„Doch droppe das Album dann, wann ich Zeit hab‘!“. Got it. Über sieben Jahre war der Terminkalender also so voll, dass es für zwölf Songs plus Interludes keinerlei frühere Möglichkeit gab. Eigentlich sind eh alle völlig egal, außer sie selbst. Juju dreht sich um sich. Aber seltsamerweise wirkt das nicht egoistisch, nicht drüber, nicht arrogant, sondern überzeugend. 44 ME ist retrospektiv und introspektiv. Muss man drauf so lange warten, ist das zwar eine ordentliche Geduldsprobe – die zahlt sich am Ende aber komplett aus.
Nachdem SXTN nicht nur in ihrer Szene Anerkennung bekamen, sondern plötzlich ganz Deutschland auf sie flog, waren sie schon wieder weg. Berufliche wie private Defizite führten zu einer Trennung, die bis heute nur schmerzlich ausgehalten wird. Ähnlich wie Tic Tac Toe in den 90s, kam es auch bei Juju und Nura knapp 20 Jahre später zu einer Revolution im nationalen Hip-Hop-Game – und bald darauf zu einem Split-up, das niemand richtig verstand. Während Nura als Tausendsassa zwischen politischer Haltung, Schauspiel und Konzeptalben tingelt, macht Juju eigentlich nur eins: Rappen.
Und das auf solch einem hohen Niveau, dass es nicht nur eine Diamant-Auszeichnung (!) für eine Single gibt („Vermissen“, mit Henning May) und eine Goldene sowie Traum-Feedback für die erste Soloplatte „Bling Bling“, sondern obendrauf eine Unmenge an ausverkaufter Shows mit Top-Kritiken und am Ende alles mit einem MTV Europe Music Award belohnt wird. Juju ist in dem, was sie tut, einfach so gut, dass es kaum Argumente gibt, um irgendwie haten zu können. Klar, wer haten will, tut das auch ohne substanziellen Inhalt, aber wirkliche Makel sucht man einfach erfolglos. Selten bis nie waren über so eine breite Fläche anerkennende Lobeshymnen für einen Deutsch-Rap-Act zu hören – einschließlich sämtlichen Männern, die seit Ewigkeiten probieren, überhaupt mithalten zu können.
Juju hat diese ganz kleine Insel zwischen Mainstream und Underground gefunden und für sich allein verbucht. Lines, die man in deepen wie schlagfertigen Messages zitieren kann. Tracks, die sich auf Partys zum Eskalieren eigenen. Lyrics, die so cool und tight sind, dass man Wochen braucht, um sie dann proud beim Autofahren mitzuflowen. Das hatte während der Pandemie, aber auch noch danach so einen Hype, dass die 33-jährige Berlinerin easy nochmal ein paar kommerzielle Erfolgsstufen hätte höher klettern können. Doch stattdessen macht sie es wie SXTN: Sie verschwindet still und heimlich.
Zwar kommen mit „Vertrau mir“, „Fick dein Insta“, „Nie wieder sehen“ und der Philipp–Poisel-Kollaboration „Erklär mir die Liebe“ stückchenweise weitere Singles, die auch das Spektrum an Genres widerspiegeln, die Juju abdecken möchte – aber spätestens ab 2022 ist es komisch. Vereinzelt Gigs bei Festivals, doch kein Album. Drei Jahre wären schon eine ordentliche Länge für einen Act, der gerade so gut funktioniert, doch sie zieht durch. Vier Jahre vergehen, fünf, sechs, schließlich sieben. Immer wieder kommen Gerüchte durch, dass etwas nicht stimmt. Beef mit Geschäftspartner*innen, mentale Erschöpfung und mehr. In einem im Frühjahr 2026 erscheinenden Interview mit dem Spiegel erklärt sie, dass sie mittlerweile positiv auf Autismus und ADHS diagnostiziert wurde und ihr eine Therapie geholfen habe. Nach ewigem Verdrängen von Symptomen und wiederkehrenden Belastungen konfrontierte sie sich mit der bitteren Wahrheit. Eigentlich war schon 2018, als die Trennung von Nura geschah, alles schlimm. Der Erfolg und der damit verbundene Druck stiegen ihr zu Kopf und erdrückten sie, weswegen sie komplett aus sich heraus und fast schon impulsiv entschied, dass Schluss ist. Eine Ich-Entscheidung. Wo wir wieder im Hier und Jetzt und beim Intro dieses Textes wären.
Sie macht jetzt einfach nicht mehr das, was man ihr empfiehlt, sondern was sich für sie gut anfühlt. Sie probiert, besser auf sich aufzupassen und sich von allem zu trennen, was sie herunterzieht. Und so ziehen eben auch mal zig Jahre ins Land, die eigentlich das K.O. für einen Star bedeuten. Doch Juju hat sich solch einen Legendenstatus erarbeitet, dass sie sich wahrscheinlich sogar die doppelte Länge an Auszeit gönnen könnte und am Ende trotzdem jede*r noch da wäre. Denn gute Songs sterben nicht, sie werden einfach immer wieder gehört und fühlen sich immer wieder gut an. Und Talent ist auch nicht einfach so verschwunden, nur weil man es mal eine Zeit lang nicht nutzt.
Mit „Crashout Freestyle“ kehrt die unnahbare, aber dennoch sehr verbindlich wirkende Juju im April 2026 auf die Bildschirme zurück. Wie bei „Intro“ vom Debüt zieht sie über zwei Minuten mit einer ganz klaren Haltung ohne Chorus durch. Sie hat etwas zu sagen, nämlich dass sich jetzt einiges verändert hat. Dass man probiert hat, sie zu formen, was ihr Unwohlsein bescherte. Dass sehr viele ein Stück vom Kuchen abhaben wollten, obwohl sie nichts Produktives beitragen. Und irgendwie wirkt es so, als wären die sieben Jahre Pause genau richtig, denn wirkte die Attitüde 2019 für so manchen noch ein wenig überheblich, ist nun so manches in den Köpfen der Menschen da draußen anders. Man kann nicht alles alleine, aber sehr vieles. Und es ist wichtig, sich nicht klein zu machen.
Genau dieses Kredo zieht sich durch 44 ME wie der berühmt-berüchtigte rote Faden. Die 44 steht weiterhin für die alte Postleitzahl von Berlin-Neukölln, wo Juju aufwuchs und sämtliche Kindheits- und Teenagereinflüsse für ihre Lyrics sammelte. Das ME? Sollte klar sein oder? 44 ME ist dark, oftmals gar nicht so lebensfroh, kritisch, enttäuscht, besitzt einen Hauch Desillusionierung, aber auch Hoffnung. Nachdem die erste Single auch die LP eröffnet, geht es standhaft weiter. In „Hater“ geht Juju überraschend nicht auf diejenigen los, die sie online dissen, sondern auf diejenigen, die ihr ihren Erfolg missgönnen und ihr Steine in den Weg legen. Die werden mit slowem Hip-Hop-2000s-Beat im Eminem-Style niedergewälzt und abserviert. Direkt im Anschluss wird es gar poetisch. In Gedichtform trägt sie einen Schlussmach-Text als Prelude vor, der auf jeden Fall viel Traurigkeit innehat, um dann im Track „Allein“ mit einer verträumten Melodie die Träne aus dem Auge wegzuwischen und fliegend aufzusteigen.
Ja, da muss schon krass viel passiert sein. Man wünscht sich mehr Kontext, mehr Real Talk. Aber Juju entscheidet sich insgesamt eher für Feeling als für große Story. Erst im Mittelteil gibt es Trap- und Party-Atmo, um auch im Club abzureißen. „Dumm“ hat genau den ballernden Beat und die „Heute geht mit uns die Welt unter“-Message, die man sucht. Das ist groß, hookig und spaßig. Dass sie sich noch nicht ganz eingeigelt hat und nicht jedem misstraut, beweist die Female-Empowerment-Nummer „Girls Night“, in der eine „Alles auf mich“-Line an „All Eyes on Us“ aus „Scream & Shout“ von Britney erinnert. Sollte das Jujus Inspo gewesen sein, why not? Cheers und Twerk-Alarm. Auch der Rauswurf „Premium Chaya“, aus dem die selbstbewusste Zeile „Doch droppe das Album dann, wann ich Zeit hab‘!“ stammt, ist dick aufgesetzt, aber nie zu over the top. Besonders geil sitzt der Techno-Break gen Ende, der beweist, dass Juju Tracks wie „Vertrau mir“ oder eben jenen neuen unbedingt öfter veröffentlichen dürfte. Die beste Rap-Ansage kommt hingegen in „Rich Bitch“, das fast schon in Missy–Elliott-Marnier so straight durchzieht, dass es einem richtig durch den Body fährt. Wahnsinnig gut!
Am Ende ist es aber das alles übersteigende „$horty“, das genau mittig auf dem Longplayer platziert ist und in unter 3 Minuten sämtliche Skills beinhaltet, die Juju ausmachen: Ein softer Flow, der immer angenehm klingt, eine Hook, die sofort kleben bleibt, eine vernünftige Produktion – doch allen voran ein Text, der zum genauen Hinhören animiert und dann bittersüß im Hals stecken bleibt. Wir gehen mal so weit und sagen an der Stelle, dass das locker Top 3 der besten Titel ist, die Juju jemals gemacht hat. Ein Gänsehaut-Moment, wenn der Turning Point zwischen erstrebenswertem Ruhm und Hang zur Selbstzerstörung erkennbar wird und heftig hittet. Sowieso ist auch der Sexismus-Aspekt auf der gesamten Platte ein wiederkehrendes Mittel, der betont, dass egal, wie viel Talent man serviert, es als Frau am Ende trotzdem immer wieder ums Aussehen geht. Wie hart es einfach nur nervt.
Lediglich „German Dream“ mit Tom Hengst und „Millies“ mit Ledbyher wirken etwas beliebig und können den überdurchschnittlichen Ansprüchen, die man an 44 ME stellen durfte, nicht ganz genügen. Ob man das Sample von „Mit dir“ von Freundeskreis in „Komm näher“ mit RAF Camora nun brauchte, ist wohl etwas Geschmacksache. Ganz so viel Neues hat man dem perfekten Original nämlich nicht entlocken können, aber schlecht ist das cheesy Duett nicht.
Drittes Album dann 2033? Hoffentlich nicht. Juju hat sich nicht verloren, sondern offensichtlich wiedergefunden. Ihr Stil ist immer noch nah am Zeitgeschehen, klingt wie damals und wie jetzt. Spannende Persönlichkeit, lebende Rap-Legende. Benutzt man gern inflationär, aber hier darf man das ruhigen Gewissens so sagen, ohne sich dafür jemals schämen zu müssen. Ein Ego-Trip, auf dessen Zug man für 35 Minuten gerne mitfährt.
Aktuelle Tour-Termine:
07.8. Columbiahalle, Berlin
08.8. Zenith, München
12.8. Live Music Hall, Köln
13.8. Im Wizemann, Stuttgart
14.8. Große Freiheit 36, Hamburg
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