die Message ist klar: Liebe allein kann innere Kämpfe nicht heilen. Der Song baut sich bis zur Bridge extrem gut auf, verliert dann aber an Wirkung. Die Chorusse werden instrumental zu schleppend begleitet, der Track an sich ist schlicht zu lang. Anders ist das bei „Death Wish“, einem Song, dessen Melodie so toll ist, dass er fast zu schnell vorbeigeht. Gracie Abrams singt über einen Menschen, der jemanden mit narzisstischen Zügen datet, und darüber reflektiert („I fell for your faux fantasy. You poured the wine, there’s poison in it“).

In „The Knife“ nutzt die Sängerin das Messer als Metapher für den Schmerz, den eine Person hinterlassen hat („Pouring my case of kerosene. I’ll be burning this down, but keeping your knife“). Sanfte Klaviertöne leiten den ausdrucksstarken Song ein, in dem der Schmerz überwältigend ist, aber gleichzeitig auch schon bekannt und viel zu alltäglich. Das wird besonders instrumental und stimmlich extrem gut eingefangen, sodass man als Hörer:in gar nicht anders kann, als mitzuleiden. Ein wahres Highlight des Albums ist „Look At My Life“, das sich deutlich von anderen Songs abhebt. Der Chorus ist catchy und mitreißend, das Tempo stimmt. Gracie Abrams besingt hier die Kehrseiten des Erfolgs, den Druck von außen und die psychische Erschöpfung durch Erfolg. Lyrisch reflektiert sie eindrucksvoll, während die Instrumentierung das Spannungsfeld zwischen innerem Zerwürfnis und äußerer Perfektion geschickt unterstreicht. Gerade in einer Industrie, in der alles mehr Gold ist als es glänzt, sind ehrliche Songs wie dieser von enormer Wichtigkeit.

Der Titeltrack des Albums „Daughter from Hell“ behandelt die Beziehung der Sängerin zu ihrer Mutter. Der Titel täuscht allerdings ziemlich. Zwar blickt Gracie Abrams auf ihre Jugend zurück, entschuldigt sich für ihr Verhalten und stellt fest, dass sie eine „Daughter from hell, hungry and loud“ war, die Message des Songs ist allerdings eher als Liebeserklärung einer Tochter an ihre Mutter zu sehen. Die sanfte Melodie unterstreicht das und findet zum Ende einen fulminanten Höhepunkt.

„Good Reason“ ist einer dieser Songs auf dem Album, die eindeutig mehrmals gehört werden sollten. Es geht um eine Beziehung, die nicht mehr funktioniert, obwohl es keinen offensichtlichen Grund dafür gibt. Der Song dümpelt etwas vor sich hin, ist sehr ruhig und zieht sich deswegen. Ähnlich ist es bei „Mews“, das den Moment behandelt, in dem eine Trennung unausweichlich wird. Die erste Strophe und der Chorus ziehen sofort in den Bann, aber danach verliert der Song sich. Hier steckt unheimlich viel Potenzial zwischen den Zeilen, der Track bleibt melodisch, aber zu unaufgeregt. Dadurch gehen die Emotionen beim Hören verloren. Und das, obwohl Gracie Abrams mit dem Auto eine bemerkenswert clevere Metapher für die Beziehung, die bis ans Limit gefahren wird, liefert.

„Minibar“ bricht aus diesem Einerlei aus, kommt frecher daher und bringt Schwung in die Setlist. Die Sängerin besingt hier abermals den inneren Konflikt und die Diskrepanz zwischen dem inneren Fühlen und dem Verhalten nach außen. Sie versucht, bei einer Party mitzuhalten, obwohl sie sich gleichzeitig fehl am Platz fühlt. Mehr Kontrast bringt auch „Men Like You“, ein Trennungssong und eine Abrechnung in einem („You think you’re being cute. It only leaves me hollow“). In dem Song weichen die Unsicherheiten der Selbsterkenntnis, dass die andere Person nicht die ist, für die man sie gehalten hat. Auch „Broke My Heart“ klingt extrem gut, vor allem durch seine experimentierfreudigen und unterschiedlichen Chorusse. Thematisch geht es um eine Trennung ohne Vorwarnung, bei der die aufkommende Wut und das Unverständnis wunderbar durch die Melodie unterstützt werden.

Duette gibt es auf „What If It’s Right?“ mit Marcus Mumford, dem Frontsänger von Mumford & Sons. Und auf „Humming“, wo Bon Iver Sänger Justin Vernon Gracie Abrams im letzten Chorus begleitet. Beide Tracks kommen sehr unaufgeregt daher, während die Stimmen der Sängerin und ihrer Gäste gut harmonieren.

Mit „Cold Goodbye“ endet das Album und hinterlässt gemischte Gefühle. Was haben wir da 56 Minuten gehört? Gracie Abrams ist stimmlich definitiv gereift. Allerdings klingen die meisten Songs auf „Daughter from Hell“ zu ähnlich. Sie sind sanft, unaufgeregt und düster. Per se nichts Schlechtes, aber es fehlt an Abwechslung und den Momenten, an die man sich hinterher erinnert. Einzig „Look At My Life“ und „Minibar“ brechen aus, bei „Humming“ gibt es am Ende einen tollen Belting-Moment. Gerade das macht das Album so widersprüchlich: Obwohl die Sängerin melodisch mehr experimentiert als auf ihren Vorgängern, verschwimmen viele Songs durch ihre ähnliche Atmosphäre zu einem Gesamtbild, dem es an Dynamik fehlt

Und so hört sich das an:

Website / Instagram / Spotify

Die Rechte des Covers liegen bei Interscope Records.

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