Dear Evan Hansen, Junges Theater Bonn, 10.04.2026

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Es gibt zwei Arten von Menschen: Diejenigen, die gerne auf ihre Schulzeit zurückblicken, weil sie dort tiefe Freundschaften geschlossen haben, Hobbys entdecken durften und ganz viel zum ersten Mal ausprobiert haben, was sich im Nachhinein zwar verboten-falsch, aber auch irgendwie geil anfühlte. Und dann gibt es diejenigen, die froh waren, als die Schule endlich vorbei war. Die gar nicht wissen, wie sie es durchgestanden haben, weil sie nicht beliebt waren, viel Häme erfahren mussten oder auch einfach an dem Lernsystem gescheitert sind und bis heute unter den Folgen leiden. Mit der zweiten Gruppe beschäftigt sich das Musical Dear Evan Hansen und traut sich damit so einiges. Die Fan-Bubble feiert es seit seiner Weltpremiere 2015. Seit April 2026 läuft es erst zum zweiten Mal überhaupt in Deutschland und erstmalig in NRW. Das Junges Theater Bonn kurz JT Bonn erfüllt damit vielen einen langersehnten Wunsch.

Musicals bedeuten Spaß, Ablenkung, Eintauchen in fremde Welten, vielleicht auch ein bisschen Kitsch. Dear Evan Hansen möchte exakt nichts davon erreichen. Evan ist an seiner High-School ein klassischer Außenseiter. Sein Unbeliebtsein stürzt ihn in erste Depressionen, seine alleinerziehende Mutter Heidi kommt kaum noch zu ihm durch. Durch einen blöden Zufall gerät er mit seinem Mitschüler Connor in eine kleine Konfrontation. Der hat nämlich Evans an sich selbst verfasste Briefe im Schuldrucker entdeckt, zu denen er von seinem Psychotherapeutin aufgefordert wurde, um sich selbst mal was Nettes zu sagen. Connor findet das super schräg, packt die Briefe in seine Tasche – und lässt Evan mit einem fürchterlichen Gefühl zurück, die nächste Mobbingwelle aufgrund seines Freak-Levels aushalten zu müssen. Doch Connor hat ganz andere Pläne. Connor begeht Suizid. Obwohl auch er eigentlich in der High-School keine wirkliche Rolle spielte, steht diese nun für einen Moment still. Alle fühlen sich damit konfrontiert, wie sie zu diesem schrecklichen Ereignis beigetragen haben. Connors Eltern bekommen Evans Briefe, die in Connors Tasche waren, überreicht und lesen daraus, dass Connor sie an Evan geschrieben hätte – und sie somit ziemlich eng befreundet sein mussten, ohne dass andere überhaupt von der Freundschaft wussten. Evan sieht darin die Chance, endlich Bedeutung zu haben. Endlich irgendwie Anerkennung zu bekommen, etwas erzählen zu können, was andere hören möchten – und verstrickt sich in einem Lügengeflecht, das Ausmaße annimmt, von denen niemand nur eine Ahnung hat…

Man kann den Plot von Dear Evan Hansen nicht kürzer fassen. Womöglich gibt es gerade einmal eine Hand voll Musicals, die dermaßen komplex erzählen. Bei denen es wirklich wahnsinnig wichtig ist, gut aufzupassen, um die ganzen feinen Nuancen mitzubekommen. Um in dieses unaushaltbare Gefühl von Einzelgänger*innen abtauchen zu können. Vielleicht will man aber auch gar nicht abtauchen, weil es doch schnell ganz schön wehtut, davon mitzubekommen. Stattdessen schaut man weg, so wie die meisten auch im Stück. Keine*r mag irgendwie Schuld sein oder von irgendwas gewusst haben. Verzweiflung, Selbsthass und Einsamkeit machen sich in jedem Charakter irgendwie breit.

Das ist ein Stoff, der wirklich perfekt zu einem Kinder- und Jugendtheater passt. Mit einer Empfehlung ab 14 Jahren holt das Stück, das 2017 mit sechs Tonys – dem wichtigsten Theater- und Musicalpreis der Welt – veredelt wurde, sechs Jahre und fast 1700 Vorstellungen lang am New Yorker Broadway die Hütte ausverkaufte, drei Jahre lang auch am Londoner West End begeisterte und 2021 leider einen sehr unterdurchschnittlich gelungenen Film nach sich zog, genau die Zielgruppe ab, die es betrifft. Mobbing is real. Immer noch. Seitdem der Großteil online passiert, wird es für Lehrkräfte sogar noch schwerer zu intervenieren. Was man sich gegenseitig mit ekelhaften Fake-Bildern, Beschimpfungen und absichtlich falsch gestreuten Gerüchten antut, wissen viele erst viele Jahre später einzuschätzen, womöglich aber auch nie. Sichtbarkeit kann es somit in dem Bereich nie genug geben. Großes Kompliment also an das JT Bonn für die Thematik an sich, aber auch für den klugen Doppelkniff, hier etwas zu zeigen, wofür Musicalfans eine Dekade lang ins Ausland fliegen mussten.

Denn Dear Evan Hansen ist nicht nur außergewöhnlich stark erzählt, sondern auch außergewöhnlich gut komponiert. Die Musik von Benj Pasek und Justin Paul gehört easy zu den Highlights der jüngsten Vergangenheit. In Zeiten, in denen Musicals eindeutig ihren Fokus darauf setzen, eine allseits bekannte Thematik – meist einen Film – für die Bühne zu adaptieren, das dann mit vielen Special Effects und drei, vier bekannten Darsteller*innen zu pimpen, aber musikalisch quasi ein Copy and Paste zu bieten, ist das hier einfach so hitverdächtig und so anspruchsvoll, dass es sich komplett ohne Livebild anhören, genießen und fühlen lässt.

All das sind die allerbesten Voraussetzungen, die ein Theater haben kann – oder? Man hat eine 10-von-10-Vorlage, man hat den Ort, wo die Leute vor einem sitzen, die es abholt, nämlich entweder Teenies oder Musical-Liebhaber*innen. Da kann doch gar nichts mehr schiefgehen. Doch leider ist der Premierenabend im JT Bonn am 10.4., einem Freitag, final nicht das, was man erwarten durfte. Er ist keine Katastrophe, aber auch weit entfernt von einer Sensation. In dem wirklich schönen, kleinen Theater mit 400 Plätzen ist es die gesamte Zeit über äußerst still. Das Publikum konzentriert sich auf die Bühne, auf der das mit 165 Minuten reiner Spiellänge wirklich umfangreiche Dear Evan Hansen nach der Deutschland- plus deutschsprachigen Premiere in Fürth im Herbst 2024 Evan nun also auch in NRW leiden sieht und aus seinem Leid heraus folgenreiche Entscheidungen getroffen werden. Jedoch sind einfach die Disziplinen, in denen man hier richtig liefern muss, qualitativ enorm unterschiedlich.

Dass man auf einer kleinen Stage in der optischen Umsetzung reduziert, ist absolut fein. Trotz spärlichem Bühnenbild trägt die Geschichte sich eigentlich im Alleingang. Im Fokus steht ein riesiger Baum aus Metall, vor dem Blöcke positioniert sind, die Mal zum Sitzen, mal zum Draufsteigen herhalten. Auf der Rückseite der Zweige befinden sich Wendeltreppen und Leitern, die in mehrere kleine Räume auf unterschiedlichen Ebenen führen, um zumindest hin und wieder einen Ortswechsel deutlicher darzustellen. Das Kostüm ist ein Meer aus Alltagsklamotten – so authentisch wie eben der Plot. Requisiten gibt es nur wenige. Laptops, Handys, Weingläser, Kleinigkeiten eben. Das Auge wird heute also nicht sonderlich herausgefordert, was aber im Rahmen der Handlung auch so in Ordnung ist.

Absolut klasse und mit viel Dynamik sitzt die musikalische Leitung Ekaterina Klewitz am Piano und gibt der siebenköpfigen Band – ihr eingeschlossen – stets mit viel Ausdruck die perfekten Einsätze, um Rockband und Streicher im Einklang zu bringen. Die Songs, die stets zwischen Drama-Pop, intimer Akustikballade und erzählerischem Gesang switchen, werden wuchtvoll gespielt. Leider ist die Tontechnik dafür nicht das, was sie sein müsste. Lange sind die Drums viel zu laut, aber auch bei den Darsteller*innen sind mehrmals Mikrofoneinsätze nicht dort, wo sie hingehören. Der Sound ist anfangs insgesamt zu leise und verändert sich im Laufe der fast drei Stunden eigentlich ständig. Mal besser, mal schlechter.

Über all das kann man noch ganz gut hinwegsehen. Richtig schade hingegen ist aber, dass bis auf wenige Ausnahmen die Cast diesem Musical auf Meisterniveau einfach nicht gewachsen ist. Das ist nun überhaupt nicht böse gemeint. Jeden der acht Darsteller*innen sowie den fünf Ensemblemitgliedern merkt man die Spielfreude an. Alle sind permanent dabei und geben sich richtig viel Mühe. Keine Selbstverständlichkeit. Aber am Ende zählt nicht nur Mühe, da zählt dann schon auch noch Können. Und sowohl an den wahnsinnig herausfordernden Gesangsparts als auch an dem feinfühligen, fragilen Schauspiel scheitern hier so manche einige Male.

Martin Wald hat die undankbare Aufgabe, die Hauptfigur Evan Hansen zu spielen. Selbstverständlich erwartet man von ihm nicht die Leistung, die ein Ben Platt – der Originaldarsteller des Charakters – auf die Bühne bringt, allerdings sind die Songs alle in der Originaltonart und im bekannten Arrangement. Heißt, hier geht es hoch, höher, am höchsten hinaus. Titel, die selbst für Vollprofis schwer zu meistern sind. In sämtlichen Mittellagen, die es in den Strophen gibt, macht Wald einen guten Eindruck und zeigt, dass er Emotionen transportieren möchte. Sobald es dann aber in die Kopfstimme oder in den Belt in Tenorlage geht, ist permanent bangen angesagt. In „Ich winke nur durchs Fenster“, „Du wirst gehört“, am allermeisten aber in „Wahnsinn“ sammeln sich in den Höhepunkten der Lieder falsche Töne. Dass Wald seit Kindestagen an Bühnenerfahrung hat, merkt man. Der 19-jährige Nachwuchsdarsteller hat die elendig langen Mono- und Dialoge drauf und verhaspelt sich im Text nahezu nie. Aber auch in dem vielschichtigen Gefühlschaos von Evan kommt er hin und wieder an seine Grenzen, sodass er entweder sehr schüchtern-trottelig oder schreiend-nervig spielt. Beides ok, aber dazwischen gäbe es auch noch Spielraum, der dringend genutzt werden müsste. Stattdessen bleibt das Mitgefühl einige Male auf der Strecke und seine Überreaktionen bekommen Slapstick-Beigeschmack.

Anja von der Lieth und Axel Becker spielen die Eltern von Connor. Sie sind klassische Theaterschauspieler*innen, sind in ihren Szenen auch solide, müssen aber einige Male auch singen, was komplett misslingt. Selbst die ansonsten echt talentierte Nina Janke als Mutter Heidi wirkt am Anfang außergewöhnlich aufgeregt, vergisst direkt in ihrem ersten Solopart einen Teil des Textes und singt schlichtweg unsauber. Dafür bekommt sie am Ende mit „So groß, so klein“ die größte Musical-Breitband-Schmetternummer und kann zum Finale das gesamte Theater voller Verzweiflung mit starker Technik zusammenbrüllen. Toller Moment.

Demgegenüber sind jedoch auch zwei im Cast, die ihre Arbeit richtig gut machen. Clélia Oemus als Zoe hat eine äußerst angenehme, schöne Stimme und kann ihrem Zwiespalt zwischen Hass auf ihren verstorbenen Bruder, Gefühle für Evan, Missverständnissen gegenüber Eltern und anderen Pubertätsproblemen genug Ausdruck verleihen. Ihr Schauspiel ist ganz gut, ihr Gesang sogar noch einige Level besser. „Requiem“ kauft man ihr komplett ab. Doch der, der sehr viel am Abend rettet, ist Laszlo Helbling als Connor. Der 18-jährige Darsteller ist mit riesigem Abstand das beste Package. Er mimt seinen Connor cool, selbstgefällig, aber auch zerrissen, hat starke Dance-Moves drauf, meistert jede Choreo, singt aber auch immer genau so, wie man es braucht. Jede Szene, die er mitspielt, gehört ihm. Unbedingt für ein Musicalstudium bewerben, das könnte richtig weit gehen! Ahmed El Kohly als Jared und Annika Schneider als Alana machen ihren Job gut, allerdings besitzen ihre Rollen auch weniger Schlüsselmomente. Dazwischen erwarten einen immer mal wieder ein paar ausdrucksstarke und gut einstudierte Choreografien, die von dem Ensemble gekonnt dargeboten werden.

Endlich ist es da – endlich gibt es Dear Evan Hansen. Eigentlich ein Stück, das eine Bombastproduktion a la Stage oder ATG verdient, aber eben so viele überragend talentierte Jungdarsteller*innen benötigt und inhaltlich gleich mehrere sensible Themen aufgreift, dass sich die Big Player im Land noch nicht rangetraut haben. Somit riesiges Kompliment ans JT Bonn. Leider ist das Ding einfach drei, vier Nummern zu groß. Vielleicht gab es in der Auswahl an Leuten einfach niemand passenderen, sodass das Ergebnis bei der Premiere schon das Maximum ist, was man erreichen konnte. Total schade. Schulklassen müssen trotzdem hin. Und Musicalfans? Wer die Vorlage nicht kennt, könnte durch das dennoch tragende Libretto und die 1+-Kompositionen begeistert werden. Die zu eingeschränkten Gesangsskills muss man irgendwie probieren zu überhören.

Weitere Termine:
12.4. 18:00 Uhr
29.4. 10:00 Uhr & 19:30 Uhr
30.4. 10:00 Uhr & 19:30 Uhr
29.5. 10:00 Uhr & 19:30 Uhr
30.5. 19:30 Uhr
26.6. 10:00 Uhr & 19:30 Uhr
27.6. 19:30 Uhr

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Foto von Christopher Filipecki

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