Haftbefehl – Das Weisse Album

Cover von Haftbefehls "Das Weisse Album"

Welche Stolpersteine musst du als Kind mit Migrationshintergrund in Deutschland übersteigen? Was macht das mit dir, wenn dein Vater sich selbst das Leben nimmt als du gerade mal vierzehn bist? Wie verändert dich die Straße und deren Verbrechen? Wie kommst du da wieder raus? Dieser Text beschäftigt sich mit einem Album, das über das Potential verfügt, im Ansatz Antworten auf und Einblicke in diese Fragen zu bieten. Einblicke, die für privilegierte Wohlstands-Mittzwanziger wie den Verfasser dieser Worte schwerlich zu erfassen sind, ohne von „oben herab“ auf die Szenerien zu blicken – ein Versuch, der neuen Haftbefehl Platte „Das Weisse Album“ gerecht zu werden.

Bezugspunkt: „White Album“

Das „White Album“ der Beatles veränderte die Musikgeschichte. „Das Weisse Album“ von Haftbefehl gibt zumindest eine Tendenz von dem, welch kulturelles und auch gesellschaftlich aufklärendes Potential in Straßenrap steckt. Die Perspektiven, die dieses Hip-Hop-Sub-Genre einnimmt, können derart direkt nur von Betroffenen erlangt werden.  Wichtig ist es deshalb, gerade diesen Menschen zuzuhören. Ob das nun wie der Vorgänger „Russisch Roulette“ Hip-Hop- und damit wie das „White Album“ Musikgeschichte schreiben kann, wird die Zeit zeigen müssen.

Apropos Zeit. Fünf Jahre hat sich der Offenbacher für sein fünftes Studioalbum genommen. Vierzehn Songs sind dabei schlussendlich rausgekommen. Von dreckigem, teils nahezu mit Punk-Attitüde versehenem Auf-Die-Fresse-Hip-Hop über entspannte Südstaaten-Old-Schooler hin zu modernem Autotune-Trap-Gewand ist da alles enthalten. Abgesehen von den detailreich ausgearbeiteten Beats, die bis auf zwei Ausnahmen aus der Feder des Kölner Produzenten Bazzazian stammen, lohnt sich der Blick auf die autobiographischen Inhalte, die auch das neue Werk des Hesseners durchziehen.

Die Kunst der Autobiographie

Dass Haftbefehl seinen Werdegang thematisiert, ist nichts neues. Das tat er in ungeschönter und direkter Weise auch schon auf dem hoch angesehenen Vorgänger. Ähnlich geradlinig springt auch „Das Weisse Album“ in die Erzählung. Bereits „Bolon“ setzt über verwaschenen Klavier-Chords mit seiner Drogen- und Straßenthematik die Grundlage für die Vergangenheits-bezogenen Stücke der Platte. Im weiteren Verlauf intensivieren die drei finalen „1999“-Teile – auf „Russisch Roulette“ hatte der 34-Jährige die Rückblick-Reihe begonnen – diesen Ansatz. Haftbefehl erzählt dort von Problemen mit der Polizei sowie von seiner Flucht in die Türkei und beschreibt die Gefühle, die ihn in jungen Jahren plagten. Die Trauer, Wut und Verunsicherung, die eine rastlose Seele spürt, wenn sie in frühen Jahren ein Elternteil verliert und in die Drogenszene abrutscht.

Die Straße nimmt sich zwischen all dem ebenfalls ihre Momente. Dafür hat sich Haftbefehl, der, um seinen Haschisch-Konsum zu finanzieren, laut eigener Aussage schon mit vierzehn Zigaretten geklaut und Handys abgezogen hat, scheinbar zur Aufgabe gesetzt, die deutsche Plastik-Rap-Szene möglichst detailgetreu zu karikieren. Dabei lässt sich der Offenbacher gewohnt viele sprachliche Freiheiten und reizt seinen Slang, der in der letzten Dekade das Land eroberte, bis aufs Letzte aus. Leider geht der 34-Jährige dabei nicht so weit, auch die letzten im Rap etablierten Sexismen abzuschütteln.

Der Ausweg aus dem Teufelskreis

Den Blick zurück kontrastieren die Texte oft mit dem heute vorherrschenden Erfolg und Reichtum. Generell spielen das Standing und der (finanzielle) Erfolg Haftbefehls auf der Straßen-Seite des Albums nahezu immer eine Rolle. Die letzten Zeilen von „1999 Pt.6 (Gabriel Vs. Luzifer)“ offenbaren, woher das Bedürfnis kommt, stets gerade das hervorheben zu wollen: „Auf der Suche nach Gott, denn sie geben mir Hölle // Entweder Rap oder Leben in der Zelle.“ Ohne die Musik sähe die Lebensrealität eines Haftbefehls heute ganz anders aus: Knastfraß statt ausverkaufte Konzerte sozusagen. Der Rapper ist damit ein Vorbild für unzählige junge Menschen, die in unserer Gesellschaft über kaum Perspektiven verfügen.

„Das Weisse Album“ unterscheidet sich von seinen Vorwerken zudem dadurch, dass der Offenbacher diesmal auch weiter denkt. Vor allem in der zweiten Albumhälfte stehen nämlich plötzlich ganz andere Fragen auf dem Plan: Wie geht es dir, wenn du Jahre später einer der angesagtesten Straßen-Rapper des Landes bist und dein Album von hunderttausenden sehnsüchtig erwartet wird? Wie gehst du dann mit deinem Leben und dem Druck um?

Eine Antwort darauf lautet: Du gründest eine Familie. Mittlerweile lebt Aykut Anhan, wie Haftbefehl mit bürgerlichem Namen heißt, mit seiner Frau in der hessischen Vorstadtidylle und ist Vater von zwei Kindern. Denen widmet er auch den Song „Papa War Ein Rolling Stone“, in dem er gemeinsam mit Marteria von seiner Exzess-geprägten Vergangenheit berichtet. So ganz heile ist die Welt eines Haftbefehls dann aber doch nicht: „Depression & Schmerz“ gemeinsam mit seinem Bruder Capo behandelt die psychischen Probleme, die den Rapper auch heute noch plagen. „Hotelzimmer“ wiederum bringt die zwei inhaltlichen Perspektiven – das Jetzt und die Vergangenheit – zusammen und beschäftigt sich über progressiven Sound mit der zunächst aussichtslosen Beziehung zu seiner Lebenspartnerin. Da heißt es noch: „Wird wohl nix mit Kinder, Happy Family, Kelloggs-Werbung.“ Es freut zu hören, dass zumindest diese Krise überwunden scheint. 

Neue Diskussionsräume und Perspektiven

Schlussendlich erzählt „Das Weisse Album“ ungeschönt und ehrlich die Geschichte eines der beeindruckendsten Rap-Künstler des deutschsprachigen Raumes. Es ermöglicht Einblicke in die Gefühlswelten Haftbefehls und zieht Verbindungen zwischen Vergangenheit und Präsens. Was für ein Mensch du bist, wird am Ende nämlich immer noch davon bestimmt, wo du herkommst – auch geographisch, vor allem aber biographisch. Diese autobiographischen Züge eröffnen neue Diskussionsräume und Perspektiven und fördern das Verständnis, das vielen in den letzten Jahren zunehmend abhanden gekommen ist. Einige Menschen sollten sich deshalb einfach mal exemplarisch mit dem Lebensweg Haftbefehls beschäftigen. Vielleicht begreifen sie dann ja, wie privilegiert sie selber sind?

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Und so hört sich das an:

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Haftbefehl live 2020:

28.06. – Hannover, Autokultur (Autokonzert)
10.07. – Mannheim, CARStival (Autokonzert)

Die Rechte für das Cover  liegt bei Universal Urban.

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