Electric Callboy – Tanzneid

albumcover Electric Callboy tanzneid

Im Nachhinein wirkt es fast schon wie True Crime: Eine lange als Geheimtipp gehandelte Band mit solider Fanbase bewirbt sich als deutscher Act für den Eurovision Song Contest und wird abgelehnt. Die Songs seien nicht radiokonform genug, obwohl der Sound eigentlich gerade ziemlich im Kommen ist. Daraufhin gibt es eine Petition, die von Tausenden unterschrieben wird, man solle ihnen im Vorentscheid doch bitte eine Chance geben. Wird wieder abgelehnt. Im Nachhinein wird jene Band mit genau dieser Aufmerksamkeit und dem Trubel drumherum plötzlich zum Top-Seller, hat auf einmal Fans weltweit und gilt als erfolgreichster Export-Act Deutschlands seit Langem. Nein, das hat sich niemand ausgedacht, das ist die Wahrheit von Electric Callboy.

Es braucht keinen Sieg, um ein Gewinner zu sein. Sicherlich ist alles so gelaufen, wie es – im Nachhinein betrachtet – gar nicht hätte besser laufen können. Machen Electric Callboy ziemlich genau ein Jahrzehnt lang Metalcore für ihre Zielgruppe und gelten schon ewig in Fachkreisen als ziemlich cooler, spaßiger Liveact, so ist es am Ende eben der Eklat rund um den ESC und die Einreichung des Songs „Pump it“, der auf einmal viel mehr Menschen auf sie aufmerksam macht. Dass das deutsche Team hinter dem ESC zum wiederholten Male richtig reinscheißt, ist bekanntlich nichts Neues – aber diesen Bock muss man sich erstmal schießen. Das ist schon Endgegner-Fail-Niveau. Schaut man einfach mal, wo die in Castrop-Rauxel im Ruhrgebiet gegründete Band seitdem live gespielt hat, wirkt es wie Absurdistan: Fast jedes Land in Europa, dazu Australien, Kanada, die USA und Japan. Uff.

Zur Corona-Pandemie tauschte man nicht nur Namen, sondern auch Sänger aus, hielt ein wenig Ausschau nach aktuell sehr gefragten Crossover-Sounds und landete einen Volltreffer sondergleichen. Electric Callboy haben 2022 mit ihrem Album „Tekkno“ fast ein Jahr in den deutschen Charts gestanden, natürlich Platz 1 erobert, in Österreich eine Goldene mitgenommen, die größten Shows ihrer Karriere gespielt – darunter quasi alle Arenen, die Deutschland so hat – und ihren Signature-Klang, der eine Mixtur aus Metalcore, Techno, Post-Hardcore, Pop und weiteren Electronica-Spielereien bildet, auf mehreren Kontinenten dieser Erde etabliert und damit fast alle anderen Acts hinter sich gelassen. Darauf darf man mächtig stolz sein. Trotzdem behalten Shouter Kevin, Sänger Nico und die restliche Gruppe stets ein Augenzwinkern bei, sind herrlich selbstironisch, immer ein wenig drüber und trotzdem aber – wie sich das für Pott-Jungs so gehört – bodenständig und glaubwürdig.

Ein fetter Hype führt natürlich dazu, dass es sich nicht mehr ganz so frei arbeiten lässt. Erwartungen werden höher, der Druck gleich mit und am Ende ist die Entscheidung zwischen „Gewohntes abliefern“ und „mit Neuem überraschen“ keine einfache. Fast vier ganze Jahre hat man sich die Zeit genommen – und damit eine knapp doppelt so lange Periode wie die Dekade zuvor – um neben Live-Erlebnissen auch im Studio noch produktiv zu sein. Tanzneid heißt das Ergebnis und ist eindeutig eher Kategorie „Gewohntes abliefern“. Das war ein bisschen abzusehen, aber funktioniert in dem Rahmen aktuell auch noch ganz gut.

Zehn neue Songs sowie vier Remixe umfasst der 44 Minuten dauernde Longplayer und klingt nach nicht mal einer davon so klar nach Electric Callboy, dass man unmöglich aus Versehen die falsche Playlist angetippt hat. Der Titeltrack zischt mit solch einem hohen Tempo und old-schooligen Videospiel-Effekten durch die Birne, dass sofort klar ist, was einen erwartet. „Tanzneid“ braucht exakt zehn Sekunden (!) bis zum ersten In-Your-Face-Drop. Wir haben ja alle keine Zeit! Doch der Opener hat alles, was einen guten Electric Callboy ausmachen muss – hohe BPM-Zahl für Moshpit und Hüpfer, einen Jumpstyle-Break gen Ende, Kevins Shouting-Künste und Nicos Clear Vocals, die sich mit eingängiger Melodie im Ohr festsetzen und nach dem Ende durchaus dazu motivieren, auf Repeat zu klicken. Auf jeden Fall eine der besten Nummern der bisherigen Diskographie.

Wer solch einen Erfolg vorweisen kann, hat auch bei den Features nun freie Hand. Dann holt man sich auch mal Jugend-Vorbilder wie The Offspring dazu, zitiert fix eine der markantesten Zeilen aus dem Kulthit „Pretty Fly“ und macht gemeinsame Sache in dem Gute-Laune-Brett „Let The Good Times Roll“. Das ist sogar so leicht konsumierbar, dass es Single-Charts-Charakter hat, in denen sich das Sextett immer noch etwas schwer tut. Kann aber locker zwischen Classics von Panic! At The Disco, Papa Roach, Wheatus oder OPM laufen. In „Ratatata“ hat man sich die japanische Kawaii-Metal-Girlband Babymetal dazu gesnackt, die seit über einem Jahrzehnt in ihrer Heimat ziemlich gut funktionieren. Gemeinsam hat man eine Mitsing-Hook parat, die beide Welten gut miteinander kombiniert und ein Fun-Feuerwerk zündet.

Apropos Videospiel: In „Hypercharged“ arbeitet man mit dem Game Brawl Stars zusammen. Das Intro klingt dabei so nach 90s-Happy-Hardcore von Music Instructor, dass man kurz irritiert dreinschaut, dann aber dank der Wall of Sound wieder aus der Schockstarre gelöst wird. Sämtliche der zehn neuen Titel haben immer mal wieder witzige Ideen, die hier und dort auftauchen. Bei „The Way You Are“ wird sogar – ähnlich wie in „Hurrikan“ beim Vorgängeralbum – ein Genre zweckentfremdet, um dann mit dem bekannten Sound zu brechen. Statt Schlager ist es nun 90s-Boyband-Pop. Auch optisch wagt man sich im Video an „I Want It That Way“ von den Backstreet Boys heran und kommt dem zum Verwechseln nah. Nico hätte easy auch solch eine Musikkarriere einschlagen können.

Am Ende ist Tanzneid aber eine sehr hochwertig produzierte LP, die ein bisschen wirkt wie „Tekkno 2.0“. Das ist komplett ok und ganz sicherlich für viele Fans auch genau das, wonach sie suchen. Es ist nur ziemlich Comfort Zone mit kleinen Momenten, die ein Grinsen ins Gesicht bringen. Gerade zum Ende raus gibt es mit „Still Waiting“ und „The Savior“ gleich zwei Filler hintereinander, die für niemanden richtig was tun. Dumm gehen kann man auf die Tracklist jedoch fast durchgehend und auch super theatralisch die hymnenartigen Choruses brüllen. Und das ist ja auch was Nettes für die Endorphinausschüttung, woll?

Aktuelle Tour-Termine:
18.2. ZAG Arena, Hannover
20.2. SAP Arena, Mannheim
21.2. BernExpo Festhalle, Bern (CH)
27.2. Westfalenhalle, Dortmund
28.2. PSD Bank Nürnberg Arena, Nürnberg
02.3. Quarterback Immobilien Arena, Leipzig

Und so hört sich das an:

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