OGENE, Maaspoort Venlo (NL), 05.03.2026

OGENE Venlo 2026

2017 ist beim Eurovision Song Contest für Deutschland Levina angetreten. Na, wer erinnert sich noch daran? Jo, das überrascht uns nicht. Und selbst die 2, 3 unter euch, die sich noch erinnern, erinnern sich keinesfalls positiv an den Beitrag. Wir lernen also: Neun Jahre später ist sämtliche Aufmerksamkeit komplett verschwunden. Zwar erreichten OGENE, die in der selben Saison für unser Nachbarland, die Niederlande, nur Platz 11 – aber die sind trotzdem aktuell auf ziemlich großer Tour durch ihre Heimat.

Mit „Lights and Shadows“ wurde am Ende knapp die Top 10 verfehlt. Eine kleine Enttäuschung. Zwar schaffte man einen starken Platz 5 beim Jury-Voting, insgesamt ist aber der Funke vor den Bildschirmen zuhause nicht ganz übergesprungen. Vielleicht war es einfach nicht der richtige Moment für klassischen Pop, gesungen von drei Schwestern, die seit Kindheit an gemeinsam performen. Schon mit 12 bzw. 13 Jahren sind die Zwillinge Amy und Shelley sowie ihre ein Jahr ältere Schwester Lisa beim Junior Eurovision Song Contest 2007 dabei und werden auch hier Elfte. Sieben Jahre später siegt man mit Bravour bei „The Voice of Holland“ und ist erstmalig das Trio O’G3NE, eine Anspielung auf ihre gemeinsame Blutgruppe 0 sowie die Gene, die sie als Schwestern teilen.

Rund um den ESC 2017 gibt es zwar einerseits sehr viele lebensverändernde Eindrücke zu verarbeiten, schließlich bekommen die Drei endlich internationale Aufmerksamkeit – gleichzeitig ist aber ihr bedeutungsschwerer Song eine Hommage an ihre Mutter, die bereits mehrere Jahre an einer seltenen Krebsart erkrankt ist. Wie emotional aufgeladen das Ganze ist, kann man mehreren Auftritten zu der Zeit anmerken. Mama hat den Auftritt noch mitverfolgt, verstirbt dann aber nicht einmal zwei Monate nach dem großen Finale in Kiew.

Doch OGENE – seit 2024 haben sie die Schreibweise leicht verändert – kämpfen nach kurzem Rückzug aus der Öffentlichkeit weiter und werden in der Niederlande zu Stars. Das Album „We Got This“ erreicht die Spitze der Charts, der Nachfolger „Straight To You“ Platz 8. Doch Corona und zig andere Umstände sorgen erneut für zum Teil ungeplante Pausen. Zwischenzeitlich folgen viele Singles auf Landessprache, erst 2025 kommt mit Garden of Hera endlich wieder neues Material auf Englisch. Ein musikalisches Konzeptalbum. Dazu gibt es eine sehr ausgiebige Tour, die mit zehn Terminen zum Winteranfang 2025 begann und nun mit 33 (!) weiteren Gigs zwischen Januar und Ende April den Winter endgültig verabschiedet.

Wie krass Genetik Musik färben kann, wird am 5.3., einem Donnerstag, in Venlo hörbar. Ziemlich genau auf der Hälfte der Tour hält OGENE im Theater De Maaspoort. Mit weniger als sechs Kilometern Entfernung zur deutschen Grenze kommt man hier den Schwestern als Fan aus gool old Germany ungewöhnlich schnell nah. Das stilvolle De Maaspoort, das im Foyer eher an ein Hotel erinnert, ist keine ganz so typische Konzertlocation, sondern eher für Musicals geeignet, wenn die Vorstellung schon Musik und nicht nur Schauspiel beinhaltet. Mit einem Beginn um 20:15 Uhr – also zur Primetime – geht es zumindest für deutsche Verhältnisse zu einer ungewöhnlichen Uhrzeit los. Genauso ungewöhnlich, aber äußerst willkommen sind übrigens die kostenlosen Pausengetränke. Wenn dann auch die Tickets gerade einmal um die 40 Euro kosten, ist das ein Package wie aus einer Vor-Coronazeit.

Offensichtlich sind die Termine aber in der Quantität etwas überambitioniert. 760 Menschen könnten im großen Saal Platz nehmen, leider dürften es heute Abend aber geschätzt nicht mehr als 300 sein. Das tut dem Konzert so gar nicht gut, verliert sich das Spektakel nämlich doch sehr im viel zu großen und viel zu wenig gefüllten Saal, der über 20 Reihen wie in einem Kino nach oben steigt. Sowieso können wir an dieser Stelle als Fazit schon mal vorwegnehmen, dass das Konzert unbedingt in einen Club gehört. Klein, überschaubar, dunkel. Natürlich sind Sitzplätze immer cosy und bringen mehr Gemütlichkeit. Doch das, was OGENE musikalisch präsentieren, benötigt Atmosphäre und auch Bewegung im Körper. Beides geht in Venlo unnötig abhanden.

Erst 55 Minuten, dann noch einmal fast 50 Minuten spielen Amy, Shelley und Lisa ihr Programm. Mit dabei haben sie eine vierköpfige männliche Band in der Standardbesetzung, die auf einzelnen, kleinen Podesten positioniert sind, die mit Blumenranken verziert wurden. Im Hintergrund hängt ein dem Albumthema angepasster Banner. Ansonsten wird die Bühnentechnik durch ein gut choreografiertes Licht und ein wenig Nebel ergänzt. Das war’s dann auch schon. Keine Leinwand, keine anderen Specials.

Doch die sind alle auch überhaupt nicht notwendig. OGENE gehen ein kleines Wagnis ein. Wer noch die Mädels vom ESC im Gedächtnis hat, könnte sich eventuell ein bisschen gegen den Kopf gestoßen fühlen. Die Band hat von dem einstigen Girlie-Pop-Image nur noch wenig übrig. Somit nur konsequent, dass man sich sogar dazu entscheidet, nicht einmal den großen Hit „Lights and Shadows“ zu singen. Mutig. Lieber wollen die Schwestern etwas Eigenes, Reiferes entwickeln, das Retro klingt, noch mehr auf Musikalität setzt und vom Mainstream abweicht. Und das wiederum funktioniert perfekt.

Jetzt mal ganz ehrlich: Wären OGENE britisch, wären sie Weltstars. Ganz sicher. Mit Recht. Dank eines sensationell gut gemischten Sounds – ganz dickes Kompliment an die Tontechnik – klingt das Konzert in Venlo, als würde man Studioaufnahmen hören. Die Band groovt, jedes Instrument ist wunderbar stimmig. Obendrauf ballern die Schwestern Noten raus, als wäre es eine komplette Selbstverständlichkeit. Mit einem äußerst unangestrengt wirkenden – das ist ja schließlich immer die Kunst: Lasse etwas verdammt Schweres herrlich leicht aussehen – Gefühl für Runs, Registerwechsel, Intonation und Phrasierung entstehen zwei nahezu übernatürlich musikalisch anspruchsvolle Stunden. Handwerk und Technik treffen hier auf Lust an der Arbeit und Emotionalität.

Es ist eine Unverschämtheit, dass OGENE über ihre Landesgrenzen hinaus kaum Beachtung erfahren. Dass gleich drei Schwestern auf solch einem Level gesanglich abliefern, ist einfach außergewöhnlich. Wer die Beste ist, kann man nicht sagen. Mit Coolness bewegen sie sich super synchron und stimmig abgestimmt zu den funkigen, souligen Songs, die wie ein Flashback zurück in die späten 90s und frühen 00s wirken. Irgendwo zwischen All Saints und den Sugababes entstehen optisch schön dargestellte, von den Instrumentalisten treibend gespielte, aber von den Frauen überragend gesungene Adult-Pop-Nummern, die sehr viel aus 2026 mit einem Fingerschnipp beiseite räumen.

Während des Gigs wird sich Zeit gelassen. Viele Tracks dauern etwas länger, dazwischen gibt es sogar mehrminütige persönliche Geschichten. Jedes Mitglied der Band bekommt sein dickes Solo, jede Schwester darf auch einmal allein auf die Bühne, der Rest wird gemeinsam bestritten. Mit Titeln wie „Illusion“ oder „Phenomenon“ entstehen schwebende Pop-Perlen, die direkt sexy und dennoch sehr auf sich selbst fokussierte Stimmungen kreieren. Das, was schon auf Platte geil klingt, klingt Live eigentlich noch geiler und beeindruckt, weil es so professionell und treffsicher reproduziert wird. Amys Solo „Like U Know“ klingt wie ein Superhit von Dua Lipa, Shelleys „Hi“ ist ein süßer Flirt, Lisa setzt sich für „Rewire“ auf einen Stuhl und strahlt viel Selbstbewusstsein aus.

In der Mitte des zweiten Sets gibt es aber auch zwei Cover, die mal wieder so gut kuratiert wurden, dass man nach wenigen Sekunden das Gefühl hat, dass die Originale doch schon immer genau so geklungen haben. Mit einem bombastisch arrangierten, dreistimmigen Satz zu „Kill Bill“ von SZA entsteht pure Gänsehaut beim Zuhören am ganzen Körper, mit „Taste“ von Sabrina Carpenter wird es verführerisch smooth. Alles, was OGENE auf der Bühne machen, ist volle Punktzahl. Sicherlich sind die Songs nicht das, was für jede*n sofort greifbar ist, aber es legt halt klar den Schwerpunkt auf ihr musikalisches Talent. Schade und eigentlich schon bitter ist jedoch das halb volle Theater, das dazu noch viel leerer wirkt, weil ein Großteil im Publikum vergleichsweise alt ist und sich so gar nicht mitreißen lässt. Der Applaus ist oft dürftig, die sympathische, nahbare Interaktion, um die sich Amy, Shelley und Lisa bemühen, wird nur verhalten angenommen. Selten gibt es so wenig Wertschätzung auf Headlinershows zu sehen. Dickes Minus somit an die Crowd.

Das lässt sich aber beim nächsten Mal bestimmt easy retten. Entweder streichen wir ein Drittel der Menge an Auftritten oder gehen einfach – und das wäre die bessere Option – in einen engen Club, bei dem der Rauch ins Publikum zieht, einen kleinen Trancezustand zulässt, man trotzdem noch ein wenig Platz hat, um die Hüften kreisen zu lassen, der Sound aber unbedingt auf dem selben Highend-Level bleibt wie im Maaspoort. OGENE sind in ihrem Können eine 1+. Vielleicht bekommen das ein paar Deutsche durch unseren Artikel nun auch mal mit.

Weitere Termine (alle in der Niederlande):
07.03. De Kring, Roosendaal
12.03. Toon Hermans Theater, Sittard
13.03. Agnietenhof, Tiel
20.03. Theater de Stoep, Spijkenisse
21.03. De Meerpaal, Dronten
24.03. Oude Luxor Theater, Rotterdam
27.03. Kunstlinie, Almere
28.03. Musis, Arnhem
09.04. De Meenthe, Steenwijk
10.04. Theater Lampegiet, Veenendaal
11.04. Schouwburg Concertzaal, Tilburg
14.04. Theater De Leest, Waalwijk
15.04. Amphion, Doetinchem
18.04. Parktheater, Eindhoven
23.04. De Lawei, Drachten
24.04. Phil, Haarlem
25.04. Chassé Theater, Breda
05.09. Melkweg, Amsterdam
12.09. Poppodium Nieuwe Nor, Heerlen
24.09. Luxor Live, Arnhem
09.10. TivoliVredenburg, Utrecht

Und so hört sich das an:

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Foto von Christopher Filipecki

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