Biffy Clyro, Mitsubishi Electric Hall, 31.01.2026

Biffy Clyro auf der Bühne der Mitsubishi Electric Halle am 31. Januar 2026.

Wer bis jetzt noch an Biffy Clyros Status gezweifelt hat, wird mit der Europa-Tour 2026 endgültig aufgeklärt: Das hier ist Stadion-Rock. Im guten wie im schlechten Sinne. Mit dem aktuellen Album „Futique“ (2025) und etlichen Klassikern zeigen die Schotten, wie das Format heute noch funktionieren kann.

Von Mini zu Maxi

Als Vorband Bartees Strange zu buchen ist immer eine gute Idee (und ganz sicher eine bessere als Bands mit Vorwürfen sexualisierter Gewalt als Supports zu nehmen wie bei den großen Shows im Sommer) – dass Strange dann aber ein Solo-Set nur mit Gitarre spielt für die prall gefüllte Mitsubishi Electric Hall an einem Samstagabend eher weniger. Schließlich ist es neben dem großartigen Songwriting und den intensiven Texten vor allem die Produktion, die aus Bartees‘ Musik etwas Herausragendes macht. So ganz will der Funke zwischen dem US-Amerikaner und dem Publikum daher leider nicht überspringen – dennoch hier der Aufruf: Bartees Strange ist großartig. „Horror“, sein aktuelles Album, zählt für mich zu den besten Indie-Releases 2025.

Biffy Clyro verzichten im Gegensatz dazu auf gar nichts. Zu den ersten Takten von „A Little Love“ wird die gesamte Bühne enthüllt und die ambitionierte Inszenierung deutlich: Zwei Streicherinnen, sowie eine zusätzliche Gitarre und ein Keyboard erweitern das klassische Trio. Klassisch ist dieses auf der Tour übrigens ohnehin nicht: Bassist James Johnston ist wegen psychischer Gesundheit nicht dabei (gute Besserung an der Stelle!) und wird durch Naomi Macleoad (Bitch Falcon, Empire State Bastard) ersetzt. Ein prunkvoller Start & ein großartiger Ersatz! Ab da startet dann die auf den Punkt durchgetaktete Show.

Rock nach Maß

Es ist schon ziemlich beeindruckend, was das Bühnen-Team sich hier überlegt hat. Songs wie „That Golden Rule“, „Who’s Got A Match“ oder „Living Is A Problem Because Everything Dies“ zeigen die Math-Rock-Seite des Trios und frickeln sich durch Arpeggios, Rhythmusverschiebungen und Finger-verknotende Soli – an diesem Abend transformiert die Licht-Show (fast) jeden einzelnen dieser Beats und Riffs in ein passendes Leucht-Element auf der Bühne. Das ist wahnsinnig beeindruckend und grenzt an Perfektion, insbesondere weil die Band auch die gesamten 23 Songs keinen Patzer hinlegt. Aber: Es ist stellenweise auch etwas überambitioniert und sorgt für 5 Ausrufezeichen hinter dem Hinweis, dass die Show für bestimmte Personengruppen eine Reizüberflutung darstellen könnte.

Also: Hier ist die neue, große Stadion-Ära spürbar und beeindruckend umgesetzt. Zweiter Punkt, der einen großen Sprung nach vorne bedeutet, ist die Begleit-Band: Dank der Streicher-Einlagen werden die großen Hymnen der Band wie natürlich der Closer „Many Of Horror“, „Black Chandelier“, „Biblical“ oder „Wolves of Winter“ noch größer, nahezu übermenschlich. Das Publikum nimmt das dankend an und ist auch eine absolute 10/10: Jeder Refrain wird aus Tausenden Kehlen mitgesungen – selbst neue Tracks wie „A Little Love“ oder „Goodbye“! Trotzdem gibt es eine klassische Entwicklung zu beobachten.

Setlist mit Historie

Beim Übersetzen aufs europäische Festland wurde die Setlist etwas angepasst: Weniger Songs aus dem neuen Album, mehr Klassiker. Zwar kommen sieben Songs von „Futique“ auf die Bühne, dafür werden aber eben auch 16 Songs von 6 anderen Alben gespielt. Zum großen Finale werden sogar nur ältere Songs gespielt – ganz klassisch für eine etablierte Band kommen die neuen Songs kaum gegen die übergroßen Hits der großen Band-Jahre an. Das merkt man auch etwas im laffen Songwriting: „Two People In Love“ oder „A Thousand And One“ funktionieren live zwar besser, aber wirken immer noch etwas grau und eindimensionaler als Songs der früheren Bandgeschichte.

Insgesamt bleibt das Meckern auf hohem Niveau, denn musikalisch spielen Biffy Clyro selbst einige der größten Rock-Bands problemlos an die Wand. Dank des größeren Set-Ups, der größeren Band, der nostalgischen und energetischen Setlist (die maximal Deep Cuts der allerersten Alben vermissen lässt) und der exzellenten Licht-Show gibt es auf musikalischer Ebene rein gar nichts zu bemängeln und die Höchst-Punktzahl. Ein Kritikpunkt für eine Stadion-Band wollen die Musiker aber nicht ausmerzen: persönliche oder politische Worte fallen aus. Die emotionale Ebene zu dem, was da auf der Bühne passiert, kommt alleine durch die eigenen Erinnerungen und Beziehungen zu den Songs. Da wäre auch mehr gegangen.

Ansonsten bleibt eins zu sagen: Wenn Stadion-Rock, dann bitte genau so.

Und so hört sich das an:

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Beitragsbild von Julia.

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