Sam Smith – Hazel Eyes

sam smith hazel eyes

Sam Smith sagt, dass Hazel Eyes klingen soll, als ob man warm und innig umarmt wird. Und das hat in der Tat funktioniert. In der Dreiviertelstunde wird es kuschelig, beschützend und herzig.

Das Cover zeigt Sam liegend und schmusend im Close-up in Sepia-Tönen. Schon hier wird es intim, nahbar und ruhig. Man hat sich anscheinend genug ausgetobt. Nach zwei sehr souligen Erstlingen mit Pop-Appeal und einem Regen an Log und hochkarätigen Preisen, ging der non-binäre Sam auf eine Reise zu sich selbst. „Love Goes“ war im Herbst 2020 eine Fahrt durch Genre und Stimmungen, „Glory“ zum Jahresbeginn 2023 dann das wohl rundeste Paket, was Sam in allen Facetten zeigte, die sich in dieser sehr talentierten Person befinden. Besonders die dazugehörige Tour fackelte eindrucksvoll jede Arena ab und war musikalisch wie konzeptuell ein nicht weniger als sensationelles Erlebnis. Belohnt wurde die Arbeit mit einem Grammy für das Hyperpop-Brett „Unholy“.

Doch ständige Reinkarnationen und Eskalationen, ein Finden nach langem Umherirren sowie ein Ausbruch aus dem konventionellen Käfig kosten viel Energie. Mit 34 Jahren scheint Sam dem Party-Leben als eine der spannendsten queeren Pop-Ikonen vorzeitig Goodbye zu sagen und sich stattdessen zu den Anfängen zurückzubesinnen. Wer Soulfood im Sinne von „Stay With Me“ schmerzlich vermisste, dürfte mit Hazel Eyes ziemlich gut fahren. Gerade nach dem extrem erfolgreichen Duett mit Kim Petras, das eine ganz andere Seite Sams zeigte, hätte man durchaus mit einer stilähnlichen Fortsetzung rechnen können.

Allerdings ist das fünfte Studioalbum – das nach etwas mehr als dreieinhalb Jahren dem bisher längsten Abstand zwischen zwei LPs entspricht – das absolute Gegenteil. Nix da Gay-Clubbing, nix da Kinky Party. Hazel Eyes ist eine Aneinanderreihung von ausschließlich entspannenden Soul- und Gospel-Nummern, bei denen die tief berührende Stimme wahnsinnig gut zur Geltung kommt. Das gesamte Setting ist sehr akustisch, mal dark und bauchig, fast schon ein wenig winterlich, denn ganz sicherlich tun die zwölf Songs besonders zu zweit auf der Couch bei fallendem Schnee, Minusgraden und heißem Minztee gut.

Dann hört man plötzlich ein Trompetensolo, das zwischen Streichern durch die hübsche Abmischung gleitet („Everlasting Love“), dann afrikanische Trommeln („Hazel Eyes“), dann eine Hammondorgel („Constant Companion“) und, wenn’s doch kurzzeitig mal beschwingter wird, einen 60s-Barbershop-Snipping-Beat („Sugar Rush“). Sam Smith besingt Liebe und Intimität, was gerade auch allgegenwärtig zu sein scheint, wurde erst vor Kurzem die Verlobung zu Partner Christian bekanntgegeben. Ein bisschen Turtelei und ein bisschen rosa Brille vor den Haselnussaugen schaden ja auch nicht.

Hazel Eyes lässt sich super durchhören und ist in sich sehr ausgeglichen. Es ist nur etwas zu unaufgeregt, zu atmosphärisch und zu wenig hittig. Nein, es muss nicht jeder Act permanent auf Hit komponieren. Aber von einem dermaßen erfolgreichen Pop-Artist wie Sam Smith kann man auf einem Longplayer durchaus zwei bis drei starke Hooks erwarten, die hervorstechen und die Hörerschaft anzünden. Das gelingt bei vier Songs in Teilen. Zwar nie so richtig zufriedenstellend, aber bei so manchem Track lohnt sich das bewusste Zu- im ansonsten eher gelungenen Nebenbei-Hören dann doch.

Mit Feist wird eine außergewöhnliche Duettpartnerin gewählt. Eine der Musikerinnen, die zwar nie den ganz großen Erfolg einfuhr, von der aber mehrere Lieder kleine Indie-Pop-Perlen wurden. Die Zusammenarbeit mit Sam in „Moondance“ ist herrlich kantig und lasziv. Besonders die ungeschliffene E-Gitarre in der Mitte überrascht, um dann in einem breiten Chor richtig aufzugehen. Auch das am meisten an Frühwerke erinnernde „My Guy“ ist herrlich schön und Motown-Feeling. Wer gerade diesen Stil liebt, wird auch bei dem Rauswurf „To Be Free“ mit langen, fliegenden Tönen und minimalen Pianoklängen bedient, die rühren. Das Highlight ist jedoch in „Oh Mother“ die Kooperation mit dem aus Philadelphia und New York stammenden Chor The TwoCity Chorus. Wenn auf Claps ein immer stärker werdender Gospel aufbaut, um dann Sam fast schon schweben zu lassen, ist das auf jeden Fall fett und ein geniales Match.

Und auch wenn es eigentlich nichts gibt, was hier nicht wunderbar authentisch produziert, handwerklich und musikalisch echt gut erarbeitet oder überdurchschnittlich stark gesungen ist, so fehlt es dem Dutzend auf Hazel Eyes wahrscheinlich am Ende einfach ein bisschen an Kick, Tempo oder Spannung. Es ist eines dieser Alben, bei der jede*r sofort sagen wird, dass das wirklich gut gemachte Musik ist, der man jegliches Talent anmerkt – es ist eben nur kein Album, dass man am Ende des Jahres als Lieblingsalbum verbucht, weil es dafür nicht genug wagt und nicht genug nach vorne geht. Wenn nach dem großen Verliebtsein als nächstes wieder das schillernde Leben mit Höhenfeuerwerk auf High Heels folgt, ist doch alles fein.

Und so hört sich das an:

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Die Rechte fürs Cover liegen bei UNIVERSAL MUSIC/CAPITOL.

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