Jetzt wird’s ernst: Nachdem das 2. Semifinale des Eurovision Song Contest 2026 über die Bühne ging, steht fest, wer beim Grand Final am Samstagabend gegeneinander antritt. Auch am Donnerstag wurden fünf Nationen hinauskatapultiert, zehn andere sind erfolgreich weitergekommen. Mit neun von zehn richtigen Tipps beim großen Vorchecking hatten wir also fast dasselbe Gefühl, was gestern ganz Europa hatte.
Um 1 Uhr nachts folgte die Startreihenfolge für die letzte Runde, die ebenso in der Wiener Stadthalle stattfindet. Bestimmt wird diese durch ein Losverfahren. Jedes Land, das es geschafft hat, darf einen Zettel ziehen, auf dem entweder „1. Hälfte“, „2. Hälfte“ oder „Produktionsentscheidung“ steht. Sarah Engels, die mit „Fire“ für Deutschland antritt, ist schon als Zweite dran – schaltet also früh genug ein! Lasst uns gemeinsam den 70. Geburtstag des vielfältigsten Musikevents der Welt feiern – selbstverständlich wieder unter dem etablierten Motto „United By Music“.
Und das sind die Finalist*innen – die Liste zeigt nicht, welches Land die meisten Anrufe erhalten hat, sondern ist nach Startreihenfolge der vergangenen Show sortiert:
Diese zehn Länder sind im Finale dabei:
Bulgarien – „Bangaranga“, Dara
Rumänien – „Choke Me“, Alexandra Căpitănescu
Tschechien – „Crossroads“, Daniel Žižka
Zypern – „Jalla“, Antigoni
Dänemark – „Før vi går hjem“, Søren Torpegaard Lund
Australien – „Eclipse“, Delta Goodrem
Ukraine – „Ridnym“, Leléka
Albanien – „Nân“, Alis
Malta – „Bella“, Aidan
Norwegen – „Ya Ya Ya“, Jonas Lovv
Ausgeschieden sind somit:
Aserbaidschan – „Just Go“, Jiva
Luxemburg – „Mother Nature“, Eva Marija
Armenien – „Paloma Rumba“, Simón
Schweiz – „Alice“, Veronica Fusaro
Lettland – „Ēnā“, Atvara
Die Startreihenfolge für das Finale am Samstagabend:
01. Dänemark
02. Deutschland
03. Israel
04. Belgien
05. Albanien
06. Griechenland
07. Ukraine
08. Australien
09. Serbien
10. Malta
11. Tschechien
12. Bulgarien
13. Kroatien
14. Vereinigtes Königreich
15. Frankreich
16. Moldau
17. Finnland
18. Polen
19. Litauen
20. Schweden
21. Zypern
22. Italien
23. Norwegen
24. Rumänien
25. Österreich
NACHLESE ZUR SHOW:
Na bitte, geht doch – nach einem irgendwie enttäuschenden ersten Halbfinale, hat sich der 70. ESC warmgelaufen und ist bereit für den finalen Sprint. Die 2. Show hat geliefert, generell besser unterhalten. Selbst der am Dienstag noch ziemlich unverschämte Thorsten Schorn als Kommentator scheint einiges an Kritik unter seinen Postings gelesen zu haben und hat sich zusammengerissen. Netterer Vibe, netteres Gefühl beim Zuschauen. Bravo.
Mit einer Gesamtlänge von rund 135 Minuten hat das Semi gut unterhalten, auch wenn das Moderationsduo erneut unter Beweis gestellt hat, dass es dem Anspruch der Sendung wirklich nicht gewachsen ist. Ganz starke Nerven braucht man direkt beim Opening: Erst wird angetäuscht, dass man JJ erneut mit „Wasted Love“ auftreten lässt – in Wirklichkeit verbirgt sich aber darunter Moderator Michael Ostrowski, der sich anschließend mit Victoria Swarovski um das untergehende Schiff kloppt. Wer hat das bitte geskripted? Ähnlich Banane ist auch der willkürlich wirkende Coverauftritt zu Pointer Sisters´ „I’m So Excited“. Weiß auch kein Mensch, warum man das als Filler in einer Pause performen muss. Dann freuen wir uns umso mehr, wenn der echte JJ im Finale „Wasted Love“ nochmal raushauen darf und im 2. Semi gen Ende mit einem riesigen Ballett-Ensemble seine neue Single „Unknown“ zu präsentieren weiß.
Doch was wir Positives noch gar nicht hervorgehoben haben, aber es durchaus verdient: Wie hübsch ist eigentlich der Green Room, der dieses Jahr optisch einem Wiener Kaffeehaus entlehnt wurde? Zwar ist der Hintergrund nicht ganz so glaubwürdig, wie er sein könnte, aber trotzdem kommt die Atmo in dunkelroten Tönen gelungen rüber.
Der stärkste Beitrag der Saison…
Dänemark gewann zuletzt 2013 mit Emmelie de Forest und dem Pop-Folk-Titel „Only Teardrops“. Ein auf dänisch gesungener Song hat einmalig zuletzt 1963 gewonnen. Ja, das ist lange her. Aber unsererseits wäre es komplett fein, wenn 63 Jahre später endlich der zweite dran wäre: Mit dem intensiven, hypnotischen und dennoch gefühlvollen „Før vi går hjem“ (Auf Deutsch: Bevor wir nach Hause gehen) hat der Musicaldarsteller Søren Torpegaard Lund bewiesen, dass auch komplexe Dark-Pop-Banger mit Electro-Einflüssen live funktionieren, und es ins Finale geschafft. Die starke Performance, in der er einen nebligen Club voller lasziver Atmosphäre betritt, um anschließend zu einem kleinen Feuerwerk alles rauszutanzen, ist mit den starken Vocals und der anschmiegsamen Melodie einfach ein perfect Match. Kopenhagen 2027? Wir würden hinfahren! Unser Favo.
Sowieso war es der Abend der größeren Gefühle. Australien hat mit Delta Goodrem einen Weltstar dabei, schließlich will man nach zehn Teilnahmen nun endlich mal siegen. Ihr „Eclipse“ ist kompositorisch vielleicht nicht das allerbeste, was möglich wäre, aber ihr wunderschönes Auftreten mit einem noch viel wunderschöneren Gesang und einer großflächigen Inszenierung, bei der Delta zum Finale auf einem versteckten Podest von ihrem Klavier aus (!) hochfliegt, ist ESC in a nutshell. Das ist selbstverständlich auch eine Runde weiter. Genauso wie die Ukraine, die als einziges Land noch nie im Semifinale rausflog und 2026 mit ihrer Sängerin Leléka auf introvertierten Dreamy-Pop setzt, bei dem sie am Ende den längsten Ton der ESC-Geschichte abfeuert und in ungeahnten Höhen abdriftet. Nicht so gefällig, aber spannend.
Bei authentischen, schweren Gefühlsausbrüchen auf Landessprache ist der Grat jedoch schmal. Albanien kann nach einem Top-10-Erfolg im letzten Jahr wieder im Grand Final mitspielen. Alis und seine Ode an die Mutter mit dem Namen „Nân“ ist dank Breitband-Chor schon fast gotisch, trifft jedoch Kerne von Müttern wie ihren Kindern zugleich. Auch Daniel Žižka aus Tschechien hat trotz sperriger Melodie, aber dafür mit großem Stimmeinsatz funktioniert und ein Finalticket gezogen. Lettland hingegen hat probiert mit der zarten Ballade „Ēnā“ von der Sängerin Atvara zu punkten, das war aber dem Publikum wohl doch zu soft. Eher eine Nummer, die sich für ein Yoga-Cooldown mit Kopfhörern daheim eignet. Ende im Semi, was schade ist, hätten wir das wesentlich lieber nochmal gehört als die völlig aus der Zeit gefallene Jazz-Ballade „Bella“ von Aidan aus Malta. Da fliegt Portugal am Dienstag raus, das kommt am Donnerstag aber weiter? Seltsam. Das gleiche Schicksal wie Lettland teilt Aserbaidschan, das mit „Just Go“ von Jiva äußerst retro wirkt. Eine Power-Schlussmachballade wie in den 90s. Nett, aber nett ist nur nett ist nur nett. Da musste Jiva just goen. Oder so.
Nachdem Serbien am Dienstag mit gruseligem Death Metal ins Schwarze traf, hat Albanien Rock leider sehr ungünstig eingesetzt. Schon im letzten Jahr haben wir das toxisch-maskuline Getue der Nation kritisiert, aber Simón scheint dann auch Europa zu viel zu sein. Sein „Paloma Rumba“ möchte gerne – wie so viele mittlerweile – Käärijäs Kultsong „Cha Cha Cha“ nachmachen, wirkt aber so prollig, drüber und aggro, dass man am liebsten auf einen Buzzer hauen würde, um ein X über ihn zu projizieren und den Auftritt vorzeitig abzubrechen. Nope, geht gar nicht. Wenn schon gaga, dann besser wie das schon im Titel absurd wirkende „Bangaranga“ aus Bulgarien, das am Samstag auch im letzten Tabellenviertel anzufinden sein wird, aber auf schräge Art kurzfristig unterhält. Veronica Fusaro aus der Schweiz fiel in den letzten Tagen negativ in den Medien auf, beschwerte sie sich nämlich über die Orga beim Eurovision. Sie habe sich das wesentlich professioneller vorgestellt. Ja, wir haben uns auch deinen Song wesentlich besser vorgestellt. Deswegen tschüssi!
…und ein absoluter Banger, den man nicht wirklich auf dem Schirm hatte
Doch pauschal kann man Genres eben nicht ausschließen. Wie geil Rock 2026 beim ESC funktionieren kann, beweist ein Land, das man gerne beim Wettbewerb mal vergisst. Nach zwei Jahren Pause kehrt Rumänien zurück und entlädt eine Energie wie ein freigelassener Löwe – Alexandra Căpitănescu und ihr provokanter Song „Choke Me“ ist zweifellos die allergrößte Wundertüte in diesem Wettbewerb. Darke Inszenierung, Vocals absolut on point trotz sau hohem Schwierigkeitsgrad und so viel Power, dass es einen komplett erschlägt. Rumänien war bisher zweimal der dritte Platz. Wenn das wiederholt oder noch gar verbessert wird, überrascht uns das nicht. Ein unaufhaltsamer Kugelhagel, der am Samstag wirklich jeden Favoriten wegblasen könnte! Auch Finnland und Dänemark. Ach ja, Norwegen ist übrigens auch mit einem Rocksong weiter. Aber „Ya Ya Ya“ von Jonas Lovv ist eigentlich so ein uninspirierter Måneskin-Klon, dass wir uns gut vorstellen können, wie es den 10. Platz im 2. Semi schaffte und gerade so durchkam.
Auf die sonnengetränkte Gute-Laune-Nummer „Jalla“ aus Zypern haben sich sehr viele gefreut. Ein beliebter Song in der Fan-Bubble, der nur live dank der wirklich schlechten, fast schon besoffen wirkenden Darbietung von Antigoni ziemlich enttäuscht hat. Man kann ganz eindeutig sagen, dass dieser Beitrag nur weiterkam, weil das Lied so catchy ist. Neben vielen falschen Tönen konnte man sogar einen Texthänger hören. Aufregung? Dann unbedingt Samstag in den Griff kriegen, sonst wird’s unter den letzten drei Platzierungen landen. Luxemburgs Sängerin Eva Marija wirkte in vielen Interviews vorab häufig eher bekifft. Auch gut. Passt irgendwo auch zu ihrem Eso-Gedudel in „Mother Nature“, das immer wieder durch die übertrieben heftige Kopie von Birdys „Keeping Your Head Up“ ins Gespräch kommt, aber nie, weil es etwas Selbständiges besitzt. Deswegen ist für Luxemburg nach zwei soliden Jahren erstmalig im Halbfinale Schluss. Als Luxemburg vor der langen Pause zuletzt 1993 mitmachte, gab’s die Semis ja noch gar nicht.
Die drei bereits fürs Finale gesetzten Länder
Mit vier Siegen in sechs (!) Jahren ist Frankreich beim Junior Eurovision Song Contest ein unglaublicher Überflieger. Beim großen Bruder gewann man zwar schon fünf Mal, zuletzt aber 1983. Wäre Monroe mit „Regarde !“ 2023 dabei gewesen, wäre es ein klarer Siegertitel. Die jüngste Teinehmerin des Jahrgang ist gerade einmal 17 und hat wirklich überragende Skills, für die sie seit Kindheit an alles gibt. Jedoch ist ihr Titel so nah an Rosalías „Berghain“, das auch das Laien auffällt – und ganz nebenbei haben mit Nemo und JJ zwei Opern-artige Tracks in Folge gewonnen. Ist dann auch mal gut. Qualitativ hochwertig ist das trotzdem und darf sich hoffentlich Samstagnacht auf Platz 5 oder 6 niederlassen.
Irgendeiner muss das Schlusslicht bilden. Wie wäre es mal wieder mit UK? Look Mom No Computer – what a name – heißt der kreative Künstler, der mit „Eins, Zwei, Drei“ sogar einen deutschen Songnamen parat hält, aber mit seinem Dadaismus übers Ziel hinausschießt. Ob das irgendjemand versteht? Wir bezweifeln es und wären bei null Punkten im Televoting nicht traurig. Für Fun ohne Ende sorgt aber Gastgeber Österreich. Cosmó nimmt sich nicht zu ernst, hat aber mit „Tanzschein“ jetzt schon einen ESC-Club-Banger für die Ewigkeit im Gepäck. Kultige Choreografie, hookiger Chorus, sweeter Typ. Lieben wir. Irgendwas zwischen Platz 10 und 15? Könnte passen, oder?
Es wird nochmal richtig spannend. Neben dem wochenlangen Wettbüro-Liebling Finnland hat Dänemark es geschafft, sich als dickstes Package herauszustellen. Griechenland ist der Geheimtipp für die, die es absurd mögen, Australien das Vocal-Powerhouse, Frankreich die artsy Qualitätsfabrik. Doch wirklich gespannt darf man sein, wenn Rumänien alle wegbläst. Wir sind jetzt wieder im Fieber. Stay tuned.
Direkt weiterlesen:
Nachlese zum 1. Semifinale 2026
Alle 35 Songs aus 2026 im Check
Hier nochmal unser Favorit des Abends – Søren Torpegaard Lund aus Dänemark:
Website / Facebook / Instagram / TikTok / X
Die Rechte fürs Cover liegen bei EBU/Eurovision Song Contest.
* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.