Zehn Jahre ist es her, dass Wincent Weiss mit Songs wie „Musik sein“ oder „Feuerwerk“ seinen Durchbruch feierte und quasi über Nacht zum Superstar wurde. Vier Alben hat er in dieser Zeit veröffentlicht, unzählige Preise gewonnen, ein Weihnachtsalbum herausgebracht und an Shows wie Sing meinen Song – Das Tauschkonzert oder The Voice Kids teilgenommen. Auch in unserer Redaktion fand die Musik des Sängers lange Zeit großen Anklang. Über sein 2017 erschienenes Debütalbum schrieb Yvonne etwa: „Gerade diese Vielfalt machen die 13 Songs zu einer gelungenen musikalischen Reise durch die Höhen und Tiefen des Lebens.“ Sein 2021 erschienenes drittes Album „Vielleicht irgendwann“ wurde von mir mit folgenden Worten eingeordnet: „Er schafft noch einmal mehr den Sprung hin zu ehrlichen Singer-Songwriter-Tracks, die unheimlich gut getextet und gleichzeitig melodisch sowie harmonisch sind.“ Die Lobeshymnen zogen sich durch nahezu jedes Konzert und jede Review. Bis Wincent 2023 sein viertes Studioalbum „Irgendwo Ankommen“ veröffentlichte, wo wir vergeblich nach solch euphorischen Worten suchten.
Vergangene Woche hat der Sänger nun sein fünftes Studioalbum „Hast du kurz Zeit“ veröffentlicht, das sich auf 18 Songs mit deutlich losgelösteren Themen wie Erwachsenwerden, Liebe, Verlust und Echtheit beschäftigt. Ob uns das besser gefällt?
Um das direkt vorwegzunehmen: Die Songs des neuen Albums besitzen tatsächlich mehr Leichtigkeit. Vorherige Alben wie „Vielleicht irgendwann“ klangen deutlich düsterer und nachdenklicher. Wincent Weiss feiert nun das Leben und die Liebe. Etwa auf dem Opener „Unendlichkeit“, bei dem die Wörter „Für immer“ eine große Rolle spielen, oder auch auf „Hast du kurz Zeit“. Bereits nach den ersten zwei Songs des Albums ist klar: Der Sänger ist Hals über Kopf verliebt und scheinbar endlich angekommen. Gewichen sind damit aber auch tiefgehende Lyrics. Denn egal, ob „Sommer der bleibt“ („Der Sommer riecht so nach dir“) oder „Langsam“ („Doch Liebe mit dir geht nicht langsam„): Thematisch verlieren sich die Songs zwischen belanglosem Geplänkel und kitschigem Unterton. Gute Radiosongs sind es damit allemal, Songwriter-technisch gewinnen sie definitiv keinen Preis.
Wirklich aufhorchen lässt der Song „In einem anderen Leben“, der im Gegensatz dazu roher und echter wirkt. Der Sänger reflektiert hier über eine alte Beziehung und schafft einen Song, der dem alten Sound viel ähnlicher klingt. Einziges Manko: Gleich neun Songwriter*innen haben an dem Track mitgeschrieben, was der Authentizität einen kleinen Beigeschmack verleiht. Auch die Ballade „Lang nicht hier“ sticht heraus, genauso wie der Song „Flieg“, der musikalisch mal etwas ganz anderes ist. Stimmlich sticht vor allem der Song „Einmal zusammen“ hervor. Diese stimmlichen Qualitäten gehen auf vielen der anderen Songs leider verloren. Gerade die Kombination aus hohen und sehr tiefen Tönen sorgt bei Wincent Weiss eigentlich immer wieder für Gänsehaut. Diese sucht man auf den meisten Songs des Albums aber vergebens.
Mit knapp 45 Minuten Spielzeit ist das Album darüber hinaus recht kurz. Im Schnitt ist ein Song 2,5 Minuten lang – und das bei 18 Tracks. Den Liedern fehlt dadurch der Raum zur Entfaltung, Tiefe entsteht so gar nicht erst.
Wincent Weiss hat sich auch dieses Mal wieder hochkarätige Hilfe beim Songwriting und Produzieren geholt: Fayzen hat bei Songs wie „Gut genug“ mitgewirkt, Fabian Wegerer bei „Deiner Seite“, Jeremias Heimbach bei „Immer näher“ und Luna bei „Wegen dir“. All die Namen helfen aber nicht darüber hinweg, dass in den Songs nur wenig Wincent Weiss selbst steckt. Generisch sind sie allemal. Wahrscheinlich bleiben sie sogar ewig im Ohr. Was den Sänger ausmacht, wo sich sein Alleinstellungsmerkmal befindet und was seine Musik besonders macht, steht allerdings in den Sternen. Und das ist schade, weil er gerade stimmlich so viel mehr draufhat.
„Hast du kurz Zeit“ fällt damit leider in eben diese Gute-Laune-Pop-Sparte, bei der irgendwie alles gleich klingt. Und das, obwohl Wincent Weiss sich auf dem Album austobt. Trotzdem passen die Sounds nicht hundertprozentig zu ihm und es fehlt an diesem gewissen Etwas. Das, was man eben nicht jeden Tag im Radio hört. Vielleicht sind wir dieser Art von Musik auch mittlerweile einfach entwachsen, oder der Sprung in Richtung Schlager-Sparte zahlt sich in dem ganzen Pop-Singer-Songwriter-Dunstkreis heutzutage mehr aus.
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