„Ich habe mich komplett freigeschwommen“ – Im Gespräch mit Lotte

Lotte

Vor ihrer Show im Münchner Technikum am 18. September hatten wir die erfreuliche Gelegenheit, mit Lotte über ihr neues, selbstbetiteltes Album und den musikalischen Neustart zu sprechen, den es für sie bedeutet. Wie findet man einen Sound, der sich wie ein Zuhause anfühlt? Was fasziniert sie an analoger Musik und was bedeutet ihr echte Verbindung in einer zunehmend digitalen Welt? Lotte erzählt, warum sich das Album für sie wie ein Debüt anfühlt, wie sie sich musikalisch „komplett freigeschwommen“ hat und weshalb sie heute stärker denn je das Gefühl hat, genau die Musik zu machen, die sie machen möchte.

minutenmusik: Du bist jetzt schon ein bisschen auf Tour, warst bereits in Österreich und der Schweiz. Zum Einstieg: Wie war es bisher?

Lotte: Wahnsinn, wirklich richtig toll. Ich habe mich eine Weile rausgenommen, um das Album zu machen, und ich liebe es mehr als jedes Stück Musik, das ich je zuvor gemacht habe. Umso wichtiger ist mir, dass die Tour dem auch gerecht wird. Ich bin sehr happy, das waren wirklich magische Shows.

minutenmusik: Du hast gesagt, du hast dich rausgenommen. Seit dem letzten Album sind auch vier Jahre vergangen. Wie kam es, dass es so lange gedauert hat?

Lotte: Ich glaube, ich habe etwas gesucht, was mich wieder flasht. Ich musste mich noch einmal neu in Musik verlieben. Der einzige Weg für mich, das zu machen, war, noch näher an das ranzugehen, was ich selbst liebe. Ich höre selbst super viel Musik aus den 60ern und 70ern, ich bin ein kleines Vintage-Kind. Ich höre auch viel Dreampop, zum Beispiel Mazzy Star aus den späten 80ern, die liebe ich total. Aber auch Musik, von der mir in Deutschland immer gesagt wurde: „Das kannst du nicht machen, das wird nicht funktionieren.“ Ich habe aber für mich entschieden, dass ich das machen will – egal, ob es funktioniert oder nicht. Ich muss da meinem Herzen folgen.

Dafür musste ich erst einmal jemanden finden, der mich versteht und diesen Sound auch beherrscht. Allein dafür habe ich etwa zwei Jahre gesucht. Ich war kurz in Nashville, lange in Wien, ein bisschen in Kopenhagen und Hamburg, habe in Düsseldorf gesucht und ganz am Ende Jules gefunden, den Produzenten in London. Das war eine Reise, bis ich bei ihm war. Als ich ihn gefunden hatte, haben wir uns für anderthalb Jahre eingesperrt und dieses Album gemacht.

Lotte

Ich will ja auch zeitlose Musik machen und keine Musik, die trendbehaftet ist und nur im Jetzt funktioniert, sondern auch in 30 oder 50 Jahren noch ihren Platz finden kann. So wie ich mich vor vier Jahren total in das erste George-Harrison-Album verliebt habe. Um zeitlose Musik zu machen, muss man sich auch Zeit nehmen, der Musik und der Kunst Raum geben können, damit sie wachsen. Das war die beste Entscheidung.

minutenmusik: Du hast gerade die verschiedenen Orte, an denen du warst, angesprochen. Inwieweit haben die Orte die Musik beeinflusst?

Lotte: Die ersten Orte nicht so viel, weil ich dort, wenn überhaupt, nur geschrieben habe. Da habe ich nicht viel am Sound gemacht. Das war wie immer: Geschichten aus meinem Leben raus. London hört man, glaube ich. Man hört die alten analogen Geräte, die 1:1 aus den 60ern stammen und mit denen auch die Beatles noch gearbeitet haben. Das Britische im Sound und auch das Französische von Jules hört man ein bisschen raus.

minutenmusik: Wie würdest du generell sagen, unterscheidet sich der Sound von den Vorgängern? Ich finde, er unterscheidet sich schon ziemlich. Oder anders gefragt: Wie viel von der Lotte der Vorgänger-Alben ist im neuen Album noch drin?

Lotte: Was immer da ist, sind meine Geschichten. Ich habe mit dreizehn, vierzehn Jahren angefangen, Lieder zu schreiben. Als eine Insel, auf der ich mich sicher fühle, wo ich sein darf, wie ich bin, wo ich auch meine ganze Dunkelheit mit reinbringen kann. Das war Musik von Anfang an für mich, und das ist sie auf diesem Album mehr denn je. Dieser Ort, der Musik für mich ist, an dem ich alles, was ich habe, mitbringen kann – das ist geblieben. Das ist der Kern von Musik für mich.

Der Sound hat sich extrem weiterentwickelt. Er ist wie auf meinem ersten Album sehr analog, dafür haben wir sehr lange und viel im Studio gearbeitet. Diesmal sind wir noch viel analoger vorgegangen.

Ansonsten ist es schon eine deutliche Weiterentwicklung. Man hört, dass ich mutiger bin, dass ich weniger Angst habe. Ich habe kein Bedürfnis mehr, Konventionen zu bedienen oder etwas zu machen, weil mir andere sagen, so müsse ich es machen, damit es funktioniert. Ich habe mich komplett freigeschwommen: Ich mache nur das, was ich will.

minutenmusik: Ist dir das Analoge generell sehr wichtig? In „Wenn du tanzen willst“ kommt auch das Gefühl vor, sich in der modernen Welt alleine zu fühlen.

Lotte: Ich komme, glaube ich, mit dieser modernen Welt nicht so richtig klar. Also, ich komme klar damit, aber was mich wirklich glücklich macht, sind die Dinge, die ich anfassen kann. Ich gehe sehr gerne in die Natur. Ich gehe gerne reiten, ich treffe mich mit Freunden gerne im echten Leben statt bei FaceTime. Das sind die Momente, die mein Herz erfüllen. Diese echte Verbindung gibt mir viel mehr als alles Digitale.

minutenmusik: Du hast die Dunkelheit bereits erwähnt. Auf dem Vorgänger-Album war Mental Health ein sehr wichtiges Thema. Ich habe einige Interviews zum aktuellen Album geschaut, in denen du auch viel von Psychotherapie erzählst. Ist das etwas, das sich auf dem neuen Album auch noch widerspiegelt?

Lotte: Das Thema interessiert Leute, gerade von den „fühligeren“ Podcasts. Deshalb sprechen die mich darauf an – und weil ich ein offenes Buch bin und gerne aus meinem Leben erzähle. Das macht vielleicht auch nicht jeder.

Aber es ist eher das Gegenteil der Fall: Das letzte Album war sehr introspektiv, da ging es viel um Themen wie mentale Gesundheit. Das neue Album geht viel mehr nach außen. Weg vom „Struggle“ und der Dunkelheit in mir und mehr in Richtung Lebensfreude.

So ist es auch privat: Nach dem letzten Album war das für mich durch und ich wollte rausgehen, leben, wieder Fehler machen, wieder Kind sein. Diesen Lebenshunger und diese Sehnsucht hört man auf dem neuen Album viel mehr.

minutenmusik: Würdest du das als eine Art Neuanfang sehen? Das Album ist auch nach dir selbst betitelt, was bei einem vierten Album eher unüblich ist.

Lotte: Es fühlt sich wie ein Debüt an. Ich habe das erste Mal alles genau so gemacht, wie ICH es machen wollte. Ich habe mir nichts sagen lassen, bin aus dem ganzen Hamsterrad raus. Ich nehme mir die Zeit, mache den Sound, den ich will, und mit den Leuten, mit denen ich will. Es geht nach meiner Definition von Erfolg. Das fühlt sich sehr nach mir an und es ist wie ein Anfang. Ich möchte bei dem Sound bleiben und auch mit dem nächsten Album weitermachen. Es fühlt sich wirklich wie ein Neustart an.

minutenmusik: Ich würde gerne noch in ein paar Stücke des Albums gehen. Über „Wenn du tanzen willst“ haben wir bereits gesprochen. Ich fand „Groupie und Superstar“ auch sehr interessant, weil ich mich gefragt habe, aus welcher Perspektive darin erzählt wird.

Lotte: Ich mag es, dass die Perspektive wechselt. Der letzte Chorus ist gedreht. Das ist lustig, weil es viele kleine Details aus meinem Leben enthält, viele „Easter Eggs“. Im Grunde handelt es davon, dass ich jemanden kennengelernt habe und wahnsinnig „blown away“ war. Ich stand dort wie ein Groupie und dachte: „Wow, du bist so toll!“ Ich hatte bis dahin immer gedacht, ich sei ein bisschen inkompatibel, was echte Liebe betrifft, aber ich bin da richtig reingefallen, wie ein Fan von jemandem. Das war eine sehr schöne Erfahrung für mich.

Und ich wollte, dass die Perspektive sich dreht. So wie es auch meine Erfahrung war: am Anfang ist man vielleicht noch ein wenig schüchtern, aber irgendwann lässt man los, zündet sich gegenseitig an und das eigene Licht scheint noch heller und heller. Das ist das ultimative Ziel einer Beziehung: dass man einander dazu inspiriert, die beste Version seiner selbst zu werden.

minutenmusik: Sehr spannend fand ich auch „Traumpolizei“. Was steckt dahinter, warum steht die „Traumpolizei“ bei einem vor der Tür?

Lotte: Wir haben alle Träume – was man sich im Leben wünscht oder auch tatsächlich das, was man nachts träumt, wo man denkt, das sei eigentlich nicht so ganz okay. Ob man seinen Ex-Freund vermisst oder sich in jemanden verliebt, in den man nicht verliebt sein sollte… Jeder hat Dinge, bei denen man denkt, da müsse man sein Herz eigentlich mal kontrollieren und es nicht einfach machen lassen. Davon handelt die „Traumpolizei“: dass man denkt, wenn das so weitergeht, dann gibt es Ärger.

Lotte

minutenmusik: Mit „Leila“ und „Jenny“ sind zwei Stücke nach Personen benannt. Sind das fiktive Geschichten oder stecken echte Personen dahinter?

Bei mir ist alles echt. Es kommt alles aus meinem Leben.

„Jenny“ ist eine Person, die mich extrem beeindruckt hat, weil sie so angstfrei durchs Leben geht, mit so einer Lebensfreude und einem solchen Hunger. Ich fand das extrem inspirierend, da wollte ich drüber schreiben.

In „Leila“ geht es sehr viel um meine Zerrissenheit. Es geht um meinen Wunsch, irgendwo anzukommen. Ich liebe die kleinen Dinge im Leben, die mich glücklich machen, von denen ich beispielsweise auch in „Double Cheesy Nachos“ erzähle. Für mich sind es oft die kleinen Momente, die ich mit meinen Geschwistern habe oder wenn ich in meiner Heimat sein kann.

Aber de facto renne ich meinen großen Träumen hinterher, renne irgendwo zwischen Berlin und London herum und bin die ganze Zeit irgendwo draußen. Ich habe diese Zerrissenheit in mir, dass ich nicht weiß, wie ich das in einem Leben vereinen kann: diese große Sehnsucht, die mich immer wegzieht, und die Sehnsucht nach den kleinen Dingen und den Menschen, die ich liebe.

minutenmusik: Wenn du das Album wieder als Ganzes siehst: Was würde die „Querfeldein“-Lotte zu dem jetzigen Album wohl sagen?

Lotte: Ich glaube, ich wäre mega stolz. Stolz, dass ich es geschafft habe, einen Sound zu finden, der sich das erste Mal wie ein Zuhause anfühlt. Ich habe viel gesucht auf den ersten drei Alben und bin auch für jedes Album dankbar, aber dieses Album fühlt sich so richtig und so zeitlos an. Selbst wenn es das letzte Album wäre, was ich natürlich nicht hoffe, könnte ich glücklich sein.

minutenmusik: Gab oder gibt es mit dem Album Erwartungen, die du hattest, oder ist das Ziel mit der Veröffentlichung eigentlich bereits erreicht?

Lotte: Ich finde, das Album genügt sich selbst. Ich wollte meine Geschichten erzählen, ich wollte über meine Sehnsucht singen. Ich wollte mir die Zeit nehmen und es genau so machen, wie ich es wollte, ohne dass mir jemand reinredet. Das ist mir gelungen – und das fühlt sich nach einem sehr großen Erfolg an.

minutenmusik: Du hast selbst gesagt, dass der Sound sich sehr gewandelt hat. Hast du dazu auch Reaktionen von denen vernommen, die aus den „Deutschpop-Zeiten“ kommen?

Lotte: Das ist eine Mischung. Manche kommen gar nicht drauf klar. Ich habe gestern wieder einen Kommentar nach dem Motto „Ich habe Karten gekauft, aber ich werde nicht zum Konzert kommen, wir finden das furchtbar“ gelesen. Da denke ich: „Gott sei Dank.“ Schlimmer wäre es, wenn ich mich so wahnsinnig ändere und es den Leuten egal ist und das überhaupt nicht polarisieren würde. Es tut mir leid, dass er nicht zum Konzert kommen will, aber das ist seine Entscheidung. Und das ist ein wahnsinnig tolles Konzert!

Lotte

Es gibt aber auch wahnsinnig viele – und das ist die Hauptstimme, die ich höre –, die sagen: „Wow, ich habe so etwas noch nie auf Deutsch gehört.“ Es gibt Journalisten, die zum vierten Album das erste Mal mit mir reden wollen, weil sie es neu finden und der Meinung sind, dass es kulturell etwas verändert und von Bedeutung ist.

Das ist für mich das viel Wichtigere, dass Leute inspiriert sind. Mir schreiben auch jüngere Künstlerinnen, die nicht wussten, dass deutschsprachige Musik so cool klingen kann.

minutenmusik: Wie schlägt sich das auf die Konzerte nieder? Spielst du nur das Album oder wie sieht das aus?

Lotte: Du wirst es heute Abend sehen. (lacht)

Wir spielen vor allem das Album. Es ist ja auch die „Wenn du tanzen willst“-Tour. Aber ich wollte unbedingt ein paar alte Songs mit reinnehmen, auch für die Fans, die Lieblingssongs der ersten drei Alben haben. Wenn man etwas rausbringt, macht das ja auch etwas mit den Leuten – die Songs leben in deren Leben weiter, sie spielen das dann auf ihrem Geburtstag oder auf ihrer Hochzeit.

Ich weiß, es gibt Lieblingssongs von den alten Alben, daher spielen wir auch ein paar davon, die sich die Leute gewünscht haben. Aber ich kann nicht vier Alben an einem Abend spielen. Es ist das Lotte-Album und ein paar alte Nostalgie-Momente.

minutenmusik: Aktuell bist du noch auf Tour. Außer der Reihe habe ich gesehen, dass du im Dezember in Ravensburg dein Heimspiel spielst. Nachdem wir über die vielen Orte gesprochen haben, an denen du geschrieben hast: Wie viel Ravensburg steckt noch in dir? Was bedeutet dir das Heimspiel?

Lotte: Ganz viel! Ich hatte eine wahnsinnig schöne Kindheit, die mir ganz viel Zuversicht gegeben hat. Auch das Aufwachsen in so einer tollen, warmen Stadt wie Ravensburg, das ist schon mein Kern. Ich habe dort meine Wurzeln, habe dort mein Fundament mitbekommen. Ohne all das und ohne diese Zeit hätte ich diese Zuversicht nicht, loszurennen und mir so große Träume zuzutrauen und so weit rauszuschwimmen.

Meine Familie wohnt auch noch dort, und dann kommen Leute aus meiner Kindheit, mein ehemaliger Gitarrenlehrer… Das ist eine Art 360-Grad-Moment nach so einer großen Reise. Ich komme stolz mit meinem Album zurück.

minutenmusik: Zum Schluss noch die Frage: Wir haben über die Tour und das Album gesprochen – gibt es bereits Pläne, wie es danach weitergeht?

Lotte: Ich freue mich riesig darauf, neue Musik zu machen, ich glaube, mehr kann ich noch gar nicht sagen. Aber ich habe sehr großen Hunger!

Und so hört sich das an:

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Das erste Bild zeigt das Cover von Lottes selbstbetiteltem Album. Die Bildrechte hierfür liegen bei Ela Klingler. Die Rechte an den weiteren Bildern liegen bei Nat Traxel.

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