Thrice – Horizons/East

Review: Das neue Thrice Album "Horizons/East" ist wieder proggiger als seine Vorgänger, büßt dafür aber emotionale Tiefe ein.

Für ihr elftes Album beschlossen Thrice ihrem zuletzt mainstreamigeren Rock eine Experimental-Kur zu verpassen. Um diesem Ziel näher zu kommen, setzte man sich für einzelne Songs die Aufgabe, bestimmte Konträr-Stile in Einklang zu bringen. Dem Sound der Band nimmt das emotionale Tiefe.

Das beste Beispiel für diesen Effekt ist das beschließende „Unitive/East“. Der, eine verträumte Klavier-Ballade, ist zwar im Prinzip ganz nett, schlussendlich dann aber doch nicht mehr als etwas Artpop-Geklimper mit Vocal-Glasur. Bis auf abschweifende Gedanken ruft das wenig Reaktionen hervor. Ähnliches gilt für „Northern Lights“, der mit seinem helltonigen Quarten-Chords – eine der selbstgesetzten Challenges der Band – und Stolper-Beat nicht über das Prädikat „ganz nettes Experiment“ hinauskommt.

Zudem: Es ist das vierte Mal in der bereits über zwei Dekaden anhaltenden Bandhistorie, das Thrice die Produzentenaufgabe selbst übernehmen. Leider tut diese Eigenregie dem Sound der Band ebenfalls nicht gut, so trocken die Songs streckenweise klingen. Bitter ist das gerade im Hinblick auf die Gesänge, weil Ex-Diakon Dustin Kensrue so viele stimmliche Facetten zeigt wie lange nicht mehr. In den Strophen von „The Dreamer“ etwa transportiert Kensrues Vortrag Verzweiflung und Strapazen, die Produktion beschneidet diese Gefühlslagen jedoch mit unnötigen Zerreffekten. Hinzu kommt, dass ein großer Teil der zehn Stücke sich im Midtempo wälzt – ein Faktum, das generell den Eindruck von Trägheit aufkeimen lässt.

An anderer Stelle ist das Songmaterial so stark, dass die Produktion höchstens zu Abzügen in der B-Note führt. „Summer Set Fire to the Rain“ etwa bietet über geradlinigem Beat emotionale Momentschnappschüsse, auch weil Kensrue derart fließend von ruhig und bedächtig zu ausufernd und affektiv changiert. Und auch „Scavengers“ schafft es sich über fünf Minuten durch triolisches Riffing und offenherzig-befreiende Refrains zu robben ohne dabei jemals allzu sehr zu Prog ohne Herz zu mutieren. Ferner setzen „Color of the Sky“ und „Robot Soft Exorcism“ ähnlich an wie bereits „Only Us“ vom Vorgängerwerk und mischen dem Bandsound bedächtig Synthesizer unter – der Theatralik der Band steht das. Und gleich im ersten Albumdrittel prangt mit „Buried in the Sun“ ein Stück, das sich mit seinen Shouts und von Gospel-Einflüssen geprägten Chorus wunderbar in die Pre-„Alchemy Index“-Zeit fügt. Altgewordene Emo-Kids der frühen 2000er weinen freudig.

All das zeigt exemplarisch auf: Natürlich ist „Horizons/East“ kein blutleeres Griffbrettgeficke. Seine vier Erschaffer bewahren ihren Stil dementsprechend auch nach mehr als zwei Handvoll Alben noch vorm Stillstehen. Dennoch führt die Band ihre traurige Tradition fort, ihre Studioalben die emotionale Schwere, die die Songs in der Live-Situation entwickeln, nicht komplett einfangen zu lassen. Und wie monumental wäre wohl ein Thrice-Album, dass diesen Spirit zu transportieren weiß?

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2 Kommentare zu „Thrice – Horizons/East“

  1. This is the 10th review I’ve read on the album and the first negative one.

    I can’t say that I disagree with anything being said here as the author clearly pays very close attention – but I’m still surprised that every other album review I’ve read of this work is nearly the exact opposite.

    This did make me very excited for Buried in the Sun.

    1. Hi Ben, thanks for your comment! In the end every review is subjective to its core, so differences between reviewers are very natural. What makes one person go nuts in positive sense, bores the other. I would say for me this record is strong on the technical side of things, but in a few moments lacks some emotion. And at the moment latter is more what I’m longing for. This is where the overall impression comes from. But nevertheless: I wouldn’t say the album is bad at all (and I think the review makes that clear as well). Best Jonas

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