Der Graf von Monte Christo, Theater Münster, 10.02.2026

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Musicals in Stadttheatern erleben seit einiger Zeit einen richtigen Boom. Mittlerweile kann man eigentlich in jedem kleinen wie großen pro Saison mindestens eine Inszenierung sehen, die manchmal sogar mit den äußerst kostspieligen und fast schon penetrant beworbenen Big Playern in Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Köln und Stuttgart mithalten können – denn nur weil teuer, heißt das noch lange nicht hochkarätig. Fans, die sich etwas intensiver mit dem Genre befassen, freuen sich dann umso mehr, wenn auf dem Spielplan etwas landet, was es selten zu sehen gibt. Das Theater Münster landet somit besonders mit der Auswahl einen Coup: Der Graf von Monte Christo ist eine Orchidee des Musiktheaters – schön, aber selten.

Dabei ist Frank Wildhorn als Komponist doch recht beliebt. Direkt mit seinem Erstwerk „Jekyll & Hyde“ , uraufgeführt 1991, veröffentlichte der New Yorker einen Volltreffer – bis heute läuft das Stück regelmäßig und begeistert mit seinem Mittelweg aus spannender Schauermär und Love-Story die Massen. Außerdem feiert „Dracula“ (2002) gerade ein kleines Revival und kommt auf der Tour durch die DACH-Region richtig gut an. Das Theater Münster hat also bei der Recherche gut aufgepasst und ergänzt mit der erst ungefähr zehnten Inszenierung eines weiteren Werkes aus dem Wildhorn-Repertoire. Spannend ist die Entstehungsgeschichte: Das Stück beruht natürlich auf dem weltbekannten französischen Abenteuerroman von Alexandre Dumas aus dem 19. Jahrhundert, nicht zuletzt gibt es rund zwei Hände voll an Verfilmungen. Somit ist eine Musicaladaption wenig überraschend, ließ aber trotzdem bis 2006 auf sich warten. Die Weltpremiere fand in Sankt Gallen in der Schweiz statt, in der Hauptrolle spielte Thomas Borchert, den Wildhorn schon vor dem Komponieren als Urbesetzung wünschte und es somit auf seine Stimme zugeschnitten schrieb. Borchert spielte zuvor mehrfach Rollen in Wildhorns Stücken, und der war von jeder Interpretation mehr als nur begeistert.

Thomas Borchert wird diesen Juli 60. Zuletzt konnte man ihn in der Rolle in Lüneburg vor gut zwei Jahren sehen. Wer darf in solch große Fußstapfen treten? Das braucht Mut, noch mehr aber Präsenz und Stimme. Mit David Arnsperger darf es ein nächster Musicaldarsteller wagen, der sich auch schon – ähnlich wie Borchert – als Graf von Krolock in „Tanz der Vampire“ einen Namen machte und ebenfalls „Dracula“ verkörperte. Das sind doch sehr gute Voraussetzungen. Sowieso ist es bei solch anspruchsvollen Rollen, die großformatig angelegt sind, also an Opern erinnern, viel Hingabe, Power und starke Gesangskills brauchen, kein Leichtes zu brillieren. Doch Arnsperger gehört zu den echt talentierten Männern der Szene, die zwar noch nicht in der ersten Reihe mitspielen, aber in jedem Falle das Zeug dazu hätten.

Bei der dritten Vorstellung von Der Graf von Monte Christo am 10.02., einem Dienstagabend, ist das Theater Münster zu mindestens 80 Prozent voll. Bis zur Sommerpause folgen noch zwölf weitere Aufführungen, also nicht stressen, wenn ihr’s bisher verpasst habt. Der rund 115-minütige Zweiakter, unterbrochen von einer 25-minütigen Pause, ist opulent, sehr klassisch und pures Musicaldrama. Die Leichtigkeit lassen wir heute Mal zuhause und versinken stattdessen in dem etwas erschlagenden, aber somit auch durch viele Gefühle stark umarmenden Brett voller Tragik, Machtspielchen, unfairen Deals und Rache. Eben das, woraus historische Stoffe sind.

Der Inhalt: Edmond Dantès, ein erfolgreicher junger Seemann, möchte Mercédès heiraten, allerdings neiden seine Rivalen ihm sein Glück und schmieden einen teuflischen Plan. Er soll Napoleon unterstützt haben und wird ohne Prozess auf eine Gefängnisinsel gesperrt. Nach Jahren gelingt ihm erst die Flucht. Er findet einen opulenten Schatz, beschließt, fortan eine neue Identität anzunehmen und wird nun Der Graf von Monte Christo, der sich als reicher und geheimnisvoller Aristokrat an allen rächen will – auch an Mercédès, denn unmöglich kann sie ihn damals gewollt haben. Sie muss Teil des Komplotts sein…

Ein Kritikpunkt direkt an dieser Stelle: Es ist sinnvoll, sich die wichtigsten Punkte der Story vorab durchzulesen, denn besonders erzählerisch stolpert Der Graf von Monte Christo einige Male über Verständnis-Steine. Die recht komplexe Handlung mit vielen Charakteren leidet unter dem nicht gut gemischten Ton. Zwar ist das wunderbare Orchester kraftvoll im Raum und ganz besonders die immer wieder eingestreuten, sehr hübschen Chormomente hallen mit viel Bombast durch den Raum – allerdings gehen einige Solist*innen ziemlich unter. Insbesondere die gesanglich fast durchgehend klassisch angelegte Inszenierung – schließlich treten hier fast ausschließlich Mitglieder des Opernchors auf – entlockt den Darsteller*innen zwar herausfordernde Koloraturen, so bleiben aber die Lyrics öfter mal auf der Strecke, die essenziell sind, um der Geschichte zu folgen.

Was hingegen jedoch bei den ständigen Ortswechsel äußerst gut hilft, ist das ganz, ganz wunderbare Bühnenbild. Das muss man wirklich hervorheben – selten gibt es so viele Bühnenbildwechsel in einem Stadttheater zu sehen. Rund alle fünf Minuten springt die Kulisse von Piratenschiff zu Goldgrube zu Gruselschloss zu Meer im Mondschein und so vielem mehr. Mit sehr intensiv schimmernden Farben in Gold oder auch Rot wird das Auge wunderbar herausgefordert. Dabei wird stets eine Mischung zwischen Projektion auf der Leinwand, Schatteneffekten und Requisiten gewählt. Man hat es sich also wirklich so gar nicht einfach gemacht. Auch im Kostüm sind die Wechsel ähnlich stark und machen optisch nahezu jeden Moment zu einem Blickfang.

Auch in den aufwändigen und vor allen Dingen vielen Choreografien hat man sich Mühe gegeben, jedoch scheitert es hier an Synchronität. Zwar geben viele eine ganze Menge an Energie, gleichzeitig sind aber mehrere Ensemblemitglieder schlichtweg überfordert. Wie muss der Arm nun nach oben? Wann? Hups, zu spät. Das fällt leider doch häufiger beim Zuschauen auf. Ist man im Fokus aber bei den Solist*innen, gibt es dort eigentlich durchweg starke Performances. Allen voran natürlich David Arnsperger, der sehr viele Szenen im Alleingang zu tragen hat. Die Achterbahnfahrt seines Charakters mimt er fantastisch und hat so manchen Sekunden lang anhaltenden Belt-Ton, der einem einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Vera Lorenz als Mercédès stirbt zig Tode in ihren pompösen Drama-Soli und muss so oft bis in die allerhöchsten Töne, dass sie manchmal dann doch etwas unsauber klingt. Doch gerade ihr Herzschmerz schwappt spürbar auch aufs Publikum über. Ramon Karolan als Fernand Mondego und Graf von Morcerf sowie Gregor Dalal als Abbé Faria und Gérard von Villefort machen ebenso ihre Arbeit richtig gut – einer von ihnen wurde kurz vor der Vorführung sogar als stimmlich angeschlagen erwähnt, man solle auf ihn Rücksicht nehmen. Dass wir uns nicht mehr sicher sind, welcher Name gesagt wurde, zeigt, dass es überhaupt nicht auffiel. Also gute Leistung!

Es darf mitgefiebert werden, wie sich Edmond im Laufe der zwei Stunden entwickelt. Besonders der zweite Akt ist dabei doch ziemlich knackig, man hat sich auf jeden Fall eher für ein „Lieber etwas zu kurz als zu lang erzählt“ entschieden. Keine Verschnaufpause, dafür mehrere Turning Points mit Schieß- und Fechtduellen. Der Graf von Monte Christo ist kein Pflichtprogramm für Musical-Maniacs, kann es qualitativ nicht ganz auf dem Niveau von „Jekyll & Hyde“ oder „Dracula“ mithalten. Dafür ist aber die Münsteraner Produktion ein richtiges Eye-Candy, trumpft mit ihrem starken Hauptdarsteller auf und zeigt fast schon vintage-like ein richtiges Bühnendrama – und das für rund 50 Euro in der Bestkategorie.

Weitere Termine:

19.2., 28.2., 11.3., 25.3., 17.4., 26.4., 2.5., 7.5., 14.5., 23.5., 2.6., 19.6.
Jeweils 19:30 Uhr, außer 26.4. 16:00 Uhr und 14.5. 18:00 Uhr

Und so sieht das aus:

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Foto von Christopher Filipecki

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