Wenn Mine etwas macht, ist es immer opulent. Dass die Kompositionen vielschichtig sind, darauf ist wirklich immer Verlass. Dass die Worte bedeutungsschwanger sind und manchmal ganz schön ins Gesicht springen, ist auch safe. Bei ihren Shows gibt es mit kleinen Mitteln starke Bühnenbilder, eine grandios spielende Band, manchmal gar ein Orchester wie im letzten Jahr. Mine schöpft wahrhaftig aus dem Vollen. Auf ihrem neuen Album Killer ist das nicht anders. Es ist abermals äußerst ambitioniert. Vielleicht aber ein wenig zu ambitioniert.
Drei Mal in Folge lieferte die in Stuttgart geborene Wahl-Berlinerin, die dieses Jahr ihren runden 40. feiern durfte, auf Albumlänge ab. Nach „Klebstoff“ (2019), „Hinüber“ (2021) und dem zuletzt sehr essenzierten „Baum“ (2024) geht eine der erfolgreichsten Deutsch-Indie-Pop-Künstler*innen all in. Eigentlich setzt Killer strenggenommen alles auf eine Karte. Das allein verdient großen Respekt. Nachdem der letzte Longplayer erstmalig die Top 10 knackte und einen starken Platz 7 hinlegte, hätte man damit rechnen können, dass auch der Mainstream erobert wird. Doch erneut verpassten so atemberaubend gute Tracks wie „Ich weiss es nicht“ oder „Danke, Gut“ die Singlecharts, die auf jeden Fall dazu führen würden, dass Mine endlich mal den Hype erfährt, den sie schon seit locker fünf, eher sogar sieben oder acht Jahren verdient hätte.
Anscheinend hat sie das allerdings für sich irgendwo abgehakt. Killer ist eindeutig weiter weg von Hit als die Alben davor. Das bedeutet keinesfalls automatisch eine Qualitätsminderung, jedoch hat Mine eben auch immer ausgemacht, dass es so manchen Pop-Song gab, der nicht ausschließlich auf Produktion und Überraschungssoundeffekte setzte, sondern schlicht durch Melodie und Text ins Mark schoss. Killer ist aber darker, Killer ist vor allen Dingen sehr, sehr viel distanzierter. Immer schon gab es auf den LPs Titel, die mehr Electronica waren als Pop und bei denen Mines Vocals durch so viele Verfremdungsfilter liefen, dass man genau hinhören musste, ob sie es überhaupt ist. Und das ist jetzt quasi durchgängig so.
In den 14 Songs, die 31 Minuten umfassen, beweist das Übertalent wieder einmal, dass sie nicht nur ein Händchen, sondern eigentlich ein Dutzend Hände besitzt, um Klangwelten herzustellen. Das blutige Cover deutet schon an, dass es roher, dreckiger, brutaler wird. Doch Mine macht jetzt nicht plötzlich brachialen Industrial-Rock, sondern baut eine kalte Dystopie auf. Killer klingt, als würde eine Maschine singen, der nach 2837 erschreckenden Nachrichten die letzten positiven Worte ausgegangen sind. Ja, ok, fair, 2026 fuckt einfach alles nur noch ab, was soll man noch groß sagen?
In „Einig“ besingt sie ähnlich wie damals in „S/W“ ihre innere Zerrissenheit zwischen „Ey, komm, wird schon alles“ und „Nein, ich gebe hier und jetzt auf“. „Manchmal will ich ewig leben, manchmal gar nicht mehr“ – bäm! Der sitzt. Auch das „Kann mir irgendjemand helfen, kann mich jemand hören?“ im Opening „Dicht“ klingt wie eine Odyssee im Cyberspace. Besonders dieser Song hat einige starke Referenzen an Techno-Sounds der 90s, fast schon so, als würden Acts wie Blümchen oder Das Modul ihren Kater nach dem Rave auskurieren. In „Bild von mir“ gibt es nach „Vater“ ihre nächste Abrechnung mit ihrem Papa, der sie abgewertet hat. Heute nach mehreren Therapiestunden weiß sie, dass sein „Bild von mir“ (feat. Eleo) nicht der Realität entspricht und sie mehr wert ist.
Um verstehen zu können, wie Mine 2026 klingt, hilft es, die Vorabsingles zu hören. Sind ansonsten einzelne Tracks eben einfach nur einzelne Fragmente, sind sie hier ganz klar wegweisend für das, was einem beim Rest erwartet. Denn Killer ist zweifelsohne sehr viel in sich geschlossener und konsequenter als die vorigen Longplayer. Wirklich herausgerissen wird man von der futuristischen Trümmer-Träumerei selten. Das ist gut, denn natürlich kicken Gefühle sehr viel mehr, wenn sie eine halbe Stunde anhalten.
Am Ende ist eigentlich nur schade, dass Mine dabei so wahnsinnig ungreifbar wirkt. Durch die unzähligen Autotune-Modi wirkt sie so weit von einem entfernt, dass man manchmal flehend rufen möchte „Hey, komm doch zurück!“, denn sind die Emotionen durch die immer noch sehr stark gewählten Worte erstmal getriggert, braucht es zweifelsfrei eine wohltuende Umarmung. Doch gerade das stampfende „Gegen die Wand“ übertreibt so maßlos in der Bearbeitung, dass selbst nach mehrfachem Hören der Text schlichtweg nicht verständlich ist. Trotz Muttersprache. Soll das so?
Mine beschäftigt sich mit Ungerechtigkeiten. Im Titeltrack „Killer“ haut sie raus, dass es nichts mehr zu reparieren gibt und sie sich nun komplett allein rettet. „Ich möchte nicht mehr“ wiederholt sie im Chorus mehrfach. Daraufhin folgt das berühmte Zitat von Cher, dass sie einst zu ihrer Mutter sagte: „Mom, I am a rich man“ und sie keinen anderen Mann brauche. Mine schwimmt sich also ebenfalls von toxisch-maskulinen Einflüssen frei und rechnet kurz darauf auch generell mit dem Kapitalismus ab („Eattherich“). Ein passendes weiteres Puzzleteil zu „Copycat“ von „Baum“.
So ganz allein ist aber ja auch nix. „Oxytocyn“ wünscht sich die Künstlerin trotzdem und macht mit dem Duo Lionstorm hier gemeinsame Sache, um sich doch geborgen und angenommen zu fühlen. Gleichzeitig wird zum Rauswurf in dem isochron-klingenden „Ohne dich“ ein Schlussstrich gezogen. Ein Abschied von einer Person, für die man auf jeden Fall noch viel empfindet, aber die nun das letzte Mal Energie gesorgt hat, untermalt von lautem Uhrenticken.
Wer die ffortissibros liebte – und wer tat das nicht – bekommt auf Killer noch eine Ladung obendrauf. Ein ganzer Kirchenchor – ist das womöglich sogar in einer Kirche aufgenommen? Klingt so! – singt das Intro zur ersten Single „Dunkel“ und fliegt einem nur so durchs Ohr. Doch das verdient an dieser Stelle nochmal eine Ansage: Das gesamte Album darf laut gehört werden und weiß durch seine wahnsinnig detailverliebte Vielschichtigkeit und Dynamik zu gefallen und zu vereinnahmen. Es ist ein großes Experiment an Dingen.
Jedoch sticht leider zu wenig so richtig intensiv hervor. Alles ist aufregend, interessant, spannend, aber zu wenig der absolute Trip, den man doch bei Mine so gerne fährt. Die abermals sehr kurzen Songlängen führen dazu, dass vieles so wirkt, als ob der Höhepunkt ausfällt. Aufbau, Aufbau, Ende. So manches streift einen kurz ohne Nachwirkung. Wie stark es anfixt, beweist „Lichter aus“, dass mit seiner hymnenartigen Bittersüße Lust auf die dreifache Dosis macht – dann jedoch mit einem instrumentalen Dancebeat etwas verwässert.
Mine so radikal wie nie. Das wird so manchen endlos begeistern, weil sie klassischen Songstrukturen fast gänzlich den Laufpass gibt. Atmo-Fans können tief einsteigen und bei jedem Durchlauf mehr entdecken. Diejenigen, die aber ihre Lieblingssongs dieser wundervollen Künstlerin haben, weil sie so schön, so spaßig, so wholesome sind, könnten nun eventuell gekillt werden. Beides passiert nebeneinander im selben Moment.
Live-Termine 2026:
04.11. Alte Feuerwache, Mannheim
05.11. Schlachthof, Wiesbaden
06.11. E-Werk, Erlangen
07.11. Botschaft, Osnabrück
09.11. Ottakringer Brauerei, Wien (AT)
10.11. Muffathalle, München
11.11. Central, Erfurt
12.11. E-Werk, Köln
14.11. Kulturbahnhof, Chemnitz
15.11. Täubchenthal, Leipzig
16.11. Im Wiemann, Stuttgart
18.11. Capitol, Hannover
19.11. Schlachthof, Bremen
20.11. Georg Elser Halle, Hamburg
21.11. Uber Eats Music Hall, Berlin
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