Interview mit Max Richard Leßmann!

Max Richard Leßmann dürfte vielen als Sänger der Indierock-Band Vierkanttretlager bekannt sein. Am vergangenen Freitag erschien sein erstes Soloalbum „Liebe in Zeiten der Follower“. Während Musik und Text bei Vierkanttretlager gerne mal düster, verbittert und dreckig-rockig klingen, kommt das Solowerk geradezu beschwingt, romantisch und mit jeder Menge Chanson und Swing daher. Das hat natürlich ein paar Fragen aufgeworfen, die uns Max ausführlich am Telefon beantwortet hat.

minutenmusik: Dein erstes Soloalbum „Liebe in Zeiten der Follower“ wurde gerade veröffentlicht. Wie geht es dir?

Max: Ich bin natürlich irgendwie sehr busy und hab viele Sachen, die jetzt gerade anstehen. Das ist aber schön. Es ist schön, dass so viele Leute sich dafür interessieren und es viel zu tun gibt und dass dieser ganze Arbeitsprozess jetzt gerade zu einem schönen Abschluss kommt. Ich freue mich aber ehrlich gesagt am allermeisten darauf, wieder ins Studio zu gehen und weiterzumachen. Man soll das jetzt nicht falsch verstehen. Ich freue mich natürlich auch, live zu spielen. Aber für mich ist das allerschönste am Musikmachen wirklich der Prozess. In einen Raum rein zu gehen, wo es still ist, und wieder raus zu kommen mit Geräuschen. Und mit Leuten zusammen zu arbeiten, die ich sehr schätze und sehr mag und tolle Sachen zusammen zu erzeugen. Ich freue mich natürlich auch, auf Tour zu gehen, auch im Herbst nochmal richtig. Aber vor allem freue ich mich darauf, die nächste Platte aufzunehmen.

minutenmusik: Dann wissen wir also auf jeden Fall schon mal, dass von dir noch viel kommen wird! Du warst lange Zeit der Frontmann von Vierkanttretlager…

Max: Das bin ich immer noch!

minutenmusik: Das ist schön! Also ist Vierkanttretlager nicht tot?

Max: Nein, auf gar keinen Fall! Es gibt keinen Grund, warum das so sein sollte.

minutenmusik: Gut! Wie kam es dann dazu, dass du im Moment solo unterwegs bist?

Max: Ich habe während des Aufnahmeprozesses für das letzte Vierkanttretlager-Album Sebastian Madsen kennengelernt, der meine Gesangsaufnahmen im Wendland gemacht hat. Wir haben da relativ schnell angefangen, Songs zu schreiben, weil wir uns wahnsinnig gut verstanden haben, auf sehr vielen verschiedenen Ebenen. Das war plötzlich sehr produktiv. Obwohl es ja eigentlich um etwas anderes ging, nämlich um diese Gesangsaufnahmen, haben wir in einer sehr hohen Frequenz ganz viele Lieder geschrieben, auch für Madsen und für andere Künstler. Da war immer ein ganz selbstverständlicher Austausch da.

Dann hab ich ihm irgendwann einen alten Text von mir gezeigt, der eigentlich ein Gedicht war, das ich an meine damalige Freundin geschrieben habe, als ich große Sehnsucht hatte und sie für längere Zeit in Spanien war. Ich hab ihm ein bisschen erzählt, dass ich diese Vision hatte, als ich den Text geschrieben hab, dass das eigentlich so ein Lied sein müsste. Ein bisschen Chanson, ein bisschen swingig, mit Anleihen von Comedian Harmonists. Dann bin ich runter gegangen und hab Bier geholt und als ich wieder rauf kam, war die Grundstruktur des Liedes fertig. Sebastian hat mir das auf Gitarre vorgespielt und gepfiffen. Und das war der magische Ausgangspunkt für den ganzen Rest. Wir haben dann ein Lied nach dem anderen geschrieben. Und auf einmal waren so viele da, dass klar war: „Ok, wir müssen das zu einem Album machen. Es wäre schade, das nicht zu machen.“ Und so ist diese ganze Geschichte eigentlich wirklich aus einem Zufall heraus entstanden und ohne großen Plan, einfach durch diese Energie, die wir beide zusammen hatten.

minutenmusik: Die Musik unterscheidet sich ja schon stark von dem, was man von Vierkanttretlager gewohnt ist. Sind das zwei Seiten, die in dir schlummern?

Max: Also ich glaube, dass es bei Vierkanttretlager auf jeden Fall schon Anleihen in diese Richtung gab. Wenn man z.B. einen Song wie Fotoalbum hat oder Where do you go to my lovely, diesen Coversong von Peter Sarstedt, den wir mal gemacht haben, oder auch das Element of Crime-Cover Am Ende denk ich immer nur an dich – das sind alles Sachen, wo man das schon ein bisschen gesehen hat. Wenn man mal schnitzeljägerisch tätig sein möchte, kann man das quasi so ein bisschen zurückverfolgen und diese Anleihen schon sehen und dass das schon immer etwas war, was mir sehr gut gefallen hat. Das war mir seit meiner Kindheit klar.

Und ich glaube, dass ich mit Vierkanttretlager sehr viel Wut rauslassen konnte. Wie du gesagt hast, es gibt halt immer mehrere Seiten einer Person und gerade in jungen Jahren entwickelt man sich ja auch noch wahnsinnig schnell. Hoffentlich später auch noch, aber die Geschwindigkeit lässt vielleicht ein bisschen nach. Ich habe mit Vierkanttretlager ganz viel von dem Frust, den ich in der Schulzeit auf mich geladen hab, rausgelassen. Das war keine gute Zeit für mich, vor allem eben wegen der Schule, aber darüber könnte ich nochmal zwei separate Interviews führen, was ich vom deutschen Schulsystem halte. Aber die Wut hab ich so ein bisschen da gelassen und hab gemerkt, dass es eben auch andere Themen gibt, die mich bewegen.

An sich sind aber Vierkanttretlager und das, was ich jetzt mache, inhaltlich gar nicht so weit voneinander entfernt. Es wird nur auf verschiedene Art und Weise angegangen. Bei Vierkanttretlager ist es eher düster, melancholisch, schwermütig und eben wütend. Und hier ist es eben auf eine etwas leichtfüßige Art und Weise, aber schon auch mit melancholischen Momenten und kleinen Falltüren in der Leichtigkeit. Aber eigentlich will beides dasselbe: Es will beides Zweisamkeit und Nähe und sehnt sich nach einem sicheren Platz in einer wilden Welt.

minutenmusik: Also könnte man sagen, dass du und auch deine Musik erwachsener geworden ist?

Max: Das schreibt und liest man immer so viel über so Leute. Ich weiß nie so genau, was das bedeuten soll. Natürlich bin ich erwachsen geworden – oder erwachsener, weil natürlich auch viel Zeit vergangen ist oder viel Wasser den Rhein runter geflossen ist, wie man so schön sagt. Wir haben die Band mit 14/15 gegründet und das ist jetzt 10 Jahre her. Natürlich hat sich da einiges entwickelt. Aber wenn man „erwachsen geworden“ sagt, dann klingt das so, als wäre ein Prozess abgeschlossen und als dürfte man sich ab jetzt nicht mehr weiterentwickeln. Und ich bin auf jeden Fall jemand, der sich darauf freut, sich sein Leben lang weiterzuentwickeln und immer wieder neue Seiten an sich zu entdecken und neue Leidenschaften zu entwickeln, neue Sachen toll finden zu können und damit auch arbeiten zu können. Erwachsen geworden zu sein, würde für mich einen Abschluss bedeuten und ich bin noch lange nicht am Ende meiner Entwicklung.

minutenmusik: Für viele Fans von Vierkanttretlager war deine Solomusik und die damit eingeschlagene Richtung wahrscheinlich eine Überraschung. Hast du Angst, dass manche davon enttäuscht sein könnten?

Max: Es gibt diese schöne Zeile von Jay-Z „Wenn ihr meine alte Musik hören wollt, dann könnt ihr ja meine alten Platten kaufen.“ (lacht) Das fand ich damals schon sehr schön ignorant. Ganz so ignorant bin ich nicht. Ich kann das schon verstehen, dass sich Leute bestimmte Sachen wünschen. Aber ich finde, am allerwichtigsten ist es für mich als Künstler, aufrichtig zu sein. Es gibt nichts Schlimmeres als Leute, die aus Fanservice-Gründen Sachen machen, hinter denen sie eigentlich gar nicht stehen und die ihnen gar nicht am Herzen liegen. Ich glaube, am Ende des Tages ist es für alle Seiten besser, wenn die Künstler das machen, was sie wirklich richtig gut finden. Und dann wird es auch immer Leute geben, die da mitgehen. Und es wird auch immer wieder Leute geben, die zurückbleiben. Aber die können ja, wie Jay-Z gesagt hat, immer noch die alten Platten hören. Die sind ja jetzt nicht weg oder dadurch in Mitleidenschaft gezogen worden. Die sind ja immer noch genauso da, wie sie immer da waren. Und sie sind eben auch Zeugnis einer gewissen Zeit oder einer Phase.

minutenmusik: Du hast vorhin schon kurz von der Zusammenarbeit mit Madsen erzählt. Das klang ja sehr positiv. Wird es auf diesem Weg auch weitergehen?

Max: Auf jeden Fall! Wir werden auf jeden Fall noch viele Sachen zusammen machen. Wir haben auch in der Zwischenzeit schon wieder an mehreren Projekten zusammen gearbeitet. Das ist wirklich eine sehr fruchtbare, sehr schöne, sehr leichtfüßige Arbeit mit Sebastian. Und auch mit den anderen, mit Johannes und mit Sascha. Johannes hat die Platte mitproduziert und Sascha war zwischendurch auch im Studio und hat bei zwei Songs Schlagzeug gespielt. Diese ganze Familie hat mich sehr warmherzig in ihre Mitte aufgenommen. Das war eine sehr, sehr schöne Zeit. Und die werden wir noch oft wiederholen.

minutenmusik: Du sagtest gerade auch, dass dabei auch Lieder für andere Künstler entstanden sind. Verrätst du für wen oder ist das geheim?

Max: Also die Sachen, die in letzter Zeit entstanden sind, die sind noch nicht veröffentlicht, deswegen kann ich darüber noch nicht reden. Aber ganz am Anfang haben Sebastian und ich zum Beispiel auch Lieder für Lina Maly geschrieben, eine sehr, sehr tolle Sängerin. Da haben wir drei Stücke geschrieben, die auf ihrem Album sind. Das ist auch etwas, wo ich auch mit anderen Leuten, nicht nur mit Sebastian zusammen, sehr aktiv bin. Es macht mir sehr viel Spaß, in die Gedanken anderer Leute einzusteigen und daraus Inspirationen zu gewinnen und Dinge zu beschreiben, auf die ich selber nie gekommen wäre. Die Leute fragen oft: „Was machst du denn, wenn du auf eine Zeile kommst, die eigentlich für dich besser wäre oder wo du denkst ›Ach Mann, das ist eigentlich was für mich. ‹“ Das passiert aber eigentlich nicht. Zumindest ist es mir zum Glück noch nicht passiert, weil ich versuche, mich wirklich ganz stark einzulassen auf die anderen Leute und da auch Abstand von mir selbst zu nehmen.

Für mich ist es schön, mit anderen Leuten, die mich inspirieren, zusammenzuarbeiten. Diese Sache, wenn es um Ghostwriting geht, wenn die Leute sich wünschen, dass die Künstler alles ganz alleine schreiben – das hat im Moment noch eine leicht negative Konnotation. Auch durch das, was Jan Böhmermann in seiner Sendung gemacht hat. Das hat natürlich für den Gag ganz gut funktioniert, aber das ist ein bisschen anders. Viele Sachen, die große Kunst sind, waren in Wirklichkeit Kollektivleistungen und dafür hat nur irgendjemand seinen Namen hingestellt. Für mich ist immer der Song der Chef und wenn ich das Gefühl habe, ich brauche Hilfe, dann ist das überhaupt gar keine Schande, wenn das den Song besser macht. Ein authentisches Kunstwerk ist nicht dadurch authentisch, dass man das ganz alleine gemacht hat, sondern es ist dadurch authentisch, dass man das mit seinen Gefühlen und seinen Emotionen füllt und komplett dahinter stehen kann. Das ist meine Meinung dazu. Vor allem weil ich ja auch mit ganz vielen tollen Künstlern zusammengearbeitet hab. Im künstlerischen Prozess stößt man einfach an seine Grenzen und da ist es gut, die Hand auszustrecken und jemanden zu finden, der vielleicht bei den Worten, die in einem drin schlummern, aber gerade aus irgendwelchen Gründen nicht rauskommen, einen Anstich machen kann und dann sprudelt es.

minutenmusik: Ein Thema neben der Musik ist dein Podcast „Clutch & Tratsch“ mit Elena Gruschka. Bei dem, was du gerade alles erzählt hast, denkt man eigentlich, dass du überhaupt keine Zeit mehr hättest. Aber wenn man in den Podcast reinhört, hat man eher den Eindruck, dass du den ganzen Tag Klatschzeitungen liest und Trash-TV guckst. Wie machst du das?

Max: (lacht) Ja, das ist so eine Entlastung für mich. Ich arbeite immer in so ganz krassen Stoßzeiten. Ich schreibe sehr schnell und das ist dann auch immer sehr anstrengend, auch wenn man nur eine Stunde schreibt und da kommt dann viel bei rum. Oder eben auch nicht. Dann ist man sehr schnell ausgelaugt. Und in diesen Zwischenzeiten, in diesen Erholungszeiten, vertreibe ich mir die Zeit gerne damit, mich mit diesen Sachen zu beschäftigen. Weil ich auch einfach so ein Geschichtensammler bin. Auch das ist etwas, was einen sehr inspirieren kann, auch wenn man das nicht denken würde. Da passieren so absurde Sachen. Und dieser Podcast ist so ein Herzensprojekt von mir. Das wollte ich immer schon machen und hab mit Elena jemanden gefunden, der da ähnlich begeisterungsfähig ist. Das macht einfach wahnsinnig Spaß und ist für uns beide einmal die Woche so eine Stunde Urlaub im Gehirn, wo wir einfach loslassen und an nichts anderes denken. Das ist wirklich cool.

minutenmusik: Als Hörer macht es übrigens auch Spaß und man kann gut dabei abschalten.

Max: Dankeschön! Hörst du das regelmäßig?

minutenmusik: Nicht jede Folge, aber schon immer mal wieder.

Max: Also wir würden uns auf jeden Fall sehr über eine iTunes-Rezension freuen. (lacht)

minutenmusik: Die werde ich gerne hinterlassen! Hast du sonst noch etwas, was du loswerden möchtest?

Max: (zu jemand anderem) Guck mal, da ist eine Schildkröte! Die schwimmt hier vorbei. Wir sind im Schildkrötenland. Sorry, du hattest mich gerade nach meinen letzten Worten gefragt, oder? Also ich hoffe natürlich, dass ich noch viele Worte haben werde, weil ich noch viele schöne Projekte vor mir habe. Aber jetzt würde ich mich natürlich erstmal freuen, wenn die Leute mein Album hören. Sie müssen es gar nicht unbedingt kaufen, sondern vor allem hören. Und sie sollen etwas spüren, wenn sie es hören. Was auch immer sie dann spüren. Ja, das würde mich glücklich machen. In erster Linie macht mich zwar schon der Prozess glücklich, das Album zu machen, aber wenn die Leute es hören, wäre das schön.

minutenmusik: Gut, dann gebe ich den Auftrag an unsere Leser weiter. Vielen Dank für das Interview und euch noch viel Spaß im Schildkrötenland!

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Fotocredit: Ingo Petramer

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