Tristan Brusch, FZW Dortmund, 01.10.2022

Deutscher Singer/Songwriter hat seinen Zenit überschritten. Gefühlt schon achtmal. Ein Genre, das eingeschlafen ist. Das sich auserzählt hat. Das andere Impulse benötigt. Die gibt es sogar schon. Und sie sind dort, wo alles angefangen hat. In den kleinen Räumen vor einem Publikum, das nicht Plattitüden sucht, sondern Tiefe, Schwere, Nachdenklichkeit. Tristan Brusch liefert sie ungefiltert und ungeniert.

Tristan Brusch schon mal gehört? Dann scheinst du auch zu denjenigen zu gehören, die dem Radiomainstream trotzen, bei dem man nicht mehr weiß, welcher der zehn typischen Interpret*innen da nun gerade eigentlich singt, aber gleichzeitig scheinst du dennoch auf dem Schirm zu haben, wie perfekt sich die deutsche Sprache für die Beschreibung von sehr intimen Bildern eignet. Tristan Brusch, 1988 in Gelsenkirchen geboren, lang aber schon wohnhaft in Berlin, hat Feingefühl dafür, Alltagssprache mit Worten zu kombinieren, die der Duden in ihrer Häufigkeit mit Einem von Fünf ranken würde.

Dabei hat der auch optisch etwas skurril wirkende Künstler schon mit einigen Personen der Deutsch-Popszene gearbeitet, die gar nicht so Underground sind. Mine, Balbina, Nicola Rost von Laing, Annett Louisan, Die Orsons, Maeckes, Fatoni, Cro. Acts, die untereinander wohl nicht unbedingt einen Track miteinander machen würden, aber dennoch alle in ihrem Fach einen gewissen Wiedererkennungswert mitbringen. Nichtsdestotrotz ist Tristan Brusch eine eigene Kategorie, wie er auch auf dem vorerst letzten Konzert seiner „Am Rest“-Tour 2022 beweist.

„Am Rest“ ist der Name seines zweiten Soloalbums, das 2021 erschien und quasi durchweg sensationelle Kritiken bekam. Kritiken, in denen man immer wieder zu lesen bekam, dass endlich jemand den Singer/Songwriter dahin zurückführt, wo er eben herkam. Brusch ist nämlich sehr folkig, ein wenig schlagerig, aber vor allen Dingen voller Tragik und Melancholie, ganz ohne stümperhafte Trivialität. Am 1.10. in Dortmund, einem Samstag, braucht es im Club des FZWs deswegen keine Band und auch keinen Supportact, sondern eben nur denjenigen Brusch, der viele dieser manchmal sofort, manchmal aber auch erst nach mehrmaligem Hören verständlichen Songs im Alleingang oder zumindest mitschrieb.

Dass niemand die Stimmung vorab anheizt, ist gut, ist die Stimmung in Tristan Brusch Musik eben sehr eigenwillig. Heißt, höchstwahrscheinlich wäre die durch den Support erzeugte Atmosphäre eh nicht so ganz die treffende geworden. So lässt sich der im Nadelstreifenanzug auftretende Liedermacher ein wenig Zeit, kommt erst zur besten deutschen Sendezeit um 20:15 Uhr auf die Bühne, spielt dafür aber ganz allein und ohne irgendein Drumherum 105 Minuten lang.

Drei Akustik-, eine E-Gitarre plus ein E-Piano mit ein paar Soundeffekten. Zwischen ihnen wechselt Brusch hin und her, konzentriert sich aber eindeutig auf seine Saiten statt auf die Tasten. Fast 20 Songs stehen auf der Setlist. Von seinem Werk, das auf der Tour im Mittelpunkt steht, spielt er nahezu jedes Lied, dazu ein paar Lieblinge von dem Vorgängeralbum „Das Paradies“ plus zwei, drei Songs, die es nur auf EPs gibt. Abgerundet wird jedoch mit rund fünf Titeln, die auf der zukünftigen LP dabei sein werden, die laut ihm selbst schon bald erscheint.

Außer ruhigem Licht setzt Tristan Brusch ausschließlich auf seine vertonten Geschichten. Er moderiert einige Titel an, hält sich aber bei vielen Erzählungen eher kurz. Wenn er jedoch erzählt, gibt er dem Darauffolgenden einen ansprechenden Rahmen. In direkte Publikumsinteraktion geht er kaum. Dazu trinkt er Weißwein, zieht nach rund einer halben Stunde sein Jackett aus, sodass er fortan im Feinrippunterhemd spielt. Das Publikum ist ähnlich alternativ, oft etwas Hipster, dafür aber äußerst aufmerksam und ruhig. Viele lassen ihre Handys größtenteils in der Tasche und schauen konzentriert zu. Ein Fan in der Crowd hat ein etwas ausgeprägtes Aufmerksamkeitsdefizit und singt auch bei unpassenden Stellen dermaßen laut grölend mit, dass es stört. Zum Glück ist er der Einzige.

Auch wenn die Musik durch die überschaubare Instrumentierung – nein, es gibt selbstredend keine Backingtracks oder Ähnliches – in ihrem Facettenreichtum eingeschränkt bleibt, gibt es nur wenige Momente, in denen man nicht gebannt zuhört. Tristan ist technisch nicht der beste Sänger, dafür ein ziemlich guter Gitarrist, aber ein wirklich hervorragender Poet. Seine Stimme und auch seine Art des Vortrags ist dermaßen klassisch und retro, dass es an Reinhard Mey oder Hannes Wader erinnert, nur eben mit aktuelleren Themen. Er hat den Mut zur Unangepasstheit, zwischenzeitlich auch zum Hässlichen, aber vor allen Dingen zum Feinfühligen. Kitschig wird’s nie, dafür sehr oft herzzerreißend.

Die mehr als anderthalb Stunden sind nicht Easy Listening und auch nicht so richtig Entertainment. Es ist absolute Stimmungsmusik, auf die man sich einlassen muss. Noch besser würde es funktionieren, wenn das FZW Stühle bereitgestellt hätte, was bei dem Publikum, das unter 100 Personen umfasst, möglich wäre. Es ist Musik, die noch besser klickt, wenn durch möglichst wenig abgelenkt wird. Bewegung also unnötig. Mit Chansons wie „Zuckerwatte“ oder „Die Moritat vom Schweighöfer“ kommen kleine Einschübe, bei denen man schmunzeln darf. Viel öfter entsteht jedoch eine gewisse Wut auf unachtsame Mitmenschen. „Zwei Wunder am Tag“ ist so kratzig und brüchig, allerdings einer der ganz wenigen Nummern, die durch ihren großen Kontrast in der Studioversion mehr wummern.

Absolut perfekte Augenblicke entstehen hingegen durch das hypnotische „Ein Wort“, das der Musiker auf eine sehr fesselnde, leicht wahnsinnige Art präsentiert. Bei „Am Rest“ kann man Stecknadeln fallen hören, bis Brusch vom Mikrofon wegtritt und seine Zuschauer*innen dazu auffordert, die repetitive Line „Wenn die Liebe uns verlässt, halten wir uns fest, halten wir uns fest – am Rest“ über mehrere Minuten wiederholen lässt. Als er dann jedoch auf pure Authentizität und Fragilität setzt, diese durch seine Story über seine große erste Liebe kreiert und schließlich mit „2006“ entlädt, kann man in betroffene und weinende Gesichter schauen. Ist das nun eine Ohrfeige, die weh tut, oder ein Über-die-Wange-Streicheln?

Um Punkt 22 Uhr ist alles gesagt. Mehr wäre zu viel. Tristan Brusch ist anders-schön und schön-anders. Ein Konzert, für das man entweder den richtigen Gemütszustand im Vorfeld mitbringt oder zumindest ihn dann vor Ort zulässt und nicht vor ihm zurückschreckt. Das geht definitiv nicht oft und nicht jeden Tag, aber dafür manchmal ganz besonders gut.

Und so hört sich das an:

Website / Facebook / Instagram

Bild von Christopher.

* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert