Mine – Baum

mine baum cover

Echt schwierige Zeit irgendwie. Auch wenn Mine womöglich die größte deutschsprachige Indie-Künstlerin ist, hat sie dennoch nicht mal ansatzweise den Erfolg und die Anerkennung, die sie verdient. Und das liegt wahrscheinlich gar nicht unbedingt an ihrer Musik, sondern mehr an der gegenwärtigen Zeit. Vor 20 Jahren, als auch etwas alternativere Acts wie Wir sind Helden sehr erfolgreich funktionierten, hätte man sich perfekt eine Mine daneben vorstellen können. Doch 2024 will man eben entweder Rap, Techno oder extrem weichgespülten Radio-Pop. Alle anderen Genres haben zumindest auf Deutsch komplett abgedient.

Und so wird auch Baum für diejenigen, die sich nur etwas intensiver mit dem Angebot, das zweifelsohne im Übermaß existiert, auseinandersetzen, wieder eines der meistgeliebten Alben des Jahres. Alle anderen bekommen nicht einmal mit, dass es existiert. Wie schön es doch wäre, eines dieser so kreativen, ausgeklügelten und durchdachten Projekte – so kann man die Arbeit von Jasmin Stocker, wie Mine bürgerlich heißt, bedenkenlos bezeichnen – auf einem Musiksender zu sehen und dadurch beobachten zu können, wie es immer größere Kreise zieht. Aber haben wir halt nicht. It is what it is, auch wenn es dort trifft, wo es wehtut, um gleich einmal den Bogen zur aktuellen Single „Danke Gut“ zu spannen.

Mit der fünften Solo-LP und der ersten seit fast drei Jahren kehrt die Wahl-Berlinerin mit den markanten Looks zurück. Baum betitelte sie selbst vor einigen Monaten als ihr bestes Album, das sie bisher gemacht hat. Ok, man muss schon sagen: Ist natürlich jetzt eine Floskel, die alle Künstler*innen zur Veröffentlichung raushauen, weil wer gibt schon zu, ein käsiges gemacht zu haben? Hört man jedoch den fast auf die Sekunde genau eine halbe Stunde lang andauernden Longplayer, versteht man, was sie meint. Ob die Zuhörer*innen mitgehen, ist erstmal zweitrangig. Aber man glaubt ihr, dass sie wirklich hinter ihrer hohen Ankündigung steht, denn Baum ist vor allen Dingen eines: äußerst ambitioniert.

Mit 15 Songs in 30 Minuten ballert Mine mit Lichtgeschwindigkeit durch Ohren und Kopf. Das mag nach purer Hast klingen. Wie schon erwähnt, das Angebot ist groß. Mit Klicks, die keinerlei Anstrengung in Form von einem Tonträgerwechsel benötigen, höre ich unmittelbar das nächste, sobald Langeweile nur aufblitzt. Folgerichtig besitzt Baum kein Gramm zu viel. Die Konzeption ist wahnsinnig eng, wirklich unglaublich dicht. Aber das macht auch einen Großteil des Hörerlebnisses aus, denn die neue Mine klingt einerseits recht vertraut – besonders textlich findet man sich als „Klebstoff“ und „Hinüber“ -Fan hier schnell wieder – andererseits ist aber der riesige Sprung zwischen den Richtungen und Stimmungen wahrhaftig herausfordernd.

Hier klingt wirklich nichts ähnlich zueinander. Gar nichts. Stattdessen ist Baum ein spektakulärer Flickenteppich aus Sounds, die nicht weniger als sensationell produziert sind. Wow, das hat mal Layers! Das ist dann wiederum der Streaming-Vorteil, dass man sich ja nicht zwangsläufig für einen Stil entscheiden muss, um der klaren Zielgruppe zu gefallen, sondern auch einfach experimentieren kann. Und Mine will experimentieren, zweifelsohne. Ein Wechsel zwischen Pianoballade mit Streicher („Ich weiß es nicht“), Eurodance-Techno à la Blümchen („Nichts ist umsonst“), Trap („Copycat“), 80s-Funk („Fesch“), Jahrmarkt-Klängen („Spiegel“) und Männerchören („Danke Gut (Intro“) war wohl noch nie so unverschämt und konsequent wie hier. Sky is the limit.

Eine Unmöglichkeit, sofort alles zu erkennen. Deswegen braucht Baum Zeit. Locker vier, fünf Durchläufe, einfach weil es aneckt. Findet wahrscheinlich jede*r Zuhörer*in sofort einen Favoriten, dauert es gleichzeitig umso länger, um einen zweiten zu entdecken. Eine BravoHits-Compilation, nur eben von einer Künstlerin. Das ist mutig und aufregend im selben Moment. Doch zum Glück reicht das 38-jährige Multitalent, die neben dem Texten, Komponieren, Einspielen auch maßgeblich an der Produktion hauptbeteiligt ist, eine stärkende Hand in die Mitte, die die Form von Lyrics besitzt. Erneut lässt Mine ziemlich tief in ganz schön intime Gedanken blicken, von denen man sich auf Anhieb doch so wunderbar betreut fühlt.

Dreht sich die nicht weniger als schlichtweg perfekte erste Single „Ich weiß es nicht“ darum, wie wertvoll es wäre, schon in der Schulzeit die Erfahrung eines Erwachsenen zu besitzen, gleichzeitig aber auch das nicht genug nützt, geht es in „Staub“ darum, dass ihre Mama eben dieser nun ist. Es wird über die Beziehung zu ihr reflektiert, erkannt, dass sie nie mehr zurückkommt, die Beziehung also beendet ist und auch nicht mehr verändert werden kann – und wie traurig die schreckliche Wahrheit ist, dass Mine nun selbst Mama ist, ihre Mama es aber nicht mehr mitbekommt. Schmerzt, aber auf eine schöne Art.

In „Danke Gut“, in dem Mine erneut unter Beweis stellt, dass sie einfach auch richtig gut und ziemlich hoch singen kann, stellt sie fest, dass ihre Partnerschaft alles andere als förderlich ist. Sich beide nicht voneinander lösen, es immer wieder probieren, dann aber doch genau daran stets scheitern. Ihr Feature, Rapper Mauli, macht die Sache gut – der Männerkammerchor ffortissibros im dazugehörigen Intro macht es aber atemberaubend. Ein wunderbares Konglomerat aus so verschiedenen Bausteinen, die sich aber ohne einen Funken Widerstand zusammenpuzzeln. Wer anstandslos bei anderen Künstler*innen sampelt und kopiert, ohne dem ursprünglichen Erfinder genug Props zu zollen, wird in dem Hip-Hop-Beat „Copycat“ abserviert. Ziemlich witzig: Das „Wer hat’s erfunden?“ aus einer äußerst bekannten Bonbon-Werbung.

Ein weiteres schönes Feature wird von Leonie Pernet dargeboten, die in dem „Wie soll man eigentlich permanent die ganze Scheiße im Leben aushalten?“-Track „Schattig“ einige französische und sehr atmosphärische Zeilen hinzusteuert. Und Mine selbst gibt der akustischen Achterbahn Baum einen Rahmen, indem sie im gleichnamigen Titeltrack, der auch Opener ist, ihr Leben dem eines Baumes gleichsetzt. Das findet sich selbstredend auch in dem sehr faszinierenden Artwork wieder. Abgeschlossen wird der Ritt durch elektronische Möglichkeiten und analoges Musizieren mit der Selbstreflektion „Weiter gerannt“. Ein Pusher, wenn die Kraft, weiterzuleben, im Moment ausbleibt. Weiterrennen ist aber die einzige Option. Wähle nie die andere! Übrigens laut Mine selbst ihr Lieblingssong.

Etwas Enttäuschung bleibt, nämlich dahingehend, dass man fast drei Jahre warten musste, um 30 Minuten zu bekommen. Ein Trip, der entschieden zu kurz anhält. Eine andere Enttäuschung geht hingegen schnell, nämlich die, dass man beim ersten Hören einfach nicht ganz das bekommt, was man wohl will. Denn neben dem, was man wollte, bekommt man ganz viel noch on top, und das muss man erstmal verarbeiten. Mine macht ihrem Ruf als echte Künstlerin alle Ehre und bietet einen Spielplatz voller Ideen und wirklich nur vermeintlicher Fragmente. Und sich dieser Entdeckung zu stellen, macht Spaß.

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