Kmpfsprt – Kmpfsprt

Cover von Kmpfsprts Hardcore Seven-Inch.

Dass das gelebte Rebellentum des Punks oft mehr Konventionen folgt als es Freiheiten verspricht, entwickelte sich spätestens seit Anbeginn des 21. Jahrhunderts zum Faktum. Die Punkpolizei ist und bleibt streng. Warum nicht also das Reglement zusätzlich verschärfen und den Spielraum dadurch bewusst noch enger fassen? Ein möglicher Fahrplan für dieses Vorhaben: Die Musik muss getreu der Devise „in kürzester Zeit – binnen 90 Sekunden – alles geben“ ballern. Die Gesamtspielzeit soll entsprechend höchstens knapp zweistellig sein: Seven-Inch-Länge. Man kennt’s von den unzähligen Hardcore-Bands der 1990er-Jahre! Achja, und alle Texte müssen sich gerade jener Stadt widmen, die neben ausgeprägtem Lokalpatriotismus vorrangig mit karnevalistischen Saufexzessen und einer altertümlichen Kirche mit zwei Türmen verbunden wird – von der Domstadt Köln. In ebender (oder zumindest der nächsten Umgebung) wohnen die vier Mitglieder von Kmpfsprt seit einigen Dekaden. Von „Heimat“ kann hier also durchaus die Rede sein. Nach drei knackig-arrangierten Alben zwischen Punk und Rock setzt das Quartett sich nun diesem strikten Regelkatalog aus und knallt währenddessen in zehn Minuten alles raus, was Hardcore und Punk noch möglich lassen.

Alles scheiße!

Dem rot-weißen Artwork und eng gefassten Gesamtvorhaben entsprechend liegen die Texte der zehn kurzen Stücke nah an der viertgrößten Stadt Deutschlands. Ertrinken für karnevalistische Kontexte geschriebene Lieder oft in Lobeshymnen auf die Großstadt met K, so sehen und thematisieren Kmpfsprt auch die unangenehmeren Seiten ihrer Wahlheimat. „I Hate Ehrenfeld“ beispielsweise beschäftigt sich als Anti-Gentrifizierungssong mit der Entwicklung ebenjenes ehemaligen Arbeiterviertels, das sich in der vergangenen Dekade nicht nur vom legendären Underground, sondern auch von der benachbarten Werkstatt und sehr bald wohl auch dem Heinz Gaul verabschieden muss(te). Bye bye Sub-Kultur.

Ähnlich gesellschaftsskeptisch geht es auch an anderer Stelle zu: „Nazis Raus Aus Köln“ behandelt – Überraschung – unmissverständlich wofür die Domstadt keinen Platz lassen sollte und „Ebertplatz“ die des außer Kontrolle geratenen Drogenhandels wegen initiierte CCTV-Überwachung an ebenjenem berüchtigten Platz an den Ringen. Hauptsänger Richard Meyer faucht und keift diese zugegebenermaßen selten verschachtelten Textzeilen derart eindringlich heraus, dass für Mehrdeutigkeiten kaum Spielraum verbleibt. Alles scheiße!

Vom Ballern und Versöhnen

Währenddessen knallt die Musik so sehr, dass sie sich oftmals nicht nur im Hintergrund hält, sondern Meyers rauchigen Gesang nahezu überlagert. Der Bass achtelt was das Zeug hält, die stark verzerrten Gitarren schrammeln so derb nur möglich und das Schlagzeug leitet geschickt von flotten Strophen in hektische Mosh-Parts. Gleich drei mal geht das Ganze so schnell, dass die Spielzeit der Stücke nur knapp die 20-Sekunden-Marke überschreitet.

An anderer, langatmigerer Stelle bauen Kmpfsprt zumindest ansatzweise genau dieses Händchen für Melodie in die Songs ein, das ältere Songs wie „Atheist“ oder „Ich Hör’ Die Single Nicht“ zu derartigen Punk-Hits machte. „Black Jeans. Black Shirt. Bläck Fööss.“ zum Beispiel hat gar so etwas wie einen eingängigen Refrain. Hier zeigt die Band sich ihrer Heimatstadt zudem versöhnlicher gegenüber als in so manch anderen Stücken. Denn selbst wenn Köln sich in den vergangenen Jahren zum schlechteren hin wandelte, so bleibt es immer noch der Ort, in den sich die Band einst verliebte.

Auch „Claudia“ kann als Liebeslied an die Stadt, die vor langer Zeit Colonia Claudia Ara Agrippinensium gerufen wurde, verstanden werden. Da heißt es: „(I)ch mag dich, liebe dein Gesicht // (…) (E)ins muss ich dir sagen: Du wirst mich nicht mehr los.“ „Kneipenpazifisten“ lenkt seine Zuneigung wiederum klarer in eine andere Richtung: An die alternative Bar- und Kneipenkultur der Stadt. Vom Stereo Wonderland im südlichen Köln über den Sonic Ballroom in Ehrenfeld hin zum Mülheimer Limes bietet noch (!) nahezu jede Ecke der Stadt Raum für alternative Trinkkulturstätten. Auf, dass das so bleibt!

Die Punk-Polizei winkt

Ansonsten zeichnen Kmpfsprt das Bild einer Großstadt, die einst vor Subkultur strotzte, in den vergangenen Jahrzehnten jedoch alles dafür tat, jegliche alternative Frei- und Kreativräume verschwinden zu lassen. Vielleicht steht ja der oder die ein oder andere Lokalpolitiker*in auf Hardcore-Punk und nimmt sich die Anregungen der Musiker zu Herzen. Die Punk-Polizei würde das sicherlich erfreuen. Die wird die fünfte Kmpfsprt-Platte gerade ihrer bewusst eng gesetzten Grenzen wegen jedoch auch fernab ihrer gesellschaftlichen Wirkung durchwinken. Dafür machen die vier Kölner nämlich radikal alles richtig.

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