Dass es einen Musicalweltrekord im Ruhrgebiet gibt statt am Broadway oder West End, ist kurios, aber die vollste Wahrheit. Im Juni 2028 wird Starlight Express 40 Jahre alt. Vierzig. Vier Dekaden lang läuft der Klassiker – und hier ist das Wort ja mal wirklich angebracht – an derselben Spielstätte, mehr als 13.700 Vorstellungen, über 19 Millionen verkaufte Tickets. Momentan liegt „The Phantom of the Opera“ in New York noch vorne, aber in nicht mal einem Jahr hat man deren Rekord mit 13.981 Aufführungen geknackt. Das sind einmalige Zahlen und wahrhaftig ein Stück deutsche Kulturgeschichte. Doch um überhaupt so lange existieren zu können, braucht es immer mal wieder frische Impulse. Die Show wagt mal größere, mal kleinere Veränderungen. Am 3.9.26, einem Donnerstag, steht die nächste an. Und was verbirgt sich nun dahinter?
Schon seit Wochen fliegen spannende Visuals durch Social Media und Newsletter und machen die unzähligen Fans des Kultmusicals neugierig. Einige Fanclubmember schauen dermaßen oft vorbei, dass sie mitsprechen können. Mehrere Amateurgruppen machen das Musical nach und fordern die Anhängerschaft in Kostümbau und Rollschuhlauf heraus. Starlight Express ist einfach anders. Sicherlich ist es heutzutage nicht mehr das Beste, was man sehen kann. Gerade musikalisch, noch etwas mehr aber handlungstechnisch kann es mit einigen Werken aus der jüngsten Musicalgeschichte nicht mehr mithalten. Aber es bleibt weiterhin das bekannteste Stück auf Rollschuhen, das mit der längsten Spielzeit an einem extra nur dafür gebauten Theater – und das, was besonders bei Menschen aus NRW nostalgisch einfach richtig hittet. Es fühlt sich old-fashioned, gleichzeitig aber immer noch frisch an. Es reißt mit seinem Tempo, den besonderen Bühneneffekten und dem aufwändigen Look der Darsteller*innen mit und macht unglaublich viel Spaß.
Doch irgendwann haben es alle nicht nur einmal oder zweimal gesehen, sondern noch sehr viel öfter. Der Autor dieses Textes zum Beispiel bereits sechsmal. Somit müssen Kaufanreize geschaffen werden. In den vier Jahrzehnten ist einiges passiert. Figuren fielen der Schere zum Opfer, sogar einige Songs. Darunter auch mehrere, die Fans bis heute schmerzlich vermissen. Somit an dieser Stelle: Wäre es nicht mal an der Zeit, die Ursprungsversion wieder aufzuführen? Für ein paar Monate als Nostalgie Edition? Nur so am Rande. Doch bis dahin gibt es im Herbst 2026 eine Neuerung. Unter „The Big Reveal“ konnte nun für längere Zeit mitgeraten werden, was wohl passiert.
Eigentlich soll die Premierenvorstellung um 19:30 Uhr beginnen, doch schon der Einlass in den Saal startet heute ungewöhnlich spät. Das Foyer sieht man nur selten so voll, schließlich gibt es immer sieben bis acht Aufführungen die Woche und das auf unbestimmte Zeit – da verteilen sich die Besucher*innen natürlich wesentlich breiter, als wenn man nur mal kurz für einen Monat irgendwo gastiert. Aber „The Big Reveal“ hat funktioniert, zieht Presse, Promis – darunter Ross Antony, Sarah Engels oder Ex-Prince–Charming Kim Tränka – und Neugierige gleichermaßen an. Um 19:40 Uhr geht das Licht aus. Doch statt der Stimme von Control gibt es zunächst die Stimme einer bekannten Schweizerin, nämlich Beatrice Egli.
Im pinken Glitzerhosenanzug gibt es eine gut gelaunte Moderation und einen unmissverständlichen Hinweis, was nun wohl aufgedeckt wird. Auf einer heruntergefahrenen Leinwand, die über der Hauptbühne schwebt, zeigt ein animierter Clip die Neuerung: Ein Schweizer Zug! Der kommt daraufhin auch in Form eines Darstellers mit neuem, farbenprächtigen Outfit auf die Bühne gefahren. Angelehnt ist der Look an den Glacier Express, einer Luxusbahn. Die Figur heißt im Stück Ticktack und soll charakterlich elegant, gelassen und selbstbewusst wirken. Egli stellt die Figur vor, anschließend betritt auch Geschäftsführer Jürgen Marx für einen kurzen Plausch die Stage. Ticktack ersetzt Turnov, den aus Russland stammenden Trans-Sibiren-Express. Selbsterklärend, warum.
Gegen 19:55 Uhr soll’s dann aber mit der ersten Vorstellung mit Ticktack losgehen, die jedoch nach nicht einmal drei Minuten schon wieder unterbrochen werden muss. Aus technischen Gründen braucht es einen weiteren Anlauf. Zum Glück geht die Fehlerbehebung fix, sodass um 20:03 Uhr endlich das startet, worauf alle warten. „The Big Reveal“ entpuppt sich nur leider als „The Low Reveal“, denn außer einem neuen Zug und somit zwei, drei angepassten Dialogzeilen gibt es an Neuigkeiten exakt: nichts.
Wir möchten jetzt gar nicht groß darauf herumtreten, aber das ist für den Aufriss, den man als Musicalfan so mitbekommt, schon echt arg underwhelming. Somit kurzes Zwischenfazit an dieser Stelle: Lohnt es sich, nur für den neuen Schweizer Zug die Show zu gucken? Auf gar keinen Fall. Wirklich null. Lohnt es sich generell, Starlight Express mal zu gucken oder nach einigen Jahren wieder dabei zu sein? Immer.
Deswegen konzentrieren wir uns ab dieser Stelle nun auf das, was es sonst in dem genau zweistündigen Zweiakter – die Pause folgt nach ca. 65 Minuten – zu sehen und staunen gibt, denn das ist auch nach über 38 Jahren Spielzeit immer noch unglaublich viel. Solltet ihr zu denen gehören, die noch nie Starlight Express gesehen haben – schließlich melden sich auf die Frage von Beatrice Egli, wer das erste Mal hier sei, gut ein Drittel; gibt solche Menschen also wirklich! – die Handlung in wenigen Sätzen: Ein Kind, das sich ziemlich doll für Züge begeistern kann, lässt spätabends in seinem Zimmer mehrere gegeneinander in einem internationalen Rennen antreten. Nach einem kurzen hörspielartigen Intro geht es dann ab in die Träumereien des Jungen und damit in die Welt der Bahnen, die durch Darsteller*innen auf Rollschuhen zu leben erweckt werden. Zwischen ihnen gibt es viel Rivalität und eigene Unsicherheiten, aber auch Liebe, Freundschaft und einen Sinn für Gerechtigkeit.
Man guckt Starlight Express nicht, weil die Story so mega ist. Das, was an Geschichte erzählt wird, ist wirklich Beiwerk. Stattdessen guckt man Starlight Express, um sich in dem extra dafür gebauten Starlight Express Theater, was damals 24 Millionen Mark kostete und für Empörung sorgte, in eine andere Welt zu beamen. Es ist eines dieser Stücke, die einen so richtig schön reinsaugen, was zu großen Teilen durch das immersive Erlebnis geschieht. Nirgendwo sonst ist man auf so vielen unterschiedlichen Plätzen so nah im Geschehen. Nirgendwo sonst trifft Fine Arts auf dermaßen viel Action und bleibt dabei familienfreundlich. Da sich Bühnentechniken stets weiterentwickeln, werden auch im Starlight Express Theater regelmäßig Eyecatcher ausgetauscht und verbessert, sodass man auch bei einem Besuch pro Jahr selten exakt dasselbe wie letztes Mal sehen dürfte.
In den 120 Minuten passieren fast durchgängig Momente, die ganz besonders fürs Auge wahnsinnig stark sind. Leerlauf gibt es nahezu nie, stattdessen folgen nach dem direkt mitreißenden Opening „Rolling Stock“ durch Diesellok Greaseball permanent Songs, die zurecht die Musicallandschaft in Deutschland erst so richtig – Achtung, Wortspiel – ins Rollen gebracht haben. „Crazy“, „Pumping Iron“, „Ein Rock’n’Roll zu viel“, „Mein Spiel“ sind Ohrwürmer, die man gerne aus dem Theater mit hinausnimmt. Lediglich die Entscheidung, „Ne Lok mit Locomotion“ gegen das wirklich schlechte und unangenehm kreischig gesetzte „Ich bin ich“ zu tauschen, ist bis heute absurd. Geschlagen nur noch durch das Schlagerduett „Für immer“ – hier hat man es geschafft, aus zwei wundervollen Titeln mit „Du allein“ und „Allein Licht der Sterne“ zunächst mit „Nur mit ihm“, noch mehr aber eben mit „Für immer“ kontinuierlich schlechter zu werden. Auch eine Leistung.
Besonders spannend fürs Fandom ist die neue Cast, die regelmäßig junge Studiumabsolvent*innen präsentiert. Zwar gibt es mit Darsteller*innen aus UK oder Irland oft enorm starke Stimmen, gleichzeitig aber auch krasse Sprachbarrieren, sodass Erstbesucher*innen es oft schwer haben, den Dialogen vollends zu folgen. Bei der Vorstellung am 3.9. macht es einem AJ Parsons als Greaseball recht schwer. Optisch und schauspielerisch zweifellos ein Match, zögert er aber bei seinen Soli oft unnötig viel hinaus und kommt manchmal nicht richtig auf den Punkt. Auch sein Akzent steht dem Verständnis etwas im Wege. Semme Prins durfte man zuvor unter anderem bei „& Julia“ in Hamburg sehen. Nun steht der Niederländer als Elektra in Bochum, gibt dem beeindruckenden Wagen auch eine geile Portion Campness, ist jedoch noch etwas wackelig auf den Beinen und legt sich auch einmal kurz lang. Gesanglich klotzt er dafür richtig rein.
Doch die Highlights sind Jude Ponting, der vor einigen Jahren bei „The Voice Kids“ in UK Bekanntheit erlangte, als Rusty und Farah Liss als Pearl. Jude setzt mit so viel smoothem Feingefühl, Schüchternheit und Liebe seine Figur um, dass sowohl der Titelsong „Starlight Express“, noch mehr aber „Starlight Sequenz“ zu richtigen Gänsehautmomenten werden. Farah Liss als eine der ganz wenigen deutschen Darsteller*innen ist als Pearl eine schlichtweg perfekte Besetzung. Die innere Zerrissenheit stellt sie vorzüglich da, absoluter Moment to Shine ist aber ihr „Hilf mir verstehen“, das sie genau so singt, wie man sich das wünscht. Außerdem kann man dank ihrer klaren Aussprache auch sämtliche Nuancen im Schauspiel genießen. Wunderbar.
Wenn die Trax ihre fetten Stunts in den Halfpipes machen, sorgt das unzählige Male für beeindruckte „Wows“ im Publikum und Zwischenapplaus. Bis heute stechen aber dramaturgisch am meisten zwei Szenen heraus, die auch 2026 nichts an Magic einbüßen brauchen. Das ist einerseits im ersten Akt der Augenblick, wenn Elektra als Charakter eingeführt wird und zum Song „AC/DC“ einen Spannungsaufbau bekommt, dass man es kaum aushält. Verzerrte Stimmen, Laserlichter im Raum, Nebel und diese geile Rampe, von der er heruntergedüst kommt – leider nur mittlerweile ohne Pyro. Oder sind die der technische Panne am Abend zum Opfer gefallen? Dank Judes brillanter Rusty-Interpretation gehören ihm und Mama, der alten, weisen Dampflok, aber die besten fünf Minuten der Vorstellung: „Starlight Sequenz“ im zweiten Akt ist mit dem Einsatz von kleinen, fliegenden Drohnen, dem Sternenhimmel über der Crowd, toll gesungenen Noten und einer immer noch berührenden Melodie ein Zufluchtsort.
„The Big Reveal“ und das damit einhergehende Tamtam ist wirklich verdammt dick aufgetragen und kann fast schon nur zur Ernüchterung führen. Nichtsdestotrotz ist Starlight Express aber auch im Herbst 2026 eine Institution, ein unverkennbares Stück Ruhrgebiet, ein sympathisches Stück Musical- und Theatergeschichte und etwas, was noch viele Generationen begeistern wird. Wir sehen uns dann zum 40. Geburtstag!
Weitere Termine 2026:
Mittwochs 18:30 Uhr, donnerstags/freitags 19:30 Uhr,
samstags 14:30 Uhr/19:30 Uhr, sonntags 13:30 Uhr/18:30 Uhr,
montags/dienstags spielfrei
Ausnahmen:
September: Zusätzliche Show am 8.9. um 18:30 Uhr
Oktober: Zusätzliche Shows am 20.10. und 27.10. um 18:30 Uhr
November: Keine Shows am 1.11., 15.11. und 22.11. um 13:30 Uhr
Dezember: Keine Show am 24.12.;
Zusätzliche Shows am 29.12. um 18:30 Uhr und 30.12. um 14:30 Uhr;
Außerdem am 30.12. um 19:30 Uhr statt um 18:30 Uhr,
Am 31.12. um 17:00 Uhr statt um 19:30 Uhr
Und so sieht das aus:
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Foto von Christopher Filipecki
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