Grandmas House sind der absolute Geheimtipp für alle, deren Herz für abwegigen Grunge und Garage-Rock schlägt. Kurz vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Baby, You’re A Winner“ haben wir mit Yasmin Berndt und Zoe Zinsmeister der Band aus Bristol gesprochen. Über langen Atem, Freiheit im Studio, Imposter-Syndrom und das Schreiben über Liebe auf eine Art, die auch ein bisschen weird sein darf.
minutenmusik: Hi zusammen! Danke, dass ihr euch die Zeit für das Gespräch nehmt. Wie fühlt es sich an, kurz vor dem Release des eigenen Debüts zu stehen?
Yasmin: Wir sind gerade sehr beschäftigt, aber natürlich auch aufgeregt. Gerade fühlt es sich noch gar nicht real an.
Zoe: Wir haben so lange darauf gewartet! Und jetzt ist es endlich fast so weit.
minutenmusik: Davor habt ihr schon einige EPs veröffentlicht. War es eine bewusste Entscheidung, auf das Debütalbum so lange zu warten?
Yasmin: Es war eine Mischung aus verschiedenen Dingen. Zum einen haben wir unsere Instrumente quasi erst in der Band gelernt. Das hat natürlich gedauert. Und dann war unsere Schlagzeugerin Poppy auch ein paar Jahre krank, was das Songwriting natürlich ausgebremst hat. Rückblickend hat uns die ganze Zeit geformt und auch das Album geprägt. Für uns ist es jetzt genau der richtige Zeitpunkt.
Zoe: Es gab bei uns nie den Druck, dass das nächste unbedingt ein Album sein muss. Jetzt steckt in diesem Album alles drin, was wir als Freundinnen durchgemacht haben und das macht es sehr emotional für uns.
minutenmusik: Das Album klingt deutlich vielseitiger als eure bisherigen Releases. War das Experimentieren Teil des Plans?
Yasmin: Nicht unbedingt. Wir haben vor zwei Jahren eine zweite Gitarre in die Band gehört. Das war schon eine bewusste Entscheidung, weil wir diese Dynamik haben wollten. Musikalisch hatten wir keinen Fahrplan, aber wir haben gemerkt, dass wir einfach mehr können. Jetzt konnten wir wirklich das umsetzen, was wir in unserem Kopf hatten. Das ist das Aufregendste auf der Welt!
Zoe: Beim Schreiben haben wir gemerkt: Dieses Album ist nicht auf ein Genre beschränkt. Was auch immer rauskommt, es wird nie die falsche Richtung sein.
minutenmusik: „Dance“ ist einer der Tracks, der mich am meisten überrascht hat. Der Song ist stilistisch sehr weit weg von eurem bisherigen Grunge/Garage-Rock-Sound. Wie war es für euch, Neues auszuprobieren?
Yasmin: Es hat so viel Spaß gemacht! Ich glaube, das liegt auch an unserem Produzenten Ali Chant, der uns seit Jahren kennt. Er hätte uns auch auf einen Sound festlegen können, aber er war für jede Idee offen. Das Saxofon zum Beispiel: Wir hatten das mal als Idee in den Raum geworfen, dass wir ein Saxofon einbauen könnten und er hat in seinem Studio sowieso alles. Das Saxofon spielt Morgan Wallace von Fat Dog. Wir haben sie vor Jahren kennengelernt, mittlerweile ist sie eine Freundin. Sie ist auch auf „Spring“ zu hören, dem letzten Track. Das sind zwei komplett verschiedene Songs. Sie hat sich bestimmt gefragt, was wir da überhaupt machen. (lacht)
minutenmusik: Ich habe euch zwei Mal live gesehen: Einmal als Support für ARXX und einmal beim C/O Pop. Ihr habt das Publikum beide Male direkt abgeholt. Hattet ihr beim Schreiben des Albums das Live-Setting im Kopf?
Zoe: Live spielen ist uns sehr wichtig. Wir üben die Album-Tracks jetzt schon seit Monaten für die Tour im Oktober und November. Es gibt so viele Dynamiken und die Gesangsharmonien müssen auch sitzen. Aber wir wussten, dass das klappt. Beim Schreiben haben wir aber tatsächlich zuerst auf den Sound geachtet und uns dann gefragt, ob wir das live spielen können.
Yasmin: Genau! Ein paar der Songs hatten wir schon vorher ins Set aufgenommen, du hast dann bestimmt schon den ein oder anderen live gehört. Aber dieses Album hat insgesamt viel mehr Schichten als die führeren Songs von uns.
Zoe: Deshalb mussten wir auch aufpassen, nicht zu viele Sounds aufzuladen, die wir live dann nicht replizieren können. „Dance“ klingt auch ohne Saxophon super. Wenn wir irgendwann in größeren Venues spielen, hätten wir aber natürlich gerne eins mit auf der Bühne. Dadurch dass Yasmin jetzt eine zweite Gitarristin an der Seite hat, gibt ihr das außerdem mehr Raum, einfach das Mikro zu nehmen und mit dem Publikum zu interagieren.
minutenmusik: „Baby, You’re A Winner“ ist gleichzeitig der Albumtitel und ein schöner Empowerment-Song für Friends. Ihr habt eure Instrumente in der Band gemeinsam gelernt und viel zusammen erlebt. Ist der Song auch ein Bestärken für euch selbst in der Band?
Yasmin: Definitiv. Es hilft uns enorm, dass wir beste Freundinnen sind. Wir stecken gerade in der Phase, wo die Band Vollzeit-Aufwand erfordert, das Geld aber noch nicht Vollzeit fließt. Das ist für jede Band brutal schwer. Wir haben das riesige Glück, dass wir vier die besten Freundinnen sind und uns gegenseitig den Rücken stärken.
Zoe: Das Imposter-Syndrom kennen wir aber alle. Gerade bei Frauen ist das ja sehr ausgeprägt. Die ersten Jahre war es ständig da. Aber mittlerweile sind wir glaube ich ganz gut. (lacht) Wir sind gemeinsam auf dieser Reise. UNd wir sind gegenseitig auch unsere größten Fans! Diese anderen Frauen sind meine absoluten Lieblingsmusikerinnen.
minutenmusik: Das ist alles sehr wholesome. Habt ihr das Gefühl, die Branche gibt euch da weniger als Support, als wenn ihr zum Beispiel eine reine Männer-Band wärt?
Yasmin: Es ist auf jeden Fall schwieriger für uns. Es wird zwar langsam besser, aber wir müssen immer noch unbedingt füreinander einstehen. Selbst im Team haben wir gemerkt, dass man manchmal anders behandelt wird. Wir haben eine Managerin, die selbst weiß, dass sie doppelt so hart kämpfen muss, um dieselben Dinge zu bekommen, die eine reine Männerband einfach so kriegt. Ein Mann, der das nie selbst erlebt hat, wird das vielleicht theoretisch nachvollzeiehn, aber nie fühlen können.
Zoe: Gleichzeitig passiert es sehr oft,, dass wir mit anderen großartigen Frauen-Bands in einen Topf geworfen werden, obwohl wir alle ganz andere Genres spielen. Mit einer Männerband würden wir nie verglichen werden, obwohl das oft viel treffender wäre. Und dann gibt es natürlich auch den Alltagssexismus. Leute, die nicht wissen, dass wir die Band sind. Jemand, der dir dein eigenes Equipment erklärt. Man lernt, darüber hinwegzusehen, aber es ist immer da.
minutenmusik: „The Next Big Hit“ klingt nach einem direkten Kommentar zu diesen Erfahrungen. Hattet ihr eine Diskussion darüber, wie politisch das Album sein soll?
Yasmin: Eigentlich nicht. Wir haben einfach über das geschrieben, was uns bewegt. „The Next Big Hit“ ist entstanden, weil wir gerade frustriert waren und einfach einen „Fuck off“-Song über bestimmte Männer schreiben mussten. (lacht)
Zoe: Es gab keine Liste, auf der stand, dass wir drei politische Songs machen wollen. Bei uns kommt das daraus, was wir gerade erleben und fühlen. Queere Liebe ist per se eigentlich nicht politisch, aber andere machen sie dazu. Ein Liebeslied ist ein Liebeslied, das man einfach genießen kann. Aber sobald Yasmin lauter singt, denken alle sofort an politische Äußerungen.
Yasmin: Dabei singe ich einfach so. Hör dir die Lyrics an, dann weißt du, worum es geht!
minutenmusik: „I Miss That House“ und „How It Is“ kreisen beide ums Vermissen. Vermisst ihr auf Tour denn euer Zuhause?
Yasmin: Es ist manchmal schon hart, aber wir hatten Glück: Unsere Touren waren bisher meist nicht länger als einen Monat. Man vermisst natürlich seine Partner*innen und die Familie. Und ich vermisse ehrlicherweise auch ein richtig gutes, selbst gekochtes Essen auf Tour. (lacht)
Zoe: Man verliert komplett das Gefühl für Zeit. Auf der letzten Tour kam es uns vor, als wären wir schon seit Jahren unterwegs.
Yasmin: Wir sind auch noch in der Phase, wo das BUdget nicht reicht, um es sich komfortabler zu machen. Man kauft sich einfach Sachen im Supermarkt und hofft, dass es beim Venue Catering gibt. Aber wir haben die beste Zeit, weil wir einfach vier Freundinnen sind, die zusammen durch die Welt fahren.
Zoe: Und in Europa ist das Essen immer richtig gut!
minutenmusik: „Taxidermy“ und „Soaked“ sind beides sehr intensive, fast poetische Songs über Hingabe und Liebe, aber auf sehr unterschiedlice Weise. Wie möchtet ihr über Anziehung singen?
Yasmin: Unsere Schlagzeugerin Poppy und ich schreiben die meisten Songs und wir teilen diese Liebe für eine poetische, leicht schräge Art zu schreiben. Nicht einfach „Ich habe einen Crush“ – sondern irgendetwas Merkwürdiges, das das Gefühl auf eine ungewöhnliche Art einfängt. Bei „Taxidermy“ fing es mit dieser Idee an: Wenn du jemanden so sehr liebst, dass du ihn selbst wie eine zweite Haut tragen möchtest. So gruselig und gleichzeitig so romantisch. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Ich wollte dieses intensive Gefühl so weird wie möglich ausdrücken, ohne dass es peinlich wird.
Zoe: „Soaked“ hat Poppy alleine geschrieben. Daraus wurde eine sehr intensive Datellung von bedingungsloser Liebe.
Yasmin: Wir würden beide nie einen geradlinigen Lovesong schreiben. Ich finde es viel interessanter, Gefühle auf diesem Umweg zu erzählen.
minutenmusik: Dann können wir uns ja darauf freuen, diese Umwege bald mit euch live zu erleben. Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für den Release und die Tour!
Und so hört sich das an:
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Grandmas House live 2026
- 07.10. Bumann & Sohn, Köln
- 11.10. Hafenklang, Hamburg
- 18.10. Neue Zukunft, Berlin
- 19.10. Substanz, München
- 20.10. B72, Wien (AT)
Rechte am Beitragsbild liegen bei Marie Dutton.
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