„Fucking Bonn!“ – ein Kompliment oder eine Beleidigung? So oder so ist es jedenfalls Nick Caves Begrüßung an das Publikum in der ehemaligen Hauptstadt. Über 30 Konzerte hat er diesen Sommer schon hinter sich gebracht. Es ist das achte und letzte in der DACH-Region und das vorletzte der Tour durch den Kontinent, lediglich Paris folgt noch drei Tage später. Er und seine Band The Bad Seeds spielen, als gäbe es niemals ein Ende, als wäre Alter irgendein seltsames Konstrukt.
Er ist einer dieser Künstler*innen, die man nie so richtig eingeordnet bekommt. Weder genretechnisch noch stilistisch noch charakterlich. Nicht mal hinsichtlich Erfolg. Nick Cave ist groß, aber gar kein Mainstream. Nick Cave füllt selbst mit seinen fast 69 Jahren – ja, der wird tatsächlich im September 2027 70 – immer noch Arenen, dabei ist es nicht ungewöhnlich, nahezu gar keinen Song von ihm zu kennen. Bis auf sein Duett mit Kylie Minogue „Where The Wild Roses Grow“ Mitte der 90s, das MTViva sprengte und trotz sehr morbider Stimmung und Thematik Radio und Singlecharts stürmte, hatte er nie einen Hit. Seine Alben verkaufen sich gut und landen in allen relevanten LP-Charts stets in der Top 10, in UK und seiner Heimat Australien werden sie sogar oft veredelt – aber dennoch blieb er immer nischig, immer etwas neben dem Hauptweg.
1983 gründet der im Südosten Australiens geborene Nick Cave seine Band. Unter den fünf Gründungsmitgliedern: Der West-Berliner Blixa Bargeld, bis heute Frontmann bei Einstürzende Neubauten. Sie spielen mal Punk, dann Alternative Rock, aber auch Gothic und Blues. 18 Longplayer werden in vier Dekaden veröffentlicht, obendrauf spielt Nick noch zwei Soloalben ein, komponiert Film- und Theatermusik, schauspielert, dichtet und schreibt Drehbücher. Er ist ein wenig das Klischee des durchgeknallten Typens, der schon im Teenageralter eine Art Systemsprenger ist, früh sämtliche Drogen nimmt, die ihm in die Hände fallen und stets irgendwie off wirkt. Heute, mit mehr Verständnis für Neurodiversität, fände man das weniger freaky, doch in den 70s und 80s stößt das schon eher auf Ablehnung als auf Bewunderung.
Doch in Fachkreisen stellt er sich als verkanntes Genie heraus. Als jemand, der das, was er tut, ziemlich gut tut, und sich zum Glück gar nicht groß bemüht, in den Rahmen zu passen. 2026, vier Jahrzehnte nach den ersten Versuchen, sind Nick Cave und The Bad Seeds Musiker*innen, die unter Menschen mit etwas tieferem Musikinteresse eigentlich ausschließlich Lob bekommen. Während des knapp zweieinhalbstündigen Konzertes auf dem Kunst!Rasen in Bonn, das am 25.8., einem Dienstag, um 19:25 Uhr beginnt und gegen 21:53 Uhr endet, um bloß keinen Ärger mit dem Ordnungsamt zu kriegen, wird deutlich, warum.
Sowieso an dieser Stelle mal wieder großes Lob an das kreative Lineup, das es auf jenem Open-Air-Gelände jeden Sommer zu sehen gibt. Oft stehen hier nicht die Acts, die es sowieso ständig und überall zu sehen gibt, sondern durchaus auch einige internationale Namen, die sonst wahnsinnig selten auf der NRW-Roadmap auftauchen. So durften wir schon über London Grammar, Mika, Jason Derulo, Placebo, Bon Iver oder auch My Chemical Romance berichten – nie dieselbe Show, aber stets ein für sich aufregendes Gefühl. Dennoch sei an alle, die noch nicht dort waren, ein Appell ausgesprochen, unbedingt Front-of-Stage-Tickets zu kaufen, da man ansonsten sehr schnell sehr weit hinten steht und kaum noch etwas sieht.
Bei Nick Cave ist es ziemlich voll. Zwar gibt es auch am Veranstaltungstag noch Stehplätze für den regulären Bereich, was bei einer Kapazität von maximal 10.000 Tickets auch nicht verwundert, jedoch ist auch so der Andrang riesig genug und das Verkehrschaos vorab wirklich ungünstig. Im Front of Stage wird es auch so ziemlich eng, das Publikum, das im Durchschnittsalter aber bestimmt irgendwo Ende 40 oder Anfang 50 sein müsste, ist jedoch recht entspannt und hat sichtbar einfach Lust auf handgemachten Rock. 19 Songs stehen auf der Setlist, eigentlich waren 21 geplant. Zwei müssen spontan gestrichen werden, um nicht zu überziehen. Aber bei Blues-Rock oder auch epochalem Alternative weiß man vorher nicht so genau, wie lang der jeweilige Track heute dauern wird. Sind es fünf, zehn oder 15 Minuten? We’ll see. Zweieinhalb Stunden spielte das Ensemble auch auf den Shows davor, aber da passten dann hier und da auch alle 21 Nummern ins Programm – in Bonn lässt man sich halt etwas mehr Zeit für dieses doch sehr eigenwillige Happening.
Ganz ehrlich: Der Typ ist definitiv ein Edgelord im Wortsinne. Die Begrüßung beinhaltet direkt das F-Wort und auch danach nimmt sich Nick kein einziges Mal zurück. Schon beim Opening wagt er erste Versuche beim Crowdsurfing, einige weitere folgen. Die ersten Reihen seien ziemlich crazy, sagt er. Erst weiß man nicht sicher, ob er die Fans ganz vorne eher schwierig und unangenehm findet – doch im Laufe des Abends stellt sich heraus, dass er Bonn ziemlich feiert. Und Bonn damit auch ihn. Zum Abschied ist seine Dankbarkeit für die Audience spürbar authentisch.
Er hat viele Verbindungen zu Deutschland. Manche Songs schrieb er in Berlin, wie er sagt. Schnell fällt ihm auf, dass das womöglich für Bonn blöd kommen könnte. Tut es aber gar nicht so. Die ausgewählten Titel sind eine Reise durch sämtliche Jahrzehnte, in denen er Musik komponierte. Ob „Tupelo“ aus 1985, „The Weeping Song“ aus 1990, „Red Right Hand“ aus 1994, „Get Ready for Love“ aus 2005, „Jubilee Street“ aus 2013 oder „Joy“ aus dem aktuellen, im Sommer 2024 erschienenen Album „Wild God“ – nichts gleicht so wirklich dem Nächsten. Mehr als ein Dutzend Alben wird mit je ein bis zwei Stücken daraus berücksichtigt. Manches ist orchestraler, anderes eher Klangexperiment, wieder anderes Gospel – dafür sind vier Schwarze Gospelsänger*innen mit auf der Bühne – einiges später bretternder Punk ohne schnell erkennbare Struktur und ganz am Ende bei „Into My Arms“ ist es schließlich nur der mittig auf der Stage positionierte große Flügel, der Künstler und die Bonner Crowd.
Die Bühnenelemente sind nicht viel, aber dennoch effektiv. Die sechsköpfige Band sowie der vierköpfige Chor und Cave nehmen viel Fläche ein. Im Hintergrund gibt es eine Leinwand mit atmosphärischen, mystischen Einspielern; einer Mische aus Visuals und Liveprojektionen. Einige Songtexte werden in Caps auf Deutsch projiziert. Wirklich stark ist die stimmige Lichtershow, die sich gut an die jeweilige Stimmung anpasst. Wenn Bonn mitsingen soll wie bei „Red Right Hand“ oder dem Mantra-artigen „O Children“ wird es melancholisch und rührend, wenn in „Henry Lee“ die Backgroundsängerin Janet Ramus mit einer wunderbar warmen Altstimme als Ersatz für PJ Harvey zur Duettpartnerin wird, ist es etwas haunting, bei „Joy“ entsteht etwas Kirchliches und in „From Her To Eternity“ dafür kleine scheppernde Horror-Mosaike, die fast schon Industrial durchblitzen lassen. Das ist irritierend, manchmal anstößig, aber auch faszinierend und immersiv.
Für das starke Liveerlebnis sorgt auch die skurrile Performance von Caves langem Weggefährten Warren Ellis an der Violine und Mandoline, der sich völlig ekstatisch dem Treiben hingibt, mehrfach mit ordentlich Energie den Mikrofonständer umtritt und den Stuhl nicht nur zum Sitzen, sondern auch zum Draufstehen nutzt und mindestens genauso viel Aufmerksamkeit bekommt wie der Frontmann. Doch auch die restlichen Musiker*innen wie Carly Paradis am Piano oder Larry Mullins an den Drums und am Xylophon sorgen für ein Klangdonnerwetter, das von der Technik super gut abgenommen und gemischt wird, was bei dieser Form von Musik wirklich nicht easy ist. Ganz sicherlich dürfte das übrigens in Locations wie der Tonhalle Düsseldorf oder der Philharmonie Köln noch um einiges heftiger kommen.
Ein klassisches Highlight an dem Abend gibt es nicht. Es ist nicht dieser eine Song, der ganz besonders hervorsticht. Dafür ist die Atmo dann doch zu divers und wechselhaft. Es verlangt durchaus einiges von den Besucher*innen ab, ist vieles halt nicht snackable, sondern Bombast. Aufwühlend, etwas verstörend, aber auch schön, bittersüß, gesellschaftskritisch, dark. In rund 150 Minuten fackelt Nick Cave mit seinen zehn Bühnenmusiker*innen ein außergewöhnliches Konzerterlebnis ab, das mit einem in jedem Falle etwas macht. Egal, ob man es nun total weird, tief faszinierend, höchstmusikalisch, übersprudelnd oder alles im selben Moment findet. The Cure, David Bowie, Meat Loaf und Tom Waits in einem – das muss man erstmal verarbeiten. Dass es aber cool ist, steht außer Frage.
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Foto von Christopher Filipecki
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