Interview mit Jeremias über ihre EP “alma”

Vor ungefähr neun Monaten haben wir sie noch bei unseren vielversprechendsten Indie-Newcomern gefeatured, und auch bei unseren Newcomern des Jahres 2020 waren sie vertreten – nun haben wir sie endlich auch interviewt: Jeremias. Eine junge Band aus Hannover, die irgendwas zwischen Pop, Disco, Indie und Funk mit deutschen Texten macht. Klingt crazy? Ist es auch – aber dabei auch ziemlich gut. Im Moment sind die vier auf dem Land, ungefähr eine Stunde von Berlin entfernt, und machen dort Musik. Das hat zwar für das eine oder andere technische Problemchen bei unserem Telefon-Interview gesorgt, klang aber dafür mehr als idyllisch. Ruhe vor dem Sturm quasi, denn Ende der Woche erscheint ihre zweite EP “alma”. Darüber, was der Name bedeutet, über ihre Zusammenarbeit mit Tim Tautorat, über die ausgefallene Festivalsaison und ihre Inspiration haben wir mit Sänger Jeremias und Bassist Ben im Interview gesprochen.

minutenmusik: Wie nehmt ihr die aktuelle Zeit ohne Konzerte und so weiter wahr?

Jeremias: Es ist auf jeden Fall komplett weird. Also, auch dass unsere Generation gerade Geschichte schreibt. Ich meine, das gab es ja noch nie, dass man nicht raus darf und das einfach nicht geht. Und musikalisch gesehen sind wir aber glaube ich gar nicht so schlecht aufgestellt gewesen. Wir hatten einfach großes Glück mit der Tour, die zum Lockdown geendet ist. Danach waren wir dann noch drei Wochen in Berlin im Studio und dann sind wir im Prinzip auf einer leeren Autobahn zurückgefahren und haben uns dann eingesperrt. Also wir haben eigentlich alles noch irgendwie geschafft. Aber mit jedem Tag mehr tut es natürlich weh, dass Festivals abgesagt sind, also das wird tagtäglich schmerzhafter.

minutenmusik: Konntet ihr die Zeit jetzt denn trotzdem gut nutzen um neue Musik zu schreiben und Musik zu machen?

Jeremias: Ja voll. Wir haben irgendwann wieder angefangen, ein bisschen zu proben, so Ende April. Und da wir keine Konzerte oder so gespielt haben, hatten wir die Chance, neue Songs zu schreiben. Und genau das machen wir jetzt auch. Wir feilen an Songs und machen aber auch ganz viel neu. Ich glaube, hätten wir gerade nicht die Zeit mit Corona, wären wir jetzt ganz viel unterwegs gewesen und hätten Konzerte gespielt. Da würde das Songschreiben ein bisschen wegfallen, weil der Festivalsommer doch sehr voll gewesen wäre. Also diese Chance nutzen wir jetzt auf jeden Fall und sehen uns trotzdem fast täglich.

minutenmusik: Also hatte das Ganze doch auch etwas Positives, obwohl Corona euch bei eurem ersten richtig großen Festivalsommer einen Strich durch die Rechnung gemacht hat?

 Jeremias: Das stimmt. Anfangs war die Traurigkeit auf jeden Fall auch da, man war schon enttäuscht. Weil man schon auch Sachen gespielt hätte, die man sich erträumt hat, wie das MS Dockville zum Beispiel. Aber man muss einfach das Beste aus der Situation machen und ich denke, da haben wir einen ganz guten Weg gefunden, wie wir trotzdem happy und guten Gewissens die Zeit für uns nutzen können.

minutenmusik: Ist wahrscheinlich die langweiligste und standard-mäßigste Frage, aber: Eure neue EP heißt „alma“ – Woher kommt der Name und was hat der für eine Bedeutung?

Jeremias: Ganz plakativ übersetzt heißt „alma“ auf Spanisch übersetzt „Seele“. Und das ist jetzt super cheesy, aber man kann es auch nicht leugnen: Diese ganze EP ist auf jeden Fall ein Liebes-Ding. Sie hat so einen Trennungs-Vibe, einen Zerrissenheits-Vibe, der ausgehend von einer Beziehung oder einer Romanze entsteht. Also textlich ist das auf jeden Fall so. Das Thema war zu der Zeit einfach irgendwie inspirierend. Und die einfachste Erklärung ist: Die Texte sind alle an eine Seelenverwandte geschrieben. Die zweite Erklärung ist: Die Musik, die wir auf der EP machen – also jetzt unabhängig vom Text – ist für uns alle seit Februar 2018, seit unserer Gründung uns so ans Herz gewachsen. Diesem Traum nachzueifern, obwohl jeder zweite sagt, wir sollen was Richtiges machen. Eine Seele ist auch einfach super interessant. Am Ende bleibt alles auf der Seele hängen. Dass man Musik machen will, kreativ sein will, sich ausleben will. So könnte man das erklären.

Ben: Womit ich mich auch ganz gut persönlich identifizieren kann, ist, dass „alma“ auf Hebräisch „junge Frau“ heißt. Und ich finde, dass ist super passend für die Thematik der ganzen EP, wie Jeremias schon gesagt hat, dass man das alles an eine Seelenverwandte geschrieben hat. Ich finde, das passt sehr gut und deswegen ist „alma“ da ein ganz gut gewählter Name.

minutenmusik: Genau das ist mir beim Hören der EP auch aufgefallen: In euren Songs geht es sehr viel um Liebe, Trennung und alles was damit zu tun hat. Da stecken doch bestimmt auch immer viele persönliche Geschichten und Gefühle in den Texten, oder?

Jeremias: Ja, auf jeden Fall. Also das ist eigentlich ausschließlich autobiografisch. Wir haben uns tatsächlich am Anfang so ein bisschen davor gewehrt, weil es einfach so ein benutztes Thema ist und das möchte ja eigentlich niemand mehr hören. Aber dann war auf der anderen Seite der Gedanke: Okay, wenn das jetzt diese Phase ist, wenn wir darüber schreiben, wenn das unsere Musik ist, dann lassen wir das zu. Und dann haben wir das alles gebündelt, es wurde damit abgeschlossen und jetzt kann Neues passieren. Und das tut auch unfassbar gut. Und ich glaube, wenn man dann ehrlich zu sich selbst und ehrlich zu den anderen ist, zu den Konsumenten zum Beispiel, und sagt: Das ist jetzt so, das behandelt nur dieses eine Thema, das ist eine bewusste Entscheidung – dann ist das glaube ich cool.

minutenmusik: Fällt es euch leicht, über so persönliche Themen Songs zu schreiben und zu singen, oder kostet euch das Überwindung?

Jeremias: Ich glaube, man sucht sich das aus. Also wenn es krass scheiße wäre, dann würde man das ja nicht machen.

Ben: Ich kann nur sagen: Jeremias ist derjenige, der bei uns die Texte schreibt. Ich selbst schreibe nicht so viele Texte. Und ich glaube, man möchte sich schon auch mitteilen und das ist einfach eine Entscheidung. Ich glaube, wenn ich jetzt Texter wäre von Jeremias oder einer anderen Band, dann würde ich auch wollen, dass ich meine Texte teile und sich vielleicht jemand damit identifizieren kann und es ihm weiterhilft, dass er nicht alleine dasteht mit irgendwas.

Jeremias: Ja, das ist eine gute Frage. Es ist vielleicht schmerzhaft, aber dann ist das ein schöner Schmerz. Und die ganzen Gedanken und Worte in der Musik, das hilft dir ja auch, dich damit auseinanderzusetzen. Die ganzen Worte, die in der Musik verpackt sind, würde man vielleicht so gar nicht sagen, aber wenn Akkorde darunterliegen, dann geht es plötzlich. Das ist auch ein bisschen tröstend. Das klingt immer pathetischer als es ist, aber es erfüllt dann auch für mich selbst einen Zweck, darüber zu schreiben. Es hilft natürlich. Das ist ja auch ein super spannendes Thema. Also grundsätzlich die Frage, wieso man etwas macht. Wieso machen wir Musik? Wieso haben wir Bock darauf? Was macht das mit einem selbst? Und um das zu ergründen, braucht es Zeit.

minutenmusik: Jetzt mal ganz weg von den Texten: Eure Musik befindet sich genre-technisch ja irgendwie zwischen Pop und Funk, was ja heutzutage – zumindest meinem Gefühl nach – in Deutschland doch ein bisschen außergewöhnlicher ist. Wo nehmt ihr da eure Inspiration her?

Ben: Es war so, als wir angefangen haben zusammen Musik zu machen, dass wir uns in dieser Musik wiedergefunden haben. Parcels oder Tom Misch, das sind Künstler, die, dieses Genre anbieten oder Teile davon in sich tragen und dann kam das daraus glaube ich, weil wir das gefeiert haben. Und wir haben uns alle, obwohl wir vorher sehr unterschiedliche Sachen gemacht haben, dort irgendwie wiedergefunden und konnten uns damit identifizieren. Und dann ist das irgendwie passiert. Wir wollten auch diesen sexy Dance-Vibe haben, wollten die Leute zum Tanzen bringen und das macht uns Spaß. Ich glaube deswegen kam das einfach so.

minutenmusik: Ihr habt euch ja von der letzten EP musikalisch schon weiterentwickelt, sowohl textlich als auch musikalisch, und habt zum Beispiel auch ein reines Instrumental eingebaut…

Jeremias: Ja, das war auf jeden Fall gewagt. Aber wir hatten das ganz lange rumstehen und dann war es immer eher ein Krampf, zu sagen: Wir schreiben da jetzt einen Text drauf. Das war immer ein Instrumental und eine Art Intro, wenn wir es gespielt haben. Sei es im Set oder sonst wie. Und deswegen, hat es jetzt auf jeden Fall seinen Platz auf der EP.

minutenmusik: Ist der Name des Instrumentals, „est. 2018“, eine Anspielung auf euer Gründungsjahr?

Jeremias: Der Song hieß ursprünglich „Fahrstuhl“ (lacht). Aber ja, wir haben es dann „est. 2018“ genannt, weil wir dachten: Na gut, 2018 ist unser Gründungsjahr. Und der Track ist auch 2018 geschrieben worden. Also vielleicht auch deswegen. Aber das ist auf jeden Fall eine kleine Hommage an das Gründungsjahr.

minutenmusik: Ihr macht also auch erst seit zwei Jahren in dieser Konstellation zusammen Musik – wie habt ihr denn damals zusammengefunden?

Ben: Das hat sich einfach aus verschiedenen Freundeskreisen entwickelt. Dass man zum Beispiel einen Schlagzeuger gesucht hat und dann hat man mitbekommen, dass es da einen Schlagzeuger gibt, der eine Band sucht. Also das war eher pragmatisch eigentlich, wie wir uns gefunden haben.

minutenmusik: Ihr seid ja auch alle noch recht jung. Passiert es da manchmal, dass ihr nicht ernst genommen werdet oder Leute sagen „lernt mal was richtiges“?

Jeremias: Ne, nicht so viel. Branchentechnisch glaub ich das gar nicht. Also ich habe das Gefühl, wir werden schon ziemlich ernst genommen. Wir kriegen die Mittel um Sachen umsetzen zu können, um uns künstlerisch ausleben zu können. Also das Alter spielt da glaube ich nur bedingt eine Rolle. Viel mehr ist es so, dass unsere Eltern oder unser Freundeskreis das feiert, dass wir versuchen, selber Fuß zu fassen. Mein Vater hat zum Beispiel mit 25 Abi gemacht, weil der dreimal sitzen geblieben ist. Und im Schnitt sind wir jetzt 20 Jahre alt und könnten noch fünf Jahre rumpimmeln und Musik machen und mehr oder minder erfolgreich sein oder auch komplett versagen – und dann hätten wir trotzdem noch Zeit. Wir sind da wirklich froh über das Verständnis und die Offenheit, die uns von unserem Umfeld entgegengebracht wird. Da können wir uns glücklich schätzen glaube ich. Und das kommt spätestens, wenn die Eltern dann auch merken, dass es das ist, was wir wollen und dass es funktioniert. Das darf man nicht vergessen, dass wir in Hannover mit 600 Menschen den Laden ausverkauft haben und Mama und Papa stehen da auch im Publikum und sehen: Krass, da haben jetzt 600 Menschen ein Ticket gekauft, um unseren Jungen zu sehen. Das macht natürlich auch was mit den Eltern und der Familie.

minutenmusik: Ich habe gelesen, dass ihr schon mit Tim Tautorat zusammengearbeitet habt. Wie kam es dazu und was war das für ein Gefühl, mit so einer Produzentenlegende zusammenzuarbeiten?

Jeremias: Das war auf jeden Fall erst mal surreal. Wenn man dann Namen hört wie AnnenMayKantereit, Faber, Provinz, OK KID, The Kooks und so – das sind alles Namen, die sind für uns als Band natürlich groß und das war natürlich auch ausschlaggebend. Aber letztendlich geht es um die Zusammenarbeit. Die auf einem unglaublich hohen Niveau unfassbar effektiv war und unfassbar…

Ben: …gleichberechtigt.

Jeremias: Ja, wir waren sofort auf einer Schiene. Und er ist auf jeden Fall der Grund, wieso manche Kontakte zustande gekommen sind, wie dieser Sound zustande gekommen ist. Also das war ein unfassbar großer Schritt und anfangs eine unfassbare Ehre für uns, aber jetzt inzwischen ist es einfach eine wunderbare Zusammenarbeit.

Ben: Das war auch der Grund, warum wir nach der ersten Platte, die wir mit ihm gemacht haben, jetzt auch die zweite Platte zusammen gemacht haben und vielleicht auch noch weitere Sachen zusammen schreiben werden, die in Zukunft kommen. Das funktioniert einfach zwischen uns, wir harmonieren, er respektiert uns als Musiker und wir ihn als Produzenten.

minutenmusik: Und mit wem würdet ihr noch gerne mal zusammenarbeiten – egal ob Produzent oder Künstler?

Ben: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch nicht so viele Gedanken gemacht. Wie sieht’s bei dir aus, Jere?

Jeremias: Also im deutschsprachigen Raum ist es auf jeden Fall diese ganze Ecke von AnnenMayKantereit bis Faber. Also ein Feature wäre da auf jeden Fall richtig geil. Man kommt ja auch so irgendwie zusammen und macht Sachen. Also wir sind im Moment ziemlich zufrieden damit, uns auf uns zu konzentrieren und erstmal selber Fuß zu fassen. Und Parcels wäre natürlich richtig gut. Die kommen ja hier aus Berlin, also wenn wir da irgendwie einen Live-Track machen könnten oder so…

Ben: Oder wenn wir für sie Support spielen könnten. Das wäre schon schön.

Jeremias: Ja das wäre schon schön, aber letztendlich ist man irgendwie auch für sich selbst und macht Sachen gemeinsam. So einen krassen Wunsch gibt es da jetzt noch nicht.

minutenmusik: Auch in Bezug auf die Bands die ihr schon angesprochen habt: Die deutsche Indie-Szene blüht ja momentan richtig auf – Blond, Shelter Boy, Some Sprouts, Cinemagraph, Ilgen-Nur, Rikas sind ja jetzt nur ein paar Namen – glaubt ihr, dass ihr euch da den richtigen Zeitpunkt ausgesucht habt, um solche Musik zu machen?

Jeremias: Bewusst war das alles nicht, aber es kommt ja irgendwie alles zusammen. Witzig war es, als wir für unsere Tour ein paar Supports gesucht haben und wir da das erste Mal auch richtig bewusst auf die Sachen gestoßen sind, die du gerade meintest. Das ist ja eine total aufblühende Szene und man ist da so ein Teil von und lernt natürlich eine Menge Leute kennen, aber dass die dann auch plötzlich ungefähr den gleichen Jahrgang haben und Bock auf die Sache haben, das ist uns erst im Februar so richtig bewusst geworden, als wir mit Trille, mit Cinemagraph, mit Nele, mit Provinz am Start waren. Das war super cool.

minutenmusik: Was wünscht ihr euch für die Zukunft? Gibt es da ein konkretes Ziel?

Jeremias: Ganz situativ gesagt warten wir erst Mal auf nächstes Jahr, auf Festivals. Also sehnlicher geht es gerade echt nicht. Einfach eine geile Festivalsaison zu spielen, dann im Anschluss daran auf Tour zu gehen. Ich hoffe einfach, dass wir 2021 komplett live ballern können und dann werden wir das tun. Und sonst haben wir glaube ich ein unfassbares Privileg um auch vielleicht gesellschaftspolitisch zu werden. Das ist der Wahnsinn, was wir uns im Prinzip rausnehmen können, um kreativ sein zu dürfen. Dass wir uns rausnehmen, über eine Akkordfolge oder einen Text nachzudenken, das ist nicht normal. Und mit der Zeit rückt es auch mehr und mehr in den Vordergrund, wie viel halt auch passiert, was scheiße ist und was das für ein Privileg ist, dass wir das machen können. Dass wir unser eigenes Gedankengut in Kunst umwandeln können. Und wenn das ein bisschen so bleiben kann, dann wäre wir zufrieden.

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