Wer sich bei einem typischen Metal-Festival aufhält, sieht auf der Bühne in der Regel sehr, sehr, wenige FLINTA*. Wer zu einem Metal(-core)-Konzert mit Co-Headline oder mehreren Vorbands geht, wird mit Glück eine nicht-cis-männliche Person im gesamten Line-up finden. Heute sieht das hier ganz anders aus: Spiritbox versammeln für die Tour zu ihrem erfolgreichen zweiten Album „Tsunami Sea“ zwei weitere Bands mit Sängerin / Shouterin auf dem Plakat. Das Trio aus Dying Wish, Jinjer und Spiritbox spielt die fast ausverkaufte Mitsu dermaßen gegen die Wand, dass die Fans stimmungsmäßig kaum hinterherkommen.
Dying Wish: Die Stimmungsmacherin

Dabei fängt es vielversprechend an! Dying Wish aus Portland, Oregon, gibt es seit 10 Jahren und so spielt sich das Quintett auch recht routiniert durch ihren 30-Minuten-Slot. Ihren Metalcore spielen die US-Amerikaner*innen mit vielen Hardocre-Anleihen aus Chugs und Breakdowns, der Sound ist basslastig & die breit gebauten Gitarristen Sam Reynolds, Pedro Carillo sowie Bassist Jon Mackey stammen optisch aus dem 101 des Hardcore. Die Songs bleiben etwas vorhersehbar und Genre-typisch, pusten aber schon ordentlich durch die Gehörgänge und funktionieren, wie sie sollen.
Am Mikro steht größtenteils Emma Boster, die weder Shouts noch Clean Vocals permanent zu 100% sauber über die Bühne bekommt. Was Boster gemeinsam mit ihren Kollegen an den Saiten aber umso besser gelingt, ist das Spiel mit dem Publikum. Immer wieder gibt es Ansagen für Circle Pits, Hüpfen und einmal leuchtet gar die gesamte Mitsu im Licht der Handy-Taschenlampen. Die Aufgabe des Aufheizens haben Dying Wish mit Bravour bestanden.
Jinjer: Die Technikerin

Für Jinjer war das Publikum aber sowieso bereit: Bestimmt 20% der Band-Shirts am heutigen Abend zieren das unverkennbare Logo der ukrainischen Metal-Band. Der Hype vorab war also schon groß & schon ab den ersten Takten von „Perennial“ stehen die Münder derer, die die Band noch nicht so auf dem Schirm hatten (inklusive mir), permanent offen. Wie Sängerin / Shouterin Tatiana Shmayluk hier gutturale Growls mit mal breitbeinigem, mal sanftem, mal souligen Gesang im Sekundentakt wechselt, ist schlicht Weltklasse-Niveau. Die Bandkollegen zimmern dafür ein absurdes Brett aus Prog-Metal mit so viel kreativen Drum Fills, Rhythmusverschiebungen und Riff-Spielereien, dass die Versatilität dieser Band heute ganz klar unerreichbar bleibt.
Ein kleiner Wermutstropfen bleibt bei all der Virtuosität: Jinjer spielen einen dermaßen spannenden, oft synkopischen Metal, dass der Otto-Normal-Metalhead beim Headbangen oder auch Moshen schnell zu unrhythmischen Verrenkungen neigen würde. Das Publikum jubelt also frenetisch und anerkennend, an die interaktive Stimmung von Dying Wish kann das aber nicht anknüpfen. Ein Vorbote für den Hauptact.
Spiritbox: Die Hook-Göttin
Manchmal ist es auch etwas unfair: Spiritbox gründeten sich erst 2016 und veröffentlichten 2021 ihr Debüt „Eternal Blue“ und sind damit heute die Nesthäkchen auf der Bühne – aber eben auch die Headliner und kommerziell mit Abstand am erfolgreichsten. Mit Acts wie I Prevail und Bad Omens gehören Spiritbox aber eben auch zur Speerspitze der New Gen von modernem Metalcore, der nach einflussreichen Stilbrüchen von Bands wie den Architects oder Bring Me The Horizon Genre-Grenzen nicht mehr ganz so wichtig nimmt. Und Spiritbox sind verdammte Hit-Schreiber*innen!
Vom absoluten Erfolgsdebüt „Eternal Blue“ kommen mit „Circle With Me“ und „Holy Roller“ die beiden Über-Hits auch heute auf die Bühne, ansonsten ist der Fokus ganz klar auf dem deutlich poppigeren „Tsunami Sea“ sowie einzeln veröffentlichten Songs. Trotz des sehr hymnischen und auch kommerziell erfolgreichen Nachfolgers ist das Stimmungshoch spürbar in der Mitte des Sets, nämlich bei den beiden oben genannten Songs. Egal, wie sehr sich Courtney LaPlante und ihre Mitstreiter ins Zeug legen und dabei zwischen melancholischer Hymne („Tsunami Sea“) und Metalcore-Banger („Perfect Soul“) wechseln – die Stimmung ist nur selten eines Headliner-Acts würdig. Viele Menschen stehen reglos herum, mitgesungen wird wenn dann verhalten und vereinzelt, geklatscht (während der Songs) nur nach Ansage und was die Moshpits angeht: Da gibt’s sogar bei Blond mehr zu sehen.
Schade ist es, denn Spiritbox legen mit einer für die Band typisch stilbewussten Bühnenshow mit tollen Visuals, einem gut abgemischten Sound und einer starken Front aus Gesang und Instrumentals eigentlich den Grundstein für einen perfekten Metalcore-Abend. Vielleicht hängt all das auch mit dem enormen Genre-Spagat der Band zusammen: Von dem knarrenden Zorn aus der „Eternal Blue“-Ära bis zum deutlich sanfteren „Tsunami Sea“ war es ein weiter Weg. Die neueste Single „Mourning“ bringt den Abend dann aber sogar noch in einer sehr hellen, fast schon Indie-Rock-Atmosphäre zuende. Ein spannender Sound-Mix – ja. Als Gesamtkonzept für ein Konzert aber dann mit zu vielen melancholischen Lücken für ein echtes Metalcore-Stimmungshoch?
So oder so: Die Bands liefern hier ohne Frage ab. Das Publikum darf bis zur nächsten Tour aber gerne nochmal üben.
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Beitragsbild von Julia.
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