Ein riesiger sitzender Hexenzirkel, ein Scheiterhaufen inklusive Pfeilwurf auf der Bühne, wütende, verzweifelte, empowernde Choreos: Kiki Rockwell bewies bei ihrem zweiten Konzert ever (!), dass ihre Hexen-Ästhetik nicht nur den Social-Media-Hype verdient, sondern mindestens genau so gut auf Bühnen funktioniert. Ihre erste Tour übertrifft in Dramaturgie, Stimmung und Konzept diverse Headline-Acts. Ein Bericht vom Fast-Heimspiel.
Choreo oder Liveband? Die richtige Entscheidung
Für eine erste Tour müssen – TikTok-Hype und Millionen YouTube-Views hin oder her – Entscheidungen getroffen werden: Bleibt man bei den geplanten Hallen-Größen, auch wenn die Konzerte oft schon Wochen vorher ausverkauft sind? Wie sieht das Bühnen-Setup aus? Und worauf wird bei Crew und Bühnenpersonal verzichtet? Für Kiki Rockwell entschied sich das Team für die perfekte Hallengröße um die 900er-Marke und gegen eine Full-Band-Produktion. Stattdessen kommen neben einem Drummer die Tänzer*innen Jobelle Junko Nuñez und Aura (die auch Co-Choreographin ist) mit auf die bühne. Schon früh zeigt sich: Das ist bei all der Schönheit von Live-Musik die richtige Wahl.
Vier große Banner der „Vier Häuser von Rockwell“ hängen dort, wo sonst ein schnöder Backdrop wäre: Selbstgezeichnete mythologische Gestalten mit Bezug zu den Songs. Eine Sirene mit Dreizack für das Element Wasser, drei tanzende Hexen für das Element Feuer, eine Drachenreiterin für das Element Luft und eine Fee mit Armbrust für das Element Erde. Genau diese Banner können in Mini-Format am Merch gekauft werden. Das macht selbst aus der kleinen Gloria-Bühne eine fantastische Kulisse und wurde mit den rituellen Drums des Fan-Lieblings „Same Old Energy“ zum Intro formvollendet. Rockwell und ihre beiden Tänzerinnen tosen kurz darauf in mystisch-kraftvollen Choreos über die Bühne und wirken von der ersten Sekunde eingespielt wie ein langjähriges Trio. Die Walpurgnisnacht kann beginnen.
Von Feen, Vampiren und Widerstand
Kiki Rockwells Musik ist ein Gesamtkunstwerk aus mythologischen Referenzen mit feministischer Botschaft und passendem eklektischen Folk-Synth-Indie. Das zeigt sich im Publikum: Mittelalter-Spektakulum-Menschen stehen neben Wacken-Gänger*innen und der größten Grupppe von jungen FLINTA mit mystischen Outfits. Ästhetisch schafft Kiki Rockwell damit ein ganz eigenes Referenz-Feld, in der Aussagekraft und Bildsprache hätte diese Show aber eigentlich ganz unbedingt an die Seite von Paris Paloma ins Support-Programm der aktuellen Florence + the Machine-Tour mit Hexen-Setting gebucht werden müssen.
Auch ohne dass Kiki politische Reden zwischen den Songs verliert, sprechen die Lyrics für sich: (Fast) alle Texte kreisen um das Aufbegehren gegen Machtverhältnisse. Altertümliche und mythologische Referenzen spannen den Bogen zur Gegenwart. „Same Old Energy“ eben. Das funktioniert in den unterschiedlichsten Sounds des Kiki-Rockwell-Kosmos:
- In den ruhigen Folk-Momenten, in denen die Neuseeländerin alleine auf der Bühne steht und zur exzentrischen Storytellerin wird, wenn sie in „Madeline“ über all die Plätze singt, die laut Gesellschaft kein Platz für eine Lady sind. In der Bridge wird diese Zuschreibung zur Waffe.
- Wenn sie sich zu mittelalterlichen Streicher- und Bläser-Arrangements mit modernem Beat-Mix in die wirklich beeindruckenden Choreos mit ihren Tänzer*innen wiegt und den Ausdruck jedes einzelnen Songs unterstreicht. Dazu gibt’s Bühnen-Momente wie das Verbennen von Kiki auf einem Scheiterhaufen inklusive Pfeilschuss (!).
- Als mit „Strange Premonition“, „Agent 44“ und „Burn Your Village“ die Club-Beats nach vorne rücken und der ganze Saal gemeinsam zu Zeilen wie „Touch me again and I’ll cut off your hand, there are some things you’ll never understand“ in Ekstase tanzt.
All das hat für eine erste Tour ein sehr hohes Maß an Professionalität und ernstzunehmendem Konzept. Wegen der fehlenden Liveband kommen die meisten Sounds vom Band (schade) und auch die vielen Gesangsschichten werden als Backingtracks abgespielt (auch schade), Kiki selbst muss entsprechend on Time bleiben und liefert von der ersten bis zur letzten Zeile als Künstlerin, Tänzerin und Geschichtenerzählerin auf Englisch, Deutsch und Latein (!) ab. Man könnte nun vermuten, dass bei all der Professionalität und Show-Ebene das Persönliche verloren geht.
Alle Hexen zusammen
Aber nein: Es wird ein extrem emotionales Konzert. Über die 90 Minuten Setlist passiert vieles, was ans Herz geht:
- Ein Fan reicht Kiki während „Madeline“ einen Piraten-Hut (passend zu einer Strophe), Kiki würde die Person am liebsten direkt mit auf Tour nehmen.
- Zum neuen, noch unveröffentlichten Song „Circle of Girls“ werden zwei Fans auf die Bühne geholt. Im Kerzenschein sitzen sie zu fünft auf der Bühne – woraufhin sich das gesamte (!) Publikum unaufgefordert ebenfalls auf den Boden setzt. Ein großer Hexenzirkel eben.
- Im Publikum stehen Teile von Kikis deutscher Familie, denen der Stolz auf ihr Familienmitglied anzusehen ist. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr hatte Kiki ganz in der Nähe gewohnt, bevor es nach Neuseeland ging – Heimspiel quasi.
- „Hejo, spann den Wagen an“ hatte Kiki bereits auf ihrem ersten Album gecovert. Heute wurde ein Kanon angestimmt – unwissend, dass den Song in Deutschland sehr viele Menschen auswendig können. Der gesamte Saal sang gemeinsam und Kiki kamen die Tränen der Rührung. Schön!
Nach verdientem, euphorischen, tosenden Applaus gibt es zur Zugabe einen neuen Song mit einer großartigen Choreo um einen eigens aufgespannten Maibaum (ich sag ja: mehr Show als viele Headliner!) und einen letzten, ausgelassenen Tanz. Den Sweet Spot aus überschwänglichem Rausch, professioneller Inszenierung, zwischenmenschlicher Nähe und politischem Statement trifft Kiki Rockwell bei ihrer ersten Tour wie eine Meisterin. Mehr davon.
Und so hört sich das an:
Beitragsbild von Julia.
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