The Birds Of Alfred Hitchcock, Stadttheater Bielefeld, 20.09.2026

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Wie unglaublich viele Images von mächtigen, einflussreichen Männern, die in der breiten Gesellschaft bewundert werden, in den letzten Jahren angefangen haben zu wackeln oder sogar komplett niedergemetzelt wurden. Immer wieder kommt an die Öffentlichkeit, wie sich Musikstars Fans oder Mitarbeitenden gegenüber übergriffig verhalten. Aber auch Beispiele aus dem Sport, der Politik und dem Filmgeschäft haben sich auf erschreckende Weise spürbar multipliziert. Manche von ihnen können sich nicht mehr wehren, weil sie bereits verstorben sind – darüber zu sprechen, ist dennoch wichtig. Wie man letztendlich mit der Kunst oder dem Produkt der jeweiligen Person umgeht, ist eine höchstsubjektive Entscheidung. Alfred Hitchcock gehört bis heute – und somit fast fünf Jahrzehnte nach seinem Tod – immer noch zu den wohl einflussreichsten und höchstgelobten Regisseur*innen seit Beginn der Filmgeschichte. Ob man aber nach dem Besuch von The Birds Of Alfred Hitchcock im Stadttheater Bielefeld seine Klassiker noch so genussvoll konsumieren kann, steht auf einem anderen Blatt Papier.

War #metoo einst eine aufwühlende Bewegung, so hat sich bis 2026 die Bewertung hinsichtlich männlich-dominantem Verhalten gegenüber Frauen merklich verändert. Es scheint eindeutig etwas zu bringen, wenn genug Menschen laut sind, denn irgendwann verändert sich eben das Gefühl für „Ach, das ist doch nicht so wild“ hin zu „Das ist wirklich ein No Go“. Schon 2010 traut sich William Ward Murta – seit Mitte der 80s Kapellmeister im Theater Bielefeld – an einen äußerst gesellschaftskritischen Stoff und macht in seinem dritten, selbstgeschriebenen Musical und der vom Theater selbst produzierten Inszenierung ein Fass auf, das vor etwas mehr als 15 Jahren noch nicht so häufig eine Bühne findet. Generell haben viele die Einstellung, Musical müsse leichtfüßig, spaßig, kurzweilig und auf gar keinen Fall schwermütig sein, allerdings macht Murta ziemlich genau das Gegenteil. Er zeigt den 1963 erschienenen „Die Vögel“ von Hitchcock als Bühnenfassung. Das freut Cineast*innen, die ein Herz für Musicals haben, natürlich ungemein – jedoch macht er es seinem Publikum nicht so einfach.

Denn The Birds Of Alfred Hitchcock ist eben keine schlichte Adaption des sehr beliebten und über den grünen Klee hinaus gelobten Thriller-Klassikers. Es ist ein Behind the Scenes, ein Making of, ein Kommentar. Tippi Hedren, zum Drehbeginn eine unbekannte Newcomerin, soll das neue weibliche Gesicht von Hitchcocks Filmen werden, hat Grace Kelly ihm unverschämterweise abgesagt. Von Hedren ist er auf Anhieb begeistert. Doch dass am Ende Hedren nach außen hin zwar ein Star ist, mental aber am Abgrund steht, erfährt das Publikum im randvollen Theater Bielefeld in den ersten fünf Minuten. Hedren wacht in einer Psychiatrie auf, leidet unter schrecklichen Albträumen, kann sich kaum sortieren und erweckt den Eindruck, sogar eine Psychose zu haben. Ihrem Pfleger Robin erzählt sie retrospektiv ihre Geschichte vom Filmset.

Und daraufhin beginnt ein spannender, emotional aufwühlender Trip durch absurde Situationen, bei denen man nur kurz irritiert auflacht, aber auch vielen fragwürdigen Momenten, die heute so niemals unkommentiert geschehen würden, und nicht zuletzt einigen wirklich unglaublich üblen Szenen, die heutzutage auch dem größten Regisseur sämtliche Anerkennung kosten würden. Also hoffen wir das, dass es so wäre. Sicher kann man sich da ja leider nicht sein. So oder so ist The Birds Of Alfred Hitchcock in seinen ordentlichen 150 Minuten Spielzeit – unterbrochen von einer 25-minütigen Pause nach 90 Minuten – eine bittersüße Zusammenfassung davon, wie schwierig es ist, in solch einem prestigeträchtigen Business wie dem Hollywood-Film die richtige Entscheidung zwischen Ruhm und Erfolg oder Selbstachtung und Grenzsetzung zu finden und danach auch zu handeln.

Das hätte ein äußerst deprimierender Abend werden können, schließlich ist die Thematik eigentlich durchweg unangenehm. Doch Komponist und Autor Murta, der am Abend auch für die musikalische Leitung zuständig ist und das Orchester wirklich hervorragend dirigiert, schafft es, dass man das Haus gegen 22:30 Uhr nicht völlig desillusioniert verlässt, sondern angenehm mitgefiebert hat, genug Empörung verspürt, aber auch mit starken musischen Augenblicken die nötige Auflockerung verspürt. Im Stil von großen Broadway-Nummern gibt es Jazz, Swing und sogar fast schon atonale Breitbandballaden mit nicht erwartbaren Harmonien im Wechsel, die sich nach 60s anfühlen, aber nicht altbacken wirken. Die orchestralen Stücke knallen mit ordentlichem Soundgewitter durch den Saal, Bläser und Streicher battlen sich hier um den tragenden Part und gewinnen am Ende beide.

Es lohnt, vorab „Die Vögel“ gesehen zu haben, um sämtliche Insider zu verstehen und den Dreh des Films im Stück komplett nachverfolgen zu können. So macht es wirklich Spaß, wenn ikonische Bilder wie die Szenen im Boot, in der Telefonzelle, noch mehr aber natürlich auf dem Dachboden imitiert werden. Hier spielt die Produktion die dicksten Asse aus dem Ärmel, denn gerade bühnenbildtechnisch und hinsichtlich Requisite ist The Birds Of Alfred Hitchcock grandios. Die gesamte Tiefe der Bühne wird genutzt, um in Sekundenschnelle zwischen Filmsets, Psychiatrie-Szenerie oder sogar San-Francisco-Flair hin- und herzuwechseln. Der Einsatz von Livekameras führt dazu, dass man mehrfach die Mimik und Gestik des durchweg sehr guten Ensembles auf großer Leinwand hautnah mitbekommt. Immer wieder sprechen die Figuren in Monologen zur Linse, damit Hitchcock im Nachhinein erfährt, was der Status Quo ist, womit sie gerade hadern und er bloß nicht über seine Crew die Kontrolle verliert. Besonders Schattenspiele sorgen für so manchen gruseligen Moment – und wenn auf Hedren unzählige Fake-Vögel geworfen werden, ist das einfach ein ganz starker Einfall. Fast durchgehend hat das Auge zu tun, bekommt schicke Kostüme, so manche classy Choreo, die auch in „A Chorus Line“ stattfinden könnte zu sehen – oder wird mit einer Hand voll Cameos von Hitchcock selbst überrascht, wenn man denn aufmerksam genug ist.

Denn Hitchcock war bekannt für seine kleinen Auftritte in all seinen Filmen, also muss er auch ins Musical. Doch dass es hier wirklich überhaupt nicht um ihn gehen soll und er schon genug Präsenz im Namen des Stücks einnimmt, ist daran zu erkennen, dass kein Darsteller ihn spielt. Er ist lediglich als Kommentar zu hören oder mal als digitale Figur auf den diversen Screens zu finden. Spielzeit? Keine zwei Minuten. Die soll stattdessen auch wirklich der tollen Cast überlassen werden, die emotional und gesanglich eine Menge zu tun hat. Nachdem Lara Hofmann uns schon im letzten Jahr bei „Anastasia“ zu überzeugen wusste, gibt sie hier nun wirklich das Maximum. Dank der tollen Arbeit der Maske sieht sie Tippi Hedren verblüffend ähnlich. Gesanglich gibt es in sämtlichen Soli wie „Ich sagte Ja“ wirklich nur tolle Töne, aber auch schauspielerisch zeigt sie den Wandel von schüchternem Neuzugang zu talentierter Schauspielerin bis hin zum psychischen Crashout glaubwürdig, was alles andere als leicht ist. Dadurch, dass es immer mal wieder in die Gegenwartssituation und somit in die Klinik geht, ist der Wechsel zwischen den Gefühlen gleich mehrfach notwendig. Stringent ist hier halt nicht. Großes Kompliment.

Doch auch neben ihr gibt es mit Frederike Haas als Hitchcocks Assistentin Peggy starke Gegenparts. Gerade in ihrem Solo gen Ende, „Falsch, Miss Hedren“, bekommt sie einen Showstopper, der für lauten Applaus sorgt. Nikolaj Alexander Brucker konnten wir ebenfalls bei „Anastasia“ schon sehen, und auch als Drehbuchautor Evan, der im Gewissenskonflikt zwischen starker Sympathie für Tippi und unfairen Anforderungen Hitchcocks pendelt, macht er eine tolle Figur. Carlos Horacio Rivas als Krankenpfleger Robin hat an manch wenigen Stellen etwas mit sauberen Noten zu kämpfen, mimt jedoch den einfühlsamen Empath authentisch und stimmig. Trotzdem sind es neben Hofmann aber zwei andere Darsteller*innen, die unverkennbar hervorstechen. Das ist einerseits Arsalan Naimi als Vogeltrainer Ray, der mit farbiger Kontaktlinse wirklich so unangenehm daherkommt, dass man gleichzeitig weg- und hinschauen möchte. Gerade die Szene „Mechanische Vögel“, in der er Tippi zwischen seinen Fingern erstarren lässt, ist eine derjenigen, die man am Ende des Jahres 2026 unter den stärksten des Musicaljahres zählen wird. Über den meisten Zwischenapplaus darf sich aber Christina Huckle als Jessica freuen – die Schauspielerin, die genug Erfahrung hat, um genau zu wissen, was sie sich erlauben kann, wo Grenzen zu setzen sind und Tippi wie eine Art Coach begegnet. Dabei ist sie so giftig-schlagfertig, dass man jubelnd auflacht und applaudiert. Genial. Abgerundet wird das Ganze durch viele Absolvent*innen und Studierende des Fachbereichs Musical der Hochschule Osnabrück, bei denen man sich schon freuen darf, wenn sie Hauptrollen zukünftig spielen werden.

Für eine hauseigene Produktion aus Bielefeld wirkt The Birds Of Alfred Hitchcock nahezu international. Das Stück könnte ohne viel Veränderung auch am West End laufen und würde sicherlich viele Zuschauer*innen begeistern. Eine richtige Überraschung! Da fragt man sich wirklich, wie es sein kann, dass es nur damals zur Uraufführung eine Saison lief und man 15 Jahre warten musste, bis es zurückkam. Das verdient sehr viel mehr Aufmerksamkeit und ist für jede*n eine Empfehlung der*die Lust hat, Musicalstoffe anders zu erleben.

Weitere Termine:
26.09., 27.09.
02.10., 04.10., 07.10., 09.10.
08.11.
02.12.
14.01., 26.01.
25.02.
Vorstellung jeweils um 19:30 Uhr, außer am 04.10. um 15:00 Uhr

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Foto von Christopher Filipecki

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