Juju, Halle Münsterland Münster, 22.05.2022

In wenigen Wochen wird „Bling Bling“ drei Jahre alt. Der Nachfolger lässt weiterhin auf sich warten. Das ist für ein Soloalbum generell schon eher untypisch, im deutschen Rap-Game aber wirklich eine absolute Ausnahme. Capital Bra fällt mit Eistee in der Hand und seinen acht LPs in sechs Jahren lachend vom Stuhl. Juju scheint es sich aber erlauben zu können. Die größer gewordenen Hallen ihrer aktuellen Tour melden trotzdem nahezu alle ausverkauft.

Wie man den Breakup zwischen Juju und ihrer ehemaligen Kollegin Nura nun nach diesen paar Jahren verkraftet hat, ist wohl individuell. Zweifelsohne haben beide gemeinsam mit ihrem Projekt SXTN sich ein kleines Denkmal am Hip-Hop-Himmel gesetzt, sich aber zum Glück auch schnell als Solokünstlerinnen etabliert. Juju ist dabei eher den klassischen Weg gegangen, hat sogar im Sound eher old schoolig heruntergefahren als überproduziert aufzudrehen und rappt sich seitdem die Schnauze wund.

Das Debüt „Bling Bling“ wurde von allen Seiten gefeiert und hat selbst nach dreimal Abreißen sämtlicher Kalenderseiten immer noch genügend Durchschlagskraft, um Leute in die Shows zu ziehen. Ok, fairer Weise sollte man sagen: Eigentlich wollten die People alle schon 2020 mit Juju gemeinsam feiern, aber aus den bekannten Gründen hat das gut zwei Jahre nicht funktioniert. Ihre Karten haben trotzdem alle behalten. Die Herbsttour 2019 lief schon wie am Schnürchen, allerdings genügen mittelgroße Venues der 29-jährigen Berlinerin nicht mehr.

Mehr Leute, mehr Spielzeit, mehr Entertainment. Juju fährt bei ihrem Halt in der Halle Münsterland in – Trommelwirbel – Münster ordentlich auf. Selbst diejenigen, die schon beim ersten Leg der Tour dabei waren, werden überrascht. Zwar ist die Setlist nur in Teilen anders geworden – selbst die Reihenfolge der Tracks wurde größtenteils beibehalten – aber dafür kriegt das Auge ein paar Leckerlis mehr ab.

Doch bevor die selbsternannte Rap-Göttin um 20:35 Uhr für gute 85 Minuten die Bühne betritt, heizt ihr DJ Sam Salam schon während der Einlasszeit die Gäst*innen ein. Mit im Gepäck: Yecca und Aylo. Die bringen beide gemeinsam für fast eine Dreiviertelstunde die passenden Vibes in den Raum, kommen aber mit ihrem bloßen Drübersingen über die Studioaufnahmen vor allen Dingen technisch nicht an die bemerkenswerten Leistungen ihrer Kollegin heran. Als Support ist das aber wohl irgendwie ok und zumindest soundtechnisch gut gewählt.

Yecca steht dann sogar die gesamte Juju-Show über mit auf der Bühne und ist als Backing fast schon besser als allein. Mit intimer Clubatmosphäre, die den Fokus auf das bloße Rappen wirft, ist hier nicht mehr. Die Bühne hat ordentlich Tiefe, mehrere Lampenschirme, Stroboskopeffekte, mehrmaligen Konfettiregen, riesige Luftschlangen, große Ballons und vor allen Dingen Livemusiker*innen. Neben DJ Sam steht ein Gitarrist und ein Drummer parat, die den smoothen Rap-Beats ordentlich Dampf verpassen. Der rockige Anschliff ist Live zweifelsohne das beste Upgrade und richtig gut gewählt.

In den fast anderthalb Stunden gibt es wenig Verschnaufpausen. Stattdessen ballert Judith Wessendorf, wie Juju bürgerlich heißt, mit richtig viel Spielfreude durch das Set und geht mehrfach mit ihrer Crowd ins Gespräch. Der persönliche Bezug geht trotz der fast ausverkauften Halle und damit guten 5000 Zuschauer*innen nicht verloren. Juju wirft Merch ins Publikum, holt ein verdammt gut vorbereitetes Mädel namens Marie auf die Bühne zum Mitrappen, erzählt die eine oder andere Story zu den Songs und lässt Wasserflaschen in die Reihen reichen. Sie wirkt unaufgeregt, trotzdem angenehm powervoll und authentisch ohne Starallüren.

Von ihrem Album spielt sie nur einen Song nicht. Das Duett „Freisein“ mit Xavier Naidoo wurde gekickt. Obendrauf wird sie gen Ende der Show sogar politisch und ruft beim obligatorischen Insta-Selfie zu „Fuck AfD“-Mitgrölparolen auf. Löblich. Ansonsten ist lediglich aus zwei SXTN-Erinnerungsblöcken einer geworden, der mit „Fotzen im Club“, „Deine Mutter“ und „Von Party zu Party“ dafür drei fette Höhepunkte bereithält.

Münster ist von der Show und dem insgesamt einfach wirklich guten Auftritt sichtlich angetan. Es wird extrem laut geschrien, größtenteils mitgerappt und mehrfach im Moshpit gehüpft. Obendrauf zündet der eine oder die andere sich lässig einen Joint an. Juju gönnt sich ein paar hochprozentige Longdrinks im Becher, ist aber durchweg voll am Start, ohne auffällig zu patzen. Die Technik setzt dafür einmal voll aus, sodass „Deine Mutter“ nicht zu Ende gespielt werden kann. Passiert. Neu mit dabei sind die Kollaborationen mit Bausa „2012“ und „Kein Wort“ mit Loredana, die in Snippets serviert werden. Die aktuelle Single „Erklär mir die Liebe“, die ein PhilippPoisel-Sample beinhaltet, leitet sie mit emotionalen Worten ein. Ihr Vater habe die Familie schon früh verlassen. Der sei Inspiration zu dem Song.

Ihren Electro-Ausritt „Vertrau mir“ gibt sie genauso zum Besten wie – und das ist eine weitere, sehr große Überraschung – die Nummer „Wenn du mich siehst“, die heute zwar ohne RAF Camora auskommen muss, hingegen aber von ihr mit akustischer Begleitung von Gitarre und Klavier vorgesungen (!) wird und dazu noch echt ordentlich klingt. Hinter dem Tourtitel „Fick dein Insta“ verbirgt sich eine neue Single im Trap-Style, die nach dem Ende der Tour veröffentlicht wird. Das Begleitvideo soll Szenen von allen Gigs beinhalten, somit auch von Münster.

Die beiden Showstopper „Vermissen“ und „Live Bitch“ werden im Zugabeblock noch einmal wiederholt. Ist nicht wirklich nötig, aber ok. Nötig sind nun stattdessen ein Dutzend neue Songs, die hoffentlich noch dieses Jahr folgen. Genug Zeit hatte die Gute ja… dann kommen wir 2023 zur nächsten Tour textsicher wieder. Versprochen.

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Bild von Christopher.

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