Seit Oktober kursiert „Die On This Hill“ im Netz und in anderen Medien. Es ist einer dieser Songs, die man immer wieder irgendwo hört, die sehr schnell einen ganz sensiblen Nerv treffen, man schnell etwas spürt, das Lied unterbewusst abspeichert, aber vielleicht nicht groß weiterverfolgt, woher es eigentlich kommt. Zwar handelt es sich dabei nicht um die erste Single, die Sienna Spiro veröffentlicht, sondern bereits um die achte – jedoch ist es die, die ihr Leben verändert. Ein halbes Jahr später ist sie einer der größten Hype-Stars 2026. Ihre Fanbase wächst täglich. Und ihr Gig in Köln ist bereits so lange ausverkauft, dass der Schwarzmarktpreis kurz vor dem Konzert in gruselige Höhen schießt.
Sienna Spiro ist 20, kommt aus London und hat ziemlich gute Karten, bald schon zu den ganz großen Acts weltweit zu zählen. Die richtigen Zutaten sind alle da, aber am Ende gehört neben ordentlich Glück natürlich auch die richtige Anzahl an Songs dazu, die gegenwärtig den Geschmack der Menschen treffen. Im TikTok-Zeitalter ist die Schnelllebigkeit nochmal extremer, auch die beliebtesten Künstler*innen sind in dem einen Moment riesig und nur wenige Monate später fast schon wieder egal. Somit kann man mit absoluter Sicherheit noch nicht sagen, was hier geschehen wird, aber im Mai 2026 sieht das schon sehr, sehr gut aus.
900 Fans tummeln sich am 21.5., einem Donnerstag, in der Kantine. Der erste Tag nach dem gefühlt endlosen Herbst. Erstmalig zeigt das Thermometer eine Zahl über 20 an, die Laune im Publikum ist echt top. Wenig überraschend ist die Crowd zu locker 95% weiblich gelesen. Mit emotionalem Pop-Soul haben die meisten Herren ja immer noch so ihre Schwierigkeiten. Aber Pech, gut für den Rest, der an die heißbegehrten Tickets kommt, die am Konzerttag selbst für den vierfachen Einkaufspreis auf Kleinanzeigen angeboten werden. Bevor Sienna um 21 Uhr die Clubbühne betritt, gibt es aber schon ein stimmiges Vorprogramm, um sich aufzuwärmen.
Debbie, ebenfalls aus London, macht Neo-Soul und darf mit 35 Minuten sogar etwas überdurchschnittlich lang Köln begrüßen. Optisch und musikalisch wird das deutsche Fans sicherlich an Zoe Wees erinnern, was einem gut gewählten Support entspricht. Debbie wirkt ein wenig schüchtern, man merkt, dass sie noch nicht ganz so lang dabei ist. Mit sympathischen Anmoderationen und vor allen Dingen einer ganz tollen Stimmfarbe, schaut man auch gern darüber hinweg, dass sich ein- oder zweimal ihre Stimme leicht überschlägt. Nervosität ist immer noch sehr viel besser als Abgeklärtheit. Ihre ruhigen, akustisch vorgetragenen Titel spiegeln überwiegend die misslungene Liebe zu einem Typen wider, über den sie 200 Lieder schrieb, wie sie selbst sagt. Aber wenn am Ende so viel kreative Arbeit herauskommt, die sich dann positiv auf ihre Karriere ausübt, nimmt sie das gern in Kauf, erzählt sie lachend. Neben eigenen Kompositionen stehen ihr auch ihre beiden Coverversionen von Carole Kings „You’ve Got A Friend“ sowie Whitney Houstons „I Look To You“ echt gut.
Die Kantine ist nicht nur voll, sondern auch ziemlich stark aufgeheizt. Schon vor Sienna Spiro müssen die Sanis die ersten dehydrierten Besucher*innen versorgen. Unbedingt also für die nun heißen Tage klimatechnisch aufbessern! Um Punkt 9pm folgt dann der Act, der dank fast 28 Mio. monatlichen Hörer*innen bei Spotify, über 1 Mio. Follis auf Instagram, sogar 3,6 Mio. auf TikTok plus je einer Platin-, Gold- und Silberauszeichnung für insgesamt drei ihrer Singles in der Heimat UK gerade ordentlich durch die Decke geht. Für eine Show in der Kölner Kantine ist das Bühnensetting recht aufwändig. Mit einer kleinen Showtreppe gibt es quasi zwei Ebenen – eine flache im Vordergrund, auf der sich Sienna hin- und herbewegen kann und einmal sogar spontan für einen Fan etwas unterschreibt. Auf der oberen kann sie am Mikrofronständer im Fokus stehen, genau mittig zwischen ihren vier Musiker*innen. Außerdem gibt es einen aufgebauten Plattenspieler, einige Retro-Lampenschirme, weitere schicke Leuchten und viel Holzoptik. So hat auch das Klavier den Charme einer verrauchten Jazzbar, der Bassist spielt selbstredend nicht nur E- sondern auch Kontrabass und alle vier Musiker*innen tragen Anzug. Klar erkennbares Konzept, top!
Ihren USP setzt die Sängerin und Songschreiberin gekonnt ein. Denn das, was sie wohl am allermeisten ausmacht, ist ihre echt sehr gute Stimme. Mit kaum einem erkennbaren Unterschied performt Sienna Spiro ihre 15 Songs umfassende Setlist mit solch einer starken Intonation, dass Schauer, die über den Rücken laufen, fest eingeplant werden dürfen. Sowieso ist es immer toll, wenn sich herausstellt, dass in den Produktionen an den Vocals nicht zu viel herumgefuscht wurde, sondern die Titel mit Livegesang reproduzierbar sind. Zwar kommen einige Instrumente – vor allen die großflächigen Streichereinsätze – heute vom Band, aber andere Parts der Songs werden eben durch die Livemusiker*innen gespielt und Sienna setzt dem Ganzen mit ihrem Können eine fürs Ohr wohltuende Portion obendrauf. Dafür verantwortlich ist unter anderem auch der schön gemischte, stimmige Ton, bei dem sämtliche Nuancen hörbar bleiben.
Im Juli folgt ihr erstes Album mit dem Namen The Visitor. So lautet auch ihre Tour und die im März veröffentlichte Vorabsingle, die als Opener fungiert. In einem schicken zugeschlossenen cremefarbenen Kleid, hohen Stiefeln und mit perfekt sitzender Hochsteckfrisur sowie Ohrringen ausgestattet sieht die Künstlerin im Gesamtbild nicht nur schick aus, sondern klingt eben auch so. Viele Adele-Assoziationen, eine gute Portion Celeste, etwas Amy Winehouse und einen Hauch Lana Del Rey – irgendwo dazwischen ist Sienna, und das sind ja wirklich alles andere als unangenehme Vergleiche. Tatsächlich ist sie ein bisschen die nächste Generation dieser besonderen Soul-Jazz-Pop-Künstlerinnen, die alle für sich stark sind. Immer wieder denkt man: „Ach, das könnte aber auch ein Song von … sein!“, was aber wirklich positiv aufgenommen werden kann. Tonal sicher gleitet die Protagonistin durch die Breitband-Balladen, schwingt aber auch bei manchen ihrer Titel gerne mal mit und setzt sich für zwei Songs sogar solo ans Klavier. Ungünstig: Das Instrument ist so weit links hinter den hängenden Boxen aufgebaut, dass das linke Drittel der Crowd ihren Kopf nicht mehr sieht. Einfach aufs Hören konzentrieren, das ist ja manchmal mit einem ausgeschalteten Sinn sogar noch intensiver.
Hinsichtlich Livequalität kann man hier also schon mal nichts beanstanden. Trotzdem kommt das Konzert aber über das Gütesiegel „gut“ nicht hinaus. Eigentlich gibt es dafür zwei große Kritikpunkte. Der erste ist, dass hinsichtlich Variation der Songs durchaus noch Potenzial besteht. Hört man die 15 Titel der Show durch, gibt es besonders im Mittelteil mal den einen oder anderen Track, der zu ähnlich zu vorangegangenen klingt. Klar, jede*r Künstler*in hat einen eigenen Stil, das ist gut. Aber etwas mehr Varianz wäre auf dem kommenden Debütalbum schon schön. Wesentlich schwerer ins Gewicht fällt die enorm kurze Spielzeit. Mit gerade einmal 60 Minuten ist das Konzerterlebnis schon arg kurz. Ja, es gibt noch keine LP. Aber das heißt nichts. Viele Acts gehen vor ihrem ersten Longplayer auf Tour und kriegen trotzdem gute 80 Minuten voll. Zwar spielt sie drei bisher unveröffentlichte Songs als Prelistening, um das Album schmackhaft zu machen, obendrauf gibt es mit einem „Crazy“-Cover von Gnarls Barkley eine Nummer, die ihr super steht und sich passend in ihren Sound einfügt, trotzdem darf man erwarten, dass dann alle Songs des bisherigen Backkatalogs gespielt werden. Stattdessen fehlen „Ain’t No Way“, das als Livesingle erschien, „Back To Blonde“ und „Cyanide“ von ihrer ersten EP „Sink Now, Swim Later“ oder „Sonner or Later“, „Borderline“ und „Made For Me“, die sie im letzten Jahr auf ihrem Berlin-Gig sang. Natürlich muss man nicht lebenslänglich alles spielen, aber lediglich eine Stunde auf der Bühne ist einfach low.
In der Stunde gibt es jedoch viele echt starke Momente. Neben dem hervorragend schönen „The Visitor“ direkt zu Anfang stechen das gut gelaunte, mitreißende „Material Lover“ hervor, das es aktuell auf dem „Der Teufel trägt Prada 2“-Soundtrack zu hören gibt, noch mehr aber natürlich das Herzschmerz-Pianosolo „You Stole The Show“, bei dem Köln textsicher lauthals mitsingt, und das Finale mit dem Megahit „Die On This Hill“. Eben diesem einen Song, der zurecht in den letzten Monaten immer wieder gespielt oder auch in Serien eingesetzt wurde, sofort kickt und zum Ende des Jahres in vielen Top-Listen seinen Platz finden wird.
Man darf wirklich sehr gespannt sein, was da noch kommt. Einen guten Aufschluss wird das mit 15 Songs angekündigte Album im Juli liefern. Musikalität ist hier wirklich ordentlich vorhanden, allerdings machen eben sehr große Hypes ordentlich viel Druck und die oben aufgeführte Konkurrenz mit ähnlicher Stilrichtung hat halt auch echt fett vorgelegt und schläft nicht. Sienna Spiro ist zurecht eine der aufregendsten Newcomer*innen der Saison, legt einen keinesfalls enttäuschenden Köln-Auftritt hin, hat aber glücklicherweise auch noch etwas Luft nach oben gelassen, um bei den nächsten Deutschland-Konzerten erneut positiv begeistern zu können. Dann ganz sicherlich leider nicht mehr in solch einer überschaubaren Venue.
Weitere Termine:
4.7. Montreux Jazz Festival, Montreux (CH)
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Foto von Christopher Filipecki
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