Historische Stoffe als Musicals. Oh, das ist verdammt schwierig. Natürlich kann das ein absoluter Bombasterfolg wie bei „Elisabeth“ werden, in den meisten Fällen ist es aber einfach nur todeslangweilig. Zu viel Vorwissen erforderlich, zu wenig greifbare Lebensrealitäten, zu wenig Leichtigkeit in den Geschehnissen. Im allersten Moment wirkt SIX – The Musical wie der nächste in der Reihe, den man genau einmal guckt, weil er halt gerade gespielt wird – allerdings ist man nach der Vorstellung dermaßen entertaint und gutgelaunt, dass man’s direkt nochmal sehen will. Leute, the hype is real! SIX ist endlich in NRW angekommen und bockt total.
Ihr müsst uns jetzt versprechen, dass, wenn wir nun den Plot vorstellen, ihr nicht nach zwei Zeilen abspringt, sondern dem Ganzen eine Chance gebt! Deal? Ok, hit it: Heinrich VIII. – hey, ihr habt’s versprochen!! – ist im 16. Jahrhundert in England sowie in Irland König. Was er alles gemacht hat, spielt keine Rolle. Jedoch ist ein Fakt über ihn äußerst auffällig, nämlich dass er in seinen nicht mal 60 Lebensjahren sechs Ehefrauen hatte. Die unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht, doch sie alle haben nicht wenig unter ihm gelitten. Zwei wurden hingerichtet, von zwei Frauen ließ er sich scheiden, eine starb kurz nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes und eine überlebte ihn, heiratete erneut und starb schließlich ebenfalls kurz nach der Geburt ihres Kindes. Wie in einem riesigen Battle treffen sich diese sechs Queens, wie sie im Stück genannt werden, im Jenseits und kämpfen um den Titel, wer am meisten Narben von Heinrich VIII. davon trug und den Thron verdient hat.
Das klingt alles andere als spaßig. Es klingt langweilig, es klingt schwermütig, es klingt komplex und voller geschichtlicher Fakten, sodass man am liebsten nach drei Minuten gedanklich aussteigen mag. Doch SIX – The Musical schafft ein wahrhaftiges Kunststück: Es macht nicht nur aus wenig Handlung sehr viel, sondern dazu noch aus einer Handlung, die klingt, als ob es nischiger kaum möglich wäre. Allerdings ist das mittlerweile schon fast zehn Jahre alte Stück, das jedoch erst jetzt NRW- und im März 2024 bereits Deutschland-Premiere feierte, solch eine Überraschungstüte, dass man immer wieder freudig hineingreift und ekstatisch strahlt, was es noch so an Gimmicks bereithält. Ein Mittelfinger gen Toxic Boys, aber auch ein Mittelfinger gen Musicals, die ständig auf Nummer sicher gehen und viel zu wenig wagen.
Welch Wagnis man hier mal einging, scheinen die Macher*innen Toby Marlow und Lucy Moss auf dem Schirm zu haben. Im Alter von gerade einmal 23 Jahren sind sie mit Musik, Text und Buch fertig und lassen ihr erstes gemeinsames Werk beim größten Kulturfestival der Welt, dem Edinburgh Fringe Festival, in der schottischen Hauptstadt uraufführen. Die Reaktionen sind gewaltig, sodass nur wenige Monate später das Stück erstmalig professionell gezeigt wird und im Januar 2019 am West End landet. Dort läuft es bis heute – natürlich mit Ausnahme der Corona-bedingten Pause – durchgängig. Am New Yorker Broadway startet man ein Jahr später ähnlich erfolgreich und heimst mit der Produktion zwei Tony Awards ein. Außerdem gibt es seit Jahren Tourneen auf mehreren Kontinenten, seit 2024 auch in Europa. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte.
Doch Vorsicht! Nicht selten steckt hinter so viel Trubel oft zu wenig Essenz. Ein Hauch von Aufregung liegt in der Luft, wenn am 1.7., einem Mittwoch, im Düsseldorfer Capitol Theater der erste Vorhang für Nordrhein-Westfalen fällt. Die Vorstellung ist nicht ausverkauft. Es ist eben ein Musical, das momentan noch nur in der Fan-Bubble Relevanz hat, im Mainstream ist es längst nicht angekommen. Ganz nebenbei ist es die tourende, englischsprachige West-End-Produktion, was zumindest Gelegenheitsbesucher*innen oft ein wenig abschreckt. Aber die, die hier sind, sind voll da und jubeln gleich bei der Ouvertüre frenetisch los. Wer sich also beim Ticketkauf noch unsicher ist, konnte bis gerade erst einmal zu Hause bleiben und abwarten, wie die Pressestimmen ausfallen. Doch dafür sind wir ja nun da – unsere Stimme fällt tatsächlich fast durchgängig euphorisch aus.
SIX – The Musical macht fast alles anders als das, was man unter einem klassischen Musicalbesuch erwartet. Es hat keine Pause, sondern ist ein gerade einmal 80 Minuten andauernder Einakter. Es hat kein aufwändiges, wechselndes Bühnenbild, sondern findet in einer Kulisse statt. Es gibt keine Kostümwechsel, keinen klassischen Gesang, kein großes Orchester. Nicht mal ein großes Ensemble. Was gibt’s denn dann überhaupt noch? Wofür zahlt man denn dann da?
Sechs Darstellerinnen und vier Instrumentalistinnen. That’s it. Der Bühnenaufbau gleicht einem Konglomerat aus Club und Kirche – klein, eher dunkel gehalten, aber mit unzähligen Spots und Lichteffekten, dazu kirchenartige Fenster, in denen mal Kreuze aufleuchten. Eine kleine Showtreppe, auf der die vierköpfige Band Platz nimmt und eine kleine Stage, auf der die sechs in „Starlight Express“-artigen Funkeldresses gekleideten Queens nun in die musikalische Debatte gehen, um sich gegenseitig die Butter vom Brot zu klauen. Schön fair aufgeteilt bekommt jede ihr eigenes Solo, zusätzlich gibt es rund eine Hand voll Nummern, bei denen alle gemeinsam randürfen. SIX bricht direkt ab der ersten Sekunde mit der vierten Wand. Regelmäßig interagieren die Figuren mit dem Publikum, fordern zum Mitklatschen und Mittanzen auf, was sich Düsseldorf noch nicht komplett traut, aber vergleichsweise wirklich viel mitmacht und den Spaß genießt.
SIX ist ein Musical im Popkonzert-Gewand. Die Rollen wirken gemeinsam wie eine perfekt eingespielte Girlband, die schon seit Ewigkeiten auf Tour ist und die Choreografien inhaliert hat. Fast pausenlos sind alle Charaktere zu sehen, nur in ganz kleinen Momenten gehen einige Mal von der Bühne, um der Solistin etwas Freiraum zu geben. Ansonsten ist besonders das Zusammenspiel aus Band, Cast und Licht wirklich überragend. Mit viel Sassyness, Selbstbewusstsein und einer außergewöhnlichen Energie knallt die nicht einmal anderthalb Stunden andauernde Show so rein, dass das gesamte Theater sichtliche Freude daran hat. Wenn man sich dazu entscheidet, im Konzept solch radikale Schritte zu gehen, ist es umso wichtiger, das, was am Ende übrig bleibt, perfekt zu machen – und das wird vollends erfüllt.
Jeder der rund zehn Songs – manche erhalten eine Reprise und im Finale erwartet einen ein Medley on top – hat lupenreines Hitpotenzial. Keine einzige Komposition fällt durch. Gar keine. Es muss nicht immer Masse sein. Gerade im Gegensatz zu den immer mehr werdenden Filmadaptionen und Jukebox-Verwertungen im Musicalbereich, bei denen man sich viel zu oft entweder auf den Kult um die Handlung oder auf die Popularität der Titel verlässt, sticht SIX unglaublich positiv hervor. Problemlos haben gleich mehrere Tracks das Potenzial, in einer treibenden, straff nach vorne gehenden Pop-Playlist aufzutauchen, ohne irritierend aufzufallen. Die Titel wirken nach Pride und Selfempowerment und sind damit absolut im Hier und Jetzt.
Doch was nützen die besten Lieder, wenn sie keiner singen kann? Es wurde bereits vor mehreren Jahren offiziell bestätigt, dass die Rollen und ihre Soli an erfolgreiche Pop-Sängerinnen des laufenden Jahrhunderts angelehnt sind. Darunter Beyoncé, Ariana Grande, Adele, Rihanna, Alicia Keys und noch einige inspirierende Künstlerinnen mehr. Wer zu wem gehört, verraten wir an der Stelle nicht. Brauchen wir aber auch gar nicht, weil auch ohne Vorwissen schon beim ersten Hören auffällt, welch Persönlichkeit wohl als Vorlage genutzt wurde. Dass das so gut erkannt werden kann, zeigt, wie gut es gemacht ist – und wie gut die Darstellerinnen es präsentieren. Schließlich muss man erst einmal Menschen finden, die dem Level gewachsen sind.
Es wäre äußerst unfair zu sagen, wer das stärkste Niveau abliefert. Jede einzelne Person – somit also auch die wahnsinnig starke, völlig on time spielende und perfekt abgenommene Band – ist eine totale Bombe und zeigt im Rahmen ihrer Figur das Maximum. LaSasha Aldredge als Catherine of Aragon darf gleich als Erste und man hat das Gefühl, das Wort „Slay“ wurde für sie erfunden („No Way“). Mit einer perfekt überspitzten, schnippischen Attitüde haut Abi Atchison als Anne Boleyn in eine ganz andere Kerbe und löst Jubelstürme aus („Don’t Lose Ur Head“). Emily Dawson als Jane Seymour darf emotionale, dramatische Töne performen („Heart of Stone“). Man wünscht sich, sie wäre der nächste ESC-Act für Großbritannien, damit da endlich mal wieder was geht. „Get Down“, dargeboten von Millie Readshaw als Anna of Cleves ist wiederum so selbstsicher und cheeky, dass Männer sich zu Recht vor ihr fürchten. Mit Sammy Timbers als Katherine Howard („All You Wanna Do“) wird es bittersüß und schwarzhumorig, ihr Look gleicht den Girls von Blackpink. Abgerundet wird der Showdown durch den souligen Pfeil ins Herz von Layla Chivandire als Catherine Parr und ihrem „I Don’t Need Your Love“.
Am Ende hat SIX sehr viel mehr Tiefe, als es zunächst scheinen mag. Welche Queen hat denn nun am meisten gelitten? Welche darf zurecht am lautesten über Heinrich VIII. schimpfen? Und warum geht es überhaupt die ganze Zeit um den ätzenden Typen? Hat der überhaupt so viel Trubel verdient? SIX ist über weite Teile unglaublich lustig, hat perfekt pointierte Gags, die in Sekundenschnelle passieren. Alle Darstellerinnen sind in den aussagekräftigten Choreografien so eingegroovt, dass jeder Augenblick hittet. Die Kombi aus perfekter Besetzung, Songs mit Charttauglichkeit, gutem britischen Humor und wichtigem Aha-Erlebnis zum Mitnehmen schießt das Stück zurecht in die Oberliga der besten Musicals der letzten Jahre. Das ist bestimmt nicht der Geschmack von jedem und mit der kurzen Aufführungsdauer wirklich ein arg kurzer Ride ins Theater, aber dank viel Einfallsreichtum, Mut, Talent und Konsequenz in vielen Aspekten doppelt so gut wie zig 150-Minuten-Klopper. Ein Abend, an den man sich lange erinnert.
Weitere Termine:
Bis zum 12.07. Capitol Theater, Düsseldorf:
Di-Fr 19 Uhr
Sa 14:30 Uhr & 19 Uhr
So 13:30 Uhr & 18 Uhr; am 12.07. nur 13:30 Uhr
Mo spielfrei
14.07.-26.07. Admiralspalast, Berlin:
Di-Fr 19 Uhr
Sa 14:30 Uhr & 19 Uhr
So 14 Uhr & 18:30 Uhr; am 26.07. nur 13:30 Uhr
Mo spielfrei
Und so sieht das aus:
Website / Facebook / Instagram
Foto von Christopher Filipecki
* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.