Annett Louisan – Sehnsucht

Annett Louisan sehnsucht

Sehnsucht. Ein Verlangen nach etwas, was weit entfernt scheint. Ein fremder Ort, ein Mensch, ein Zustand, eine Ära. Oder nach etwas, was es früher einmal gab, jetzt aber nicht mehr. Ein positives Gefühl, ebenso ein bittersüßes Gefühl. Manchmal löst es vielleicht sogar ein Unwohlsein aus, weil die Erfüllung so weit weg scheint. Annett Louisan hat sich anscheinend vor allen Dingen lange auch nach mehr Selbstbestimmung gesehnt. Dieses Jahr gründete sie ihre erste eigene Plattenfirma, das Atelier Louisan, bei der ihr elftes Studioalbum erscheint und dessen Titel folgerichtig Sehnsucht lautet.

Zuletzt wurde es retrospektiv. Zu dem 20. Geburtstag ihres Debüts „Bohème“ ging die mittlerweile 49-jährige Künstlerin auf große Tour durch die DACH-Region und zeigte sich in den Shows so persönlich wie nie. Wer stets die kluge, witzige Bühnenpersona Annett Louisan liebte, bekam plötzlich eine weitere Dimension zu spüren. Wie ging es Annett Päge, wie die unverwechselbare Musikerin gebürtig und zur Albumveröffentlichung hieß, damals? Was erlebte sie? Was war überwältigend-schön, was einschüchternd und zu viel? Eigentlich scheute sie auch immer ein wenig den Blick hinter die Rolle, doch mittlerweile fühlt es sich gut und stimmig an, dass ihre privaten Ansichten und Emotionen mit denen übereinstimmen, die sie auf der Bühne transportiert.

Somit ist es nur eine logische Konsequenz, genau diesen eingeschlagenen Weg, der mit viel Lob belohnt wurde, weiterzugehen. Annett Louisan ist 2026 sehr viel mehr bei sich selbst. Dass man sich so annimmt, wie man ist, damit manche komplett begeistert und andere nervt, ist für sie nun irgendwie fein. Daran muss man nicht mehr schrauben, sondern das, was gut ist, genießen. Zur Entfaltung gehört auch dazu, weniger Kompromisse einzugehen. War sie zum Beginn ihrer Karriere mehr eine Interpretin von fantastischen Arbeiten, für die oft Frank Ramond zuständig war, entwickelte sie sich über die zwei Dekaden im Laufe von insgesamt zehn Alben immer mehr auch zu ihrer eigenen Songschreiberin. Auf ihrem letzten, äußerst gelungenen Longplayer „Babyblue“ (Februar 2023) hatte man schon den Eindruck, ihr näher zu kommen und in den erzählten Geschichten, mehr Annett zu sehen.

Doch die Metamorphose geht zielorientiert weiter. Da ist eben ganz viel Sehnsucht vorhanden. Warum nicht schauen, wohin es geht? Laut Albumcover könnte man meinen, dass Annett sich mit dem Ergebnis verdammt gut fühlt, ist sie darauf entspannt und trotzdem chic gestylt auf einer Liege am Pool bei bestem Wetter in einer grünen Oase zu sehen. Sehnsucht kann natürlich bedeuten, dass etwas fehlt, aber sie kann auch für eine Träumerei stehen, bei der man sich selbst herrlich entspannt und für die nächste Achterbahnfahrt durch den Alltag auftankt. Ihre Plattenfirma Atelier Louisan ist eine Reminiszenz an ihre Zeit als Kunststudentin, sagt sie selbst. Für sie sind ihre Songs ein kreativer Raum und dürfen auch visuell verstanden werden.

Sich neu zu erfinden, ist immer mutig. Schließlich könnte es durchaus passieren, dass am Ende etwas herauskommt, was von dem Vorigen stark abweicht und so nicht mehr richtig zufriedenstellt. Doch tatsächlich schafft Annett Louisan – und das ist wirklich alles andere als selbstverständlich – auch auf der elften LP den perfekten Mittelweg zwischen „Klingt genau so, wie ich es mir gewünscht habe!“, „Oh, das überrascht mich aber!“ und „Was eine schöne Weiterentwicklung!“ zu finden. Bei sehr wenigen Artists kann man sich so sicher sein, dass die Enttäuschung immer ausbleibt, man sich wunderbar abgeholt fühlt, aber dennoch keine Resignation oder Langeweile eintrifft. Sehnsucht kreiert in leider etwas kurzen, dafür aber qualitativ hochwertigen 34 Minuten eine sehr runde und herrlich wohltuende Atmosphäre.

Vieles ist doch etwas schmerzerfüllter. Die besonders witzige Annett findet hier auch ihren Platz, aber etwas dosierter als sonst. 2026 ist eben alles andere als Easy Going, Jahre ziehen nicht einfach so an einem vorbei. Somit ist schon der Opener „Herz mit Gebrauchsspuren“ berührend und traurig, gleichzeitig aber so hoffnungsvoll, dass er sich anfühlt, wie ein ganz weiches Taschentuch, das ein paar Tränen auffängt. Annett singt über die Vorzüge eines mehrfach gebrochenen Herzens, das schon ziemlich doll leiden musste, aber immer noch funktioniert und bereit ist, wieder zu lieben. Gerade im Chorus gibt es dafür eine kleine Ohrwurmmelodie zum Mitsingen. Sowieso besticht das gesamte Album durch eine sehr gute Symbiose aus kluger Metaphorik und genau den richtigen Tönen, die wieder einmal unter Beweis stellen, wie gekonnt sie mittlerweile mit ihrer Stimme hoch- und runtergleitet.

Bravouröser Einstieg! Daraufhin wird es kurze Zeit etwas leichtfüßiger und sarkastisch, rechnet sie in „An deiner Seite“ mit ihrem Ex ab, der sie verließ, als es mit ihrer Karriere richtig losging. Joa, blöd. Du wolltest nicht mitziehen? Dann musst du jetzt mit dem arbeiten, was du hast. Ist zwar weniger, als du hättest haben können, aber deine Schuld. Reiht sich in frühere augenzwinkernde Abrechnungen wie „Dein Ding“ ein. „Weltuntergang“ ist ähnlich Louisan-esque. Was ist eigentlich das perfekte Outfit, wenn die Apokalypse naht? Fahr ich für die letzten Minuten optisch nochmal richtig auf? Habe ich nicht ganz viel Nichts-zum-Anziehen? Zum Verzweifeln!

Durfte man auf „Babyblue“ viel orchestralen Bombastsound genießen, ist es auf Sehnsucht wieder reduzierter, kleiner, kammermusikartiger. Akkordeon-Spielereien wechseln sich mit viel Akustikgitarre ab. Richtig spannend wird es aber in dem absolut genialen „Königin der Nacht“, das gemeinsam mit dem Mastermind und ihrem langjährigen guten Freund Tristan Brusch entstand, und einen hypnotischen Sog entwickelt. Ganz zaghaft und mysteriös fliegt die Moll-getränkte Pianoballade mit Annett, die gesanglich in die Höhen schnellt, durch die Ohren und macht schon in der Mitte des Septembers Halloween-Feeling, nimmt sie die Rolle einer Hexe ein. Eine wahnsinnig aufregende Facette und musikalisch umwerfend umgesetzt.

Geschlagen werden „Herz mit Gebrauchsspuren“ und „Königin der Nacht“ nur noch durch das melodisch schlichtweg perfekte Schunkel-Kleinod „Altersvorsorge“, das so in Deutschland wirklich niemand anderes als Annett Louisan performt. Die kluge Frau von heute schwimmt sich frei von den Finanzen eines Mannes und macht ihr eigenes Ding. Lyrisch werden dafür eine Vielzahl an kreativen, untypischen Bildern und Worten genutzt, dass das Zuhören auf allen Ebenen nur Spaß macht und außergewöhnlich brillant unterhält. Ist man also breitgrinsend durch die Wohnung getänzelt, erdet die Künstlerin ihre Zuhörerschaft in „Lied von der Freiheit“ wieder. Sehr gutes Storytelling gibt es in ihrem Backkatalog in Massen, doch dieser Track schießt sich direkt nach dem ersten Hören mindestens in die Top 10, womöglich sogar in die Top 5 der intensivsten Titel ihrer gesamten Diskografie. Ein Twist beim Hören, der an dieser Stelle nicht verraten werden sollte. Aber wahrscheinlich ist es eindeutig das Politischste, was man bisher von ihr zu hören bekam. Großes Kompliment.

Die übrigen der insgesamt elf Titel halten zwar nicht ganz das spektakuläre Niveau der erwähnten Werke, gehen aber Schulnoten-technisch dennoch nie unter 2-. „Generationen & Dämonen“ kann man sich richtig gut im letzten Drittel ihrer Konzerte vorstellen, das macht neben einem „Drück die 1“ ganz sicherlich eine Top-Figur und fordert dank Flamenco-artigen Sounds zum Mittanzen auf. Die einzige Zusammenarbeit mit Peter Plate und Ulf Leo Sommer auf Sehnsucht ist „Fleischgewordenes Chanson“, das auf jeden Fall mit seinen absurden Beobachtungen zum Lachen animiert. Wer schon immer mal hören wollte, wie sich „Croissant“ und „Saison“ sinnvoll reimen lassen, wird hier fündig. „Ich kann dich nicht mehr sehen“ ist das liebste „Verpiss dich doch jetzt einfach mal“, was man wohl hinbekommen kann und funktioniert besonders durch die große Schere zwischen der Abrechnung im Text und dem sanft vorgetragenen Melodiebogen. „Bis nach Hause“ macht die Perimenopause mit groovigem Clapbeat zum Thema und „Ich geh nur schon mal voraus“ ist ein überraschend unaufgeregter Closer – sowohl fürs Album als auch für Beziehungen, in denen alles dreimal auserzählt ist. Ganz ohne Frust.

Man könnte, wenn man so lange schon Erfolge feiert, gewohnte Kost liefern und das Risiko gering halten. Annett Louisan hat aber auch nach so einer langen Zeit immer wieder für sich und ihre Kunst einen neuen Ansatz, der sich gewohnt gut, gleichzeitig erfrischend neu, noch mehr aber abgerundet schön anfühlt. Zweifellos eine der stärksten Deutsch-Pop-Platten des Jahres. Sehnsucht danach, das Ganze auch live zu erleben? Oh ja.

Termine 2026:
12.09. Elbphilharmonie, Hamburg
14.10. Stadthalle, Chemnitz
15.10. Tempodrom, Berlin
16.10. Moya, Rostock
17.10. Deutsches Haus, Flensburg
21.10. Stadthalle, Cottbus
22.10. Steintor-Varieté, Halle/Saale
23.10. Alte Oper, Erfurt
25.10. OsnabrückHalle, Osnabrück
26.10. Alte Oper, Frankfurt am Main
27.10. Liederhalle, Stuttgart
04.11. St. Pauli Theater, Hamburg
05.11. St. Pauli Theater, Hamburg
06.11. St. Pauli Theater, Hamburg
07.11. St. Pauli Theater, Hamburg
13.11. BASF Feierabendhaus, Ludwigshafen
14.11. Grandhotel Giessbach, Brienz (CH)
16.11. Volkshaus, Zürich (CH)
21.11. Erholungshaus, Leverkusen
22.11. Globe, Wien (AT)
23.11. Brucknerhaus, Linz (AT)
24.11. Orpheum, Graz (AT)

Und so hört sich das an:

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Die Rechte fürs Cover liegen bei ATELIER LOUISAN / EDEL

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