Rave & Repetition: Arlo Parks, Carlswerk Victoria, 30.10.2026

Als Arlo Parks 2021 ihr Debütalbum „Collapsed In Sunbeams“ veröffentlichte, war noch nicht zu erahnen, dass sie fünf Jahre später vor einem gut gefüllten Carlswerk einen Rave starten würde. Zumindest über weite Teile. Wie viel vom maximal entspannten Indie der Britin 2026 noch übrig ist und warum das Konzept nicht zu 100% aufgeht, erfahren wir an diesem kalten Herbstabend.

Baird legt als Vorband falsche Fährten

Erstmal darf gibt aber der US-amerikanische Musiker Baird sein Debüt auf deutschen Bühnen. Der Multiinstrumentalist ist auch Teil von Arlos Live-Band und spielt heute ein sehr virtuoses Werk mit Begleitung an den Drums. Manche sagen ‚virtuos‘, andere ‚überfordernd‘. In Schubladen reinstecken lässt sich die Setlist nicht, alles schimmert konfus, manche Songs lehnen sich in Math-Rock-Arpeggios, andere in R&B-Melancholie, dann schimmert auch noch Bossa Nova durch.

Nur eine Konstante bleibt: Baird selbst passt gesanglich 1:1 in das Fotoalbum von „Muttis liebste Radio-Folk-Sänger“ & klingt damit bei all der Spielfreude am Ende wie Jack Johnson, der Spaß an Effektpedalen und Loop Stations gewonnen hat. Konzeptionell bleibt es spannend genug, dass man den Musiker aus Baltimore aber zumindest als Produzenten auf dem Schirm behalten sollte.

Arlo Parks‘ Set ist selbst 2SIDED

Mit einem faserigen Intro tauchen pünktlich um 21 Uhr mit „Heaven“ vom aktuellen Album „Ambiguous Desire“ athmospährische Strobo-Lichter das Carlswerk in die passende Rave-Atmosphäre. Arlo Parks spielt zusammen mit ihrem Co-Produzenten Baird (genau, dem von der Vorband!) und einem weiteren Bandmitglied die drei Synthies auf der Bühne wund. Auch „Jetta“ und „Weightless“ bekommen so ein Rave-Gewand übergeworfen, Arlos Stimme wird in den Loop geworfen, die Synthies heben die Füße des Publikums wie automatisch an, die Stimmung ist top.

Arlo selbst ist sicherlich nicht die klassische Aufheizerin und ihre maximal sanfte Stimme ist das Gegenteil von raumfüllend. Aber: Gerade dieser Kontrast macht diesen Start sehr außergewöhnlich. Aber das ist eben nicht der gesamte Back-Katalog der Britin. Stattdessen gibt es dann einen kleinen Trip down to Memory Lane & viele Songs von den Vorgänger-Alben „My Soft Machine“ und dem eingangs erwähnten Debütalbum. Dafür dürfen die Synthies jetzt ein wenig Staub ansetzen und es gibt Arlo im intimen, reduzierten Rahmen.

Und das lange. Wirklich lange! Gerade in diesem Slot des Sets fällt der wiederholende Songwriting-Trick auf, dass die Refrains vor allem aus kontinuierlich wiederholenden Worten/Sätzen bestehen. Und auch die Stimmungsbilder, Rhythmen oder Vibes changieren kaum. Dasselbe gilt leider auch für Arlos Stimme, die ohne Frage wunderschön ist – aber eben auch kaum Varianz in Tonlage, Farbe oder Intensität mitbringt. Trotzdem: Zu den Klassikern „Eugene“ und „Caroline“ ist die Stimmung wunderschön. Überhaupt ein ganz liebes Publikum, das Arlo voller Liebe supportet.

Ein großes Finale

Nach der Höhepunkt-Durststrecke liefert das Finale ab dem 15. Track „Blue Disco“ dann aber einen Hit nach dem nächsten: Songs wie „Softly“, „2SIDED“, „Floette“ oder der Closer „Get Go“ machen richtig Spaß und bringen das Perfect Match aus Arlos Timbre und Synthie-Getose wieder verlässlich zusammen. Es wird getanzt und gehüpft – und auch die Künstlerin selbst feiert hier am ausgelassensten und strahlt beim Über-die-Bühne-Tanzen. Einfach schön!

Wer einen solchen Soundwandel in der Diskographie austestet wie Arlo Parks, kommt irgendwann an diesen Scheideweg: Behalten Konzerte den Fokus ab jetzt auf die neue Ära? Oder wagt man den Spagat aus alt und neu? Wie es hier weitergeht, bleibt gerade deswegen interessant. Die nächste Tour könnte richtig richtig groß werden.

Und so hört sich das an:

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