Mittlerweile ist es fast zwei Jahre her, dass Mina Richman die Hauptkategorie beim popNRW gewonnen hat. Immer im Herbst werden zwei musikalische Acts, die in NRW wohnen und arbeiten, für ihre Arbeit ausgezeichnet und mit einer kleinen Finanzspritze unterstützt. Manche erleben danach ein richtiges High auf dem nationalen Musikmarkt, andere verschwinden leider in der Versenkung, weil die Konkurrenz einfach so erschlagend laut und stark ist. Besucht man die 28-jährige Bielefelderin jedoch auf der Tour zu ihrem gerade erst erschienenen zweiten Album Different Flavours of Being Happy ist von Untergang so gar nichts zu spüren. Eher das komplette Gegenteil.
Mina, 1998 in Berlin geboren, aber in NRW aufgewachsen, hat einen iranischen Papa und eine Mama direkt hier aus der Gegend. Mina studiert Lehramt, hat eine große Schwäche für gutes Essen, ist queer, glücklich in einer Beziehung, wurde vor einiger Zeit positiv auf ADHS diagnostiziert und macht sich riesige Sorgen um ihre Zukunft. All diese privaten Infos über sie erfährt man, wenn man ihre Shows besucht und so schnell das Gefühl hat, nicht irgendeinen selbstüberschätzten Act zu sehen, dem sämtlicher Erfolg nur so entgegenfliegt und schließlich aus der Haltung heraus eine Kluft zwischen Bühnenperson und Publikum entsteht. Stattdessen lernt man sie kennen. Persönlich in ihren Geschichten, die zunächst immer etwas random wirken, dann aber sehr zielstrebig auf einen Punkt zusteuern. Aber auch in ihren Songs, die auf mehreren Ebenen funktionieren. Die kann man einzeln konsumieren, in Kombination jedoch erst richtig genießen.
Doch dazu später mehr. Mina Richman hat während der Pandemie ihren Zugang zum Songwriting gefunden und damit Alltagslöcher gestopft. Ziemlich schlaue Idee, retrospektiv betrachtet. Nach kleineren Nummern entstehen in Kombination mit ihrer Band schnell Titel, die etwas schaffen, was ganz schön selten ist: Sie haben einen eigenen Stil. Zwar behaupten viele von sich, dass sie ihn hätten, oft stimmt das aber nur eingeschränkt. Allerdings kann 2026, wenn man die Künstlerin zum Beispiel in Witten beim Kultursommer besucht, wirklich sicherlich behauptet werden, dass es nun eine bestimmte Art Musik gibt, die Mina Richman und ihre sehr talentierten drei Instrumentalisten Friedrich Schnorr von Carolsfeld an den Gitarren, Alexander Mau am Bass und Leon Brames am Schlagzeug spielen und ihr Eigen nennen.
Witten? Taucht sehr selten auf der Konzertkarte auf, true. Liegt mittig zwischen Dortmund, Hagen und Bochum. Im Haus Witten, in dem beim letzten Besuch der Autor des Textes Trauzeuge auf einer Hochzeit sein durfte, gibt es den Sommer über immer wieder kleine Shows für ebenso kleines Geld von lokalen Künstler*innen aus unterschiedlichen Bereichen zu besuchen. Und hiermit appellieren wir noch mal ganz deutlich an euch alle: Geht öfter auf kleine Konzerte! Unterstützt Acts aus eurer Nachbarschaft! Geht einfach mal statt in die super lame Systemgastro, bei der der Cocktail sowieso nicht schmeckt, zu eben solchen Festivals, bei denen ihr 15€ Eintritt zahlt und eine kleine Wundertüte öffnet. Der Inhalt wird nicht immer jedes Herz zufriedenstellen, aber manchmal bekommt man einen wesentlich höheren Wert als das, was in Zahlen auf dem Eintrittsticket steht.
Sicherlich ist locker die Hälfte der Crowd beim Gig in Witten nicht konkret für Mina da. Bestimmt war die Motivation für so manchen „Im Haus Witten ist ein Konzert! Lass uns doch mal vorbeischauen!“. Das ist einerseits für Künstler*innen harte Schule, weil die Fanbase nicht den Großteil des Publikums ausmacht und man erstmal Überzeugungsarbeit zu leisten hat, andererseits passiert aber oft auch das, was am Samstagabend, dem 22.8. passiert – am Ende ist der Beifall richtig groß, weil man einfach gut performt.
Mina und die Band spielen sich seit Jahren den Arsch ab. Der Kalender ist wirklich pickepackevoll. Über 40 Termine stehen auf dem Plan zwischen Juni und November. Das sind somit ein bis zwei Chancen die Woche, einfach mal ganz unvoreingenommen vorbeizuschlendern und sich davon überzeugen zu lassen, dass NRW-Sounds nicht nach Klischee-NRW klingen müssen, sondern gar international funktionieren könnten. Ist einem das Risiko immer noch zu groß, lohnt sich vorab ein Durchlauf der mittlerweile zwei Longplayer und zwei EPs, die Richman – übrigens kommt der Künstler*innenname von dem berühmten Zitat von Cher „Mom, I am a rich man!“ – bisher gedroppt hat. Das Mitte August veröffentlichte Album Different Flavours of Being Happy hat sogar die Charts geknackt und Platz 76 erreicht. Gar keine Selbstverständlichkeit für regionale Musiker*innen, aber ein wunderbares Feedback für Durchhaltevermögen.
Zur unkonventionellen Startzeit von 19:45 Uhr bei angenehmer Abendsonne startet im Innenhof des historischen Rittersitzes das rund 90-minütige Set, in dem es Musik gibt, die auf zwei ganz unterschiedliche Arten erreicht. Mina Richman macht mit ihrer eigenwilligen Mische aus Neo-Soul, Funk, Singer-Songwriter und Dream-Pop einen wahnsinnig angenehmen Vibe. Das ist richtige Wohlfühlmusik. Wenn verträumte, leichtfüßige Melodien auf tonal treffsichere warme Vocals treffen und das noch mit groovigen, handgemachten Beats untermalt wird, ist das ein äußerst stimmiges Gesamtbild. Eigentlich muss man gar keinen Song vorher kennen, um bei der Setlist, die viele starke Songs vom ersten Album „Grown Up“ , aber auch die Quintessenz der neuen Platte plus kleine Momente aus der letzten EP „Past 25“ umfasst, mitgehen zu können. Richman und die Jungs machen Musik für Menschen, die gute Musik mögen. Überhaupt nicht aufdringlich, nicht zu dominant, eher unaufgeregt, aber smoothig-wohltuend.
Doch Level 2 des Zuhörens ist um einiges aufregender. Denn hat man sich erstmal mit dem wärmenden Klangteppich angefreundet, lohnt das Entdecken einzelner Nuancen noch sehr viel mehr. Wie schon eingangs erwähnt, macht Mina aus ihrem Privaten kein so großes Geheimnis, sondern nutzt es klug, wortgewandt und herrlich witzig um eine Brücke zu denjenigen zu bauen, die vor ihr sitzen und stehen. Witten sitzt aber überwiegend. Sie erzählt von dem Gefühl, das erste Mal Erdbeeren im Jahr zu essen, die aus der Gegend stammen und wie sie für sie damit die Sommersaison eröffnen. Daraus hat sie den Song „Strawberry Season“ kreiert. Sie geht mit einem Herrn in den direkten Dialog, bei dem sie sich sicher ist, dass er eher unfreiwillig zur Show mitkam, sie sich aber umso mehr freut, dass er und seine Frau, die fast 40 Jahre verheiratet sind, solche schönen Dinge am Samstagabend tun, und widmet ihm den äußerst ansteckenden „You Don’t Like To Dance“.
Sie dachte lange, um gute Kunst zu erschaffen, braucht es Traurigkeit und Schwere. Sie sei aber seit einiger Zeit einfach happy in ihrer Beziehung und hätte gar nicht genug zu beklagen. Doch zum Glück muss man nur wenige Runden durch den Freundeskreis schauen, um so unangenehme Geschichten wie richtig unschöne Seitensprünge zu finden, die sich dann in „Weak Man“ verarbeiten lassen. Ihren Wunsch, dass der Toxic Boy, über den gesungen wird, früher oder später im Radio über den Song stolpert und sich dann schämt, fühlen wir sehr. Richtig ernst und schwermütig wird es in der Mitte des Sets, wenn Alexander, Leon und Friedrich die Stage verlassen und Mina zur Ukulele greift. Sie schrieb „Baba Said“ über die Unterdrückung von Frauen im Iran und hat sich selbst versprochen, ihn so lange zu spielen, bis das Regime gestürzt wird. Sie selbst beobachtet, seitdem es das Lied gibt, was nun rund vier Jahre der Fall ist, wie enorm sich die politische Lage auch in Deutschland verschlechtert hat und dass sie Angst hat, wie auch hier in kurzer Zeit alles in Scherben liegt, wenn die Falschen an der Macht sind. Daraufhin folgt großer Applaus und zustimmendes Nicken. Eine Frau, die laut ihres Aussehens womöglich ebenfalls einen iranischen Background haben könnte – no offense an dieser Stelle, ist rein spekulativ! -, ist sogar so ergriffen, dass ihr Minuten lang die Tränen übers Gesicht laufen. Ihre Begleitung bietet eine helfende, innige, tröstende Umarmung.
Weitere Highlights sind die einfach toll komponierten Hooks in „Nearly to the End“ und „The Point of it All“, aber auch die mitreißenden Dance-Momente in den letzten 20 Minuten in „Song of Consent“ oder „Work“. Erinnert ihr euch noch an dieses kurze Zeitfenster in den 00ern, als man nicht wusste, ob man nun „Rockferry“ von Duffy, „19“ von Adele oder „Frank“ von Amy Winehouse hören sollte? So in etwa fühlt sich Mina Richman an. Und nochmal, ja, die wohnt in Bielefeld, nicht in London. Musik von Menschen, die so neben dir und mir an der Rewe-Kasse stehen, wahnsinnig authentisch wirken, so unendlich viele Gigs zocken, das wirklich gar nichts schief geht, sondern alles richtig geil klingt – und by the way hervorragend von der Tontechnik abgenommen wird – und sich Stück für Stück die Aufmerksamkeit erarbeiten, die sie verdienen. Hört auf Musikblogs und checkt das aus!
Weitere Termine:
28.08. Katschhof / CSD, Aachen
07.10. Loch, Wuppertal
08.10. FFT, Düsseldorf
09.10. Merlin, Stuttgart
10.10. Pop Festival, Nürnberg
14.10. Bumann & Sohn, Köln
15.10. Schon Schön, Mainz
16.10. Gleis 22, Münster
17.10. Alter Schlachthof, Soest
18.10. Schauspielhaus, Bochum
19.10. Domkeller, Aachen
21.10. Knust, Hamburg
22.10. Hansa 48, Kiel
23.10. Unikum, Oldenburg
24.10. Lagerhaus, Bremen
25.10. Zollhaus, Leer
28.10. Musa, Göttingen
29.10. Altes Wettbüro, Dresden
30.10. Das Zentrum, Bayreuth
31.10. Moritzbastei, Leipzig
01.11. Frannz Club, Berlin
04.11. P8², Karlsruhe
05.11. Vorderhaus, Freiburg
06.11. Aegis Café, Ulm
07.11. B72, Wien
08.11. Milla Club, München
11.11. Kulturzentrum Kreuz, Fulda
12.11. Eule/XO, Braunschweig
13.11. Salon Hansen, Lüneburg
14.11. BÜZ, Minden
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Foto von Christopher Filipecki
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