Diesmal waren die Vorzeichen anders. Nicht nur für mich – schließlich sah ich die Band nach Shows in Graz (als Support von Folkshilfe) und beim „Kufstein unlimited“-Festival erstmals in Deutschland. Sondern auch, weil ihr drittes Album gänzlich den Gesetzen des Marktes trotzt. Soll heißen: Wer bei Streaming-Anbietern nach „Phase To Phase“ sucht, wird nicht fündig – lediglich einzelne Stücke haben als Single den Weg ins Streaming gefunden. Tatsächlich gibt es die Platte nur als Download bei Bandcamp und auf Vinyl. Man durfte also gespannt sein, wie viele Leute sich an diesem Mittwochabend auf den Weg ins Ampere machen würden. Vor Ort stellte man schnell erfreut fest: Das Ampere war genau die richtige Größenordnung.
Als pünktlich um 20 Uhr das Licht ausging, betrat zunächst niah als Support-Act die Bühne. Die Münchner Singer-Songwriterin und ihre drei Bandkolleg:innen eröffneten mit einem relativ stillen Set, was vor allem dem fehlenden Schlagzeug geschuldet war – aber keineswegs ein Hindernis darstellte, das Publikum für sich einzunehmen. Die Stücke erhielten so eine zusätzliche Prise Melancholie und wirkten äußerst eingängig. Man merkte schnell, wie persönlich die Musik ist und dass niah von echtem Erlebten berichtet. Sei es der vor „Antagonist“ geäußerte Appell, Hilfe in Anspruch zu nehmen bzw. es Betroffenen nahezulegen, die unter selbstverletzendem Verhalten leiden, oder die unverblümte Erwähnung des Ex-Partners vor „You’re still the same (piece of shit)“: Die Geschichten waren weit weg von jeglicher Beliebigkeit. Dass diese Ehrlichkeit großen Anklang fand, spürte auch die Band und bedankte sich für die Stille im Saal während der Songs. Definitiv ein Act, den man sich auch gut bei einer Headliner-Show vorstellen kann.
Setlist niah:
01. Kinda funny
02. Without you
03. Antagonist
04. You’re still the same (piece of shit)
05. Collecting stars
06. Freezing
07. Grow

Es dauerte nicht lange, bis die Bühne bereit war für Naked Cameo. Auf Platte als Trio unterwegs, bestritten sie den Abend in Viererbesetzung – und starteten mit „Closing Time“ genauso in die Show, wie auch ihr aktuelles Werk „Phase To Phase“ beginnt. Das anschließende „No Sleep In Summer“ vertiefte den ersten Eindruck des neuen Materials. Mit einem leicht retro anmutenden Indie-Sound, treibenden Drums und angenehm „schleifendem“ Synthesizer war direkt für Bewegung im Raum gesorgt. Die Reise durch den Katalog der Band konnte beginnen. Denn obwohl das neue Album der eigentliche Anlass für die Tour ist, schlug die Setlist mit insgesamt 24 Songs einen beachtlichen Bogen durch das gesamte bisherige Oeuvre der Österreicher.
Nicht nur die abwechslungsreiche Songauswahl und die Spielfreude überzeugten, sondern auch die Nahbarkeit der Musiker. Ein schönes Gimmick: Die Band ließ eine Kamera durch die Reihen wandern, mit der sich die Fans als Erinnerung für die Gruppe fotografieren durften. Auch die vielen Anekdoten und Geschichten zu den einzelnen Stücken machten den Auftritt ungemein sympathisch – etwa vor „Mariposa“, das vorab auf Social Media gewünscht worden war und dessen Urheberin sich prompt glücklich in der ersten Reihe zu erkennen gab. Dass der Track ankam, war jedoch im gesamten Saal spürbar. Überhaupt war das Quartett immer für eine Überraschung gut: Da man sich kein echtes Orchester leisten könne, wie schmunzelnd erklärt wurde, kam kurzerhand ein Plattenspieler als symphonischer Ersatz zum Einsatz.
Erfreulich war zudem, dass die einzelnen Bandmitglieder immer wieder Raum bekamen, mit Soli zu glänzen. Die Geben und Nehmen zwischen Band und Publikum stimmte, sodass es kaum verwunderte, dass nach dem verhältnismäßig ruhigen „Dirty Hands“ (übrigens auch auf „Phase To Phase“ der Abschluss) lautstark nach einer Zugabe verlangt wurde. Diese ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Und wo wir gerade bei Überraschungen sind: Vor dem finalen „Navelgazer“ ermutigte die Band das Publikum zum Stagediven. Was ungewöhnlich klang, funktionierte prächtig – und so nutzte auch Sänger und Gitarrist Lukas Maletzky die Gunst der Stunde, sich auf Händen über die Menge tragen zu lassen.
Mit diesem furiosen Finale endete der Abend. Das Publikum konnte zufrieden den Heimweg antreten, sich am Merch-Stand mit der Vinyl-Ausgabe des neuen Werks eindecken und zu guter Letzt noch etwas Gutes tun: Am Ausgang wurden Spenden für die soziale Musikschule DoReMi gesammelt, die allen Menschen unabhängig vom Geldbeutel Musikunterricht ermöglicht. Ein rundum gelungener Auftritt, der Naked Cameo bis zur letzten Minute sympathisch machte.
Setlist Naked Cameo:
01. Intro – Closing Time
02. No Sleep In Summer
03. Shangri La
04. Quick Bliss
05. Trespassing By
06. Ephemeral
07. Gated Neighbourhood
08. Drowning in My Pride
09. Mariposa
10. Ain’t Safe With You
11. All My Friends Are In Berlin
12. Quiet Tirade
13. Phase To Phase
14. Lower Back Tattoo
15. Son House
16. Coming For Me
17. Of Two Minds
18. Up is Down
19. Luddite
20. Pocket Dial
21. Dead Weight
22. Dirty Hands
23. Phony (Z)
24. Navelgazer (Z)
Und so hört sich das an:
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Fotos: Marius Meyer
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